Gauck und #aufschrei und so

Es ist doch immer wieder interessant. Leute machen darauf aufmerksam, dass es Diskriminierung gibt, und kaum ist das geschehen, da kommen Leute, die das alles nicht so schlimm finden, die Diskriminierung bestreiten und, oh Wunder, es sind zum allergrößten Teil Menschen, die auf der diskriminierenden Seite stehen.

Sklavenhalter haben sich so gerechtfertigt, ethnische Säuberer und KZ-Wärter,  aber auch im Kleinen passiert das jeden Tag. „Ich kann doch nichts gegen Schwule haben, ich kenne sogar einen!“ „Nein, ich bin kein Rassist, aber die Türken in meiner Nachbarschaft …“ Ihr könnt so einen Schwachsinn nicht mehr hören, ihr merkt, dass es sich hier um plumpe und stupide Ausweichmaßnahmen handelt? Schön, dann sind wir uns ja einig.

Als vor ein paar Wochen nun endlich eine Diskussion über Sexismus begann – eine, bei der ich mich ein paar Mal unangenehm berührt fühlte, weil die Alltagssexismen sich natürlich auch in mein primitives Hirn gebrannt sind. Und wie reagierte eine breite männlich geprägte Öffentlichkeit. „Ach, so schlimm ist das doch alles nicht!“

Da ist ein wichtiger Denkfehler, liebe Männer, ihr könnt schlicht und einfach nicht darüber urteilen, was schlimm ist, und was nicht. Ich auch nicht. Wir haben da kein Recht drauf. Wir sind auf der diskriminierenden Seite. Und darüber lässt sich nicht streiten! Da gibt es keine Argumente, die auch nur einen Hauch vom Gegenteil sagen könnten.

Wenn ein Schwarzer sich von N-Worten in Kinderbüchern diskriminiert fühlt, dann ist das so. Und wenn der eigentlich von mir verehrte Denis Scheck meint, deswegen eine Blackface-Nummer in seiner Sendung fahren zu müssen, dann verhält er sich leider wie ein rassistisches Arschloch. Und wenn Juden sich von Vergleichen von KZs und Gaza-Streifen diskriminiert fühlen, dann ist das so, dann ist dieser Vergleich für’n Arsch, und antisemitischer Scheiß. Und wer das nicht einsieht, der verhält sich leider wie ein antisemitisches Arschloch.

Und nun kommen wir doch endlich zu unserem obersten Bundeshirten. Der hat ein paar Sachen zu #aufschrei und der Sexismusdebatte gesagt, und wie kaum anders zu erwarten, war es schon verdammt blöd, was er da erzählt hat. Erstens hat er von „Tugendfuror“ gesprochen, und die Frauen, die auf Missstände aufmerksam machen, damit lächerlich zu machen versucht. Und zweitens, und das ist schon fast witzig zu nennen, hat er gesagt, OBWOHL er ehemaliger Pfarrer wäre,  wäre er in diesem Bereich kein Tugendwächter. Merkt ihr selbst, oder? Alle Schriftreligionen sind in Sachen Unterdrückung der Frauen ein Grundübel unserer Gesellschaft. Lieber Herr Gauck, es ist viel wahrscheinlicher, dass sie sich WEGEN ihrer religiösen Berufung so verhalten, wie sie sich verhalten, nämlich wie ein sexistisches Arschloch.

Der offene Brief an Herrn Gauck ist inhaltlich logisch und richtig, und war auch nötig. Denn ein Bundespräsident, der sich herablassend dazu äußert, dass Frauen auch heute noch in unserer Gesellschaft diskriminiert werden, der macht sich zum Vollobst. Der Typ spricht alle fünf Minuten von Freiheit, aber junge Frauen haben offenbar kein Recht auf die Freiheit, ohne doofe Anmache, Sprüche und angrabschen leben zu dürfen. Was für einen Begriff von Freiheit haben Sie, Herr Gauck?

