Quick – Beschneidung ist auch nur ein Schrei nach Aufklärung

War ja klar, große Diskussion nun um Beschneidung – eine Diskussion über ESM wäre zugegeben wichtiger, Demos dagegen noch mehr.
Aber trotzdem ist dieses Thema Beschneidung nun mal seit dem Kölner Gerichtsurteil auf dem Tisch, und wie nicht anders zu erwarten gibt es bei den Piraten eine riesige Diskussion.
Meine erste Idee war: So eine kleine Operation am empfindlichsten Teil kann eigentlich kein Spaß sein. Es kann auch kaum harmlos sein. Als Besitzer einer Vorhaut – der übrigens in diesem Fall mal kurzzeitig Frauen bitten will, da nicht so unreflektiert mitzureden, wie das teilweise passiert, denn die haben nun mal selbiges Häutchen nicht – stell ich mir so elementare Dinge wie Sex und Masturbation deutlich schwieriger vor, wenn man keine Vorhaut hat. Aber wie gesagt, ich habe, was ich brauche, nun war ich mir bisher auch recht sicher, dass das gut so ist. Der Instinkt sagte mir, besser dran als ab.
Dann habe ich mich ein wenig im Netz umgeschaut, zum Beispiel diese Seite gefunden: http://www.beschneidung-von-jungen.de … jetzt sieht die nicht unbedingt total seriös aus, das ist sicherlich die totale Anti-Beschneidungslobby – aber erstens war ich überrascht, dass es so eine Seite gibt, zweitens fand ich die Argumentation sehr einleuchtend, dass es nicht gut sein kann, wenn man einen empfindlichen erogenen Teil eines Menschen wegschneidet. Nun, dennoch fand ich die Seite irgendwie nicht seriös genug – ich hoffe, ich trete damit niemanden auf die Füße, aber ich brauchte mehr Infos. Also war ich auf Wikipedia, da wurden viele Nervenzellen bestätigt. Dann war ich hier: http://www.phimose-info.de/kostbare-huelle-die-geheimnisse-der-vorhaut/wozu-dient-die-vorhaut.php und es zeichnete sich langsam aber sicher ein Bild ab. Wie ich durch eigene Anfühlung getrieben schon vermutet hatte, ist die Vorhaut eine erogene Zone, ein für den Mann die Sexualität verbessernder Körperteil.
Was schließen wir daraus? Das Kölner Landgericht hat offenbar Recht, die Beschneidung ist ein ziemlich elementarer Eingriff in das Leben eines Menschen, eine schwere Körperverletzung – und da kann keine Religionsfreiheit drüber stehen. Körperverletzung aus religiösen Gründen ist einfach mit den elementaren Grundrechten nicht in Einklang zu bringen. Und was mich ja in letzter Zeit interessiert, man kann das im Blogpost über Herrschaft nachlesen, ist die Frage, warum denn eine solche sexualfeindliche Beschneidung so wichtig sein soll? Interessant fand ich, dass man teilweise in christlichen Bereichen nachlesen kann, dass Beschneidung die Masturbation verhindert oder eindämmt. Im Gegensatz zum Christentum sind Judentum und Islam allerdings nicht als so leibfeindlich bekannt.
Dennoch ist es meinem Empfinden nach so, dass Eingriffe in die Sexualität sehr oft etwas mit Macht zu tun haben. Hier natürlich erstmal mit der Macht der Eltern über ihre Kinder – was ich schon mal problematisch finde. Aber viel wichtiger, erfüllte Sexualität macht selbstbewusst, macht stark. Zu stark, wenn man beherrscht werden soll – ich bin an einer solchen Stelle immer hellhörig. Wenn Kinder anfangen, sich selbst zu befriedigen, dann ist das für Eltern nicht nur ein Zeichen der Ablösung, es ist auch ein Zeichen des Machtverlustes, etwas Unbeherrschbares. Wenn man das bei Knaben durch Beschneidung unterbinden kann, oder zumindest eindämmen, dann ist das in einer hierarchischen Gesellschaft sicherlich eine interessante Sache.
