Katze im Sack

Eigentlich stand da schon „Nachlese LPT“ als Überschrift, aber mal ehrlich, so was schreibt ja jeder. Und ich habe dazu auch nicht viel zu sagen, wir haben einen guten Vorstand gewählt, niemand ist gewählt worden, den ich nicht auch angekreuzt habe, was will man denn mehr?

Aber es gibt eine Sache, die mich umtreibt, die mich schon vor zwei Parteitagen bei der Listenaufstellung umgetrieben hat, es gibt in zu vielen Köpfen ein altpiratiges „Wir“, das so eingefahren und etabliert ist, dass man sich gerne mal fragt, in welcher Partei man ist.

Im letzten Blogpost hatte ich ja schon darüber gebloggt, dass es da Sachen gab, die ich seltsam fand, dass ich nicht verstehe, wie man ein Zweidrittel-Votum von prominenter Seite geradezu bekämpfen kann. Da gibt es Leute, die sind offenbar so gewohnt, den Ton anzugeben, dass sie sich persönlich gekränkt sehen, wenn ihre Empfehlungen beim Basispiratentum nicht so ankommt.

Nun ging es gestern um den Posten des politischen Geschäftsführers. Und da fehlte im ersten Wahlgang Kerstin Pietsch eine einzige Stimme, damit sie über das Fünfzig-Prozent-Quorum kam, sonst hätte sie den Job gehabt. Im zweiten Wahlgang kam sie locker drüber, aber nun landete ein anderer Kandidat, der von mir sehr geschätzte Klaus Hammer vor Kerstin. Vorausgegangen war unter anderem ein Tweet von Simone Brand, doch Kerstin nicht zu wählen, man wähle da „die Katze im Sack“. Ja, die gleiche Simone Brand, die schon am Samstag als Königsmacherin aufgetreten war, dabei allerdings weniger erreicht hatte.

Ich habe Klaus gerne im Vorfeld unterstützt, als klar wurde, dass er sich für den Vorstand ins Gespräch brachte. Ich fand das eine gute Idee, und das, weil ich Klaus kenne, seine Arbeit im AK Bildung und dem Podcastteam schätze. Kerstin kenne ich nur ein bisschen über Twitter, habe gemerkt, dass sie sich ziemlich reinhängt, bin mit ihr schon seit Monaten per Twitter verbunden und habe sie als Ansprechpartnerin im Nachbarkreis abgespeichert – nein, ich führe keine Listen, ich mach so was im Hinterkopf. Als sie kandidieren wollte, als da die ersten Sachen kamen, habe ich das auch unterstützt – vor allem, weil ich Nachrichten von meinem Stammtisch bekam, unsere Leute in der AG Wahlen fanden das gut – also fand ich das auch mal gut. So funktioniert Netzwerk, ich muss mich auf das verlassen, was mein Netzwerk sagt.

Ich habe beide gewählt, Klaus und Kerstin, und kann nun mit Klaus sehr gut leben, keine Frage. Ein bisschen besser hätte ich es gefunden, wenn es Kerstin gemacht hätte. Die hat mehr Zeit, deren Mittelpunkt ist das Netzwerken und Organisieren, und ich werde Klaus wahrscheinlich bei der Bildung vermissen – und habe abgelehnt, seinen Posten als Koordinator des AK Bildung zu übernehmen. Klaus‘ Mittelpunkt ist halt eher programmatische Arbeit, etwas, wozu die Vorstände einfach seltener kommen.

Ich weiß nicht, wie viel der Tweet von Simone dazu beigetragen hat, dass Klaus im zweiten Wahlgang die Nase vorn hatte. Prinzipiell ist es auch in Ordnung, wenn sie für Klaus trommelt, für Kandidaten trommeln tun wir alle – was mich gestört hat, ist die Art, wie Simone klar gegen eine Kandidatin Front gemacht hat, die den ersten Wahlgang gewonnen hatte, wie gesagt, da hatte eine Stimme gefehlt. Irgendwie halte ich innerparteilich den Wahlkampf gegen eine Person nur dann für gerechtfertigt, wenn jemand dafür klare und stichhaltige Gründe anbringen kann. Habe ich von jemandem rassistische Sprüche gehört, kann ich ihn deswegen angreifen, stellt sich jemand zur Wahl, der am Stammtisch durch Unzuverlässigkeit und Abwesenheit glänzt, dann reiß ich natürlich mein Maul auf und versuche zu verhindern, dass der gewählt wird. Aber nur deswegen, weil eine Kandidatin erst ein gutes halbes Jahr dabei ist? Ein halbes Jahr, in dem sie durch jede Menge Aktivität aufgefallen ist?

