Archiv für den Monat April 2012

Quick – Die Wahl des großen Vorsitzenden

Ja, die Überschrift ist Blödsinn, ist wohl auch nicht weiter schlimm.
Während gerade gewählt wird, schrieb ich den Blgopost – Echtzeitblogging.
Neun Kandidaten haben sich aufgestellt, die meisten davon kann man sich gedanklich gleich wieder sparen. Letztlich treten drei an, auf die es hinaus läuft. Neben den bisher Vorständen Sebastian Nerz und Bernd Schlömer ist da nur noch Julia Schramm, die für viel Trubel sorgen kann, und deswegen gehört wird.
Die Befragung und die Vorstellungen zeigten aber auch klar, es wird wiederum nicht um den Medial besten Vorsitzenden gehen, das wäre dann wohl Julia Schramm, die auch klar die beste Vorstellungsrede hielt, wir werden einen Vorsitzenden bekommen, der am wenigsten stört – schließlich wird per Approval Voting gewählt.
Und darauf waren die Statements von Bernd Schlömer und Sebastian Nerz auch durchaus abgestimmt. Die waren nämlich recht brav. Im Approval Voting werden die gewählt, die von den meisten akzeptiert werden, und da darf man dann eben nicht polarisieren – also von daher ist Frau Schramm schon raus – und vermutlich wird es dann gleich der Bundes-Bernd sein, der unser neuer Vorsitzender wird – warum? Weil der bisherige Vorsitzende Nerz einfach ein Stück weit zu langweilig, zu nichtssagend war. Sollte ich irren, werde ich in nächster Zeit mal alle grauen Zellen und Recherche-Möglichkeiten nutzen, um ein anderes Wahlsystem zu ersinnen. Approval Voting klang immer nett, ich befürchte, es lähmt uns.

Nichts Neues in der Anstalt …

Es ist noch gar nicht so lange her, da war „Neues aus der Anstalt“ noch ein absolutes Muss. Urban Priol und Georg Schramm machten gnadenloses Kabarett und sagten oftmals Sachen, die Augen öffneten, die die Auseinandersetzung mit Politik intensiver machte.
Als Frank-Markus Barwasser von Schramm übernahm, warnten viele vor dem Untergang des satirischen Abendlandes – und sie behielten zumindest teilweise Recht. Barwasser ist ein guter Mann, der auch schon ein paar großartige Auftritte in der Anstalt hingelegt hat – im Schnitt aber wurde es schwächer. Hier übrigens mein Lieblingsauftritt von ihm, meine Herren, davon hätte er echt noch ein paar Zugaben geben können:


Am Dienstag war selbst Barwasser nicht mehr da, Urban Priol hatte eine Menge Gäste, es was auch vieles ganz nett – aber durchschlagskräftig war da wenig. Irgendwie schaffen es die Kollegen von der Heute-Show meistens, bissiger und klarer zu sein. Und das jede Woche und nicht nur einmal im Monat. Die relativ wenigen Ausgabe im Jahr sollten Priol und seine Mitstreiter wirklich für mehr nutzen können, als das in dieser letzten Ausgabe der Fall war.
Ganz schwach fand ich, wie Priol mit meiner Partei, mit uns Piraten umgegangen ist. Während die Heute-Show es schafft per Eierstempel und Gandalf dem Öden ihren Kultstatus zu steigern – nicht ohne die Finger in unsere Wunden zu legen, kommt Urban Priol doch wieder einfach und stumpf mit dem „Die haben doch kein Programm“-Spruch, mit dem er sehr schön die konservative Presse zitiert, ohne in irgendeiner Weise Substanz an die Behauptung zu bekommen. Während wir noch die Spenden sammeln, mit denen sich unser vielseitiges Programm drucken lässt, während andere Parteien sich den Stress eines Wahlprogrammes gar nicht mehr antun und lieber auf inhaltsleere Personenplakate setzen, haben wir in sehr kurzer Zeit und mit wirklich viel Stress ein verdammt vollständiges Landtagswahlprogramm rausgehauen. Dass Journalisten zu faul sind, so viel zu lesen, ist nichts Neues, dass selbst Kabarettisten es sich so einfach machen, und die dümmlichen Sprüche genau solcher Journalisten nachplappern, das ist schon ein Armutszeugnis. Nichts Neues in der Anstalt …

Wir sollten eine Diskussion führen …

… und die sollte sich mal nicht um irgendwelche rechten Spinner drehen – auch wenn die mich kotzen lassen -, die sollte sich auch nicht um unsere Kernthemen drehen, da kümmert sich ja die Gruppe 42 schon drum, oder so.