Natürlich darf sich jeder beschneiden lassen, wenn er das selbst entscheiden kann. Wann man das entscheiden kann, sollen Experten entscheiden, ich glaube allerdings nicht, dass das im üblichen Beschneidungsalter der Fall ist. Aber Eltern dürfen eine solche Körperverletzung, eine Amputation, ihrem Kind nicht aufpfropfen. Und zwar aus den gleichen Gründen, aus denen sie ihre Kinder nicht auspeitschen oder mit kochendem Wasser überschütten dürfen.
Okay, das ist so als Menschenrechtsinteressierter schon mal klar. Wem das nicht nachvollziehbar ist, der sollte noch mal über die Wichtigkeit von Menschenrechten für ihn nachdenken.
Ja, Religionsausübung ist auch ein Grundrecht. Das will ich auch niemandem streitig machen. Aber ein Kind kann selbst noch nicht entscheiden, ob es diese Religion ausüben will oder nicht, Religion ist ja Privatsache, und sollte diese auch bleiben. Ein Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes, auf freie sexuelle Entfaltung des Kindes ist auf jeden Fall höher anzusiedeln, als die Religionsfreiheit der Eltern, denn die Religionsfreiheit des Kindes wird ja nicht angerührt. Sobald das selbst entscheiden kann, kann es sich meinetwegen auch selbst kasteien oder was sonst in manchen religiösen Kreisen gerne gesehen wird.
Also rein rechtlich kann es da eigentlich keine Diskussion geben. Vor allem für die Menschenrechtspartei „Die Piraten“. Es gibt aber andere Argumente, die durchaus zu beachten sind. Jüdische und muslimische Eltern könnten die Operationen, die bisher von Kinderärzten durchgeführt wurden, im Hinterzimmer von mehr oder weniger erfahrenen Beschneidern machen lassen, die die ganze Sache dann schlechter machen, als die Ärzte. Es könnte auch Beschneidungstourimus geben – gibt es in islamischen Bereichen auch schon -, es könnte zu viel schlimmeren Traumata führen. Das ist kein unwichtiges Argument. Und solches ist wirklich zu befürchten. Ich kann auch verstehen, dass muslimische und jüdische Eltern, die ihren Kindern ja vermutlich nichts schlechtes wollen, die die Sache als sinnvolle und religiös wichtige Tradition sehen, verzweifelt und erbost sein dürften. Das ist alles verständlich.
Aber es ändert doch nichts an den Tatsachen, und noch viel weniger an den Menschenrechten. Man muss sich darüber klar werden, dass unsere Menschenrechte nicht vom Himmel gefallen sind, noch viel weniger entstammen sie unseren Religionen – sie wurden und werden gegen erbitterten Widerstand der Religionen erkämpft. Fragt die Homosexuellen, die gestern ein Menschenrecht immer noch nicht eingeräumt bekommen haben, weil die regierende christliche Partei dagegen ist. Wer dem Papst mit Verstand gelauscht hat, der konnte vernehmen, dass genau solche Entschlüsse im Vatikan sehr gerne gesehen werden – denn Menschenrechte für Homosexuelle sind dem Benedetto ein Balken im Auge.
Menschenrechte gehen nur durch Aufklärung. Eine andere Möglichkeit besteht nicht. Und so geht es eben nicht anders, als auch hier aufzuklären, den Menschen klar zu machen, dass sie ihren Söhnen nichts Gutes tun, wenn sie ihm eine erogene Zone abschneiden lassen.
Das ist doch für Piraten nichts Neues oder? Dass wir aufklären müssen?

