Viel zu viele Gedanken zu offenen Briefen und Antworten

51 Tatortschreiber haben mitgeregenert und sich über die Netzpolitiker von grün und orange aufgeregt, haben die Debatte über das Urheberrecht aufgenommen, und unter anderem die Piraten aufgefordert, ihre Kulturpolitiker zu fragen. Es gibt inzwischen schon einige Antworten auf den offenen Brief der Tatortschreiber, und die gießen zum größten Teil nur weiteres Öl in die feurige Debatte.
Ein Teil dieser Antworten regt mich auf, und hier mein kleiner Minirant: Lieber CCC, doch, es gibt Kulturpolitiker bei den Piraten. Man fühlt sich schon sehr seltsam, so als Mitglied des AK Kultur in NRW, wenn man gesagt bekommt, dass man nicht existiert. Und die Gruppe 42 meint, es gäbe keine profilierten Kulturpolitiker – richtig, ich weiß nicht ob ihr es wisst, es gibt noch gar keine Politiker bei den Piraten, die als profiliert gelten können. Und wenn jemand wie Andi Popp, Mitgründer der 42er, sich selbst für einen profilierten Piraten in Sachen Urheberrecht hält, und sich Experte nennen lässt – dann ist das nette Selbstüberschätzung. Sein Antrag zum Selbigen fiel ja auch zu Recht mit Pauken und diversen Blechblasinstrumenten durch. So, das sollte reichen.

Also lehne ich mich mal ganz weit aus dem Fenster, und nenne mich mal Kulturpolitiker. Mir wäre eine Erwiderung des gesamten AK Kultur durchaus lieber, aber wir haben verdammt noch mal Wahlkampf, wir arbeiten am Wahlprogramm, da ist nicht dafür auch noch Zeit. Also ein paar Gedanken, die ganz und gar meine sind, als Künstler und Kulturpolitiker. (Während des Schreibens höre ich auf Youtube ein bisschen Element of Crime, finde ich irgendwie passend).

Ich kann das Gefühl verstehen, dass Regener und die Tatortschreiber antreibt. Ein bis zweimal gab es in meiner Vergangenheit die Situation, dass Leute es in Ordnung fanden, sich umsonst in meine Stücke zu setzen. Das ist eine Missachtung meiner Arbeit – so empfand ich das damals, so würde ich es auch heute noch empfinden. Ich persönlich bin davon geprägt. Ja, ich höre Musik schon mal auf Youtube, lade sie aber nur bei iTunes oder ähnlichen Portalen herunter. So was wie Kinox.to kenne ich quasi nur vom Hörensagen. Aber ich bin natürlich in eine moderne Welt hinein gewachsen. Auch ich habe Disketten getauscht, um an neue Spiele zu kommen, auch ich habe mir Musik brennen lassen, als man keine Kassetten mehr aufnahm, und auch heute verirrt sich mein USB-Stick mit Musik schon mal in fremde Hände – und warum? Weil ich andere von meinem Musikgeschmack überzeugen will, oder von meinem Buch- oder Filmgeschmack – da leihe ich DVD aus, und Bücher, ist doch in Ordnung oder? Ich kaufe die Dinger, dann kann ich doch auch über sie verfügen? Und wie oft habe ich die Musik, die ich mal gebrannt bekommen hab, später gekauft, weil ich sie selbst haben wollte.

Das sind jetzt alles keine besonders neuen und aufregenden Sachen, damit sind alle aufgewachsen, die jetzt langsam auf die Vierzig zugehen. Sollte sich die Welt da weitergedreht haben? Natürlich hat sie. Wir stehen alle zusammen vor einem kleinen Dilemma. Alles, was digital abzuspeichern ist, ist heute problemlos verteilbar. Ich schreibe meine Theaterstücke auf dem Computer, und wenn ich meinen Schauspielern die Sachen per .pdf zukommen lasse, ist die Sache schon gelaufen. Wenn das jemand weitergeben will, kann er es tun, ohne dass ich da etwas gegen machen kann. Das ist eine Realität die für Musik, für Filme, für E-Books und Fotografien gilt, und dieser Realität kann sich niemand verschließen. Es gibt nur eine Möglichkeit, wenn man am alten Urheberrecht festhält. Und diese Möglichkeit ist eine polizeistaatliche Überwachung des gesamten Netzes. Und es wundert nicht, dass die Law-and-Order-Politiker der großen Koalition so begeisterte Verfechter des althergebrachten Urheberrechtes sind. Welche Möglichkeiten bieten ACTA, SOPA und die diversen anderen Vertragswerke, gegen die wir zu Recht und mit aller Kraft eintreten? Feuchte Träume für jeden Möchtegernsheriff.