Nein, ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster, ich möchte mich um die Frage der Wirtschaftspolitik kümmern. Das hat auch einen Hintergrund, denn ich habe etwas erklärt bekommen, was ich sehr spannend finde. Es sei auch eingeschoben, dass ich prinzipiell keine Ahnung von Wirtschaft habe. Ich versuche es zu verstehen, der geneigte Leser kann selbst entscheiden, wie weit ich damit gekommen bin.

Es gibt ein wirtschaftliches Dilemma. Es ist das Dilemma zwischen Volks- und Betriebswirtschaft. Diese beiden Zweige stehen sich konträr gegenüber. Die Volkswirtschaft sagt etwas ganz spannendes. Je mehr Menschen ein Gehalt haben, je mehr Geld im Flusse ist, desto besser geht es einer ganzen Volkswirtschaft. Klingt auch prinzipiell logisch. Je mehr Geld ausgegeben wird, desto mehr wird konsumiert, desto mehr wird also auch produziert – also gehen die Geschäfte aller besser. Klingt für mich sehr einleuchtend.

Die Betriebswirtschaft sagt etwas sehr menschenfeindliches: Je weniger Menschen in einem Betrieb arbeiten, desto mehr Gewinn kann der Betrieb machen. Das ist genauso kurzsichtig, wie es klingt, denn es führt ja automatisch dazu, dass weniger Menschen Geld in den Händen halten, also weniger ausgegeben wird. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass das Geld ja nicht verschwindet. Auch wenn inzwischen gegen ganze Länder gewettet wird, das Geld wird nicht verbrannt, das stecken sich irgendwelche Zocker in die Taschen. Bei jedem Börsencrash gibt es auch viele Menschen, die mit einem breiten Grinsen aus der Sache rauskommen – weil sie den Gewinn ihres Lebens gemacht haben. Also existiert das Geld irgendwo und die können es ja auch ausgeben – aber wie viel  Geld kann man ausgeben?

Die Rechnung ist ja ganz einfach – hat ein Mensch im Monat zweitausend Euro, wird er sie größtenteils ausgeben, hat jemand fünfzigtausend Euro im Monat, dann kann er vielleicht im Schnitt die Hälfte davon ausgeben, aber dazu muss man sich schon anstrengen. Mehr Geld verdienen ist dann eh schon pornös. Irgendwann kommt man aber sicher inBereiche, in denen Vermögen nur noch wächst, egal was man macht – und das ist der Punkt, an dem jemand volkswirtschaftlich zur Katastrophe wird.

Nun, halten wir fest: Die Volkswirtschaftler gehen davon aus, dass Wirtschaften am besten funktionieren, wenn alle Geld in den Händen halten. Dafür gibt es auch Beispiele. Nach Katastrophen und Kriegen gibt es regelmäßig wirtschaftlich unglaublich gut funktionierende Zeiten – es gibt dann weniger Menschen, alle haben Arbeit, weil wieder aufgebaut werden muss, und so haben alle Geld in den Händen – Zeiten kommen automatisch, die später legendär werden. Von Barock bis Babyboomers.

Jetzt ist das Herbeiführen von großen Katastrophen wie dem Zweiten Weltkrieg durchaus auch unter kräftiger Mitwirkung der Industrie passiert, aber  man schreckt doch von Wirtschaftsseite eher davor zurück. Wie also könnte man sonst in solch paradiesische Zeiten kommen? Es gibt eine Gruppe von Menschen, die auf dieser Seite erzählen, wie es gehen könnte: http://www.bandbreitenmodell.de

Der Grundgedanke ist so einfach, dass sogar ich ihn verstanden habe. Den größten Teil der Steuern, so wie es sie heute gibt, wird einfach abgeschafft, man arbeitet in Zukunft nur noch mit einer Steuer, und das wäre eine Umsatzsteuer. Die wird auf alles erhoben und ist nicht wie die Mehrwertsteuer  – erst mal das Wort googlen – vorsteuerabzugsfähig. Ist das jetzt das richtige Wort? Egal, es meint: Die Umsatzsteuer wird auf alles erhoben und die Steuer, die der Lieferant zahlt, hat keinen Einfluss auf die Steuer, die der Verarbeiter auf seinen Umsatz zahlt.

