Wohin geht unsere Partei?

Wenn man sich Piraten so vorstellt, dann kommt so ein Bild von wilden, dreckigen Schiffen, von abgelegenen Stützpunkten ohne Recht und Kultur auf – und nur böseste Zungen würden behaupten, dass unsere Landesparteitage genauso aussehen. Es gibt zwar durchaus ein paar Verhaltensweisen, die bei Nicht-Piraten zu langanhaltendem Kopfschütteln führen müssen, aber  prinzipiell ist der Umgangston meistens eher gesittet, und man merkt den Veteranen, die seit 2009 und länger in der Partei sind, oft an, dass sie sich ein wenig nostalgisch an frühere Veranstaltungen erinnern, die halt irgendwie piratiger waren.

Jetzt war mein erster Parteitag der im Herbst in Soest, der schon in vielem ähnlich ablief wie der letzte in Dortmund, ich kann also nicht wirklich mitsprechen, wenn von früher die Rede ist, aber ich weiß noch wie Soest mir vorkam – das war schon das Eintauchen in eine andere Welt. Ich merkte, wie viele Meme ich schon verpasst hatte, aber ich wusste wenigstens, was Meme sind. Ich wusste schon, wie man Twitter bedient, ich war als Rollenspieler und Geek unter vielen gleichgesinnten, nach kurzer Zeit verstand ich die Sprache.

Als Regelfuchser bei Rollenspielen kam ich schnell mit GO-Antrag und ähnlichem klar – und ich habe bis heute das Gefühl, dass wir da ein großes Rollenspiel angefangen haben, in dem wir Politiker spielen. Für mich war es vielleicht eine besondere Situation, ja, ich war Neupirat, und nach dem, was man von manchen hört, werde ich das wohl auch für immer bleiben, da ich nach der Berlinwahl eingetreten bin – da kannst du auch in der Partei machen, was du willst – aber ich hatte immerhin so viel Geekiges an mir, konnte auch das Nerdige der anderen soweit verstehen, dass ich mich sehr schnell heimisch fühlte.

Am heimischen Stammtisch sah es anders aus. Da gibt es viele Mitglieder, die keine Ahnung haben, warum sich jemand für Fisch bedankt. Und wenn man jemandem einen Int-Buff wünscht, dann schaut der vermutlich noch mehr so, als ob er einen nötig habe. Vieles, was zu der Kultur des Internets – die ja unsere Parteikultur stark beeinflusst – gehört, ist auch verdammt vielen Mitgliedern unbekannt. Und heute, wo wir doppelt so viele Piraten sind, wie zu dem Zeitpunkt, als ich Neupirat eingetreten bin, ist die Quote derer, die noch verstehen, dass Plattformneutralität 42 ist – also die Antwort auf alle Fragen – recht klein geworden.

An der innerparteilichen Kultur wollen und müssen wir arbeiten – aber diese Arbeit sollte weder bedeuten, dass jeder Neupirat erst mal Douglass Adams und Terry Pratchett lesen muss, oder ein paar Runden D&D, DSA oder Vampire nachholen muss – oder nen Warri auf 85 leveln – sucht euch was aus – , noch darf sie bedeuten, dass die Mems und – entschuldigt – Spinnereien aufhören dürfen.

Ich habe immer mehr das Gefühl, dass wir Professionalität suchen, und dabei Originalität, Kreativität und Spaß verlieren. Wir machen es uns vielfach zu einfach. Wir wollen professionell sein, und deswegen passen wir uns an, anstatt den harten Weg zu gehen, und die anderen Parteien uns anzupassen. An der Stelle muss ich einschieben, dass ich schon merke, dass die anderen Parteien aufgeschreckt sind, ich spüre die Echos unserer Arbeit, und ich merke, dass unsere 20Piraten so gute Arbeit machen, dass die Etablierten uns langsam aber sicher ernster nehmen. Aber in Details merkt man immer häufiger, dass zu viele sich darin gefallen, eine seriöse Partei zu sein.

Man soll doch gefälligst aufpassen, was man sagt, auf die Außenwirkung achten – so weit sind wir schon. MdLs wird gesagt, sie sollen nicht den halben LPT knuddeln, wie sähe das denn aus? Der neue Landesvorsitzende soll keine flapsigen Bemerkungen machen! Wir sind angetreten, um die ganze Scheinheiligkeit, die ganze Verlogenheit zu bekämpfen, und jetzt achten wir schon selbst auf die Außenwirkung?

Als ich zum ersten Mal gehört habe, man solle unbedingt bei uns eintreten, für 36 Euro könne man kaum woanders so viel Spaß haben, konnte ich nur zustimmen. Ja, wir sind ein oft sehr ernst diskutierender Haufen, ja wir streiten uns, aber dadurch, dass wir kaum Hierarchie kennen, und uns meistens auch nicht zu ernst nehmen, haben wir oft wirklich viel Spaß. Manchmal nennt man uns eine Spaßpartei und meint damit, man müsse uns nicht ernst nehmen. Ganz ehrlich, ich möchte, dass wir eine Spaßpartei bleiben, in denen die lobbyistische AG Waffenrecht mit einer AG Kriegswaffenrecht gekontert wird, die zum Flakschießen einlädt, ich möchte, dass wir weiterhin Bällebäder aufstellen, uns um Mateversorgung streiten – ich trink das Katzenpipi trotzdem nicht – ich möchte, dass Trolle mit „ROFLCOPTER GTFO“ von der Mailingliste gejagt werden, oder meinetwegen auch mit „Geh sterben, du Spacko“. Ich möchte Flausch und Katzencontent, ich möchte zu einer Partei gehören, in der die meisten Vernunft und politische Intelligenz mit einem gesunden Maß an Verrücktheit kombiniert.