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 29, 2012 in Nicht kategorisiert und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. +1
    Genau die selben gedanken gehen mir im Kopf rum.

    Einerseits ist die Bescheidung ganz klar Körperverletzung, und zwar eine nicht ganz unerhebliche.

    Andererseits ist es eine lange Tradition – sie zu verbieten würde sehr viele Menschen vergrätzen. Auch wenn dies einer der wenigen Fälle ist, an dem ich den Vorwurf des Antisemitismus und der Islamophobie nicht gelten lasse. Dass nun den Befürwortern des Urteils beides vorgeworfen wird zeigt, dass beides nicht stimmt, denn normalerweise treten diese beiden Vorwürfe nur einzeln auf (oft auch berechtigt m. E.).

    Ein explizites verbot würde zum Beschneidungs-Tourismus und Quacksalbern führen, das können die Piraten auch nicht wollen.

    Neben dem Konflikt Religionsfreiheit/körperliche Unversehrtheit steht noch die juristische Grundsatzfrage im Raum: Was dürfgen Eltern mit ihren Kindern im Rahmen des Sorgerechts alles anstellen?

    In Bezug auf Körperverletzung kommt man sehr schnell zu der Stelle, dass diese in der Regel nach 5 Jahren verjährt. Oft reift aber erst beim jungen Erwachsenen die Erkenntnis, dass er/sie als Kind körperliches Unrecht erfahren hat, und dann ist es für juristische Konsequenzen zu spät.

    Ich denke, dass ist die Stellschraube an der gedreht werden soll. Körperverletzung, die Eltern an ihren Kindern durchführen, dürfen nicht verjähren, jedenfalls nicht so schnell. (Man muss auch irgendwie vermeiden, dass 60jährige ihre Eltern verklagen, die ins Altersheim abgeschoben wurden und deswegen die Kinder enterbt haben).

    Vorschlag: Beschneidung wird erlaubt unter folgenden Bedingungen:

    – Nur durch qualifiziertes medizinisches Personal. Beschneidung durch unqualifizierte Menschen wird explizit verboten.

    – Nur nach einem Aufklärungsgespräch, in dem die Eltern über Komplikationen (Nachblutung, Infektionen) und mögliche Spätfolgen (reduziertes sexuelles Gefühlssleben, etc.) aufgeklärt werden.

    – Durch eine Reform des StGB im o. g. Sinne, dass Körperverletzung duch Eltern nicht vejährt, wird den Kindern ausdrücklich das Recht eingeräumt, die Eltern später zu verklagen. Auch darüber wären die Eltern im Auklärungsgesüräch aufzuklären.

  2. Allein der Überschirft muss ich im vollstem Maße zustimmen. Es fehlt viele Kulturen aber auch in unserer deutschen Kultur an richtiger und vollständiger Afklärung. Dieser Porblematik versucht sich nun ein Autor namens Harri Wettstein anzunehmen. In seinem Buch „Den Geheimcode des Körpers kennen“ versucht er sehr unverblümt aufzuklären, was übrigens auch für Erwachsene von Bedeutung sein kann. Ich möchte das Werk daher gerne an der Stelle empfehlen: http://harri-wettstein.de/

  3. Jeder Weiß, dass wenn ich in ein anderes Land reise, einwandern oder dort leben möchte, dass ich mit den Gepflogenheiten und den rechtstaatlichen Grundsätzen unterzuordnen habe.
    Wenn ich nach Indien gehe, weiß ich, dass dort die Kuh heilig ist, wir schlachten sie in Deutschland.
    Das Grundgesetz beinhaltet ja nicht umsonst den Artikel 2 Absatz 2 Satz 1.
    Wer Jungen aus religiösen Gründen beschneidet, macht sich wegen Körperverletzung strafbar. Dies hat das Landgericht Köln in einem wegweisenden Urteil entschieden. Weder das Elternrecht noch die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit können diesen Eingriff rechtfertigen!

  4. „Menschenrechte gehen nur durch Aufklärung. Eine andere Möglichkeit besteht nicht.“

    Da es leider auch aufklärungsresistente Menschen gibt, kommen wir um das Strafrecht dennoch nicht herum.

  5. Es gibt nur ein einziges Menschenrecht: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn sich ALLE daran halten würden, gäbe es weder Syrien noch die Juden noch die Muslime und der ganze Blödsinn überall auf dieser idiotischen Welt hätte ein Ende..

    Aber leider werde ich nie eine intelligente Zivilisation erleben, sondern nur diesen jüdisch-christlich-muslimischen Blödsinn überall.. (mit einem IQ weit unter 200)

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