Archiv für den Monat Juni 2012

Piratiges Wahlverhalten anhand der Schatzmeisterwahl NRW-LPT 2012.3

So, vom Parteitag zurück, und eigentlich würde ich jetzt gerne eine Runde D3 spielen und nicht bloggen, aber wenn es gerade im Kopf ist, was soll ich machen. Aus Piratensicht gab es heute ein paar logische und voraussehbare Entscheidungen, Sven Sladek war für mich eh der Favorit auf den ersten Vorsitzenden, Christina Herlitzschka genauso auf den Stellvertreter, und das Carsten Trojahn wiedergewählt wurde, daran zweifelte auch vermutlich niemand außer seinem verlorenen Widersacher, der vermutlich auch ein Hauptgrund dafür war, dass Trojahn mit etabliertem Ergebnis gewählt wurde.

Einzig die Sache mit dem Schatzmeister, die lief so gar nicht ab, wie man das vermutet hatte. Vorausgeschickt: Mit den letzten Schatzmeistern hatte die Partei großes Pech. Die Finanzen sind, so man denen glauben kann, die davon berichteten, ein absolutes Chaos und viel Arbeit, die aufzuarbeiten ist. Der verzogenen und an diesem Wochenende auch abwesenden Schatzmeisterin wurde im Herbst ein Finanzteam an die Seite gestellt, das hat nur dafür sorgen können, dass die Geschäfte irgendwie weiterliefen, aber Rechnungs- und Kassenprüfer haben trotzdem nichts prüfen können, dementsprechend wurde die bisherige Schatzmeisterin auch nicht entlastet – damit ist sie allerdings nicht die erste im Landesverband.

Aus dem Finanzteam trat nun Lukas Pieper an, um der neue Schatzmeister zu werden. Und im Vorfeld hätte man speziell in den prominenteren Kreisen der Piraten jeden fragen können, der Lukas wird neuer Schatzmeister, das war völlig klar. Auf der Wiki-Kandidatenseite überschlugen sich die Unterstützer, um bei ihm zu unterschreiben, und da waren viele prominente Namen bei, Abgeordnete, bisheriger Vorstand.

Wir hier, am oberbergischen Stammtisch hatten mit Ruth Mechenbier eine eigene Kandidatin, und da ich ihr den Job nicht nur zutraute, sondern mir auch kaum jemand besseren vorstellen konnte, stieß mir die mehrfache piratenmediale Protegierung für Lukas Pieper auf. Der junge Mann mag gut sein, aber er ist im Gegensatz zu seinen Gegenkandidaten kein Fachmann, kein Buchhalter, und ich mochte einfach nicht, wie alle so sicher waren, dass er gewinnen würde, und wie massiv für ihn von prominenter Stelle Wahlkampf gemacht wurde.

Daneben wusste ich, dass Ruth dem Vorstand und dem Finanzteam mehrfach ihre Hilfe angeboten hatte, auch mit den Kassenprüfern gesprochen hatte, um zu schauen, was auf sie zukäme, und dass sie vom Vorstand trotz langjähriger Berufserfahrung als Buchhalterin und der Zusicherung von Zeit und Engagement abgelehnt worden war. Das wirkte irgendwie wie Protektionismus, ich kann einfach nicht verstehen, wie jemand mit ihrer Kompetenz abgelehnt werden kann, wenn der Karren so tief im Dreck steckt. Für mich sieht das ganz so aus, als ob da Strukturen geschaffen werden sollten, und eine Konkurrentin um den Posten sollte gar nicht zu viel Einblick bekommen.

Deswegen spielte ich in diesem Spiel auch eine kleine Rolle, ich war nämlich einer von zwei Fragern beim Kandidatengrillen. Die erste Fragerin war Simone Brand, Mitglied des Landtages, und damit große Piratenprominenz. Und die stellte eine Frage, die keine war, hätte sie ein Schild hoch gehalten mit „Wählt Lukas!“, wäre diese Form der Unterstützung kaum offensichtlicher gewesen.

Ich fragte dann einfach mal, ob er es sich als Nicht-Fachmann zutraue, und ob es sinnvoll sei, wenn jemand aus dem Team, das nun mal nicht viel vorzuweisen hatte, nun die Verantwortung übernimmt. Die Fragen bekamen hörbaren Applaus, die Antworten waren okay, halfen aber wohl auch nicht.

Neben Ruth hatte sich auch eine weitere Buchhalterin um den Job beworben, Stephanie Nöther, und die hatte sich sehr gut präsentiert, frisch und kompetent, und man merkte, dass sie viel Zustimmung bekam.

