Hierarchien in der Piratenpartei …

… gibt es nicht. So ist das Ideal, mit dem wir durch die Gegend laufen. Und es hat natürlich mit der Realität nichts zu tun. Es ist wirklich nur eine Idee, die man nicht so einfach umsetzen kann. Vielleicht ist die Biologie dagegen – das wäre das einfachste Argument , vielleicht ist es nicht gewollt, aber wahrscheinlicher haben wir Hierarchien, weil wir nicht darüber nachdenken, wie wir sie bekämpfen.

Wir machen uns ja durchaus zu Recht einigermaßen lustig über die Altparteien, bei denen ein kleiner Zirkel sagt, in welche Richtung es geht, und dann geht es auch in die Richtung. Wir wollen über alles ein bisschen mehr streiten, wollen Meinungen an der Basis generieren, in Arbeitskreisen, in denen sich jeder engagieren kann, egal woher er kommt. Und trotzdem entsteht ein komplexes Geflecht von Hierarchien. Es gibt da gewisse Merkmale:

Basis und Amt

Damit hat es angefangen, und es ist noch nicht so lange her, dass Marina Weisband in der Heute-Show erklärte, dass sich die Mitglieder des Bundesvorstandes herunterschlafen müssen, weil die Basis das Sagen hat. Außerhalb der Partei hat man das wahrscheinlich nicht verstanden, aber es gibt da ganz einfache Erklärungen für. Piraten haben ein sehr überdurchschnittliches Misstrauen gegenüber Amtsträgern. Salopp gesagt, halten Piraten die, die sie oft mit großem Vertrauen in Ämter wählen, ab dem nächsten Tag für ziemliche Vollhonks, die irgendwelche Top-Down-Mechanismen anschaffen wollen, und überhaupt alle piratigen Grundsätze schon lange vergessen haben. Das klingt schizophren? Ja, das ist es auch. Aber ich prangere das nicht an, ich stelle es nur fest. Man darf übrigens auch nicht ganz vergessen, dass Ämter eben auch den Fokus auf Personen richten, und man schon mal Leute von Seiten kennenlernt, die einem jetzt auch nicht so gut gefallen.

Mandatsträger

Jetzt könnte man natürlich sagen, dass hier die gleichen Merkmale zu sehen sind, wie bei Leuten mit Vorstandsamt. Das ist aber nicht so.  Die Nummer mit dem Wählen und hinterher völlig vergessen, warum man sie gewählt hat, klar, die passiert hier auch. Aber das Verhältnis der Partei zu ihren Abgeordneten ist noch mal in einigen Dimensionen schwieriger. Erst mal, das sollte ja klar sein, gibt es für die Abgeordneten richtig Kohle, sie geben auch noch einer gar nicht so kleinen Anzahl an weiteren Piraten Jobs, das gibt ihnen eine gewisse Macht – und so was können Piraten gar nicht ab. Wenn man Leute in ein Parlament schickt, dann sind die ihrer Basis quasi täglich Rechenschaft schuldig. Das ist das Gefühl der Basis, und das wird auch häufig genug angemahnt.
Aber da gibt es keine Frage, wer sich auf die Bühne gestellt hat, um auf die Liste gewählt zu werden, der musste sich eigentlich klar sein, dass genau das passieren würde.  Das gehört dazu, dass wir Piraten sind. Wir sind es geworden, weil wir der Politik misstrauen. Viele von uns haben in den ersten Monaten – ich spreche hier gerade von NRW – immer mal wieder angemahnt, dass wir Vertrauen geben müssen, dass wir den MdLs auch Zeit lassen müssen, Forderungen, zu denen ich stehe. Ich frage mich allerdings immer mal, warum diese Forderung schon mal auch aus der Fraktion selbst kommt – das macht immer misstrauisch, Piraten trauen keinem Politiker, der um Vertrauen bittet.

Fraktionsmitarbeiter

Jetzt wird es kompliziert und undurchsichtig. Das liegt erst mal daran, dass man so schlecht im Kopf halten kann, wer denn jetzt alles in welcher Funktion für die Fraktion arbeitet. Die Fraktionsmitarbeiter sind die Leute, die den ganzen Tag Politik machen dürfen, und auch noch dafür bezahlt werden, und wir haben sie nicht gewählt. Das macht die Basis gern ein bisschen kritisch. Fraktionsmitarbeiter sind nah an den Abgeordneten, und manches, was die Basis so will oder nicht will, könnte sehr direkt in ihre Arbeit eingreifen – also schaut man schon mal skeptisch auf diese Mitarbeiter, wenn sie sich einmischen.