Normalerweise bin ich niemand, der große Forderungen stellt, ich mach lieber, ich arbeite für die Partei, ich streite und manchmal spinn ich auch, aber eine Forderung hätte ich schon: Bitte, lasst uns die Politik ernst nehmen, lasst uns unsere Arbeit ernst nehmen, aber NIE UNS SELBST! Wir waren doch die, die sich selbst überflüssig machen wollten, oder? Wir waren doch die, die die Menschen ernst nehmen wollten, und nicht uns selbst, oder?

Also lasst uns gute Arbeit machen, jeder, und jeder nach seiner Façon! Und bitte, ja, wir müssen alle Kompromisse eingehen, ja, wir sind immer redebereit – aber es gibt genug Sachen, zu denen wir auch mal etwas mehr die Klappe aufreißen sollten. Ich möchte nicht Mitglied einer Partei sein, die braver wird, verspießert …

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 6, 2012 in Piraten und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. „die lobbyistische AG Waffenrecht“ – du wirst auch nicht müde uns immer wieder in die Pfanne hauen zu wollen, oder? Wenn du selbst Sachlichkeit einforderst, dann bleib auch bitte du sachlich. Mit solchen Aussagen disqualifizierst du dich mehr und mehr.

    Andere Sache: Bist du denn heute Abend wenigstens im dicken Engel dabei, um dich mit der „lobbyistischen AG Waffenrecht“ auseinander zu setzen? Warum gehst du im LQFB nicht auf Anregungen ein?

    Aber nochmal was zum Beitrag selbst:
    „An der innerparteilichen Kultur wollen und müssen wir arbeiten – aber diese Arbeit sollte weder bedeuten, dass jeder Neupirat erst mal Douglass Adams und Terry Pratchett lesen muss, oder ein paar Runden D&D, DSA oder Vampire nachholen muss – oder nen Warri auf 85 leveln – sucht euch was aus – , noch darf sie bedeuten, dass die Mems und – entschuldigt – Spinnereien aufhören dürfen.“

    Das fordert auch niemand von „euch Neupiraten“, was ich persönlich mir von jedem Piraten wünsche sind die Einhaltung folgender Grundsätze (stolen from @supaheld):

    – Jeder Mensch ist gleich, jeder hat dieselben Rechte. Niemand wird aufgrund von irgendetwas diskriminiert.

    – Wir stehen für ein möglichst frei gestaltbares Leben aller Menschen. Für eine Gesellschaft sind Regeln notwendig, aber minimal zu halten, um niemanden in seiner Entfaltung zu stören.

    – Wir sind eine Solidargemeinschaft. Die Stärkeren helfen den Schwächeren.

    – Grundrechte werden geschützt und gestärkt.

    – Politische Prozesse und Entscheidungen sind jederzeit möglichst offen und transparent zu gestalten und Betroffene und Interessierte so weitgehend wie möglich zu beteiligen.

    – Wir verstehen uns als eine weltweite Bewegung.

    Das sind mal die Grundsätze der Partei gewesen. Ob sie das noch sind? Ich weiß es nicht.

    Deswegen bin ich auch „noch Pirat“. Und deswegen schrecke ich bei jeder LQFB Initiative und jedem Programmerweiterungsantrag, der das Wort „Verbot“ enthält so auf.

  2. Ich sage dazu einfach nur: „We’ll never stop living this way“ und die Chance ist eher höher, dass die Nerdquote im Laufe der Zeit zunimmt, da schließlich mehr und mehr Leute auch mit dem Netz groß werden und dort schnell sich mit Memen auseinandersetzen (müssen).

    Die Verstellung, die Anpassung kommt aktuell durch den Zustrom „normaler“ Menschen, die diese Dinge eben nicht kennen – die Frage ist nur: Passen wir uns an oder passen sie sich an? Vermutlich, wie so oft, trifft man sich irgendwo in der Mitte.

    Das Menschenbild, das Ideal der Piratenpartei fällt nicht so einfach – dementsprechend werden auch weiterhin die Inhalte über der Form stehen, wie es sich auch gehört.

    Sollte das anders sein, muss man die Leute drauf hinweisen. Es ist ein Teil unseres Regelwerks, nicht wahr? 😉

  3. Ich machs kurz: ich stimme dir zu, ein bisschen verrückt gehört dazu. Umgekehrt will ich aber auch was von Folklore und und Spaßaussagen weg, denn damit will ich mich in Diskussionen mit anderen Menschen nicht mehr die ganze Zeit beschäftigen. Das hatte ich schon sehr viel!
    Ne muntere Mischung und darauf einen pangalactic gargle blaster 😉
    Udo Pütz aka Upuetz aus Aachen

  4. Ich bin selber kein Parteimitglied, habe aber in meinem Umfeld einige Mitglieder durch die ich regelmäßig mitbekomme, was bei euch so läuft.

    In meiner Wahrnehmung schafft ihr es lustig und flauschig zu sein und euch selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ihr schafft es aber auch produktiv und konstruktiv für eure Vision einer Gesellschaft einzutreten. Ich kenne euren Selbstanspruch nicht, aber aus meiner Sicht macht es Spaß euch dabei zuzusehen wie ihr Politik macht. Und das ist ist durchaus ungewöhnlich.

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