Dann kam das Approval Voting, und die #20Piraten wurden noch mal aktiviert, man konnte nicht auf Twitter schauen,  ohne Unterstützung für Lukas zu lesen. Aber ich sprach mit diversen Leuten, und da hörte man schon: „Na, ich hätte den Lukas ja auch gewählt, aber nach DER Frage von Simone ist das hinfällig!“

Meine Entscheidung war eh klar, ich machte zwei von fünf Kreuzchen, und ich war mir nicht im Klaren, was passieren würde. Den Tweet vom lieben Schwarzbart, dass Lukas alternativlos sei, beantwortete ich aber noch satirisch: „@schwarzbart … alternativlos … ja, Frau Merkel …“

Offenbar sah die Versammlung auch nicht ein, dass irgendwer alternativlos sei – außer vielleicht Carsten Trojahn –, Stephanie Nöther wurde mit Zweidrittelmehrheit gewählt, Lukas Pieper scheiterte an den fünfzig Prozent, die man mindestens an Zustimmung braucht, und lag auch gar nicht so weit vor Ruth, die glücklicherweise auch nicht allzu geknickt erschien – letztlich ist das ja gar nicht so schlecht, im Herbst werden wir hier hoffentlich ein Piratenbüro wählen, und dann wäre sie für die Büro- und/oder Finanzpiratin frei, man muss ja auch mal an den eigenen Stammtisch denken. 😉

Verwunderung, Ärger, Fassungslosigkeit, im Twitter kamen nach dieser Wahl viele Stimmen, die etwas aus der Fassung geraten waren. Und die kamen im Besonderen wieder aus Abgeordnetenkreisen. Es wurde immer wieder gesagt, wie wichtig Lukas doch gewesen sei, damit die Finanzen wenigstens irgendwie weitergelaufen seien, warum man denn eine Piratin, die gerade erst neu in der Partei sei, eine solche Aufgabe übertrage.

Die Analyse ist aber einfach. Es gibt meiner Meinung nach vier Gründe: Erstens, der bisherige Vorstand stand ziemlich angeschlagen da, als die Finanzen auf den Tisch kamen. So mancher sagte, dass eigentlich auch Michele Marsching als erster Vorsitzender nicht einfach entlastet hätte werden sollen, da er doch in seiner Position für letztlich für alles im Vorstand verantwortlich sei, da hilft dann auch keine Einzelabstimmung bei der Entlastung des Vorstands. Diese Situation machte natürlich einen Kandidaten, der bisher schon in dem Chaos gearbeitet hat, nicht besonders glaubwürdig.

Zweitens, es wird nicht so viel ausgemacht haben, ist Lukas kein guter Selbstdarsteller – und das ist halt immer ein Problem, wenn sich jemand zur Wahl stellt.

Drittens ist Lukas kein Fachmann, sondern wie sein Twitterprofil sagt, angehender Ingenieur. Alle anderen Kandidaten hatten einfach mehr Fachwissen in die Waagschale zu werfen, und Kompetenz geht dann auch vor Mitgliedsnummer, warum sollte man Stephanie oder Ruth nicht vertrauen, nur weil sie erst in diesem Jahr eingetreten sind?

Viertens, und das ist wahrscheinlich der wichtigste Grund, wurde Lukas nicht mal von der Hälfte der anwesenden Piraten gewählt, weil Piraten die etablierten Prozesse ablehnen, die hier im Vorfeld abliefen. Alles, was man an Argumenten für Lukas hörte, ging in die Richtung, dass nur er dem Landesverband helfen könnte – aber niemand ist so wichtig. Es gab auch das Argument, dass nur er sich mit der neuen Software auskenne – was dann nicht so stimmte, und bitte, wer da wirklich Fachmensch ist, der wird sich doch innerhalb sehr überschaubarer Zeit in jedes Buchhaltungsprogramm der Welt einarbeiten. Was waren das auch für Scheinargumente. Das Gefühl war einfach, da wird ein Kandidat von der Parteiprominenz aufgebaut, und wir dürfen nicht mitreden – und wenn Piraten auf irgendwas allergisch reagieren, dann auf solchen Unsinn. Die Frage von Simone Brand war dann so durchsichtig, dass Gelächter im Saal aufkam. Diese Frage wirkte vielleicht auf einige als Unterstützung der Fraktion, aber ich glaube, sie ist auch von wirklich vielen als Arroganz wahrgenommen worden – die ich Simone nicht vorwerfen will, aber es war auf jeden Fall ein unglücklicher Auftritt.

Taktischer Aufbau von Kandidaten ist damit hoffentlich in nächster Zeit erst mal aus den Köpfen. Und jeder, der heute verwirrt und enttäuscht fragte, warum denn dieses Wahlergebnis zustande kam, der mag sich selbst fragen, was er denn selbst dazu beigetragen hat. Ich bin mir sicher, dass es diese vier Gründe waren, und jeder weiß selbst, ob er dazu beigetragen hat oder nicht.

