Christliche Werte, heute: die Sieben Todsünden

Die Hauptlaster der christlichen Religion sind Stolz, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid, Faulheit. Man nennt sie die Sieben Todsünden, was laut Wikipedia theologisch falsch ist. Aber es geht hier um ganz wichtige christliche Werte – natürlich in der Abgrenzung. Ein guter Christ ist all das nicht, nicht geizig, nicht stolz, wollüstig schon gar nicht, zornig höchstens auf Ungläubige, neidisch natürlich nur ganz im Geheimen, und faul, nein, faul sind nur die ausländischen Mitbürger, die nach dem Krieg den Deutschen geholfen haben, dieses Land wieder aufzubauen – aber ich schweife ab.

Eigentlich wollte ich mir mal anschauen, was diese Todsünden heute bedeuten, wie sie umgedeutet sind, ob sie immer noch Sünden sind. Denn eines muss klar sein, die religiösen Dogmen müssen heute immer noch in unserer Gesellschaft nachwirken – die werden nämlich durch Erziehung weitergegeben, die sind tief in unserer Psyche verankert, so tief, dass da auch ein paar Jahrhunderte Aufklärung noch nicht so viel dran geändert haben. Jetzt könnte ich Todsünde für Todsünde durchgehen, aber ich glaube, es gibt zwei Gruppen und einen seltsamen Außenseiter.

Der eine seltsame Außenseiter ist der Zorn. Der ist seit Georg Schramm bei denen, die dem politischen Kabarett zugetan sind, positiv besetzt, hier der Grund:

Ansonsten sind Zorn und Wut eher totgeschwiegen. Zorn und Wut sind sehr starke Gefühle, vielleicht die stärksten. Und sie sind unfein, werden an den Rand gestellt, gehören nicht zur Zivilisation. Andererseits muss man ihre  Stärke natürlich respektieren. Wer ausrastet, dem kann man deswegen nicht so richtig böse sein, das kann jedem passieren – auch wenn es uns, den Zivilisierten, natürlich nicht passiert, wäre ja unfein. Ich drehe mich im Kreise.

Ich finde den Zorn wichtig, kenne aber andererseits auch meinen Jähzorn, und bin recht froh, dass ich den ganz gut unter Kontrolle habe. Nur durch Zorn wird etwas geändert. Man muss sich aufregen, damit man sich engagiert, damit man verbessern und verändern will. Wenn Tausende gegen Atomkraft, ACTA und ungezügelte Selbstbedienung der Reichen auf die Straße gehen, dann hat das mit Zorn zu tun. Und das ist alles richtig und wichtig.

Kommen wir zu den ehemaligen Todsünden. Stolz, Geiz, Neid – ja, Geiz ist geil, wie sollte ich hier um das Zitat herumkommen – sind heute akzeptiert. Manche glauben, es sei etwas wichtiges, stolz auf seine Herkunft, seine Religion oder sein Geld zu sein, Stolz ist auch Eitelkeit – und wie eitel ist diese Zeit? Nur schöne Menschen im Fernsehen, nur tolle Talente, großartige Menschen, ja, da muss Fett abgesaugt werden, dort die Brüste neu gemacht, hier die Zähne gerichtet. Der Stolz ist einer der Mittelpunkte unserer Zeit. Und was ist mit denen, die all dem nicht entsprechen? Die werden bei Frauentausch oder als einsame Bauern vorgeführt. Und Schäfer Heinrich tingelt über Schützenfeste … Fremdschämen ist zur Dauerbeschäftigung geworden, und das ist voll gesellschaftlich akzeptiert. „Nee, „Bauer sucht Frau schau“ ich nicht, aber das Dschungelcamp …“

Geiz und Gier sind eine weitere Triebfeder unserer Welt. Kapitalismus ist ja, so glaubt es der größte Teil der Bevölkerung, die einzige Möglichkeit einer Gesellschaft, warum? Weil es den Geiz, die Gier gibt, die den Kapitalismus antreibt. Hier merkt man, wie manche einstigen Todsünden weggedeutet wurden. Ups, den Neid wollen wir nicht vergessen – der ist allerdings der Gier so nahe, dass alles schon gesagt ist.

Geiz, Stolz und Neid sind heute nicht nur hoffähig, sie sind so wichtig in dieser Welt, dass das Dogma des Wachstums größer ist, als jedes kirchliche Dogma jeweils war. Jetzt ist natürlich die Frage nicht geklärt, ob sie Sünden sind? (Ich glaube nicht an Sünden, ich versuche das mal von seinem religiösen Überbau zu befreien: ) Sind diese drei ethisch problematisch? Nun, der Neid, gepaart mit der Eifersucht, das sind unangenehme Gefühle, falsche Antriebe. Wenn sie zu Taten führen – jeder kann ja Gefühle auch bei sich lassen -, dann sind diese Taten oft ethisch problematisch. Neide ich jemandem sein Leben, sein Auto, seine Frau, dann kann ich höchstens versuchen, all das auf ethisch vertretbarem Weg zu bekommen – was schon richtig schwierig ist. Neid ist doof, Eifersucht noch schlimmer – sie entstehen aus zu geringem Selbstvertrauen, sollten klein gehalten werden.