Jetzt frage ich doch mal Herrn Regener und die 51 Tatortautoren: Wollt ihr das? Wollt ihr eine vollständige Überwachung des Netzes? Versteht hier irgendwer nicht, dass eine solche Überwachung auch das Ende der künstlerischen Freiheit ist? Hat für euch die Freiheit der Kunst keinen Wert? Was für Künstler seid ihr?

Ich habe weit genug ins Urheberrecht rein geschaut, dass ich keiner Lebenslüge aufsitze. Vor allem nicht der Lebenslüge, dass das Urheberrecht leicht zu ändern wäre. Dafür müssen wir noch manches dicke Brett bohren.  Dafür müssen wir dafür kämpfen in die Parlamente zu kommen, und das nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.

Ach, wenn wir bei Lebenslügen sind, da wäre noch die mit dem freien Zugang zur Kultur. Ja, das ist so eine Sache. Es gibt in unserer Gesellschaft eine immer größere Menge an Menschen, die am absoluten Existenzminimum leben. Man spricht bei denen so gern von Bildungsfernen, aber das stimmt nicht mehr uneingeschränkt. Viele von denen lassen sich nicht mehr vom Fernsehen verdummen, sondern leben online. Und das beinhaltet Musik, Filme und vieles mehr, was sie sich nicht anders leisten können, als durch fröhliches Saugen. Ich kann daran nichts Böses finden. Leute, die weder Kino noch Theater noch Konzert finanzieren können, was sollen die tun, um nicht an der Kultur völlig vorbei zu segeln? Tatort schauen? Entschuldigung, aber es gibt auch viele Menschen, die von Krimis einfach unterfordert werden. Ja, der Zugang zu Kunst und Kultur ist vielen Menschen finanziell verwehrt. Ja, man muss daran sozial etwas ändern. Nein, wenn sie trotzdem an Kultur teilhaben wollen, dann kann das nicht kriminell sein. Ich weiß nicht, wie ihr das empfindet, aber für mich ist Kultur etwas, was ich wie Luft zum Atmen brauche. Die Vorstellung aus finanziellen Gründen davon ausgeschlossen zu sein, lässt mich kotzen. Und wer meint, dass es in Deutschland freien Zugang zur Kultur gibt, der sitzt einer Lebenslüge auf, und böse Zungen könnten behaupten, diejenigen tun das gern, so muss man nicht den Pöbel in Oper und Schauspielhaus ertragen.

Ich hab keinen Bock, über den Begriff „geistiges Eigentum“ zu reden – der ist als Kampfbegriff von beiden Richtungen verbrannt. Und wenn es ein Grundrecht ist, nun gut, dann muss es auch von allen wie ein solches behandelt werden. Und was bedeutet das? Grundrechte können nicht verkauft werden. Buy-Out-Verträge? (Etwas, was in unserer Idee von Urheberrecht, so vielschichtig es sein mag, einfach nicht mehr vorkommt) Das kann doch nicht sein, oder? Ich bin davon überzeugt, dass vieles schief läuft in dem Umgang mit Urhebern. Die Idee, dass man seine Nutzungsrechte einfach verkaufen kann, die zum Beispiel finde ich falsch.  Meine ganz persönliche Vision ist, dass man Schutzfristen beseitigt, weil sie Urhebern nicht wirklich helfen, sondern dass jeder Urheber an allen kommerziellen Verwertungen mit einem festgelegten Anteil bedacht wird. Kein Abspeisen mit Almosen, sondern Anteile.