Disclaimer: Aus diesem Blogpost wird vermutlich ersichtlich, dass ich bei Lukas kein Kreuzchen gemacht habe. Das hatte aber, bis auf den fachlichen Grund, nichts mit ihm persönlich zu tun. Ja, ich persönlich zog es vor, dass jemand von außen kommt, und den ganzen, Entschuldigung, Scheiß unvorbelastet und kompetent angeht. Das ist keine persönliche Ablehnung von Lukas, und meine Fragen auch kein persönlicher Angriff. Aus meiner Sicht war es nur das Beste, was ich für die Partei tun konnte. Die dritte Frage, warum man nämlich Ruth nicht hat helfen lassen, als sie ihre Hilfe anbot, habe ich weggelassen …

Caligula / Tollmut Theater / Siegen

Eine Bühne voller Rindenmulch, eine kleine schmächtige Person, die ein Grab formt, während das Publikum noch die Plätze einnimmt – so fängt „Caligula“ an, ein Theaterstück, zu dem ich diese Woche entführt wurde – Danke übrigens! Im kleinen Saal des LYZ in Siegen spielte eine studentische Gruppe mit dem schönen Namen Tollmut Theater, welches man übrigens auch im Internet finden kann: www.tollmut-theater.de

David Penndorf, Regisseur und Mastermind des Projekts, hat Camus‘ Stück überarbeitet, mit Gedichten gepaart, und lässt das Stück von einer talentierten Gruppe spielen, die viel Substanz in das Stück bringt. Die Bühne karg – wie ich es mag – die Kostüme schlicht und nur hier und da etwas aussagend, alles konzentriert sich auf Spiel und Text. Und letzterer ist irgendwie aktuell, es geht um Freiheit, um die eigene und die der anderen, um Herrschaft.

Es geht um den Kaiser Caligula, der als Scheusal von den Historikern überliefert ist, als ein Wahnsinniger. Und dieser Tyrann, dargestellt von Valerie Linke, ist auch das, ein Machtmensch, der mit den Leben der Menschen spielt, aber auch ein Träumer, ein zartes leidendes Wesen, ein unglücklicher Denker, der seine Position ausreizt, zu Dimensionen, die ihn von jeglicher Menschlichkeit befreien.

Neben dieser Figur bleiben alle anderen Figuren klein. Aber das liegt auch an Valerie Linke, die ein wahres Energiebündel, eine Intensität erreicht, von der mancher Profi nur mal irgendwann in der Schauspielschule gehört hat. So sehr muss sie sich zügeln, so sehr erwartet man das Explodieren in fast jedem Moment. Daneben wirkt Valerie Linke auch noch so zerbrechlich und verletzlich, dass sie trotz allen Wahnsinns eine Menge Sympathien bekommt. In der Pause lässt sich Caligual vom Publikum huldigen – hübsche Vermischung von Spiel und Pause übrigens – und diese Huldigungen sind auch der Schauspielerin sicher, die verdient sie.

Auch der lange Applaus am Ende ist verdient. Kluges Theater, literarisches Theater, aber auch berührendes und zu erfühlendes Theater, sinnliches Theater. Das ist richtig gut – auch wenn das Niveau der Hauptdarstellerin von den anderen Schauspielern nicht erreicht werden kann. Natürlich gibt es auch hier und da Leerlauf – und der ist vermutlich auch nötig, denn die nächste sehr dichte Szene kommt ja sicher. Insgesamt ist dieser Caligula ambitioniertes Amateurtheater auf hohem Niveau, und für eine studentische Gruppe sehr angenehm unverkopft.

Ein bisschen zu mosern habe ich auch, allerdings auf dem inzwischen sprichwörtlich hohen Niveau.. Keine Frage, dass die Hauptdarstellerin einen grandiosen Job macht, allerdings gibt es Momente, in denen wichtig ist, dass Caligula nun mal ein Mann ist – und da bekommt die Sache natürlich eine unfreiwillige Komik. Und sie ist nicht die einzige Frau, die einen Mann spielt. Vielleicht sollte David Penndorf da in Zukunft mehr drauf achten – hat man ein vorwiegend weibliches Team, und das auch noch mit einigen wirklich guten Darstellerinnen, dann sollte man doch auch weibliche Themen, Helden in den Mittelpunkt rücken – gerade hier, wo die Namen mit ihren lateinischen Endungen auch noch einen so deutlichen Genus haben, fällt das einfach unangenehm auf.

