Religionsfeindlichkeit, Religionsfreiheit und warum wir über Vorhäute sprechen …

Seit Tagen reden wir über Beschneidungen, ich auch, ich habe dazu gebloggt, mich hier und da an den Diskussionen auch beteiligt. Mir ist auch eine gewisse Religionsfeindlichkeit zugesprochen worden – und ich muss da auch ehrlich sein, meine Ideen sind zumindest selten religionsfreundlich.  Als jemand, der einst Philosophie studiert hat, stehe ich total auf Aufklärung und frage mich manchmal, was eigentlich mit der Menschheit passiert ist, dass wir heute in der Breite der Gesellschaft noch lange nicht so weit sind, wie einige griechische Philosophen schon vor über zweitausend Jahren.

Schon die Vorsokratiker haben damals verstanden, dass Götter nur menschliche Projektionen sind – und ich finde es einigermaßen surreal, dass das auch in unserem Wissen Eingang findet. Natürlich wurden die Blitz-und-Donner-Götter der Germanen und Römer von Menschen erdacht, die sich Wetterphänomene erklären wollten. Etwas, was für den Windgott Jahwe, der von seinem Pantheon als letzter übrig blieb, natürlich nicht gilt. Über Wasser gehen, sprechende Schlagen und brennende Büsche, Wasser in Wein verwandeln und wie ein Zombie aus dem Grab zurück kommen – das nehmen dann irgendwie viele Menschen unserer Zeit und unseres Ausbildungsgrades so hin. Das macht mir Kopfschmerzen. Ich mag Fantasy, aber ich muss doch zwischen der Wirklichkeit und der Fantasy unterscheiden können.

Ach, die Leute glauben da nicht dran? Es ist ja alles nur symbolisch? Nun, es gibt genug, man könnte auch sagen viel zu viele, die auch an den Teil mit den Wundern glauben. Welt in sieben Tagen geschaffen, klar, sprechende Schlange, Check, zum Himmel auffahren, Check – wer das macht, den kann ich bis zu einem gewissen Punkt verstehen. Man hat oft genug gehört, dass der gesegnet ist, der geistig arm ist, dass man sich aus dem logisch-naturwissenschaftlichen Bereich einfach abgemeldet hat. Das ist höchst konsequent, und man sagt mir nicht zu Unrecht eine gewisse Kompromisslosigkeit nach, ich kann das in so weit nachvollziehen. Ich kann mit solchen Menschen nicht viel Zeit in einem Raum verbringen, aber die Konsequenz finde ich in Ordnung.

Viel schwerer komme ich mit den Halb-Gläubigen klar. Mit denen, die natürlich keine Kreationisten sind, natürlich wissen, dass der brennende Dornbusch genauso ein Symbol ist, wie die Schnellkelter, die aus Wasser Wein gemacht haben soll. Wichtig ist ja, so hört man dann, die ethische Grundaussage der Religion. Und wenn man dann nachfragt, ob denn die Auferstehung auch nur ein Symbol ist, dann wird es unangenehm. Also nicht für den Fragenden, sondern für den, der fieberhaft nach einer Antwort sucht.

Letztlich ist es ja so einfach. Entweder man nimmt für sich an, dass an diesem Gott irgendwas dran ist, dass es diesen Jesus wirklich gegeben hat, und spätestens, wenn man sich als Christ bezeichnet, sollte man dann auch den Rest schlucken, so schwierig das sein mag. Denn die logische Kette ist doch klar. Wenn das Wunder xy nur dafür in die Bibel geschrieben wurde, weil das in der Antike halt so Usus ist, dann muss man eben weiterdenken, dann ist die Auferstehungssache eben auch nur etwas, was in die Bibel geschrieben wurde, weil man ein Ziel verfolgte – also weil die Autoren der Bibel damit ein Ziel verfolgten, oder noch genauer, weil die Geschichtenerzähler, die diese Geschichten erzählten und überlieferten, damit Ziele verfolgten – natürlich, so muss man dann konstatieren, ist die Auferstehungssache ein Symbol. Und was, das muss man dann fragen, was ist dann mit diesem Gott?

