Esoteriker … Wovon sprechen wir hier eigentlich?

Ich höre und vor allem lese ich immer wieder von den Esos, die bei uns Piraten ein Problem wären. Und langsam aber sicher klingelt es mir in den Ohren, wenn ich so was höre. Also mal kurz überlegen, was Esoterik eigentlich ist, beziehungsweise, wie dieses Wort benutzt wird.

Also eine kleine Begriffsklärung: Esoterik ist ursprünglich ein Wort für religiöses Geheimwissen, bekam im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts dadurch eine synonyme Wirkung zu „Aberglauben“. Dann, speziell in der Netzgemeinschaft, wurde es der Religion entrissen und nun bedeutet es etwas wie „abstruses Zeug“, „nahe an Verschwörungstheorie“ oder wahlweise „eh alles Nazis“. Den Pauschalisierungen sind da Tür und Tor geöffnet.

Jetzt kann man überlegen, was es mit Aberglauben so auf sich hat. Ja, Leute, die sich an einem Freitag den 13. Nicht aus dem Hause trauen, hält man gerne für Spinner. Oder die Probleme mit schwarzen Katzen haben. Esoterisch sind auch die Leute, die glauben, man könnte in Séancen mit Verstorbenen sprechen.  Klar ist das für die meisten Menschen Unsinn. Aber hier kommt ein Problem auf. Als jemand, der Philosophie und Naturwissenschaft was abgewinnen kann, ist es auch Unsinn, dass vor knapp zweitausend Jahren ein Typ über das Wasser gehen konnte, oder dass irgendwer mal ne sprechende Schlagen kannte, die Äpfel verteilt hat. Und aus aktuellen Gründen, ich halte es auch für Unsinn, dass man einen Bund mit wem auch immer eingehen kann, in dem man sich die Vorhaut abschnippeln lässt – ich gebe aber auch zu, ich kann mir das aus eher intimen Gründen nicht so gut vorstellen, ich zucke jedes Mal ein bisschen, wenn ich mir da vorstelle.

Wenn ich das alles für Unsinn halte, dann muss ich jeden Abergläubischen und jeden „normalen“ Gläubigen für einen Spinner halten – ich neige allerdings dazu, das so zu tolerieren, wie man das im Rheinland nun mal macht: Jeder Jeck ist anders. Es gibt auch genug Sachen, wegen denen man mich für einen Spinner halten darf, ich mein, ich bin Künstler, so what? Ergo: Es gibt keinen wirklichen Unterschied, ob jemand in einer „normalen“ Religionsgemeinschaft Mitglied ist, ob jemand sich einer Sekte anschließt oder ob er daran glaubt, dass seine Karten ihm die Zukunft vorhersagen, oder seine Träume oder das Gekröse von … ich schweife ab.

Und jetzt gibt es halt die Esoterik speziell im politischen Bereich. Und ja, wir haben da eine Menge von, von diesen Verschwörungstheoretikern und Esoterikern. Und es gibt immer häufiger die Strömung, diese Leute nicht ernst zu nehmen, diesen Leuten gar das Wort verbieten zu wollen – und ich halte diese Pauschalisierungen für gefährlich.

Schau ich mich an meinem Stammtisch um, dann erblicke ich da einen, der nicht ans Geld glaubt, einen anderen, der Infoveranstaltungen zu Bilderbergern organisiert hat, und so weiter … ich selbst hatte eindeutig kommunistische Phasen in meiner Jugend, und habe auch ein paar Jahre lang geglaubt, dass ich als Künstler unpolitisch sein darf. Da ich selbst so schräge Ideen hatte, kann ich auch gut die schrägen Ideen von anderen akzeptieren. Ich kann auch mit Engelszungen auf die Kollegen am Stammtisch einreden, die unsere Drogenpolitik, die ich für total einleuchtend halte,  für esoterisch halten.

Hier kommen wir übrigens an den Kern der Problematik, die ich mit dem Esoterikbegriff habe. BGE und Drogenlegalisierung sind genauso wie fahrscheinloser ÖPNV für eine Mehrheit in Deutschland noch esoterische Ideen. Aberglauben, dass das funktionieren kann. Ich halte uns für sehr vernünftig, dass wir mit solchen Ideen Politik machen.