Wie spannend finden wir das eigentlich mit der Mitmachpartei? Wie ernst nehmen wir eigentlich die Plattformneutralität? Ist wichtig, so lange es um nichts geht? Wir verzichten auf Delegierte, auf Proporz, wir wollen allen Zugang geben – aber wenn jemand in einer so jungen Partei nur ein Zwölftel der Parteiexistenz Mitglied ist, dann darf er noch nicht gewählt werden? Meine Fresse, wenn die SPD so vorgehen würde, dann müsste man mehr als zwölf Jahre bei denen mitmachen, bevor man einen Posten bekommt … wenn ich es mir recht überlege, vielleicht gibt es da ein ungeschriebenes Parteiengesetz … und wenn das nicht nur für Parteien gilt, ist deswegen der Papst so alt? – Ich schweife ab.

Ich bin ein sogenannter Nach-Berlin-Pirat, ein Neu-Pirat, und dennoch ganz Pirat. Ich habe sogar schon einen Einführungsworkshop für Neupiraten bei uns gemacht – kein Wunder, gibt es doch nicht viele bei uns am Stammtisch, der schon länger dabei ist als ich. Ich mache viel für die Partei, mehr als viele Altpiraten, weniger als andere. Ich arbeite nach meinen Möglichkeiten, und ich hoffe immer wieder, dass möglichst viele genau das auch tun.

Es gibt einige von uns, von diesen Neu-Piraten, die sich in AKs gekniet, AGs unterstützt und Stammtische aufgebaut haben. Die Arbeit aller dieser Piraten wurde nun also mit „Katze im Sack“ heruntergespielt. Von einer unserer Abgeordneten. Ich persönlich ärgere mich darüber, ich finde, das ist einer Abgeordneten nicht würdig – und ich weiß, dass nicht alle 20Piraten so denken, ich habe mit ein paar von ihnen in den letzten Tagen gesprochen – ich dachte, ich sage es gleich mal dabei, bevor ich wieder von Lukas Lamla gemahnt werde, ihn da rauszunehmen.

In Münster, als wir immer wieder gebeten wurden, doch möglichst viele Leute anzukreuzen, damit wir eine gute Liste bekämen, habe ich auch ein Kreuz bei Simone Brand gemacht, von der ich zu dem Zeitpunkt, als ich gerade vier Monate dabei war, noch nie was gehört hatte. Ich habe mich darauf verlassen, was mir andere Piraten sagten, ich habe mich auf den persönlichen Eindruck verlassen, im Gegensatz zu vielen anderen Kandidaten, die ich beim Ankreuzen schon kannte. Wie viele andere Neupiraten, habe ich „die Katze im Sack gekauft“, wie man so unschön sagt. Denn für Neupiraten ist jede Wahl genau das. Wer neu zu einem LPT kommt, der wählt nicht nach Netzwerk, sondern nach eigenem Gespür. Und im Normalfall ist dieses Gespür auch wichtiger und funktioniert besser, als die Frage danach, wie lange wer schon dabei ist. Ich mag ja ein Neu-Pirat sein, aber ich kenne schon mehr als eine Handvoll Alt-Piraten, denen ich kein Amt und kein Mandat anvertrauen würde. Die Höhe der Mitgliedsnummer sagt nichts über die Qualität eines Piraten aus.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 2, 2012 in Piraten, Politik und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. [audio src="http://kraehennest.piraten-wagen-mehr-demokratie.de/audio/Fraktion/SimoneBrand/0032MdLSimoneBrandFragenDerBasis.mp3" /]

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