Von „Hitlerjuden“ und dem Humor in kalter Zeit

Vor ein paar Wochen fragte Bloggerkollege Jan Ulrich Hasecke, ob jemand ein EBook rezensieren wollte – ich bin für so was immer gern zu haben, und so schickte er mir „Ich bin doch auch ein Hitlerjude“, eine Sammlung von Witzen und Beobachtungen aus der Nazizeit, die seine Tante Annegret Wolf gesammelt hatte.

Er hat die Witze und Anekdoten kommentiert und erklärt, wo sie Erklärung benötigten, und hat auch nicht die Sachen zensiert, die den Nazis durchaus in den Kram gepasst haben dürften. Ja, es gibt die Flüsterwitze auf der einen Seite, aber eben auch Witze über fliehende Italiener oder jüdische Kommunisten. Dass Hasecke als Herausgeber da nicht schönt, finde ich sehr angenehm.

Wir haben die Neigung, alles in schwarz und weiß aufzuteilen, aber natürlich waren auch die Menschen in jenen Zeiten verschiedenartig grau. Man sollte nicht vergessen, dass die berühmte Sophie Scholl von der Weißen Rose auch mal Jungmädelführerin war, begeistert von ihrer Aufgabe. Annegret Wolf hat Witze und Geschichten gesammelt und sie nicht weiter kommentiert, da ist noch nicht mal eine eigene Wertung erkennbar. Immerhin ging sie vermutlich mit einigen Witzen ein Risiko ein, denn die Witze über Goebels und Göring waren ja nicht ungefährlich.

Zu einem spannenden Dokument wird das EBook durch das Wissen, dass diese Witze in einem Schreibheft gesammelt wurden, dass sie zusammen gehören. Ansonsten werden die Flüsterwitze hier und da sicherlich schon gesammelt existieren, aber hier kommt ungefiltert der Humor dieser Zeit.

Schaut man sich übrigens das Personal der Witze an, so liest man von Göring und Goebbels, auch ein paar andere Nazis kommen prominent vor, fast vergessen wirkt daneben der „Führer“ selbst. Hitler hatte offenbar einen zu großen Nimbus, dass man über ihn viel gewitzelt hätte. In den Witzen, in denen er vorkommt, kommt er auf jeden Fall besser weg, als Göring – über den viel gewitzelt wird – oder andere seiner Granden.

Alles in allem ein interessantes zeitgeschichtliches Dokument, das man übrigens hier finden und käuflich erwerben kann: https://www.amazon.de/dp/B00B4XM4PG

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Februar 9, 2013 in Kultur, Literatur und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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