„Meine Tochter soll nicht sehen, wie sie Feuer in den Mund nehmen!“

Jetzt mag mancher sich wundern, wie eine solche Überschrift zustande kommt, aber es ist erklärbar. Am Mittwoch besuchte ich meine Nichte im Krankenhaus, und wenn man so etwas über einen Großteil des Tages macht, dann wird man auch mitgeschleppt, wenn ein Clown in die Kinderklinik kommt. Der entpuppte sich als eine Allroundnummer aus Jonglage, Zauberei, Modellierballongeknete und ein paar harmloser Fakirnummern.

Und damit wäre das Zauberwort ja schon gefallen. Der nette Mensch ging über ein paar Scherben und fing dann an, ein bisschen mit Feuer herumzuspielen, Heiß-Epillieren der Unterarme, solche Sachen, und wollte dann auch Feuer schlucken. Ein bisschen Nervosität war aufgekommen, aber die war nicht bei den Kindern, die war beim Pflegepersonal, das gespannt auf das Auslösen des Rauchmelders wartete.  Das kam aber nicht, sondern ein heldenhafter Vater rettete sein Kind aus dem Publikum. Sein Töchterlein, so sieben oder acht Jahre alt, schätze ich, und durchaus sehr aufgeweckt – ich hatte die beiden vorher schon mal kurz mitbekommen – durfte nicht zusehen, wie sich ein Feuerschlucker Feuer in den Mund steckt. Dafür musste der Vater den Clown erst mal in einer Feuernummer lautstark anmachen – was dann wirklich eine Gefahr ist, denn bei feuernummern will NIEMAND unterbrochen werden – und dann seine Tochter, die ihren Vater mit einem fast resignierenden Blick ansah, vom Ort des Spektakels wegzerren.

Dass der Clown frustriert die Feuerspielerei sofort beendete, erklärt sich von selbst. Etwas fahrig ging er zu den Modellierballons über, und man durfte schon ein bisschen Mitleid mit der weggezogenen Tochter haben, die den Rest des Tages zusehen durfte, wie andere Kinder mit Tierchen, Blumen oder Säbeln über die Flure stolzierten.

Ich war übrigens ganz kurz davor, dem Vater eine Szene zu machen. Erstens, weil ich natürlich ein Herz für den Auftrittskünstler hatte. Verdammt, so eine Show vor kranken Kindern ist echt keine einfache Sache. Jede Feuernummer ist eine Sache, bei der man konzentriert sein muss, und für so einen Auftritt dieses stieseligen Vaters hätte der Clown auf jeden Fall dringend Schmerzensgeld verdient. Und zweitens, was erlaubt sich dieser Idiot eigentlich? Sein Kind um eine kleine zauberhafte Szene zu bringen? Seine Tochter um das Staunen zu bringen, das Prickeln, das mit Illusion und Feuer unmittelbar verbunden ist.

Ich frage mich an so einer Stelle gerne, was wohl die Motivation ist? Will der Typ seine Tochter wirklich beschützen? Wenn ja, wovor? Dass sie das nachmacht? Hm, die Kleine wirkte nicht für zwei Cents dumm. Ich habe auch noch nie davon gehört, dass das irgendwer nachmachen will … und wenn ein Kind es doch versucht, der Versuch wird einige Zentimeter vor dem Mund stoppen, denn es ist heiß! Das spürt kind auch …

Für mich ist diese dämliche Szene einfach ein Beispiel dafür, wie unsinnig wir heute mit dem Nachwuchs umgehen.  Kinder bekommen kaum noch Möglichkeiten, mit ihren Gefühlen umzugehen, weil ja immer die Eltern da sind, die ihnen alle Gefühl abnehmen. Aber sie müssen als Kinder lernen, was gefährlich ist, was spannend ist, wo man die Luft anhält und auch was Frustration und Langeweile ist.

Am gleichen Nachmittag fragte meine Nichte erstaunt, wieso ich mit einem dämlichen Plastikpaddle einen Flummi in der Luft halten kann … weil ich mich einige hundert Mal nach einem Tischtennisball gebückt habe, weil man durch den Frust durch muss, damit man was lernt. Wenn wir unseren Kindern alle Schwierigkeiten abnehmen, werden sie mit ihren zukünftigen Schwierigkeiten nicht umgehen können. Und wenn wir ihnen Faszination und Rätsel geben können, wenn wir ein Leuchten in ihren Augen sehen, dann sollten wir uns davor nicht fürchten, sondern uns mit ihnen freuen und aus sicherer Entfernung zuschauen – und wenn es sich dann verbrennt, dann sind wir ja da und trösten, ist doch auch okay, oder?

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 13, 2012 in Allgemein, Gesellschaft und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Kann ich nur 100%ig zustimmen. Interessant wird dann aber natürlich die Frage: Welchen Anblick kann/sollte man seinen Kindern ersparen.

    Vor Feuerspucken oder -schlucken würde ich meine Kinder höchstens ‚bewahren‘, wenn sie Angst bekämen. Was ist mit toten Tieren? So am Straßenrand, oder so. Das finde ich mal schwierig, manch Anblick kann bei einem kleinen Kind schon schockieren.

    Wobei, ich rede jetzt aus der Perspektive eines Vaters einer Vierjährigen, ich denke oder hoffe doch, dass mein Kind mit sieben oder acht auch da nicht mehr vor bewahrt werden muss. 🙂

  2. Ich möchte gerne auf folgende (rhetorische) Frage von dir eingehen. „Was erlaubt sich dieser Idiot eigentlich?“.

    Ich finde keine Grundlage um das Verhalten des Vaters objektiv zu bewerten. Im Grundgesetz steht (Artikel 6, Absatz 2): „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern(…)“ Der Vater kann sich in diesem Zusammenhang „erlauben“ sein Kind aus dem Geschehen zu entfernen. Aber ist sein handeln richtig?

    Gibt es hier überhaupt eine objektiv richtige Handlung? Ich weiß es nicht. Du bist da offensichtlich anderer Meinung als er und ich neige dazu deinen Standpunkt ebenfalls zu vertreten, aber wir müssen damit leben, dass andere Menschen anders sind und wieder andere Menschen zum Nachwuchs haben. Es steht uns aber natürlich trotzdem frei uns darüber aufzuregen ^^.

    Gerade bei Erziehungsfragen fällt es mir, auch im Freundeskreis, oftmals nicht leicht mich zurückzuhalten. Aber ich mache keine Szene. Schließlich ist das nicht mein Kind und ich bin nicht sein Erziehungsberechtigter. Die Eltern haben das Recht ihre Kinder so zu erziehen, wie sie es für richtig halten. Ob mir das passt oder nicht.

    • Ja Nayru,
      alles richtig … ich habe ja auch keine Szene gemacht, sondern lieber hier rumgerantet … macht mehr Spaß, man bekommt nicht aufs Maul – höchstens per Comment – und natürlich hofft man, dass man ein paar Leute erreicht, die dann selbst bei der Erziehung ihrer Kinder ein bisschen cleverer vorgehen 😉

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