Die meisten gläubigen Christen – ich maße mir nicht an, in dieser Hinsicht ein Urteil über andere Religionen zu fällen, kann mir aber vorstellen, dass es da ähnliche Gedankenketten gibt -, kommen in ihrem Umgang mit dem Glauben auch ein paar Schritte weit auf der logischen Bahn. Und bleiben dann irgendwo stecken. Da plädiere ich einfach für Konsequenz – entweder gar nicht anfangen zu denken, so wie Kreationisten und andere Fanatiker, oder richtig denken, dann muss aber auch klar sein, dass das Konstrukt Gott eben genau das ist, ein Konstrukt und sonst nichts.

Bin ich nun religionsfeindlich? Nein, eher voll Unverständnis. Und ganz selbstkritisch, ich reagiere manchmal wahrscheinlich recht stark, weil ich selbst mal geglaubt habe, oder besser, weil ich selbst mal glauben wollte – was ich nie so ganz geschafft habe. Ich verstehe das mit dem Glauben nicht so recht. Vielleicht mag ein Psychologe hier mehr erklären können, aber das bin ich nicht.

Aber das ist auch okay. Jeder kann an alles Mögliche glauben. Das ist durch Religionsfreiheit gedeckt, kein Problem. Ich glaube auch an ein paar seltsame Sachen. Zum Beispiel, dass es gut für Menschen ist, mal auf einer Bühne gestanden zu haben – beweisen kann ich das auch nicht, aber daran glauben, das tu ich voll Inbrunst. Hingegen glaube ich nicht, dass es keinen Gott gibt. Ich bin mir so weit sicher, wie die Wahrscheinlichkeitsrechnung es zulässt. Man darf nie vergessen, Atheismus ist keine Ersatzreligion. Ich hänge mir kein Kant- oder  Nietzsche-Bildchen auf und zünd da eine Kerze vor an.

Jetzt will ich aber noch auf eine Frage eingehen, die sich aus der Überschrift ergibt. Warum ist denn jetzt die Vorhautfrage gerade unter den Atheisten so eine große Sache? Nun, es sind ja viele Männer, die in dieser Frage empört sind, und sich engagieren. (Ist übrigens logisch, in Sachen Mädchenbeschneidung waren es ja auch vor allem Frauen, die sich engagiert haben) Die meisten dieser Männer sind im Besitz ihrer Vorhaut und freuen sich daran. Und sie haben einen schon körperlich zu nennenden Schmerz, wenn sie sich vorstellen, wie es ist, in diesem Bereich irgendwas abgeschnitten zu bekommen. Sie wissen, das ist ein Eingriff, der mit viel Qual, Peinlichkeit und Schmerz verbunden ist – und deshalb wollen sie kleine Jungen davor bewahren. Ja, es gibt auch Nazis, die sich auf der Seite der Beschneidungsgegner einmischen, und deren Hilfe braucht niemand – allerdings denken die auch wirklich nicht zu Ende, da sie mit ihrem Einsatz ja Kindern helfen würden, die sie auf der anderen Seite für minderwertig halten – völlig bescheuert.

Der Grund dafür, dass es insbesondere Atheisten und Agnostiker sind, die gegen Beschneidung argumentieren ist aber noch besonders. In unserer Gesellschaft fällt man nicht als Atheist vom Himmel, jeder wird mit Religionen konfrontiert, jeder muss für sich den Denkvorgang durchlaufen, den ich oben geschildert habe. Ist das einmal geschehen, dann kommt einem der Brauch, kleinen Jungen ein Stück Haut, am besten noch ohne Narkose, zu amputieren, einfach so widersinnig vor, so mittelalterlich, dass man das nicht einfach so hinnehmen kann.