Ja, wenn Tauschbörsen damit Geld verdienen, ohne die Urheber zu bedenken, dann ist das kriminell. Wenn allerdings Verwerter es bis heute nicht schaffen, vernünftige Streaming- und Downloadportale zu schaffen, dann ist das auch kriminell, kriminell dumm nämlich. iTunes macht es vor, wenn es bequem ist, Musik zu kaufen, dann bezahlen die Leute auch dafür.

Es gibt noch viele Argumente, von denen weder die Tatortschreiber noch Sven Regener offenbar irgendwas wissen – beispielweise, dass Nutzer von Streamingportalen ausgesprochen oft ins Kino gehen und viele DVDs kaufen – allerdings bezahlen sie nicht fürs erste Schauen, sondern kaufen nur die Sachen, die sie gut finden. Gut für Gutes, schlecht für Mittelmäßiges und Schlechtes.

Aber ich wollte ja als Kulturpolitiker antworten, nicht als Urheberrechtspolitiker. Das können andere eh viel besser. (Schönen Gruß an den profilierten Urheberechtspolitiker Daniel Neumann, deine Antwort würde mich mehr interessieren, als der Kram von CCC und Gruppe 42) Als Kulturpolitiker bin ich ein absoluter Fan von Diversität. Ich finde es total spannend, was passiert, wenn man Menschen los lässt, sie möglichst wenig einengt. Ich möchte eine breite Kultur, eine Kultur, die von vielen Menschen getragen wird. Und da gibt es vieles im Urheberrecht, was da völlig entgegensteht. Zum Beispiel diese vermaledeiten Schutzfristen siebzig Jahre über den Tod hinaus. Siebzig Jahre! Wer hat sich denn den Scheiß einfallen lassen. Und wie behindernd ist es! Wozu führt es?

Zum Beispiel in einem durchaus nicht unpopulären Feld. Stellen wir uns vor, wir machen Kindertheater. Um eine qualitativ gute Vorlage nutzen zu können, suchen wir uns zum Beispiel einen Roman von Astrid Lindgren heraus. Das war eine wirklich tolle Frau, großartige Sachen hat die geschrieben. Wenn es in der Welt der Kultur sinnvoll zugehen würde, würden wir heute einfach machen können. Das Buch vornehmen, eine Dramatisierung erarbeiten, das Stück spielen, Kindern und ihren Eltern viel Freude schenken, und ihnen gleich auch noch was zum Denken geben, denn Frau Lindgren hat ja selten einfach nur Geschichten geschrieben, die haben ja auch noch Hintersinn. Und wenn es jetzt wirklich nötig ist, dass ihre sicher nicht notleidenden Erben beteiligt werden, könnte man auch noch über einen kleinen Anteil an den Einnahmen sprechen – auch wenn die im Amateurtheater eh nicht hoch sind, und selbst solche Gruppen es oft alles andere als einfach haben, in dieser unterfinanzierten Kulturwelt zu überleben. Aber es gibt nun mal Rechteverwerter, und die wollen keinen kleinen Anteil, sondern einen kräftigen, und die schreiben einem auch noch vor, welche Dramatisierung man nutzt, auch wenn es teilweise erbärmlich schlechte sind.

Jetzt ist die Frau tot, so schade es auch ist. Ich habe sie sehr verehrt, würde mit sehr viel Vorsicht an ihre Stoffe gehen, aber ich darf gar nicht so einfach. Wieso? Es kümmert sie nicht mehr. Das Urheberrecht ist an solchen Stellen der Feind der Kunst, und das sicher nicht nur in Bezug auf Amateurtheater, oder den semiprofessionellen Bereich.

Also was ist nun mit den nicht-kommerziellen Tauschbörsen? Ja, die Frage stelle ich mir auch oft. Und ich kann auch nicht so wirklich glauben, dass die gar kein Problem sind – ich sehe es nicht als Problem, wenn ich jemandem Musik, die ich gekauft habe, per USB-Stick zugänglich mache. Ich kann ja auch meine CDs verleihen. Ich finde es auch nicht problematisch, wenn ich sie per Dropbox an Freunde oder Schüler weitergebe – denn Musik ist dazu gemacht, gehört zu werden. Und wenn ich ein paar Leute mehr für die eine oder andere Musik begeistere, werden diese über kurz oder lang mehr Musik kaufen, und natürlich Konzertkarten, DVDs und was sonst noch so geht.

