Meine Kandidatur, mein Verfahren, meine Lage

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich nicht lange wegducken kann, ist nicht in meiner Natur. Gestern gab es einen Artikel in der Oberbergischen Volkszeitung / Kölnischen Rundschau – den ich nicht verlinken kann, weil die Rundschau immer noch glaubt, man verkauft mehr Zeitungen, wenn man möglichst keine Artikel auf seine Homepage bringt – und in diesem Artikel wurde allgemein bekannt gemacht, dass gegen mich ein Ermittlungsverfahren läuft. Ich soll eine 14jährige missbraucht haben.
Zu dem Vorwurf kann ich nichts sagen. Aufgrund der Strafprozessordnung und den Mühlen der Justiz habe ich bislang keinen Einblick in die Akte, und so lange diese Situation anhält, schweige ich auf anwaltlichen Rat. Ich kann nur bestätigen, dass es diesen Vorwurf und ein Ermittlungsverfahren gibt.
Unter normalen Umständen hätte man nie meinen Namen in die Zeitung drucken dürfen, nur leider bin ich gewählter Direktkandidat der Piraten, und so sah sich der Redakteur der oben genannten Lokalzeitung im Recht, auf den Schutz meiner Persönlichkeitsrechte zu pfeifen. Ich kann es mir leider nicht leisten, die Frage, ob das wirklich rechtmäßig ist, vor einem Gericht auszufechten. Diesem Redakteur, der nebenbei gesagt auch noch sehr aggressiv in seinen Telefonaten auftrat und mich anschrie, ich solle doch ein Statement abgeben, ist pünktlich eine gute Woche vor der Landtagswahl die Sache gesteckt worden, und ganz zufällig kam der Artikel dann drei Tage vorher – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ob jemand mir persönlich schaden wollte, oder ob die ganze Sache eine politische Dimension hat, mag ich nicht beurteilen. Es gab genug Menschen aus den Reihen der politischen Gegner, die davon wussten. Aber vermutlich wird man da nie hinter kommen.
Als ich von der Anzeige erfuhr, habe ich sehr bald, nach dem ersten Gespräch mit meiner Anwältin, mit dem Landesvorstand in Person von Alex Reintzsch gesprochen. Ich habe ihm auch angeboten, meine Kandidatur aus persönlichen Gründen zurückzuziehen. Er hat mir damals gesagt, dass das nicht zu uns passen würde. Und die Argumentation habe ich gut verstanden, habe sie angenommen. Wir sind die Partei der Menschenrechte und des Grundgesetzes. Die Unschuldsvermutung ist ein Menschenrecht. Ein Rücktritt wäre ja schon, zumindest für Eingeweihte, ein Schuldeingeständnis gewesen. Das war es natürlich nicht, was ich vorhatte, ich wollte nur möglichen Schaden von der Partei abwenden. Aber Alex hatte prinzipiell Recht, ich bin unschuldig, so lange mich kein Gericht verurteilt.
Im Nachhinein denke ich mir schon, dass ich mich falsch entschieden habe, und zwar aus ganz selbstsüchtigen Gründen. Niemand hätte den Schmutz über mir auskübeln können oder besser dürfen, wenn ich kein Kandidat wäre. So sehr bin ich ja nun sonst doch nicht in der Öffentlichkeit. Jetzt noch zurückzutreten ist keine Alternative. Erstens, siehe das Argument von oben, ich bin ja zum Zeitpunkt der Wahl auf jeden Fall unschuldig, zweitens, ich bin Direktkandidat ohne Chance auf Erringung eines Mandats, es gibt also keinerlei Auswirkungen.
Der Schaden ist passiert, die schlechte Presse und es tut mir für jeden leid, der auf den Infoständen den Kopf für mich hinhalten muss. Aber jetzt hektisch zurückzutreten, würde uns nicht helfen und würde nur bedeuten, dass wir genauso denken, wie die Etablierten. Da muss jetzt Prinzip und Grundrecht einfach vor Populismus stehen. Glücklicherweise habe ich viel Rückhalt in der Partei, hier vor Ort und in den Vorständen.
