Piratige Außenwirkung – Müssen wir uns professionalisieren?

Liest man in der Presse, schaut man Fernsehen, dann ist der zweithäufigste Vorwurf, neben  – ich kann diesen Schwachsinn nicht mehr hören! – unserer Programmlosigkeit, die Art wie wir auftreten. Es gibt zwar durchaus ein paar Lieblinge der Medien bei uns, aber es gibt auch einige, die schon mal mit nicht so cleveren Auftritten aufgefallen sind, es gibt viele, die sich offenbar vor Kameras eher unwohl fühlen.

Jetzt versteh ich von Berufs wegen ein bisschen was vom Auftreten und überlege mir, wie man diese Situation verbessern kann, speziell, weil es ja immer mehr werden, die ihre Nase in die eine oder andere Kamera halten,  eine Entwicklung, die prinzipiell zu begrüßen ist. Jetzt ist kaum jemand ein rhetorisches Wunderkind, und trotzdem müssen Reden gehalten werden, auch ist nicht jeder total schlagfertig und souverän und kann sich problemlos der Jauchs und Lanz‘ dieser Welt erwehren.

Die etablierten Parteien begegnen solchen Aufgaben mit Schulungen, da wird in eine brave Kluft gesteckt, und das nicht nur in Sachen Kleidung. Hört man fünf jungen Politikern der Unionsparteien zu, so wird man sich bald kaum noch daran erinnern können, wer wer war und wer was gesagt hat, so einförmig ist das – und bei den anderen Parteien sieht es nicht viel anders aus. Außer vielleicht bei den Linken, da sieht man keine jungen Politiker.

Sollte man auch Piraten schulen? Viele werden jetzt sagen: Nein, lass mal, wir sind einfach wir selbst und die anderen müssen damit klar kommen. Das hat auch viel Gutes für sich, ich sehe allerdings einen großen Nachteil. Wir brauchen viel Personal, das in die Parlamente geht, wir brauchen auch in Zukunft Vorstände und Amtsträger, und ja, wir brauchen auch eine Außendarstellung, und viele werden sich das gar nicht trauen. Und ganz ehrlich, ich möchte nicht nur die Leute, die sich einfach so trauen, ich möchte nicht nur die Leute, die es eh gewohnt sind, vor vielen Leuten zu reden, ich möchte auch die Leute in Ämtern sehen, die viel Qualität mitbringen, sich aber nicht ständig in die erste Reihe stellen. Ich möchte auch gerne gute Leute überreden, sich mit in die erste Reihe zu stellen – es gibt mir eigentlich immer zu viele, die es sich zutrauen, denen es aber sonst keiner zutraut. Zu viele Selbstdarsteller – auch wenn ich diesen Begriff eigentlich nicht gerne so negativ konnotiert haben möchte.

Ich schau mir mal ein paar Beispiele von Piraten in den Medien an.  Aus Lokalpatriotismus fange ich mit Joachim Paul an, der kurz nach seiner Aufstellung zum Spitzenkandidaten der NRW-Liste noch nichts von dieser Rolle wissen wollte. Und dann war er im ganzen Wahlkampf der nicht nur führende Kopf, sondern auch der Sympathieträger, der viel für uns getan hat.

Joachim Paul ist sehr gerne als untypischer Vertreter unserer Partei bezeichnet worden – was ich irgendwie nicht so nachvollziehen konnte und kann, einen typischen Vertreter der Partei findet man nur selten, und fast nie in der ersten Reihe – also wenn ich jetzt an die vielbeschworenen Nerds denke. Typisch für uns sind unsere Werte, aber ein spezielles Auftreten?