Ja, gut, das löst natürlich noch gar kein Problem, aber der zweite viel interessantere Gedanke ist dieser: Die Umsatzsteuer richtet sich danach, wie viele Arbeitnehmer der Unternehmer beschäftigt, also relativ auf den Gesamtumsatz bezogen. Beschäftigt er zu wenige, dann macht die Umsatzsteuer seine Produkte so scheißeteuer, dass niemand mehr kauft.  Mehr Mitarbeiter wären also eine Möglichkeit, die Waren billiger zu machen. Die Betriebswirtschaftslehre würde genau auf den Kopf gestellt. Mitarbeiter als Steuerabschreibungsmodell und als positiver Kostenfaktor.

Und was machen die Unternehmer mit den ganzen Mitarbeitern? Na ja, da geht es dann mit den Gedanken weiter.  Es sollen Mindestlöhne für Vollzeit- und Teilzeitkräfte festgelegt werden, dazu noch ähnliches für Auszubildende und Abwesende. Abwesende? Richtig, wir gehen ja schon seit einigen Jahrzehnten davon aus, dass dank der Automatisierung vieler Prozesse immer weniger Arbeitskräfte gebraucht werden. Sieht man, wie sehr die Regierungen der letzten Jahre in die professionelle Beschönigung von Arbeitsmarktstatistiken eingestiegen sind, dann weiß man, dass das auch gar nicht so weit her geholt scheint. Der Ansatz des staatlichen BGE ist letztlich eine gute Grundidee, die an der Umsetzung scheitert – und wenn die Sozialpiraten jetzt von einem BGE kurz über H4-Satz reden, dann ist das letztlich nur ein Festschreiben der jetzigen sozialen Verhältnisse mit einem menschlicheren Umgang mit den Armen. Tut mir leid, mir reicht das nicht.

Die Idee des Bandbreitenmodells spricht von zweitausend Euro für jeden abwesenden Mitarbeiter – und natürlich deutlich mehr Geld für die, die arbeiten. Ich habe keine Ahnung, ob das geht. Ich erkläre hier das Modell so gut ich es kann, und ganz ehrlich, ich bin Mathematiker genug, dass ich nicht an ein Perpetuum Mobile glaube, und auch nicht an eine eierlegende Wollmilchsau – und deshalb suche ich noch nach den Fehlern, die das Bandbreitenmodell außer seines eher seltsamen – und sich nicht wirklich erklärenden – Namens noch so haben könnte. Ich möchte hier Diskussion, ich möchte, dass sich damit viele auseinandersetzen, vielleicht, damit alle überzeugt werden, vielleicht damit wir noch Verbesserungen anbringen können, vielleicht um mit dieser auf jeden Fall spannenden und neuartigen Idee im Hinterkopf auf ein noch besseres System zu kommen.

Also weiter: Alle anderen Steuern außer der Umsatzsteuer sollen wegfallen, auch Abgaben für Rente und Gesundheit und so weiter. Auch Rentner könnten ja durchaus abwesende Arbeitnehmer sein – und sonstige Erwerbsunfähige, und Eltern, die sich ein paar Jahre lieber um ihre Kinder als um Arbeit kümmern wollen, und und und … Das Gesundheitssystem wird laut Bandbreitenmodell eine Art staatlicher kostenloser Versicherung mit Selbstbeteiligung, die zehn Prozent des Jahresgehalts nicht überschreiten kann.