Die andere Sache ist was für Hobbyhistoriker: Caligula starb im Jahr 42, in Rom gab es also zu diesem Zeitpunkt keine christliche Idee. Dennoch tauchen christliche Symbole auf, dennoch kommen sehr christliche Ideen vor – die Illusion Rom wird davon zerstört, zumindest für Irre wie mich, die auf so etwas achten.

Quick – Beschneidung ist auch nur ein Schrei nach Aufklärung

War ja klar, große Diskussion nun um Beschneidung – eine Diskussion über ESM wäre zugegeben wichtiger, Demos dagegen noch mehr.
Aber trotzdem ist dieses Thema Beschneidung nun mal seit dem Kölner Gerichtsurteil auf dem Tisch, und wie nicht anders zu erwarten gibt es bei den Piraten eine riesige Diskussion.
Meine erste Idee war: So eine kleine Operation am empfindlichsten Teil kann eigentlich kein Spaß sein. Es kann auch kaum harmlos sein. Als Besitzer einer Vorhaut – der übrigens in diesem Fall mal kurzzeitig Frauen bitten will, da nicht so unreflektiert mitzureden, wie das teilweise passiert, denn die haben nun mal selbiges Häutchen nicht – stell ich mir so elementare Dinge wie Sex und Masturbation deutlich schwieriger vor, wenn man keine Vorhaut hat. Aber wie gesagt, ich habe, was ich brauche, nun war ich mir bisher auch recht sicher, dass das gut so ist. Der Instinkt sagte mir, besser dran als ab.
Dann habe ich mich ein wenig im Netz umgeschaut, zum Beispiel diese Seite gefunden: http://www.beschneidung-von-jungen.de … jetzt sieht die nicht unbedingt total seriös aus, das ist sicherlich die totale Anti-Beschneidungslobby – aber erstens war ich überrascht, dass es so eine Seite gibt, zweitens fand ich die Argumentation sehr einleuchtend, dass es nicht gut sein kann, wenn man einen empfindlichen erogenen Teil eines Menschen wegschneidet. Nun, dennoch fand ich die Seite irgendwie nicht seriös genug – ich hoffe, ich trete damit niemanden auf die Füße, aber ich brauchte mehr Infos. Also war ich auf Wikipedia, da wurden viele Nervenzellen bestätigt. Dann war ich hier: http://www.phimose-info.de/kostbare-huelle-die-geheimnisse-der-vorhaut/wozu-dient-die-vorhaut.php und es zeichnete sich langsam aber sicher ein Bild ab. Wie ich durch eigene Anfühlung getrieben schon vermutet hatte, ist die Vorhaut eine erogene Zone, ein für den Mann die Sexualität verbessernder Körperteil.
Was schließen wir daraus? Das Kölner Landgericht hat offenbar Recht, die Beschneidung ist ein ziemlich elementarer Eingriff in das Leben eines Menschen, eine schwere Körperverletzung – und da kann keine Religionsfreiheit drüber stehen. Körperverletzung aus religiösen Gründen ist einfach mit den elementaren Grundrechten nicht in Einklang zu bringen. Und was mich ja in letzter Zeit interessiert, man kann das im Blogpost über Herrschaft nachlesen, ist die Frage, warum denn eine solche sexualfeindliche Beschneidung so wichtig sein soll? Interessant fand ich, dass man teilweise in christlichen Bereichen nachlesen kann, dass Beschneidung die Masturbation verhindert oder eindämmt. Im Gegensatz zum Christentum sind Judentum und Islam allerdings nicht als so leibfeindlich bekannt.
Dennoch ist es meinem Empfinden nach so, dass Eingriffe in die Sexualität sehr oft etwas mit Macht zu tun haben. Hier natürlich erstmal mit der Macht der Eltern über ihre Kinder – was ich schon mal problematisch finde. Aber viel wichtiger, erfüllte Sexualität macht selbstbewusst, macht stark. Zu stark, wenn man beherrscht werden soll – ich bin an einer solchen Stelle immer hellhörig. Wenn Kinder anfangen, sich selbst zu befriedigen, dann ist das für Eltern nicht nur ein Zeichen der Ablösung, es ist auch ein Zeichen des Machtverlustes, etwas Unbeherrschbares. Wenn man das bei Knaben durch Beschneidung unterbinden kann, oder zumindest eindämmen, dann ist das in einer hierarchischen Gesellschaft sicherlich eine interessante Sache.
Natürlich darf sich jeder beschneiden lassen, wenn er das selbst entscheiden kann. Wann man das entscheiden kann, sollen Experten entscheiden, ich glaube allerdings nicht, dass das im üblichen Beschneidungsalter der Fall ist. Aber Eltern dürfen eine solche Körperverletzung, eine Amputation, ihrem Kind nicht aufpfropfen. Und zwar aus den gleichen Gründen, aus denen sie ihre Kinder nicht auspeitschen oder mit kochendem Wasser überschütten dürfen.
Okay, das ist so als Menschenrechtsinteressierter schon mal klar. Wem das nicht nachvollziehbar ist, der sollte noch mal über die Wichtigkeit von Menschenrechten für ihn nachdenken.
Ja, Religionsausübung ist auch ein Grundrecht. Das will ich auch niemandem streitig machen. Aber ein Kind kann selbst noch nicht entscheiden, ob es diese Religion ausüben will oder nicht, Religion ist ja Privatsache, und sollte diese auch bleiben. Ein Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes, auf freie sexuelle Entfaltung des Kindes ist auf jeden Fall höher anzusiedeln, als die Religionsfreiheit der Eltern, denn die Religionsfreiheit des Kindes wird ja nicht angerührt. Sobald das selbst entscheiden kann, kann es sich meinetwegen auch selbst kasteien oder was sonst in manchen religiösen Kreisen gerne gesehen wird.
Also rein rechtlich kann es da eigentlich keine Diskussion geben. Vor allem für die Menschenrechtspartei „Die Piraten“. Es gibt aber andere Argumente, die durchaus zu beachten sind. Jüdische und muslimische Eltern könnten die Operationen, die bisher von Kinderärzten durchgeführt wurden, im Hinterzimmer von mehr oder weniger erfahrenen Beschneidern machen lassen, die die ganze Sache dann schlechter machen, als die Ärzte. Es könnte auch Beschneidungstourimus geben – gibt es in islamischen Bereichen auch schon -, es könnte zu viel schlimmeren Traumata führen. Das ist kein unwichtiges Argument. Und solches ist wirklich zu befürchten. Ich kann auch verstehen, dass muslimische und jüdische Eltern, die ihren Kindern ja vermutlich nichts schlechtes wollen, die die Sache als sinnvolle und religiös wichtige Tradition sehen, verzweifelt und erbost sein dürften. Das ist alles verständlich.
Aber es ändert doch nichts an den Tatsachen, und noch viel weniger an den Menschenrechten. Man muss sich darüber klar werden, dass unsere Menschenrechte nicht vom Himmel gefallen sind, noch viel weniger entstammen sie unseren Religionen – sie wurden und werden gegen erbitterten Widerstand der Religionen erkämpft. Fragt die Homosexuellen, die gestern ein Menschenrecht immer noch nicht eingeräumt bekommen haben, weil die regierende christliche Partei dagegen ist. Wer dem Papst mit Verstand gelauscht hat, der konnte vernehmen, dass genau solche Entschlüsse im Vatikan sehr gerne gesehen werden – denn Menschenrechte für Homosexuelle sind dem Benedetto ein Balken im Auge.
Menschenrechte gehen nur durch Aufklärung. Eine andere Möglichkeit besteht nicht. Und so geht es eben nicht anders, als auch hier aufzuklären, den Menschen klar zu machen, dass sie ihren Söhnen nichts Gutes tun, wenn sie ihm eine erogene Zone abschneiden lassen.
Das ist doch für Piraten nichts Neues oder? Dass wir aufklären müssen?