Zurück zum Thema: Joachim ist im Fernsehen genauso, wie auf dem Parteitag oder der Sitzung vom Arbeitskreis Bildung. Mit sonorer Stimme und klaren Worten, man merkt ihm große Lebenserfahrung an, und eine Souveränität die offenbar aus Kompetenz erwächst. Kein Wunder, dass er in der Spitzenkandidatenrunde viele sehr gute Noten bekam. Was mir auffällt: Seine Souveränität und Autorität kommt nicht mit der Alphamännchenattitüde daher, die man zum Beispiel bei Siegmar Gabriel studieren kann.  Joachim hat das nicht nötig, der kann poltern, aber dann, wenn er von irgendwas tief bewegt ist, nicht aus Arroganz heraus.

Schauen wir mal weiter, zum Beispiel bei Johannes Ponader, unserem neuen politischen Geschäftsführer im Bund. Den habe ich nun zweimal im Fernsehen erlebt, und auch der ist souverän, wirkt fast buddhistisch ausgeglichen. Bei seinem fast schon legendären Auftritt bei Jauch wirkte er erst mal ähnlich wie andere Piraten als zu defensiv. Erinnert man sich an andere Auftritte in Talkshows zurück, hatte man oft das Gefühl, dass die Piraten gar nicht zu Wort kommen – Talkshow ist Stehgreiftheater und Hühnerhof in einem, es geht darum, wer das große Wort führen darf, man plustert sich auf, hackt die Hierarchie aus, und dabei haben Piraten schon mehrfach nicht gut ausgesehen. Johannes ließ es dabei aber nicht bewenden. Er beantwortete nicht nur Fragen, er mischte sich auch ein, und das im Gegensatz zu den anderen Politikern in der Runde eigentlich kaum polemisch und mit enorm viel Inhalt.

Viel ist über seine Kleidung geschrieben und gesprochen worden, er ist auch angegriffen worden, weil er ALG II bezieht. Beides finde ich zum Kotzen. Was man wo trägt, ist meines Wissens nach Privatsache. Und Johannes wirkte absolut authentisch, man hatte das Gefühl, dass er sich in seinen Klamotten wohl fühlte, und er wirkte einfach nicht so dämlich uniformiert, wie die Anzugträger um ihn herum. Die Sache mit den Sozialleistungen, meine Fresse, soll jeder froh sein, der solche nie in Anspruch nehmen musste. Wenn du dich in der Kunst nicht verbiegen willst, kann das passieren – viele auch durchaus nicht unbekannte Schauspieler sind schon auf dem Arbeitsamt gesehen worden, und für Regisseure und Theaterpädagogen gilt durchaus Ähnliches. Aber Künstlerbashing ist ja nichts Neues – auch in der Piratenpartei übrigens, in mancher Urheberrechtsdebatte wird auf Künstler eingeprügelt wie nichts Gutes. Egal, ich bin froh, dass Johannes im Moment sechzig Stunden die Woche für die Demokratie arbeitet.

Kommen wir zu den ersten Medienstars unserer Partei. Zum Beispiel Christopher Lauer: Dessen Reden im Berliner Abgeordnetenhaus sind vielfach unterhaltsamer als das Wochenprogramm von RTL, auch in Talkshows macht er eine oft rechtgute Figur – allerdings auf andere Art, als die beiden Erstgenannten. Souveränität und Ruhe ist sein Ding nicht. Er ist hibbelig und laut, wirft mit Ironie um sich – er ist schon ein wenig der Klassenclown der Piratenpartei. Aber das auf durch und durch positive Art. Er spielt mit den Klischees, er spielt mit dem politischen Gegner – Kurt Beck wird ihn auf jeden Fall nicht vergessen – und er ist einfach unglaublich schnell. Er irritiert auch, die Lauerfaces sind ja auf ihre Art auch schon legendär. Er grimassiert, egal, ob er gerade im Bild ist, oder nicht, man sieht, was in ihm rumort. Das würde man einem Kollegen der FDP aber schnell aberziehen. Aber auch hier kommt wieder ein Wort ins Hinterköpfchen, das auch bei den anderen beiden durchaus zu passen schien: Er ist er selbst, er ist natürlich.