Und jetzt kommt die große Frage: Wie soll sich der Staat denn das leisten? Ganz einfach, er nimmt über die Umsatzsteuer ungefähr das Doppelte ein, was er heute einnimmt. Die Verfechter des Bandbreitenmodells, das von Jörg Gastmann erdacht wurde – Ehre, wem Ehre gebührt -, wollen gerne auch hohe Vermögen besteuern – das wäre allerdings kein Muss. Durch die deutlich höheren Einnahmen, die auch noch mit dem Wegfall eines großen Teils der Steuerbürokratie  einhergehen würden, wären Investitionen möglich,  wie man sie seit den 70ern nicht mehr gesehen hat – und öffentliche Investitionen in großer Höhe treiben ja die Wirtschaft immer gleich auch noch mal kräftig an.

Warum kann das denn funktionieren? Wenn so kräftige Umsatzsteuern bezahlt werden müssen, wird dann nicht alles unglaublich teuer? Ja und nein – ich vermute auch, dass es ohne Preissteigerungen nicht geht. Aber die würden mit deutlich gestärkter allgemeiner Kaufkraft einhergehen – die Schätzungen gehen unter anderem auch davon aus, dass sich die Umsätze der Unternehmer noch mal deutlich erhöhen. Gewinne würden vermutlich sinken – aber da es keine Steuern mehr gibt, die unabhängig vom Umsatz sind, könnten die auch niemanden ruinieren.

Der wichtige Gedanke ist, dass der Inlandsumsatz für alle Unternehmen nicht nur dann großartig würde, sondern dass er schon heute viel wichtiger als der immer gepriesene Export ist. Wenn ein Konzern in Deutschland Geschäfte machen möchte, dann muss er hier auch Menschen beschäftigen – und zwar richtig viele. Aber das schöne ist eben, dass große Konzerne auch nicht auf Deutschland als Markt verzichten können.  Es wäre vermutlich eher so, dass eine Menge Konzerne ihre Zentralen nach Deutschland verschieben – da sie hier ja eben nur die Umsatzsteuer bezahlen, die sie eh bezahlen müssen. Vielleicht hätte Deutschland sogar die Macht, die ganze EU in das gleiche System hineinzuzwingen, einfach aufgrund des Erfolges. Aber jetzt versteige ich mich – ich versuche das Modell zu Ende zu denken, ohne alles verstanden zu haben.

Noch mal in kurz: Wer sich am Markt Deutschland beteiligen möchte, muss hier Menschen beschäftigen. Dadurch steigt die Beschäftigung auf voll – auch wenn viele Menschen dabei abwesend sind. Rentner und Arbeitslose, Studenten und Erwerbsunfähige werden durch die Wirtschaft alimentiert – und zwar auf einem Niveau, von dem man leben kann. Dafür gibt es nur noch eine Umsatzsteuer, einen verhältnismäßig reichen Staat, der vernünftig in Infrastruktur investieren kann und damit Unternehmen auch die besten Verhältnisse anbieten kann.

Ich möchte jeden, der bis hierhin durchgehalten hat, bitten, sich die Internetseite die oben verlinkt ist, durchzulesen. Ich möchte vor allem die, die meinen, dieses System wäre völliger Schwachsinn, bitten, ihre Gegenargumente zu bringen, zu sagen, warum das nicht ginge. (Mal davon abgesehen, dass da einige Lobbys aus Prinzip gegen sein werden) Bitte schreibt Jörg Gastmann an und fragt, diskutiert hier in den Kommentaren, diskutiert auf Mailinglisten und sonst wo.  Ich bin Pirat, ich bin gern Pirat, und ich habe keinen Bock mehr darauf, dass wir in diesem wichtigen Feld keine neue Idee haben, die wir den Etablierten um die Ohren hauen können – die letzten Jahre und die hilflosen Herumbasteleien an der Wirtschaft haben vor allem gezeigt, dass die kein Programm haben, keine Antworten, sie wissen doch ehrlich gesagt noch nicht mal, wie die Fragen sind. Wie großartig wäre es, wenn wir mit diesem Modell, mit einer Modifizierung, wie auch immer, ein überzeugendes Gegenmodell hätten?

Breivik … oder: zieht eure Schlüsse!

Ekelerregend sei er, ein Tier, ein Wahnsinniger – das kann man lesen und hören, immer dann, wenn von Anders Breivik die Rede ist. Man solle ihm keine Bühne geben, und gerne auch immer wieder die Frage, ob dieser Mann zurechnungsfähig ist.