Esoteriker … Wovon sprechen wir hier eigentlich?

Ich höre und vor allem lese ich immer wieder von den Esos, die bei uns Piraten ein Problem wären. Und langsam aber sicher klingelt es mir in den Ohren, wenn ich so was höre. Also mal kurz überlegen, was Esoterik eigentlich ist, beziehungsweise, wie dieses Wort benutzt wird.

Also eine kleine Begriffsklärung: Esoterik ist ursprünglich ein Wort für religiöses Geheimwissen, bekam im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts dadurch eine synonyme Wirkung zu „Aberglauben“. Dann, speziell in der Netzgemeinschaft, wurde es der Religion entrissen und nun bedeutet es etwas wie „abstruses Zeug“, „nahe an Verschwörungstheorie“ oder wahlweise „eh alles Nazis“. Den Pauschalisierungen sind da Tür und Tor geöffnet.

Jetzt kann man überlegen, was es mit Aberglauben so auf sich hat. Ja, Leute, die sich an einem Freitag den 13. Nicht aus dem Hause trauen, hält man gerne für Spinner. Oder die Probleme mit schwarzen Katzen haben. Esoterisch sind auch die Leute, die glauben, man könnte in Séancen mit Verstorbenen sprechen.  Klar ist das für die meisten Menschen Unsinn. Aber hier kommt ein Problem auf. Als jemand, der Philosophie und Naturwissenschaft was abgewinnen kann, ist es auch Unsinn, dass vor knapp zweitausend Jahren ein Typ über das Wasser gehen konnte, oder dass irgendwer mal ne sprechende Schlagen kannte, die Äpfel verteilt hat. Und aus aktuellen Gründen, ich halte es auch für Unsinn, dass man einen Bund mit wem auch immer eingehen kann, in dem man sich die Vorhaut abschnippeln lässt – ich gebe aber auch zu, ich kann mir das aus eher intimen Gründen nicht so gut vorstellen, ich zucke jedes Mal ein bisschen, wenn ich mir da vorstelle.

