Wie ich mir Transparenz vorstelle – Nachtrag zu „Poltikerverdruss“

Ich habe ja schon einen ganzen langen Blogpost dazu geschrieben, dass ich eigentlich noch eine Menge mehr Transparenz fordere, als das bisher der Fall ist – und das übrigens bei allen Fraktionen, die die Piraten bisher haben. Ich bin NRWler, und NRW hat auch die größte Fraktion, was für mich bedeutet, dass da auch am ehesten die Möglichkeiten bestehen, die man so braucht.

Inzwischen kam mir sogar die ketzerische Idee, dass das Erklären von Politik so sehr die vornehmste Aufgabe einer Piratenfraktion sein muss, dass die erste Legislaturperiode piratigen Wirkens nicht verloren wäre, wenn man nur das schaffen würde. Jetzt mal ehrlich, gegen eine fest im Sattel sitzende Koalition lässt sich ja nicht so viel tun,  wenn die Piratenfraktion quasi als trojanisches Pferd der Bürger im Landtag säße, man verstehen lernen würde, was da passiert, und alles das gut erklärt als Angebot an die Bürger raus geben würde, hätte man schon eine riesige Menge geschafft. Und vermutlich würde man damit auch eine Menge ändern.

Es geht um ein Schaffen von Gegenöffentlichkeit. Im Moment hat man an manchen Tagen das Gefühl, die Abgeordneten würden irgendwo eine Tabelle führen, wer wie viele Pressemitteilungen herauszubringen schafft. Man sei mir nicht böse, aber das wirkt manchmal so, als ob Kinder um die Aufmerksamkeit der Erzieherin buhlen. Aber die Presse interessiert sich gar nicht so richtig für uns, in den meisten Medien kommt die Fraktion kaum vor, und das obwohl doch fast täglich Pressemitteilungen heraus gehen. Dabei sind wir doch Piraten, die Leute, die im Internet zu Hause sind. Die, die wissen, was man mit Blogs und Podcasts, mit Youtubevideos und Verlinkungen bei Twitter und Facebook so erreichen kann. Also sollten wir dröge Pressemitteilungen mit viel Politsprech an den Rand unserer Aufmerksamkeit schieben, und uns auf das konzentrieren, was wir besser können. Manchmal glaube ich, irgendwer hat gesagt, wir müssten jetzt eine seriöse Partei sein, so mit „professionell“ und so, und müssten deswegen genauso langweilig sein, wie die anderen. Ich sehe die Notwendigkeit dafür nicht.

Ein erster Schritt wäre, dass das Bloggen der einzelnen Abgeordneten mal gesammelt würde – ich folge dem Twitteraccount, ich folge dem G+-Account, aber ich finde dort nicht die Blogposts der MdLs. Ein zweiter, dass sich alle Mitarbeiter und MdLs überlegen, wie sie die Themen, die sie eh gerade bewegen, möglichst einfach und auch gar nicht in bücherfüllenden Standardwerken den Bürgern erklären können, und dabei ist es dann egal, ob sie das in Podcastform, in Blogs oder in Videos tun.

Am sinnvollsten wäre das mit Unterstützung von Mitarbeitern, die auch wirklich nur dafür da sind. Leute, die technisch unterstützen können, indem sie eine Kamera halten, oder einen Podcast schneiden, die aber auch aus einem Gespräch das wichtigste herausziehen können, und daraus einen Blogpost extrahieren, der nicht nur informativ ist, sondern auch noch gut lesbar.

An dieser Stelle muss ich noch eine Befürchtung äußern. Es gibt eine Sache, auf die ich oftmals allergisch reagiere, ja, die ich unsympathisch finde – auch bei mir, wenn sie mir passiert -, es gibt Menschen, die sich selbst zu ernst nehmen. Ich finde es gut, wenn man andere Ernst nimmt, ich finde es gut, wenn man das, was man macht, ernst nimmt, aber ich hasse es, wenn man sich selbst zu Ernst nimmt, und ich befürchte, der eine oder andere in der Fraktion läuft Gefahr, genau das zu tun. Ich hoffeja, dass ich mich irre, aber ich bin mir nicht sicher.

Zurück zum Thema: Die Transparenzbeauftragten dürfen diesen Fehler auf jeden Fall nicht machen, man darf ihnen auch nicht vorwerfen, wenn sie mit Selbstironie spielen. Ich meine, Hand aufs Herz, wenn wir in unseren AKs streiten, an unseren Stammtischen diskutieren, dann hat das doch üblicherweise viel mit Spaß zu tun, oder? Oder denkt dran, was an LPTs so abgeht, denkt an Popcorn oder Synchronsprecher, ja, im besten Sinne sind wir ganz häufig eine Spaßpartei. Und da steh ich auch zu. Und das sollten wir alle tun!

Und ein letztes, die Transparenzbeauftragten sollten Menschen sein, die nicht nur das Vermögen haben, komplexe Dinge einigermaßen einfach zu erklären und Dinge auf ihre Essenz hin abzuklopfen, ihnen sollte das auch in persönliches Anliegen sein. Das soll kein distanziertes Blabla werden, sondern mitreißendes Politikerlebnis. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das möglich ist. Okay, es ist nicht einfach, aber es ist möglich.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 2, 2012, in Piraten, Politik. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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