Der Stolz ist ethisch so lange kein Problem, wie er sich narzisstisch ganz auf sich selbst richtet. Dass die Wirtschaftswelt den Stolz und die Eitelkeit stärkt und eine konsumierende Oberflächlichkeit zur Norm erhebt, ist das größere Problem. Kinder und Jugendliche werden regelrecht zu stolz und Eitelkeit erzogen – und alle, die dem Bild nicht entsprechen, werden abgehängt, und das ist das größte Problem. Es werden Unterschiede zwischen Menschen künstlich aufgebaut – aber wir alle haben das gleiche Recht auf ein vernünftiges Leben, niemand ist besser, weil er irgendwas hat, auf das er stolz sein kann. Wenn man stolz sein will, dann soll man stolz auf das sein, was man erreicht hat, was man aufgebaut hat, wo man konstruktiv gewesen ist, wo man geholfen hat, wo man die Welt ein kleines bisschen besser gemacht hat.

Die Gier, der Geiz, die sind ethisch recht widerwärtig, weil sie darauf basieren, dass man anderen etwas wegnimmt, dass man etwas für sich behält – offenbar war den alten Religionsbastlern etwas Volkswirtschaftliches klar, was irgendwie in Vergessenheit geraten ist. Alle leben besser, wenn Geld und Gut möglichst vielen gehört, wenn alles fließt und keiner alles für sich haben will. Warum ist die Gier die auch ethisch schlimmste Todsünde? Na, weil die Gier aktiv die schädigt, denen man wegnimmt. Aktiv andere schädigen, ist schlicht unethisch.

Kommen wir zu den Todsünden, die noch nachwirken. Wollust, Völlerei, Faulheit, die gehen auch heute gar nicht. Die sind mehr als unfein, die sind gesellschaftlich geächtet. Interessanterweise sind das die „Sünden“, die ethisch alle drei eigentlich unproblematisch sind. enn ich davon ausgehe, dass niemand dabei geschädigt wird, dann ist an der Wollust doch nichts falsches, oder? Egal ob einer mit sich selbst, zwei oder auch mehr miteinander Lust ausleben, dann ist daran überhaupt nichts auszusetzen. Aber die gesellschaftliche Ächtung ist groß, auch wenn das Strafrecht da zum größten Teil aus der Moralfrage heraus ist. Die Religionen, die Konservativen, die haben alle mit zu viel ausgelebter Lust ihre Probleme. Egal ob der schwule Schützenkönig seinen Lebensgefährten neben sich marschieren haben will, oder ob ein CDU-Politiker eine Sechzehnjährige liebt – so was geht nicht.

Die Verteufelung der Lust ist ein geradezu geniales Herrschaftsmittel, das in unsere Zeit nachwirkt. Nicht umsonst spricht man davon, dass etwas „versaut“ ist. Sexualität wird tabuisiert, an den Rand gedrängt, lustvolle Menschen als „Schlampen“ beschimpft. Jeder fühlt sich „sündig“, „unrein“ oder „böse“, weil wir nun mal alle, oder doch zumindest fast alle, sexuelle Geschöpfe sind. Wie wunderbar kann man Menschen darüber klein kriegen.

Ja, die Völlerei wirkt auch nach. Glaubste nicht? Dann hör dir mal mit ein bisschen Aufmerksamkeit die Witze an, die über Reiner Calmund gemacht werden. Und dann überlege noch kurz, wie viele Prominente es noch gibt, die in etwa seine Gewichtsklasse haben, merkste selbst, wa?

Und die Faulheit? „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen!“ – ja, das klingt fast wie „Arbeit macht frei!“, ist aber von Müntefering, einem „linken“ Politiker. Wer einmal selbst keine Arbeit gehabt hat, der weiß, wie frustrierendes ist, wie problematisch – und er wird von der Gesellschaft auch noch eindeutig dafür geächtet. Dabei ist Faulheit unglaublich relativ. Die meisten Menschen sind manchmal faul, und manchmal fleißig. Fleiß ist ja auch eigentlich nur die Fähigkeit, sich zu unangenehmen Aufgaben zu überwinden. Was aber so richtig wichtig ist: Die Stunden der Muße, die faulen Zeiten, sind die Zeiten, in denen man zum Überlegen kommt. Gute Ideen entspringen oft der Faulheit – weil kein Mensch es aushält, über längere Zeit nichts zu tun, passiert der Antrieb irgendwann von selbst – zumindest, wenn man kein Fernsehen hat, um sich davon weg zu verblöden. Der Vorwurf der Faulheit, ist eben auch so ein Herrschaftsmoment. Weil die „Faulen“ eventuell mehr und bessere Ideen entwickeln, kann man sie von vornherein als faul diffamieren und muss nicht auf ihre Gedanken hören. Ich kenne übrigens keine fleißigen Philosophen … nur mal so am Rande.

Also was ist passiert? Die „Sünden“ die niemanden schädigen, sind immer noch höchst negativ konnotiert, die ethisch wirklich problematischen Verhaltensweisen sind heute kaum noch einer Sonntagsrede der Anklage wert. Ich gebe zu, das macht mich ein bisschen zornig.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 15, 2012 in Allgemein, Philosophie und mit , , , , , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Das heißt übrigens nicht Faul- sondern Trägheit, und ja, die wird irgendwann zur Belastung. 😉

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