#Gutachtengate

Ich bin wütend, ich bin wirklich wütend. Ich bin auch traurig und bestürzt, ich bin darüber erschreckt, dass man wohl scheinbar nichts ändern kann. Dass Strukturen und Muster wohl in allen Parteien irgendwie gleich sind – und dabei wollten wir es doch anders machen.

So, nach diesen wirren Anfangsworten, was will der lustige dicke Mann mit dem Blog? Also von vorne. Es geht dann noch mal um das Gutachtengate, dass den Landesverband NRW der Piratenpartei seit einer Woche lähmt. In Folge dieses Gates ist gestern Alex Reintzsch, Beisitzer im Vorstand, aus der Partei ausgetreten.   Und damit zwingt er mich quasi, diesen Blogpost zu schreiben.

Ich bin mir im Moment nicht sicher, ob ich zu idealistisch bin, ich weiß es nicht, aber ich stand in den letzten Tagen sicherlich auf der anderen Seite. Ich gehörte zu den Leuten, die gesagt haben, dass Konsequenzen gezogen werden müssen. Ich habe gesagt, dass wir schlicht nicht mehr nach Transparenz rufen können, wenn es keine Konsequenzen gäbe, weil wir uns dann lächerlich machen.

Und vermutlich gehöre ich damit jetzt zu den Trollen, die einige ausmachen. Zu den Hexenjägern. Das Problem ist: Ich bin mir auch jetzt noch sicher, dass ich mit meiner Argumentation absolut Recht habe.  Das andere Problem ist, dass ich Alex mag und er mir wichtig ist. Ausgerechnet auf ihn schießen zu müssen, hat mir Schmerzen bereitet. Und jetzt verstehe ich die Sache mit den Krähen, die anderen Krähen und so weiter. In anderen Parteien sozialisiert hätte ich vermutlich anders gehandelt, hätte mich hinter Alex gestellt, weil Freundschaften mehr zählen als Ideale. Ich habe, man kann es in meinem letzten Blogpost lesen, versucht, die Sache auf eine sachliche Ebene zu bringen. Ich wusste, es gibt Leute, die gegen Alex schießen, weil es Alex ist – und habe mich ein paar Aufforderungen, mich an dieser oder jener Aktion zu beteiligen, verweigert.

Das ändert nichts daran, dass meine Worte sehr klar waren, vielleicht sogar schmerzhaft klar. Worte haben Macht, sie können verletzen, das sind Binsenwahrheiten. Ich habe keine Ahnung, wie wichtig ich in dieser Sache war, ich halte mich selbst nie für besonders wichtig, und gehe auch in diesem Fall davon aus. Ich bin mir sicher, dass ich es nicht war, der Alex zu diesem Schritt bewegt hat, aber vielleicht habe ich beigetragen.

In den letzten Tagen ist vieles erklärt worden, und viele haben sich sehr zerknirscht gegeben. Das ist alles angekommen, aber ich bin immer noch erschreckt darüber, wie ähnlich wir den Etablierten sind, wenn es darum geht, dass bei uns Fehler gemacht werden. Nein, ich bin nicht erschreckt darüber, dass es laute Stimmen gab, ich bin nicht erschreckt darüber, dass es auch Neider gab, die auf den Zug aufspringen – mit so einem Mist muss man leider leben. Ich mache erschreckend etabliertes Denken an ein paar Punkten aus, und ich finde sie bei Alex und ich weiß, dass er wirklich Pirat ist. Ich bin mir einfach nicht mehr sicher, ob unser Projekt es anders zu machen, nicht zum Scheitern verurteilt ist.

Die Panne mit den verspäteten Einladungen ist menschlich, ich kenn das sehr gut, ich habe grundsätzlich auch einen Hang Sachen vor mir herzuschieben, speziell passiert das schnell, wenn man eh den Schreibtisch voller hat, als einem das lieb ist. Die Entscheidung, auch nur die Idee, das Gutachten vorerst nicht zu veröffentlichen, mag menschlich sein, ist aber gegen alles, was wir uns vorgenommen haben. Es ist argumentiert worden, dass wir den Vorstand gewählt haben, damit er auch Entscheidungen für uns trifft – das ist richtig und wichtig, es schließt aber eben nicht ein, dass Daten, die Entscheidungen beeinflussen oder auch nicht, in eine Schublade kommen. Und an der Stelle kann ich noch so sehr verstehen, dass sich einige im Vorstand dachten, komm, wenn das jetzt öffentlich wird, obwohl es wahrscheinlich fehlerhaft ist, dann wird nur der Rummel groß, und vielleicht müssen wir dann deswegen eine weitere AV veranstalten und das finanzielle Risiko wollen wir nicht, wir wollen das dem Landesverband nicht antun. JA, guter Vorsatz, aber leider immer noch Kacke. Wir sind die mit der Demokratie, wir sind auch die, die sagen, wir machen es anders. Wir sind die, die ein neues Vertrauen zu Politik schaffen wollen, und zwar in dem wir sie transparent machen – ich könnte an dieser Stelle lange weiter machen, ich hoffe und denke, ihr habt es schon verstanden. Wir hätten das Gutachten aushalten müssen, wir alle, und wenn es eine AV mehr gekostet hätte, dann wäre das der Preis der Demokratie gewesen. Ist nicht schön, aber leider richtig. Das Verheimlichen ist die Politik der etablierten Parteien, es ist etabliertes Denken.