Ich bin weder Psychiater noch Psychologe, aber ich bin mir trotzdem verdammt sicher, dass er es ist. Jemand, der nicht zurechnungsfähig ist, wird entweder von starken Trieben oder ernsthaften Störungen zu dem getrieben, was er tut. Breivik nicht, der ist kalt, berechnend und logisch. Und wenn er ernsthafte Störungen hat, dann welche, die verdammt weit verbreitet sind.

Breivik hat Gedanken zu Ende gebracht, die überall vorgedacht werden. Jeder, der von Islamisierung redet, von Überfremdung, jeder, der es in Ordnung findet, dass die Gideons ihre Bibeln verteilen, aber Muslimen das Verteilen von Koranen verbieten will – alle die denken die Gedanken des Anders Breivik, nur eben nicht so weit, nicht zu Ende.

Erforscht man sich ehrlich selbst, dann wird jeder die eigenen Ressentiments erkennen. Es ist mir so gegangen und geht mir immer noch oft so. Was denke ich, wenn mir ein paar lautstarke arabische Jugendliche entgegen kommen? Obwohl ich doch auch mal ein Jugendlicher war, und auch schon mal lautstark. Was erwarte ich, wenn mir schwarze Menschen entgegen kommen, oder asiatische oder was auch immer? Was denke ich bei Homosexuellen? Oder Transsexuellen? Ich belüge mich nicht, ich habe manchmal seltsame Gefühle, Vorurteile – mein Verstand sagt, dass diese Ressentiments Unsinn sind, und ich versuche das auch immer im Vordergrund zu halten.

Wer sich aber diese durch Erziehung und Umwelt eingeimpften Vorurteile nicht bewusst macht, der wird gedanklich natürlich auch dadurch geprägt – und dann muss man diese Vorurteile auch in klare Gedanken fassen. Man muss sich diese Vorurteile irgendwie erhalten und begründen. Und so wachsen diese Ideen, die im Endeffekt zu solchen Begebenheiten wie Utøya führen. Ideen, die auf Begriffen basieren, die leider eben doch nicht überwunden sind. Begriffe wie Ehre, Reinheit und Stolz – wohlgemerkt nicht auf etwas, was man geschafft hat, oder zumindest ermöglicht, sondern auf Dinge, die rein zufällig sind. Viele dieser Begriffe sind religiös geprägt, andere stammen aus Zeiten, in denen sich Nationen fast gewohnheitsmäßig gegenseitig gemetzelt haben. Mit solchen Begriffen kann man ganz großartig klingende Gedankengebäude aufbauen, die nur leider immer darauf basieren, dass manchen Menschen besser sind als andere.

Vielleicht ist das sogar wahr, vielleicht sind sogar manche Menschen besser als andere, zum Beispiel, weil sie sinnvolle Arbeit machen, weil sie helfen und weil sie keinen Gedanken daran verschwenden, möglichst viel Geld zusammen zu kratzen, sondern selbst glücklich zu leben, und möglichst viele andere Menschen auch glücklich zu machen. Aber das kann ins Poesiealbum, auf jeden Fall ist niemand besser als andere, weil er weißer, männlicher oder weiblicher, christlicher oder muslimischer, noch nicht mal weil er atheistischer ist als andere, NIEMAND, KEINER. Ich hoffe, dass ist jetzt deutlich geworden. Und immer, wenn irgendwelche archaischen Gedanken im Hinterkopf etwas anderes behaupten, dann muss man aktiv im Kopf werden, diesen Gedanken dahin verweisen, wo er hin gehört, in den Restmüll – bloß nicht auf den Kompost, da kriegen die nur wieder neue Wurzeln …

Wie also kann man gegen die Breiviks dieser Welt vorgehen? Der Pessimist sagt natürlich: „Gar nicht!“ Doch es passt mir gerade gar nicht Pessimist zu sein – wenn dem so wäre, müsste ich mich heute noch umbringen. Nein, ich bin Optimist, ich träume von der perfekten Welt, und in dieser perfekten Welt, würden alle, ja ALLE, immer und immer wieder an sich arbeiten, nicht auf die kleinsten rassistischen, intoleranten Ideen anzuspringen. Jeder Erwachsene würde es sich zur Aufgabe machen, die nächste Generation von solchen Ideen fern zu halten, statt sie ihr einzuimpfen.

