Admingate und prominente Austritte

Selbstzerfleischung ist piratiger Sport, und er wurde auch in den letzten Tage wieder mit voller Leidenschaft betrieben. Was ist es dieses Mal? Nun, Admins des Forums fanden es sinnvoll, einen Filter einzurichten, der Binnen-I und Gendersternchen aus Texten herauskorrigiert. Ein paar Menschen beantragten, dass dieser Filter gefälligst wieder zu deinstallieren sei, und dieser Antrag wurde gar nicht dem Bundesvorstand zugetragen, sondern schon in einer Art Vorauswahl von der Bundesschatzmeisterin, in deren Bereich das Forum wohl fällt, abgelehnt.

Natürlich ist dieser Filter Bullshit. Wir haben ja so was wie Ideale, und zu diesen Idealen gehört Plattformneutralität, auch sind wir gegen Zensur und wollen, dass der freie Zugang ohne Filterung besteht. Jetzt ist es schon kaum verständlich, dass sich jemand, der piratigen Ideen anhängt, einen solchen Filter überhaupt will. Warum sich freiwillig zensieren lassen? Wie Admins auf die Idee kommen, einen solchen Filter einzubauen, das kommt mir schon gar nicht in den Sinn, denn das ist ein Stück weit verantwortungslos.

Aber ich bin ja nicht naiv. Hier ging es ja weder um einen Service, wie das einige sagten, noch sonst etwas vernünftig Begründbares. Der Beweggrund dahinter ist durch und durch politisch. Da haben sich einige Admins gedacht, hey, wir richten diesen Filter ein, damit der feministische Flügel sich so richtig aufregt, wir setzen ein Zeichen gegen diese Abweichler gegen unsere Meinung. Und das ist erstens natürlich keine vernünftige Art von politischer Auseinandersetzung, das ist zweitens auch ein Schlag unter die Gürtellinie und drittens offenkundiger Machtmissbrauch. Wer ein Amt, und wenn es auch nur der Admin irgendeiner parteilicher Software ist, ausnutzt, um politische Gegner innerhalb der Partei zu bekämpfen, der macht genau das, was wir an dem Intrigenspiel der etablierten Parteien so verabscheuen, zu Recht verabscheuen.

Dass sich der so bekämpfte Flügel wehrt, und Anträge dagegen stellt, ist nur vernünftig und verständlich. Wir müssen hier ja auch nicht drumherum reden, die Einrichtung dieses Filters war eine billige Provokation und ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl ziemlich parteischädigend. Man hätte durchaus weitgreifendere Anträge stellen können, also nur den, diesen bescheuerten Filter wieder zu deaktivieren. Ich möchte noch weiter gehen, dieser Filter ist diskriminierend. Er verfälscht Aussagen, und da ist es dann auch egal, ob der Filter freiwillig ist, oder nicht, hier werden Menschen angegriffen und diskriminiert, weil sie anders denken und schreiben.

Die Reaktion der Bundesschatzmeisterin war dann allerdings auch der eine Tropfen, der ein paar Fässer zum Überlaufen brachte. Erstens ist unverständlich, wie ein Antrag, der an der Bundesvorstand gestellt wird, von nur einem Mitglied dieses Vorstandes abgelehnt werden kann. Ja, sie ist für das Forum verantwortlich, aber genau deswegen natürlich auch betriebsblind und zu den Admins des Forums vermutlich auch loyal – also ungefähr die letzte, die eine solche Entscheidung sinnvoll treffen kann. Aber ganz prinzipiell mögen wir Piraten ja auch eine gewisse Machtverteilung. Solche Entscheidungen sollten einfach nicht von einer Person getroffen werden. Und nicht zuletzt wundert es mich sehr, und leider nicht zum ersten Mal, dass Vorstände es schaffen, die Tragweite eines gateträchtigen Problems überhaupt nicht zu überblicken. Ist Kurzsichtigkeit eigentlich ein Merkmal, ohne das wir keine Vorstände wählen?

Im Nachklapp dieser relativ katastrophalen Entscheidung sind engagierte Piraten ausgetreten. Wieder Piraten weniger, die einiges für die Partei geleistet haben. Wir haben da ein Problem! Wir machen uns gegenseitig kaputt. Ich dachte, wir sind angetreten, um Politik menschlicher zu machen, und dann diskriminieren wir Leute aus der Partei? Im Ernst?

Die Reaktion der Ausgetretenen ist prinzipiell nicht gut. Denn wir haben doch gemeinsame Ziele, wir können etwas ändern, etwas bewegen, da ist Austreten einfach keine gute Idee. Aber ich kann das schon verstehen. Es ist doch immer die Frage, ob man die gemeinsame Basis noch sieht. Schlicht unnötige Provokationen und unsensible, lapidare Entscheidungen von Vorständen können dazu führen, dass man sich nicht mehr in der Partei heimisch fühlt. Wir müssen das ändern, und bitte schnell. Wir sollten uns alle bewusst darüber sein, dass es völlig in Ordnung ist, wenn wir verschiedene Strömungen haben, und dass Machtkämpfe und provokative Spielereien niemanden weiterbringen. Das geht aber nur, wenn unsere Vorstände das auch im Auge haben.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am April 16, 2013 in Piraten und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Ich bin seit Tagen in Versuchung, „BuVo mach mal“ zu schreien – seit dem 11.4. liegt http://wiki.piratenpartei.de/Bundesvorstand/Umlaufbeschluss/173 herum, und außer Johannes hat niemand reagiert.