Twitter

Eigentlich wäre die Überschrift besser „Vernetzung“, aber am Beispiel Twitter kann mane s so schön deutlich machen. Jeder Pirat ist irgendwie vernetzt, oder zumindest fast jeder. Man hat ja zumindest seinen Stammtisch, seine Crew, seinen KV, man ist in AKs und AGs aktiv, man lernt auf Parteitagen oder Tagen der politischen Arbeit viele Leute kennen. Man vernetzt sich mit den Social Networks, und merkt auf den Mailinglisten, mit wem man kann, und mit wem weniger. Und hier gibt es sehr deutliche Hierarchien. Es gibt Leute, die auf ihren Stammtischen mitarbeiten, sich auch gerne mal am Infostand in den Regen stellen, die aber sonst nicht so viel Zeit in die Partei stecken können oder wollen. Deren Vernetzung reicht meistens nur sehr kurz. Mehr Vernetzung entsteht über mehr Zeit, die man in die Partei steckt. Das kann bedeuten, dass man nächtelang im Mumble herumsitzt – mit ein bisschen Persönlichkeit und Witz kann man da schon eine Menge erreichen -, das kann bedeuten, dass man inhaltlich in AKs arbeitet, oder auch in den AGs zupackt. Außerdem machen einen noch die Arbeit im LQFB bekannt, und vielleicht hilft hier und da auch das, was ich gerade mache – ich blogge in meinem eigenen Blog, keine Parteisache. Und jetzt komme ich auf die quantifizierbare Ebene: Das ist Twitter. Da sieht man nämlich an der Anzahl der Follower, wie gut Leute vernetzt sind. Das ist auch amtsabhängig, natürlich bedeutet die Wahl in einen Landesvorstand oder auf eine Liste immer auch sofortigen Zuwachs an Twitterfollowern, keine Frage. Aber es gibt Leute, die wie zum Beispiel die oben schon zitierte Marina Weisband, die aufgrund ehemaliger Ämter eine riesige Zuhörerschaft haben, es gibt auch andere, wie Udo Vetter, Macher des Law-Blogs, der auch Basispirat ist, aber mit fast vierzigtausend Followern ein erhebliches Publikum mitbringt. Das gilt dann auch noch für einige Leute, die in den Bundes-AGs sehr aktiv sind, oder die aus anderen Kreisen in die Piratenmannschaft gekommen sind. Es gibt viele Möglichkeiten, viele Follower, und damit auch viele Vernetzungen zu bekommen.
Jetzt darf man übrigens davon ausgehen, dass das sehr oft auch damit zu tun hat, dass man vielleicht nicht nur dummes Zeug erzählt, aber da bin ich mir noch nicht total sicher. Vieles ist erst mal und einfach Engagement.

Und was machen wir jetzt mit den Hierarchiemerkmalen?

Wir machen sie uns – hoffentlich – bewusst. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste, dass man sich selbst bewusst ist, über wie viel oder wie wenig hierarchische Merkmale man verfügt, und sich dann entsprechend verhält. Und damit komme ich zu Marinas Argument zurück. Wir sind angetreten, um den Menschen die Politik wieder erreichbar zu machen, und deswegen ist es an uns, die Hierarchien zu zerstören – auch bei uns selbst. Sie existieren aber trotzdem, und wir können sie nur bekämpfen, in dem wir umso bescheidener werden, je mehr Hierarchiemerkmale auf uns vereinigen. Auch wenn das grausam ist, bedeutet das, dass die Basis jederzeit das Recht hat, die mit mehr Hierarchiemerkmalen zu kritisieren, sich das aber umgekehrt fast verbietet – 1).
Ein Beispiel: Bin ich Amts- oder Mandatsträger und nicht mit der Mitarbeit der Basis zufrieden, dann ist das ja legitim, aber zu fordern, ist die falsche Herangehensweise. Man hat sich da mal irgendwann auf eine Bühne gestellt und sich wählen lassen. Das ist eine Bürde, die sich niemand aufbürden muss, die ist freiwillig. Und wenn ich als Amtsträger das Gefühl habe, dass da etwas nicht funktioniert, ist es verdammt noch mal meine Aufgabe, das Problem zu lösen. Das kann auch bedeuten, dass ich hinter Sachen herlaufen muss, dass kann auch bedeuten, ich muss betteln, das ist nervig und Arbeit – und genau dazu haben sich die gemeldet, die diese Ämter übernehmen, wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder. Aber ich muss mir darüber klar sein, ich kann nichts fordern, ich kann nichts befehlen.  2)

Fazit?

Ja, gibt es. Jedes soll sich darüber klar werden, wie viele, wie starke Hierarchiemerkmale es mit sich herumschleppt. Und dann einfach darauf reagieren, überlegen, was Top-Down wäre, und was deswegen vermieden werden sollte.

 

1)      Noch mal, dass das klar ist, ich spreche von Kritisieren, nicht von sinnlosem Bashen! Wenn die Leute mit den Hierarchiemerkmalen nur mit Scheiße beworfen werden, hilft das gar nichts, darüber sollte sich jeder in der Basis klar sein!

2)      Das bedeutet übrigens NICHT, dass die Basis nicht auch mal Anerkennung zollt, oder besser zollen sollte,  für die armen Irren, die sich diese Posten aufhalsen. Jeder Aufstieg in Ämter, in Vorstände, alles, was man übernimmt, ist erst mal viel mehr (in der Partei unbezahlte) Arbeit!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 21, 2012 in Piraten und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Nicht schlecht. Nachdenkenswert.
    Aber man sollte nicht vergessen, daß sich Hierarchien oft zwanglos ergeben. Fragevich jemanden um Rat, einmal, zweimal, und der Rat ist gut, werde ich wieder fragen. Schon habe ich eine Hierarchie erschaffen.
    Ich beginne zu Vertrauen. Vertrauen ist dass zentrale Element einer Hierarchie. Da können wir als Basis sicher noch nachlegen.
    Schwierig wird es dann, wenn sich Hierarchien „Kraft eines Amtes“ ergeben. Hier gebe ich Dir recht: es muss zum Vertrauen ein gesundes Misstrauen hinzukommen. Aber bitte ausgewogen!
    Unsere Vorstände und Mandatsträger sind nicht plötzlich gegen uns. Sie bekommen aber vielleicht Einblicke, mit denen man so zunächst nicht gerechnet hatte.
    Da kann ich ja wieder nur mein Lieblingssprüchlein loslassen: Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg. Aber bitte nicht über Twitter!

    Gruß, Stahlrabe

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