Wenn ich das alles für Unsinn halte, dann muss ich jeden Abergläubischen und jeden „normalen“ Gläubigen für einen Spinner halten – ich neige allerdings dazu, das so zu tolerieren, wie man das im Rheinland nun mal macht: Jeder Jeck ist anders. Es gibt auch genug Sachen, wegen denen man mich für einen Spinner halten darf, ich mein, ich bin Künstler, so what? Ergo: Es gibt keinen wirklichen Unterschied, ob jemand in einer „normalen“ Religionsgemeinschaft Mitglied ist, ob jemand sich einer Sekte anschließt oder ob er daran glaubt, dass seine Karten ihm die Zukunft vorhersagen, oder seine Träume oder das Gekröse von … ich schweife ab.

Und jetzt gibt es halt die Esoterik speziell im politischen Bereich. Und ja, wir haben da eine Menge von, von diesen Verschwörungstheoretikern und Esoterikern. Und es gibt immer häufiger die Strömung, diese Leute nicht ernst zu nehmen, diesen Leuten gar das Wort verbieten zu wollen – und ich halte diese Pauschalisierungen für gefährlich.

Schau ich mich an meinem Stammtisch um, dann erblicke ich da einen, der nicht ans Geld glaubt, einen anderen, der Infoveranstaltungen zu Bilderbergern organisiert hat, und so weiter … ich selbst hatte eindeutig kommunistische Phasen in meiner Jugend, und habe auch ein paar Jahre lang geglaubt, dass ich als Künstler unpolitisch sein darf. Da ich selbst so schräge Ideen hatte, kann ich auch gut die schrägen Ideen von anderen akzeptieren. Ich kann auch mit Engelszungen auf die Kollegen am Stammtisch einreden, die unsere Drogenpolitik, die ich für total einleuchtend halte,  für esoterisch halten.

Hier kommen wir übrigens an den Kern der Problematik, die ich mit dem Esoterikbegriff habe. BGE und Drogenlegalisierung sind genauso wie fahrscheinloser ÖPNV für eine Mehrheit in Deutschland noch esoterische Ideen. Aberglauben, dass das funktionieren kann. Ich halte uns für sehr vernünftig, dass wir mit solchen Ideen Politik machen.

Ich weise immer gerne alle finanz- und wirtschaftspolitische Autorität weit von mir. Trotzdem kann ich mir nicht helfen, ich halte die Idee, dass es immer weiter gehendes Wachstum geben kann, eher für esoterisch als so manche Idee unserer sogenannten Esoteriker. Ich sehe auch nicht, wie ein System, das auf der Gier der Menschen aufbaut, irgendwas zu unserem Vorteil erschaffen kann. Ich verstehe auch die Idee nicht, dass Kapitalismus funktioniert, man aber Banken, die sich verzocken vor der Pleite retten muss. Ich halte solche Ideen für esoterisch – ich bin Pokerspieler, nicht besonders gut, aber auch nicht so schlecht, und ich weiß, dass man gutem Geld kein schlechtes hinterher werfen sollte. Poker ist das einfachste Modell des Kapitalismus, wer das mal verstanden hat, der weiß, the Winner takes it all. Also lass die Finger davon, wenn du nicht sicher bist, du gewinnst.

Und wenn es dann zum Beispiel um den ESM geht, dann halte ich jeden, der die Kritik, die zugegeben teilweise aus Kreisen kommt, in denen auch mal krudes Zeug ganz gut läuft, nicht ernst nimmt, für äußerst kurzsichtig. Ich muss kein Truther sein, um zu fragen, wem das alles nützt. Ich muss kein Esoteriker sein, um zu fragen, ob es sinnvoll ist, einer kleinen undemokratischen Behörde das Recht zu geben, Verfassungsänderungen zu diktieren. Und ich bin Pirat, und insofern in Sachen unseres Grundgesetzes einigermaßen konservativ: Ich möchte nicht, dass irgendeinem Gremium die Möglichkeit gegeben wird, Änderungen des Grundgesetzes diktieren zu können, wenn es denn mal so weit kommt, und wir in Probleme mit dem ESM kommen. Ich halte es aus ethischen Gründen auch für falsch, anderen Ländern in die Verfassungen einzugreifen. Wenn ich jetzt Esoteriker bin, dann bin ich gerne einer.