Aber wenn ich Musik für mir völlig Fremde frei gebe, dann gibt es keine Verbindung mehr, kein Gedanken mehr daran, dass diese jetzt meine Musik hören, kein Bewusstsein dafür. Und ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass man mehr Bewusstsein dafür schaffen sollte, dass Studiozeit Geld kostet, dass Filme machen Geld kostet, und dass Menschen von Kunst auch leben können müssen. Dafür zu werben, finde ich eine wichtige Aufgabe – man macht das übrigens nicht durch Abmahnungen und Vorwürfe, nur so als Service, da scheinen viele von auszugehen.

Und die andere Aufgabe liegt bei den Verwertern und Künstlern, die sich selbst vermarkten. Wir brauchen noch mehr, noch viel mehr Ideen, wie man mit Kunst Geld verdient, denn es ist nun mal nicht mehr so einfach möglich – wogegen übrigens auch die große Überwachung nicht viel gegen tun kann, die Sauggemeinschaft ist den Behörden immer ein bis drei Schritte voraus. Wir müssen mit diesen Tatsachen lernen umzugehen. Dass man das Urheberrecht von Vorgestern morgen noch durchsetzen kann, das  … ja, das könnte man denn wohl auch als Lebenslüge bezeichnen.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, alle Achtung, im Hinterkopf leuchtet mir schon länger ein Schild (tl;dr). Ich möchte zum Dialog einladen. Wir müssen miteinander reden und streiten, wir müssen ein besseres, ein der Kultur hilfreiches Urheberecht schaffen. Dafür werden auch Herr Regener und die Tatortschreiber nötig sein. Ein Recht, das Pluralität zulässt, sie sogar fördert. Und wir werden auch weiterhin mit denen streiten müssen, die meinen, dass Kunst keine mehr sei, wenn man dabei auch an das Geld denkt, das man damit verdient, oder dass wir ja ein BGE einführen wollen, und sich Künstler damit dann ja bescheiden können. Solche Trolle gibt es, und nein, die haben keine Ahnung, wie es ist, als Künstler zu leben – diese Kollegen halten sich leider sogar für den Kern der Piratenpartei, und haben genauso wenig gemerkt, dass die Welt sich weitergedreht hat – oder zumindest die Partei – wie die Tatortschreiber.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am April 1, 2012 in Piraten, Politik und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Im Großen und Ganzen +1, aber das kann ich dann guten Gewissens doch nicht geben. Dafür klingt zu viel durch, was ich nicht teile. 😉

    Übrigens glaube ich, dass Du die Piraten, die aufs BGE verweisen, da teilweise missverstehst, also, ähm, auch mich. Ich sehe das andersherum: Wenn es ein BGE gibt, können viel mehr Leute Künstler sein, wenn sie bereit sind, sich damit zu bescheiden, ganz einfach weil sie das Wagnis eingehen können, einer „regulären“ Arbeit nicht mehr nachzugehen. Wenn sie dann ein veraltetes Urheberrecht nicht mehr daran hindert, aktuelle Vorlagen zu benutzen und ein modernes Urheberrecht sie ermächtigt, ihre Werke kreativ an den Mann zu bringen, kann das nur gut sein.

    Das bei Dir öfter mal durchklingende Modell der „festen Anteile“ für die Urheber ist schon sehr problematisch, oder? Woran sollen die sich denn orientieren? Wie viel Veränderung muss es sein, damit es eine Variation wird und der ursprüngliche Autor nur noch einen Teil bekommt? Anteil woran? An den Einnahmen? Am Gewinn?

    Das erscheint mir eine große Bürokratie und auch viel Kontrolle zu erfordern, das durchzusetzen. Und damit auch wieder Überwachung und Erfassung.

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