Ich bin übrigens recht sicher, dass es niemandem darum geht, Kinder aus ihrem Umfeld zu holen, Eltern streng zu bestrafen oder ähnliche Schreckgespenste, die manche nun innig beschwören. Es geht um die Bewusstmachung, dass da mit Menschen etwas Falsches gemacht wird, und dass man das auch so benennt. Unmündige aus religiösen Gründen zu verstümmeln, das kann nicht von irgendeiner Religionsfreiheit gedeckt sein.

Stelle ich damit die Religionsfreiheit in Frage? Nein, zumindest nicht in erster Linie. Ich bin allerdings der Meinung, dass Religionsfreiheit oftmals ausgenutzt wird. Ich habe keine Probleme damit, wenn Menschen beten, wenn sie in Kirchen gehen, oder wie ihre Versammlungsorte sonst heißen, und dort ihre Gottesdienste, Freitagsgebete oder Sabbatfeiern abhalten. (Auch wenn ich als Geek und Vampire-Rollenspieler bei Sabbat immer aufhorche) Ich habe mit einer anderen Sache meine Probleme. Erstens mit dem politischen Einfluss der Religionen. Ob in der Bibel irgendwas von Homosexuellen steht, ob da irgendwas von der Ehe steht, das gibt niemandem das Recht, anderen Menschen – in diesem Fall Homosexuellen – das Recht abzusprechen, wie sie wollen zusammenzuleben und Kinder zu erziehen, Kinder auch zu adoptieren. Wir sollten da einfach ethischen Grundsätzen folgen, und mittelalterliche Moral da lassen, wo sie hingehört – Vatikan oder so …

Die zweite Sache ist Mission. Macht mir übrigens das Judentum sehr sympathisch, dass die nicht missionieren, sollte auch gesetzlich verboten werden. Missionierung bedeutet, anderen seine Religion in den Kopf hämmern, egal ob derjenige will oder nicht. Ich verstehe nicht, wie man denen, die in ihrer eigenen ursprünglichen Kultur leben, die eigene Religion aufstempeln kann und darf. Christliche Missionare haben schon so unglaublich viel Schaden angerichtet. Und dürfen Parteien eigentlich für ihre Werte nicht an Schulen werben, der Religionsunterricht ist aber im  Grundgesetz einbeschrieben, da stimmt doch was nicht. Und warum stehen überall diese großen Schrifttafeln, das Jesus mein Richter wäre, und ähnliches. Warum darf da Menschen einfach so Angst gemacht werden?

Ich will niemanden wegen seines Glaubens diskriminieren, aber ich möchte auch nicht mehr als Nichtgläubiger diskriminiert werden.  Wenn das nicht mehr mit Religionsfreiheit begründet werden darf, erst dann sind die Nichtreligiösen gleichberechtigt. Von daher – ja, manchmal habe ich mit der Religionsfreiheit meine Probleme.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juli 26, 2012 in ethik, Gesellschaft, Kultur, Politik und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Ich bekenne mich zu meiner Religion und der Werte, hinter denen ich stehe. Aber……. das Recht auf alle Bildungsmöglichkeiten muss jeder haben, ob Atheist oder eben nicht. Bei 5 Bekenntnisschulen im Umkreis brachte ich auf einer Podiumsdiskussion mal an, dass staatliche Schulen vorgehen und bei Bedarf die Bekenntnisschulen „beschnitten“ werden müssten……oh , dass war falsch „diese Forderungen gab es doch schon im dritten Reich!“ Wurde mir entgegengebracht. Ich ein Nazi , oh Gott !