Man hört in diesem eigentlich wunderbaren Haufen, der sich Piratenpartei nennt, immer wieder Einzelstimmen, die sagen, es müssten auch Idioten zu Wort kommen, wir hätten schließlich Meinungsfreiheit, treten offen für sie ein. Ja, das tun wir, Meinungsfreiheit ist richtig wichtig – so lange die Meinungen nicht menschenverachtend sind, da gibt es dann eine Grenze, die überschritten wird. Und da müssen wir hart und konsequent gegen arbeiten. Ja, ich oute mich hier als Nazibeißer. Ich werde nicht die Klappe halten, wenn wie zuletzt eindeutig antisemitische Töne auf der Mailingliste gespuckt zu werden, ich will keinen Rassismus, in welcher Form auch immer. Ich werde da auch gerne mal deutlich, oft auch extrem boshaft, nutze ebenso gerne meine einigermaßen vorhandenen sprachlichen Mittel – und lade alle ein, ebenso zu handeln. Piraten sollten es  sich nicht leisten, sich von solchen Stimmen vom wirklich guten Weg abbringen zu lassen.

Da steckt ja auch der verwesende Hund, den man doch nicht begraben hat – es bringt nichts, in alle Richtungen zu zeigen, während man selbst sich nicht mit aller Konsequenz dran macht, die eigenen bescheuerten Gedanken auszumerzen. Und wenn man dann so einigermaßen mit sich selbst im Reinen ist, ohne in der internen Antiidiotenarbeit nachzulassen, dann muss man erst mal in der eigenen Partei schauen, im eigenen Umfeld, und dann hat man vielleicht auch irgendwann eine Chance, anderen Gruppen und anderen Parteien zu helfen, aus diesen doofen Gedanken herauszukommen. Wenn ich lese, man sollte Breivik keine Bühne geben, dann kann ich das verstehen, glaube aber, dass das kurzsichtig ist. Es geht da nämlich gar nicht drum. Lasst den Mann reden und nutzt die Situation, um die Menschenverachtung seiner Gedanken klar zu machen. Zieht eure Schlüsse, kämpft nicht gegen den Mann, kämpft gegen seine Ideen – nicht durch Verschweigen, sondern durch Gegenrede! Wir müssen einfach alle Fernsehverblödung abwerfen, selber denken und diskutieren, manchmal erregt, manchmal nüchtern, aber wir müssen reden, aufklären und diskutieren – so bekämpft man rechte Idioten, nicht mit Hilfe des Verfassungsschutzes.

Quick – … da wird kein Grass drüber wachsen …

Ja, das „Gedicht“ von Günter Grass ist schon ein paar Tage alt, aber es hilft ja gar nichts, man muss sich seine Gedanken dazu machen. Das liegt vor allem an den Diskussionen, die sich an die Veröffentlichung des Textes angeschlossen haben. Aber kurz zu den Zeilen des Herrn Grass, die ich nicht Gedicht nennen möchte, weil sie keinerlei künstlerischen Ansatz haben – es ist nicht kein Gedicht, weil es sich nicht reimt, wie in paar Vollpfosten gerne mal anführen, es ist kein Gedicht, weil es in Prosa gehaltene politische Aussage ist – man kann einem Nobelpreisträger vielleicht eine solche Deklarierung durchgehen lassen, ich will aber nicht. Nur weil der Mann steinalt ist, braucht er nicht mit so einem Quatsch anfangen.

Das gilt auch für den Inhalt. Vieles davon ist ja völlig richtig, aber in die falsche Richtung zugespitzt. Ja, dass Israel ein U-Boot geliefert wird, ist falsch. In eine solche Region darf man keine Waffen liefern. Mal ganz ernsthaft, ich sehe eigentlich überhaupt keinen Sinn darin, solche Waffen in alle Welt zu verkaufen. Die Regierung, die solche Exporte genehmigt, ist für alles Leid, das mit den Waffen angerichtet wird, mitverantwortlich. Dass das Wort „Erstschlag“ wieder ausgesprochen wird, finde ich erschreckend. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges, mit den Bedrohungen dieser Zeit aufgewachsen, und ich habe einfach keinen Bock, dass irgendwer auf der Welt wieder solche Gedanken hegt.