Zum Schluss Marina Weisband, die Vorgängerin von Johannes Ponader, und über Monate das Gesicht der Partei. Bei Marina hat man oft das Gefühl gehabt, dass sie gerade lernt, ein neues Spiel zu spielen. Sie hat hier und da das Risiko in Kauf genommen, auch mal zu verlieren und hat dabei die Regeln des Talkshow-Geschäftes schnell gelernt, ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, sie hätte sich sehr verbogen. Marina ist eine Vordenkerin der Piraten, speziell was die neue piratige Art, Politik zu machen, angeht. Diese Eigenschaft macht sie Schlagfertig und führte dazu, dass sie überall, wo es um das Update ging, das wir dem System angedeihen lassen wollen, sehr weise Worte gesagt hat. Bei konkreten Inhalten war sie oft nicht ganz so stark, aber sie musste von Null auf Tausend, das wird auch nicht so einfach sein.

Da haben wir nun vier Beispiele von Piraten, die sich offenbar gut geschlagen haben, ja, den Zuschauern der Talkshows und Politsendungen teilweise sogar richtig was Neues vorgesetzt haben.

Es gab auch andere Beispiele, das prominenteste wäre Sebastian Nerz, der immer blass blieb, und oft ziemlich stereotyp antwortete – vor allem, weil er ständig dieses Schild vor sich her trug: „Wir haben dazu noch keine Meinung!“ Dieses Schild ist ein fundamentaler Fehler, wir haben zu manchen Themen eher noch viel zu viele Meinungen, die Sachen sind nicht ausdiskutiert.  Insgesamt habe ich bei Sebastian immer das Gefühl, dass er zu sehr wie ein richtiger Politiker sein will, irgendwie in seiner CDU-Vergangenheit gefangen ist, kein piratiges Selbstbild entwickelt hat.

So, was schließen wir denn jetzt daraus? Der positive Aspekt ist doch eigentlich durchgängig, dass Piraten in den Medien so schön normal sind. Einfache Menschen, die einen guten Job machen wollen, eine größere Ehrlichkeit in die Politik bringen. Wie kann man denn Menschen dabei helfen, ehrlich zu sein? Sollten wir Piraten uns schulen, werden wir doch auch mehr Show machen, oder? Und mehr Show heißt doch, weniger Ehrlichkeit, oder?

Fragen über Fragen, aber ja, Show gehört durchaus auch zur Politik dazu. Es gibt keine Politik ohne Medien, man muss, das, was man zu sagen hat – und davon haben wir eine Menge – auch ans Wahlvolk bringen. Das muss aber nicht heißen, weniger Ehrlichkeit. Es wäre geradezu tragisch, wenn das passieren würde. Aber es ist klar, nicht jeder, der gute Sachen denkt und politisch ein wichtiger Mitstreiter sein kann, ist auch Medienprofi und weiß, wie man Reden hält. Aber da kann man schon ansetzen. Denn mit Sprache umzugehen, das kann man lernen, mit Lampenfieber auch, und dann gibt es noch etwas sehr wichtiges: Schauspieler lernen, sich verschiedene Sachen bewusst zu machen, die wissen, was ihre Hände gerade tun, und wie es wirkt, wenn sie den Kopf gerade jetzt heben – Politiker sollten keine Schauspieler sein, einstudierte Gesten sind furchtbar, aber wenn man über seine Wirkung Bescheid weiß, wenn man auch die Körpersprache der anderen zu lesen weiß, dann kann man auch viel einfacher zu dem finden, was jeder in den Medien braucht, ein Selbstbild, eine Persönlichkeit, so ehrlich, wie möglich – aber nicht schutzlos.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 19, 2012 in Fernsehen, Gesellschaft, Medien, Piraten und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Absolut lesenswert. Danke für den tollen Artikel! Im Übrigen ich Johannes Ponader schon drei Mal im Fernsehen zu sehen gewesen: Zunächst „bei Brender“, dann bei „Jauch“ und zuletzt bei „Markus Lanz“.

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