Ich weise immer gerne alle finanz- und wirtschaftspolitische Autorität weit von mir. Trotzdem kann ich mir nicht helfen, ich halte die Idee, dass es immer weiter gehendes Wachstum geben kann, eher für esoterisch als so manche Idee unserer sogenannten Esoteriker. Ich sehe auch nicht, wie ein System, das auf der Gier der Menschen aufbaut, irgendwas zu unserem Vorteil erschaffen kann. Ich verstehe auch die Idee nicht, dass Kapitalismus funktioniert, man aber Banken, die sich verzocken vor der Pleite retten muss. Ich halte solche Ideen für esoterisch – ich bin Pokerspieler, nicht besonders gut, aber auch nicht so schlecht, und ich weiß, dass man gutem Geld kein schlechtes hinterher werfen sollte. Poker ist das einfachste Modell des Kapitalismus, wer das mal verstanden hat, der weiß, the Winner takes it all. Also lass die Finger davon, wenn du nicht sicher bist, du gewinnst.

Und wenn es dann zum Beispiel um den ESM geht, dann halte ich jeden, der die Kritik, die zugegeben teilweise aus Kreisen kommt, in denen auch mal krudes Zeug ganz gut läuft, nicht ernst nimmt, für äußerst kurzsichtig. Ich muss kein Truther sein, um zu fragen, wem das alles nützt. Ich muss kein Esoteriker sein, um zu fragen, ob es sinnvoll ist, einer kleinen undemokratischen Behörde das Recht zu geben, Verfassungsänderungen zu diktieren. Und ich bin Pirat, und insofern in Sachen unseres Grundgesetzes einigermaßen konservativ: Ich möchte nicht, dass irgendeinem Gremium die Möglichkeit gegeben wird, Änderungen des Grundgesetzes diktieren zu können, wenn es denn mal so weit kommt, und wir in Probleme mit dem ESM kommen. Ich halte es aus ethischen Gründen auch für falsch, anderen Ländern in die Verfassungen einzugreifen. Wenn ich jetzt Esoteriker bin, dann bin ich gerne einer.

Wir müssen verdammt angestrengt nach einer Alternative suchen, wir können das, was gerade wirtschaftlich und wirtschaftspolitisch passiert, nicht einfach so laufen lassen. Und wenn es sein muss, dann müssen wir auch das ganze System in Frage stellen. Und auf der Suche nach Alternativen höre ich auch jedem Esoteriker erst mal zu, solange er nicht von Chemtrails erzählt.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 28, 2012 in Gesellschaft, Piraten, Politik und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Hallo Hollarius,

    schöner Artikel. Das was Du da umschreibst ist mir auch schon aufgefallen, ich würde aber deutlichere Worte dafür wählen. In der Piratenpartei hat sich ein Ideenraum aufgetan. Hier fliegen alle möglichen Ideen nur so durch die Gegend. Dabei sind einige ziemlich revolutionäre Konzepte rausgekommen, Du hast sie ja selbst afugezählt: BGE, die Drogenpolitik, etc…
    Solche Konzepte sind bei den Piraten entstanden, weil es bisher keine Denkverbote gab. Das hat auch niemanden gestört, so lange wir keinen Erfolg hatten. Jetzt haben wir Erfolg. Was Du am Beispiel der Esoterik umschreibst ist der Versuch, die Denkverbote oder soziale Barrieren, die in unserer Gesellschaft vorherschen, auch bei den Piraten zu installieren. Diese sozialen Barrieren sollen verhindern, daß gewisse Institutionen in Frage gestellt werden, sie sollen verhindern, daß gewisse Fragen überhaupt gestellt oder Ideen gedacht werden. Es geht nicht soweit wie bei Neusprech, wo versucht wird die Worte zu eliminieren, mit denen man bestimmte Sachverhalte formulieren kann. In unserer Gesellschaft funktioniert es bisher so, daß Menschen, die bestimmte Dinge aussprechen, sozial geächtet werden. Das funktioniert wunderbar mit der Nazikeule. Die Esoterikkeule ist aber auch gut geeignet.
    Wenn wir die Piraten als gesellschaftsveränderndes Potential erhalten wollen, dann müssen wir uns unbedingt gegen diese Entwicklungen stellen. Es darf bei uns einfach keine Denkverbote geben. Dein letzter Satz gefällt mir gut, denn miteinander reden, das sollte eigentlich immer drin sein.

  2. Kann meinem Vorredner zustimmen!

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