Meine persönliche Lage ist natürlich zum jetzigen Zeitpunkt mehr als angespannt. Aufgrund der Vorwürfe wurde ich suspendiert, und habe sogar Hausverbot in den Räumen, in denen ich jahrelang Theater gemacht habe. Morgen ist die Premiere meiner Woyzeck-Inszenierung und ich bin nicht dabei. Das ist mehr als schmerzhaft. Im Prinzip habe ich damit auch Berufsverbot, weil ich quasi alle Aufträge verloren habe, die in nächster Zeit meine Börse füllen sollten. Ob man da noch von Unschuldsvermutung sprechen kann, mag ich jetzt auch nicht beurteilen, das kann ja nur bitter ausfallen, auch wenn ich Verständnis dafür habe, dass man um den einen oder anderen Ruf besorgt ist. (Die Polizei und meine Anwältin sagen übrigens, dass es keinen Grund gibt, nicht zu arbeiten. Man müsste sich nur ein wenig absichern.)
Das alles ist finanziell problematisch, es ist eine Binsenweisheit, dass Künstler meistens nicht allzu vermögend sind. Ich lebe noch ein bisschen von dem Geld, das ich mir für ein anderes Auto zurückgelegt habe, aber das wird nicht lange reichen. Aber eine andere Sache ist da noch viel problematischer: Ich will arbeiten! Ich stecke voller Texte, Inszenierungen, voller Ideen, die ich im Moment weder realisieren, noch ernsthaft strukturieren kann. Die andauernde Grübelei bringt mich an den Rand des Wahnsinns, und ich produziere kaum etwas, weil ich kein Ziel habe, weil ich an irgendwelchen Hürden hängen bleibe, die ich mit klarem Kopf problemlos nehmen könnte. Viele sagen, sie wollen mir helfen, ich muss auch ein bisschen was richtig gemacht haben, weil ich sonst nicht so viele Beweise von Freundschaft und Vertrauen bekommen würde. Aber die einzige Hilfe, die ich im Moment wirklich brauchen würde, wären Aufträge, wären Texte zu schreiben, Auftritte und Stücke zu inszenieren, halt zu arbeiten.
Aber ich bin wirklich nicht undankbar. So dreckig es mir auf der einen Seite geht, weil Anschuldigungen und Presse natürlich jeden in einer solchen Situation fertig machen, so froh bin ich, dass so viele Menschen hinter mir stehen, dass ich mir so vielem Rückhalt und so vieler Hilfe sicher sein kann. Und ein Gutes hat die Pressehetzjagd, die natürlich auch die anderen Medien nachziehen – so was kann man schlecht ignorieren -, dann auch. Wenn es jetzt eh jeder aus der Zeitung wissen kann, dann kann ich auch anders damit umgehen. Wenn es juristisch nicht völlig unklug wäre, würde ich noch viel offener mit allem umgehen. Letztlich ist Transparenz eben nicht nur irgendsoein Begriff, von dem die Piraten dauernd reden, es ist mir ein wichtiges Anliegen.
Und als Letztes: Sollte jemand wegen den Vorwürfen sich dazu entschließen, nicht die Piraten zu wählen, dann kann ich nur abraten. Die Wahl ist wichtiger, als ein kleiner Direktkandidat in der oberbergischen Provinz. Es geht darum, dass sich endlich was ändert, und das die geilste Partei in den Landtag einzieht, die ich mir vorstellen kann – und ich bin Künstler, ich kann mir verdammt viel vorstellen!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 11, 2012 in Allgemein, Piraten und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. @ Hollarius
    Unglaublich und unglaublich vernichtend … mir fehlen fast die Worte.
    Ich begrüße die Entscheidung, die Kandidatur nicht zurückgezogen zu haben, sehr gut ! Und diesen Blogeintrag verfasst zu haben, hervorragend ! Denn wer schweigt, stimmt zu. Es ist leicht, einem männlichen Pädagogen Vorwürfe in Bezug zu minderjährigen Mädchen zu machen, da reicht schon ein einfaches, anerkennendes in den Arm nehmen als Lob für die Mitarbeit – schon kann die Situation fehlinterpretiert werden. Ich möchte hoffen, alles klärt sich auf und die Reputation wird wieder hergestellt werden können. Dazu wünsche ich viel Kraft und Zuversicht.
    * Zaubermaus *

  2. Das erinnert sehr an McCarthy und seine Kommunisten-Hatz: schuldig bei Verdacht. Ein K.O. Vorwurf, bei dem der Presse selbst ein Freispruch nicht viel bedeutet. Schon mal drüber nachgedacht, wem du so auf die Zehen gestiegen bist? Qui bono?
    Fakt ist: du spielst jetzt mit den großen Jungs und jeder ist bestrebt, die Leiche im Keller des andren zu finden. Rechne also mit allem.
    Ach so: für mich gilt auch die Unschuldsvermutung.

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