Aber lieber Herr Grass, wie kann man diese wirklich blöden Erstschlagsideen mit dem Holocaust vergleichen? Wie kann man das Regime des Irans einfach mal verharmlosen, und dabei auch noch vorschicken, dass man ja eh mit dem Antisemitismusvorwurf gescholten werden wird. Das sind ja gleich drei Gründe, warum man sehr ernsthaft desselben verdächtigt werden darf. Clever ist anders, und wenn ich so etwas wie ein politisches Gewissen sein will, meine Stimme als Intellektueller erhebe, wie kann ich dann so dumm handeln?

Schaut man sich die Gesamtsituation an, den Grundkonflikt Israel vs. Iran, dann merken wir ganz schnell, wo es auf der Welt an Aufklärung ganz dringend fehlt. Da hilft es keinen Deut, dass die einen sagen, wir stammen von hier, wir haben ein historisches Recht auf diesen Staat, und die anderen sagen, ihr habt da Jahrhunderte nicht gelebt, die Gründung eures Staates war gemein und wir finden euch eh doof. Was für eine kranke Scheiße!

Die Situation ist, wie sie ist, Israel ist ein existierender Staat, und das ist auch in Ordnung so. Die, die an der Gründung beteiligt waren, sind heute tot oder noch älter als unser Literaturgreis Grass, Ungeschehen macht man da gar nichts mehr, und natürlich hat Israel ein Existenzrecht, es existiert doch, oder?

Andererseits hat Israel in seiner nun auch gar nicht mehr so kurzen Geschichte fast ständig Kriege geführt. Da stimmt auch etwas überhaupt nicht. Rechtsextreme Siedler, orthodoxe Spinner – einen religiösen Rassismus gibt es durchaus nicht nur auf der Seite des Irans, der ist in Israel genauso verbreitet – und nicht nur da, sondern auch in dem Land, dass Israel sicherster Bündnispartner ist, also in der USA. Und wenn uns das noch so archaisch und hirnverbrannt vorkommt, religiöse Brandstifter aller drei monotheistischen Religionen heizen das Feuer im nahen Osten seit Jahen immer stärker an.

Ich habe verdammt wenig Hoffnung, dass die Vernunft, die sich in den diversen demokratischen Gegenbewegungen artikuliert, egal ob Occupy, Piraten oder Anonymus, in den Nahen Osten ernsthaft einziehen wird, bevor die ganze Ecke hochgeht.

Wir müssen uns hier über einen gemeinsamen Feind klar werden. Es geht um die religiöse Rechte, um die Rassisten dieser Welt. Es geht um die Sektierer und Prediger, die im Namen ihres ironischerweise auch noch gleichen Gottes den Hass herunterbeten und den Kindern dieser Welt einpflanzen.

Diese Feinde gibt es im Nahen Osten, keine Frage, und es ist keineswegs antisemitisch, darauf hinzuweisen, dass es in Israel viel zu viele davon gibt. Es gibt sie auch bei uns. Die Typen, die in christlichen Sekten oder bei kreuz.net ihren Hass herauskübeln, aber auch die einfachen Rassisten bei pi, die Sarrazins und Broders, die jedes islamophobe Vorurteil salonfähig machen wollen.

Es gibt die Islamisten, die ihren Kindern den Schwimmunterricht verbieten und sie möglichst früh indoktrinieren wollen. In deren Familien alles verpönt ist, was für uns normal ist, die sich mit den Christen an der Hand halten könnten, wenn sie Frauen unterdrücken, ihre Kinder mit Moralvorstellungen über Sex unterwerfen und demütigen.

Wir haben nun dieses Internet, diesen wunderbaren Ort, an dem sich jeder Aufklärung holen kann, wenn er nicht auf die dunkle Seite abdriftet, auf die Seiten der Verdummer, der Rassisten und Diskriminierer. Wir müssen alle dran arbeiten, gegen religiösen Wahn und Rassismus vorzugehen, wir müssen hier bei uns anfangen und alle Welt ermutigen, genauso zu handeln – dann sind Erstschläge und Auslöschungen vielleicht irgendwann Vokabular aus dem Mittelalter.