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 6, 2013 in Gesellschaft, Politik und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. ich find diskriminierung schlimm, aber beim #aufschrei geht es um wichtigtuerei und aufmerksamkeitsökonomie. nur komplette nullhirne finden, dass tätliche übergriffe oder gar vergewaltigungen keine themen sein sollten, aber dumme sprüche wegen dirndls oder zu kurzen röcken und ähnlich „brisantes“ in’s zentrum der medialen aufmerksamkeit zerren zu wollen, beinhalted schon eine gute portion lächerlichkeit.

    • Ja, manches, was über #aufschrei kommt, kann man unter dumme Sprüche rechnen – aber auch dumme Sprüche sind aus einer Machtpostion heraus eindeutig harte Diskriminierung. Wie schnell fühlst du dich belästigt, wenn du dumme Sprüche von Leuten bekommst, gegenüber denen du abhängig bist? Oder wie schnell werden dummer Sprüche zum Ärgernis, wenn sie ständig kommen?

  2. Zuerstmal: An sich ein guter Artikel und ich stimme dir inhaltlich in jedem Fall zu.

    Was mich bei diesem Artikel jetzt aber doch kurz hat aufmerken lassen, war diese Aussage:

    „Da ist ein wichtiger Denkfehler, liebe Männer, ihr könnt schlicht und einfach nicht darüber urteilen, was schlimm ist, und was nicht. Ich auch nicht. Wir haben da kein Recht drauf. Wir sind auf der diskriminierenden Seite. Und darüber lässt sich nicht streiten! Da gibt es keine Argumente, die auch nur einen Hauch vom Gegenteil sagen könnten.“

    Daran kommen mir zwei Sachen etwas komisch vor:

    1. Du implizierst hier, dass Diskriminierung immer und ausschließlich im Auge desjenigen liegt, der diskriminiert wird. Grundsätzlich stimme ich dem zu, mir kam aber in den Sinn:

    Bei Beleidigungen bspw. wird oft genug auch von der anderen Seite aus argumentiert: Sie liegt zwar prinzipiell auch im Auge des Betroffenen, allerdings dann nicht mehr, wenn die Aussage „beleidigt“ oder „verletzt“ zu sein, zur Immunisierung gegen Kritik missbraucht wird (bspw. bei dem oft beschworenen Wort von der „Verletzung religiöser Gefühle“). Wobei ich dieser Argumentation grundsätzlich auch zustimmen würde.

    Nicht, dass ich jetzt unterstellen würde, dass irgendwelche Menschen, die sich diskriminiert fühlen, das auch machen würden. Mir drängt sich aber einfach gerade diese Parallele auf und sie ist wohl nicht ganz aus der Luft gegriffen, da eine Diskriminierung ja häufig als Beleidigung auftreten kann.

    Somit ergibt sich für mich jetzt gerade ein geistiger Widerspruch bei der Behandlung dieser beiden Sachverhalte und ich habe das Gefühl, als würde hier mit zweierlei Maß gemessen (auch von mir). Hast du eine gute Argumentation zur Auflösung dieses Widerspruchs?

    2. Die Aussage „Wir [Männer] sind auf der diskriminierenden Seite.“ finde ich etwas zu verallgemeinernd. Sie impliziert, dass tatsächlich alle Männer Frauen diskriminieren würden und müssten und dass das allein deshalb schon so wäre, weil sie auf der „anderen Seite“ stehen. Weder das eine noch das andere lässt sich aber mit dieser Eindeutigkeit sagen und es könnte durchaus auch seitens der Männer als Diskriminierung angesehen werden – einem verständnisfördernden Dialog sind solche pauschalen Unterstellungen wohl nicht unbedingt förderlich.

    Außerdem wird damit impliziert, dass ausschließlich Männer Frauen diskriminieren würden und andere Frauen das nicht ebenso könnten. Ich persönlich würde nicht ausschließen wollen, dass es auch Frauen gibt, die wieder alle Vernunft eine Rückkehr zu einem „traditionelleren“ Frauenbild fordern oder aber ihren eigenen gewählten Lebensstil (wie auch immer der konkret aussieht) anderen Frauen aufzwingen wollen, die sich eben ohne Zwang anders entschieden haben und diese dadurch ebenfalls diskriminieren.

    Soweit dann mal meine Gedanken dazu. Jetzt darf man mich in der Luft zerreißen. 😉

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