Wir müssen verdammt angestrengt nach einer Alternative suchen, wir können das, was gerade wirtschaftlich und wirtschaftspolitisch passiert, nicht einfach so laufen lassen. Und wenn es sein muss, dann müssen wir auch das ganze System in Frage stellen. Und auf der Suche nach Alternativen höre ich auch jedem Esoteriker erst mal zu, solange er nicht von Chemtrails erzählt.

Pressearbeit: Stil und Professionalisierung

Da ich im Moment nicht arbeiten kann, habe ich mir überlegt, meine prinzipiell vorhandenen Fähigkeiten bei den Piraten einzubringen. Bin also seit ein paar Wochen bei der AG ÖA, also der Arbeitsgemeinschaft Öffentlichkeitsarbeit, der NRW-AG, die sich um Pressearbeit kümmert. Als Blogger, ehemaliger freier Journalist und als Kulturmacher habe ich viele Pressemitteilungen geschrieben, noch mehr zu Artikeln verarbeitet, und schreiben kann ich prinzipiell ja – also habe ich etwas einzubringen.

Inzwischen habe ich auch an einigen PMs der Piraten mitgearbeitet, und das hat Spaß gemacht, also meistens. Ich muss auch zugeben, ich hatte diebischen Spaß daran, die Diskussionen zu lesen, als in unserer PM zu den monoedukativen Bestrebungen von Frau Löhrmann „bemerkenswert sexistisch“ zu lesen war. Eine Formulierung, die ich ersonnen hatte, die von manchen sehr unterstützt wurde, die anderen aufgestoßen ist. Ich mag es, zu polarisieren, und ich halte die Polemik, die natürlich da mit drin steckt, für ein absolut legitimes politisches Mittel.

Aber es gibt Sachen, die ich nicht mag, die ich auch durchaus für falsch halte. Und da ist die fehlende Provokation, die bei vielen unserer Pressemitteilungen auffällt, das erste Beispiel. Man muss sich fragen, was man mit Pressemitteilungen erreichen will. In einem Blogbeitrag finde ich es wichtig, mich zu positionieren, auf der anderen Seite aber gerne auch der Gegenseite mit Respekt und einer ausgestreckten Hand zu begegnen. Da heißt es abwägen. In einer Pressemitteilung sollte ich das nicht tun. Es geht darum aufzufallen, aus dem Wust der PMs, die täglich eintreffen, herauszustechen. Klare Worte sind da wichtig. Prägnante Formulierungen und auf gar keinen Fall einen verwechselbaren langweiligen Stil.

Leider wirken manche PMs unserer Partei recht schematisch. Das oberste Gesetz dabei sind die Zitate! Die Technik dabei ist folgende: ein bis zwei Autoren schreiben einen Grundtext, und bauen an häufig gleichen Stellen Zitate ein, die niemand so gesagt hat. Dann wird fieberhaft ein LaVo, ein Abgeordneter oder ein AK-Koordinator gesucht, der diese Zitate autorisiert. Weil Zitate ja so wichtig sind. Das sind sie auch, wenn ich als Journalist einen Artikel schreibe, habe ich an meinem zweiten Tag in der Lokalredaktion gelernt, in der ich mein Praktikum gemacht habe. Zitate würzen jeden Artikel.

Jetzt sind Pressemitteilungen keine Artikel, und an der Stelle stimmt was mit unserer Arbeitsweise nicht. Um mir das etwas genauer anzuschauen, habe ich mal rumgeschaut, wie lösen die Etablierten denn sowas? Und deren Pressemitteilungen sehen ganz anders aus. Es gibt eine kurze Einleitung, und die sagt im Prinzip nur, wer spricht, denn dann kommt das Zitat. Also zwei bis drei Absätze nur Zitat einer Politiknase. Meistens Vorsitzende, gerne auch Minister und so was. Jetzt habe ich ein ethisches Grundproblem, das mit meiner Neigung zu Offenheit und Ehrlichkeit zusammen hängt. Ich finde es übel, wenn Zitate von anderen geschrieben werden. Da schreiben die Pressereferenten so schicke kleine Äußerungen, und die sind dann von Özdemir, Seehofer oder Westerwelle – also offiziell. Ja, ich weiß, die Politiker haben weder die Zeit noch (zumindest meistens) die Sprachgewalt, ihre Pressemitteilungen selbst zu schreiben, und ja, es klänge irgendwie doof, wenn da stände: „Pressereferent XY sagte“

Aber das soll machen, wer will, ist ja auch in Ordnung, irgendwie. Dass wir diese (Un-)Art übernommen haben, finde ich dementsprechend. Also allenfalls irgendwie in Ordnung. Die Frage ist natürlich, wie wir es besser machen könnten. Die Mischung aus Artikelelementen und Zitaten in unseren Pressemitteilungen liegt daran, dass wir einerseits eben nicht immer nur eine Nase in den Vordergrund schieben wollen, aber andererseits auch nicht auf Zitate verzichten wollen, die es den Journalisten einfacher macht, ihre Artikel zu schreiben. Das Problem besteht hauptsächlich darin, dass die Artikelelemente einfach zu einer gewissen Neutralität verführen, und das zu gepflegter Langeweile verführt.