  2. Ich bin ein gläubiger Christ, der die ethischen Werte wie Nächstenliebe, die das Christentum verkörpert, in den Vordergrund stellt. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und verweise auf Rudi Dutschke und dessen Aussagen zum Verhältnis von Christentum und Sozialismus (beides Begriffe, die man mit ideologischen Dogmen verbindet, deren positive Aspekte von „Aufgeklärten“ aber oft außer Acht gelassen werden).
    Karl Marx sagte einmal, Religion sei Opium für das Volk. Da gebe ich ihm Recht, allerdings ist Opium in seinem eigentlichen Sinne eine Medizin und wird lediglich als Droge missbraucht. Ich denke, mit der Religion verhält es sich ähnlich.
    Man muss immer unterscheiden zwischen einer politischen Ideologie oder einer Religion und dem, was deren Anhänger daraus machen. Man muss nicht in die Kirche gehen, um ein guter Christ zu sein, und man muss auch nicht alles glauben, was in der Bibel steht. Genauso schätze ich Marx als guten Philosophen, bin deshalb aber kein Marxist, da mir durchaus bewusst ist, dass manche seiner Thesen überholt sind.
    Wenn man sich auf diese Weise mit der Theorie beschäftigt, grenzt man sich bereits von Linksradikalen ab, die unkritisch sämtliche Positionen übernehmen, was natürlich einfacher ist. Genauso grenze ich mich auch von Fundamentalisten ab, indem ich erkenne, dass ein Großteil der Bibel symbolisch ist.
    Ich sprach vor kurzem mit dem Vater eines Waldorfschülers über dieses Thema und er sagte, dass auch Rudolf Steiner irrsinnige Thesen aufgestellt habe und man immer am besten verfährt, wenn man sich die Stellen raussucht, die man unterschreiben kann.
    Das ist nämlich genau das, was Philosophen seit Jahrhunderten machen: Sie bauen auf Theorien anderer Philosophen auf und entwickeln diese weiter zu einer eigenen Theorie (Gut, dass philosophische Thesen nicht urheberrechtlich geschützt sind).
    Grüße Yannik

  3. Manfred Frank

    Nun, Sie erscheinen mir schon religionsfeindlicher zu sein, als Sie zugeben. Aber darin sehe ich kein Problem Mir gefällt nur dieses Messen mir zweierlei Maß nicht so recht. Natürlich dürfen Sie, dürfen andere religionskritisch, ja sogar religionsfeindlich sein. Na und? Das ist ein Grundrecht, als ob man darüber überhaupt diskutieren müsste. Und wer glaubt, dass es dazu in unserem Land eines besonderen Mutes bedürfe, ist eigentlich nur zu bemitleiden. In der Welt gab es schon immer sehr viel Opportunisten. Waren diese früher eher religiös, weil dies Mainstream war, so finden wir sie heute wohl eher auf der anderen Seite. Wie schon gesagt, gegen Kritik ist nichts einzuwenden. Doch ich finde sie so selten. Und wenn, dass erscheint diese nur ein kümmerlicher Ansatz zu sein, um seine Schmäh-, Schimpf- und Beleidigungsorgie loszutreten.
    Wenn Kritik in Wahrheit nicht das Problem ist, dann frage ich mich: Dürfen nun im Gegenzug religiös denkende Menschen nicht ebenso gesellschaftskritisch sein? Seltsam, an dieser Stelle wird dann immer schnell von Einmischung und Bevormundung usw. gesprochen. Wenn atheistisch denkende Politiker ihren Einfluss nutzen, um für Kirchen unangenehme Gesetze durchzusetzen, dann ist das völlig normal und legitim. Piraten tun dies permanent. Wenn religiös denkende Politiker das Gleiche tun, dann ist das plötzlich unzumutbar. Würden sich Kritiker des Atheismus der gleichen Sprache bedienen, wie es Kritiker der Religionen tun, wären deren Kommentare gleichfalls so gespickt mit intellektueller Herabsetzung, Häme, Beleidigung wie kirchenkritische Kommentare, vielleicht hätten wir dann eine Flut von Beleidigungsprozessen an der Hand. Es ist Schade, dass es gerade bei diesem Thema keine wirkliche intellektuelle Auseinandersetzung gibt. Wie sollte es diese aber geben, haben doch – zumindest Sie – bereits beschlossen, dass der Gesprächspartner intellektuell nicht auf Ihrer Höhe ist. Übrigens: früher nannte man eine solche Haltung arrogant. Doch ich habe gelernt, dass sich Arroganz und echte Intelligenz wenig vertragen. Sollte es bei Ihnen anders sein?

    Manfred

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