Das so deutlich verspätete und unkommentierte Hochladen des Gutachtens machte die Sache dann nicht besser. Bisher hatte ich eigentlich immer gehofft, der Spruch vom Verstecken der Informationen im Wiki wäre eher so Spaß. Das ist eben auch so etabliert, dieses: Ich lad das mal hoch, sag das nicht, und mit ein bisschen Glück, merkt das niemand. Das ist das, worüber wir bei Vogonen schmerzverzerrt lachen. Ja, das hat doch im Büro 137 von 13:17 Uhr bis 13:25 Uhr  ausgelegen, warum haben Sie das denn nicht gelesen?

Und dann kam das FAQ, und die Antworten darin waren Geschwurbel, waren  Politsprech, und ich weiß nicht, was da in Alex gefahren war, der das wohl hauptsächlich geschrieben hat. Ich habe das nicht verstanden, ich verstehe es bis jetzt nicht. Ich mein, ich weiß natürlich, wie schwer es ist, Fehler einzugestehen. Hey, ich bin nicht mehr so weit von der 40 weg, ich habe schon manchen Fehler eingestehen müssen. Aber genau an der Stelle weiß ich eben nicht, ob da nicht die Sollbruchstelle unserer Ideen ist. Bin ich jahrelang ein wichtiges Mitglied meiner Partei, im Vorstand  und Kandidat, kann ich dann einfach so sagen: Hey Leute, ich hatte Probleme es einzusehen, aber ich habe da Scheiße gebaut, es tut mir wirklich leid und wie kann ich jetzt mit eurer Hilfe aus dieser Scheiße wieder raus? Auch, wenn mir klar sein muss, dass das meine Position völlig verändert? Und das in einer Weise, die ich mir natürlich nicht wünsche?

Ich kann verstehen, dass Alex verletzt ist, ich kann verstehen, dass er irgendwann die Reißleine gezogen hat und einen Schlussstrich. Aber diese Form, nicht irgendeinen Fehler einzugestehen sondern „einfach“ – ich weiß, dass ihm das nicht leicht gefallen sein kann – auszutreten, die macht mich wütend. Erstens, weil es einige, auch mich, jetzt in Augen anderer zu Hexenjägern macht.  Ich halte mich nicht für einen Inquisitor. Zweitens, weil es eben keine Aufarbeitung ist. Es ist eben nicht die Konsequenz, die ich gewollt habe. Ich wollte nur, dass der Vorstand die Krise vernünftig angeht und löst. Ja, vielleicht mit dem einen oder anderen Rücktritt, wenn man das als unumgänglich ansieht, aber hauptsächlich mit einem Lernschritt, und der muss heißen, dass man auch im Tagesgeschäft immer mal wieder über unsere Grundsätze nachdenkt, und einem dann so eine Nummer nicht passiert.

Die Frage, die sich stellt: Wird uns das allen passieren? Dass wir die Fehler nicht merken? Dass wir uns hinter Politsprech verstecken? Werden wir so enden, wie die Grünen?

Alex war der erste Pirat, mit dem ich zusammengesessen habe, als ich in diese Partei eintrat. Und mir ist egal, ob er nun seinen Austritt verkündet hat oder nicht, für mich wird er immer Pirat sein. Ich habe ihn in den Vorstand gewählt, ich habe ihn auf die Liste gewählt, und ich habe das gern gemacht und ich war mir sicher, dass ich richtig gehandelt habe. Und jetzt sitze ich hier und mir fällt kein Schluss ein … höchstens der hier: Ich werde ihn vermissen. Und ich könnte heulen, echt jetzt …

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am April 5, 2013 in Piraten und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Gefühle – sind genial!
    Und Du hast versucht, zwischen MENSCH UND ROLLE zu unterscheiden – das finde ich toll.
    RwoLUPO tat das nicht – und ich fand es nicht gut – http://blog.duengel.com/2013/04/05/1337-abschliesende-worte-zum-gutachtengate-und-challenge-accepted/#comment-221
    WEISHEIT, WÄRME, WÜRDE – brauchten alle, vor allem www-Opfa.

  2. Grandioser Blogbeitrag!

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