  2. Was mich zermürbt, ist dass hier meine Kraft dabei drauf geht, für Trivialitäten zu kämpfen.

    Dass ein Admin sich mal verrennt – geschenkt, kommt in den besten Familien vor.
    Deshalb unser Antrag. Um an die Gründe zu erinnern, warum man sowas eigentlich nicht tut.
    Man hätte sagen können „au ja, scheisse, das sollte gar nicht online gehen. Sorry, ich schalt’s wieder ab“

    Stattdessen wird unser Antrag abgelehnt, mit einer Entscheidung, die so viele fachliche Fehler enthält, dass ich gar nicht weiss, wo ich anfangen soll /o\

    Alleine Swanhilds Aussage, dass Software halt so entsteht, entsetzt mich zutiefst.
    Nein, so entsteht Software nicht! Ich mache das beruflich, und wenn ich so programmieren würde, würde ich gefeuert.
    Und LQFB ist ein leuchtendes Beispiel für so vieles, aber gerade dafür, wie Software-Entwicklung bei den Piraten durchgeführt werden sollte, *nicht*.

    Als nächstes wird eine Gegenoption online gestellt, in der man „optischen Anpassungen“ der eigenen Posts widersprechen kann.
    Ja. Es hat keiner zugehört. Es hat keiner verstanden, dass es hier um mehr geht als um Kosmetik.

    Und so sitze ich hier und realisiere, dass die gemeinsame Grundlage, auf deren Basis ich bisher gearbeitet habe, womöglich gar nicht existiert.
    Das ist eine ausgesprochen frustrierende Erkenntnis, und ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, was ich daraus mache.

  3. Der Filter ist klasse. Er erlaubt z.B. einer Freundin von mir, die mit Braille-Zeile arbeitet, daß sie Texte im Forum sauber lesen kann, ohne von diesem Sonderzeichen-und-Gender-Foo ausgebremst zu werden. Der Filter hilft in diesem Fall zur Barriere-Freiheit.

    Ich persönlich möchte auch nicht mit diesem Genderquatsch belästigt werden. Aber ich nutze den Filter nicht. Sobald irgend was mit „Innen“ oder Sternchen erscheint, klicke ich es einfach weg.

  4. Weil es Nachfragen gab, ein paar Details zum Prozedere:

    Swanhild ist für das Forum zuständig. deshalb hatten wir den ersten Antrag an sie gestellt, und besagte Ablehnung bekommen.

    Daraufhin stand uns die Möglichkeit offen, den Antrag beim Gesamt-Buvo einzureichen, was vor einigen Tagen geschehen ist. Dieser Antrag kommt offenbar in der BuVo-Sitzung am 17.4. zur Sprache.

  5. Quod erat demonstrandum.

    Jetzt, da ich die Dinge ein Stück weit „von außen“ betrachte, wie sie sich entwickeln, wie sich im Großen wie im Kleinen die Leute, die an einem Strang ziehen sollten, nur noch gegenseitig an die Karre pinkeln, bin ich immer mehr der Überzeugung, dass es für mich genau die richtige Entscheidung war, der Piratenpartei den Rücken zu kehren – auch wenn es manchmal weh tut.

    Dieser ganze Frust, der sich vor allem bei richtig guten Leuten mittlerweile aufgestaut hat, ist teilweise fast körperlich zu spüren. Und ich glaube langsam, dass eine ganze Menge Leute mal anfangen sollten, mit ihrem Ego-Dreck an sich zu halten, anstatt immer noch weitere Löcher „in den Laden“ zu sprengen, bloß um sich selbst und ihre Vorstellungen zu beweihräuchern.

    Niemand braucht eine Partei, die vor lauter Organisitis, Grüppchenbildung, Flügelklüngel, Vereinsgedrösel, Programmatinnitus, Selbstdarstellungströterö, Positionsgeflitter und Skandalgetöse eines überhaupt nicht mehr macht: Politik!
    Die Zahl derer, die in aller Stille produktive Arbeit machen, wird noch viel stärker abnehmen, je mehr das Genörgel und die schlechte Aussenwirkung die gute Arbeit letztlich obsolet macht. Auf einen Erfolg kommen sechs Negativmeldungen, die alles wieder herunterreissen. Und durch ernsthafte, konstruktive Arbeit fällt die Piratenpartei schon lange nicht mehr auf.

    Bewegung kommt von sich bewegen – und genau das macht diese Partei kaum noch. Sie richtet sich gemütlich in ihrer Rolle ein, baut sich ein Häuschen mit kleinen Räumchen drin, wird sesshaft. Ruht sich auf den 3% „Stammwählern“ aus, von denen aus man dann das Mirakel der „restlichen 2 Prozent“ ja „schon schaffen“ wird.

    Ganz ehrlich: wenn es das gewesen sein soll, dann kann ich den Piraten nur nachrufen „vergesst nicht, an Bord das Licht auszumachen – der letzte schmeisst den Schlüssel weg“.

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