Ich finde den Kompromiss faul. Ich finde, wir sollten uns entscheiden. Also entweder so vorgehen, wie die Etablierten es tun, womit wir es der Presse einfacher machen – und ich war lange genug Journalist, dass ich den Charme dieser Lösung sehe – oder mit der Idee ernst machen, dass wir für Köpfchen stehen, und nicht so sehr für Köpfe. Und dann gibt es nur noch einen gerne pointierten und manchmal aggressiven Text, der im Namen der Bundes- oder Landespartei veröffentlicht wird – für untergeordnete Strukturen gilt das natürlich genauso. Ja, es könnte ein bisschen dauern, bis die Journalisten lernen, mit solchen PMs zu arbeiten, aber diese Lösung wäre konsequent. Nebenbei: Für die Fraktionen wäre diese Lösung nur mit Einschränkungen zu empfehlen, hier hat es durchaus Sinn, wenn einzelne Köpfe promotet werden, Themen zugeordnet werden.

Und ja, die Journalisten werden damit erst mal Probleme haben, als Sprecher meines Stammtisches habe ich bisher sehr gerne so gearbeitet, und die wenigen Pressemitteilungen, die überhaupt beachtet wurden, wurden dann als meine Äußerungen begriffen. Aber das heißt ja nicht, dass Journalisten es nicht lernen können, vielleicht sogar in Gummersbach.

Wenn es aber in der Weise weitergehen soll, wie bisher, dann sollte wenn irgend möglich, der Zitatgeber vorher gefragt werden, seine Zitate vorher selbst formulieren, und der Rest dann darum gestrickt – ist sicherlich auch eine qualitative Verbesserung. Warum? Weil es Kreativität fordert, mit den vorgegebenen Zitaten zu arbeiten, und jedes bisschen Kreativität macht Texte besser.

Die Fraktion hat ja nun bald festangestellte Pressereferenten, die dann wahrscheinlich wieder andere Ideen haben. Da wir es mit einer gewissen Trennung von Partei und Fraktion ja durchaus ernst nehmen, ist das auch richtig so. Wir müssen sicherlich auch in den Parteistrukturen darüber nachdenken, ob es da in Zukunft bezahlte Stellen geben soll, eine gibt es im Bund, und darüber müssen wir auch im Land nachdenken – so wir es irgendwie bezahlen können. Allerdings ist das vor allem für die Koordination wirklich wichtig, für die Erreichbarkeit. Ein Pressesprecher wird den ganzen Tag über angerufen, welcher Arbeitgeber lässt seinen Arbeitnehmer das nebenbei erledigen? PMs schreiben, das funktioniert erstaunlich schnell und gut auch über die ehrenamtliche Schiene. Jemand schickt einen PAD-Link über die Liste, nach wenigen Minuten haben sich da zwei bis drei Piraten versammelt und dann wird schnell was gebastelt, und da ist die Uhrzeit fast egal bei.

Die Professionalisierung, die zum Beispiel besagt, dass nur noch Piraten mit Fachkenntnissen Pressearbeit machen dürfen, wird von Gefion Thürmer gefordert, der ehemaligen Beisitzerin im Bundesvorstand, die unter anderem für Öffentlichkeitsarbeit zuständig war. Sie vergleicht das mit der Verwaltung, wo man ja auch am liebsten Fachleute hat. Stimmt, ich bin auch für eine Buchhalterin als Schatzmeisterin und werde nächste Woche auf dem LPT dafür werben, aber Pressearbeit ist sehr viel mehr inhaltlich, da möchte ich nicht auf einen offenen Zugang verzichten. Es geht hier um Basisdemokratie, da nehme ich lieber in Kauf, dass Leute an PMs mitschreiben, die mal einen Bock schießen, als dass sich ein Klübchen zusammen stellt, dass dann über die Außendarstellung alleine entscheidet, ohne dafür legitimiert zu sein, ohne die Möglichkeit für jeden, dazuzukommen. Wir sollten uns wenigstens die Möglichkeit erhalten zu dilettieren, wir wollen doch nicht zu etablierten Politikern werden, und wir sollten damokratisch bleiben, so demokratisch wie möglich.