Quick – Beschützen wir Kinder bitte nicht vor ihren Gefühlen!

In meiner Twittertimeline tauchte heute eine Kolumne von Rochus Wollf auf, man findet den Artikel hier: http://www.kino-zeit.de/news/macht-der-erzaehlung
Ich möchte darauf ein bisschen antworten. Oder einfach die Geschichte erzählen, die mir dazu eingefallen ist.
Meine erstes filmisches Erleben ist mit einer kurzen Serie verbunden, die für einen vierjährigen sicherlich eigentlich zu heftig war. Ich war bei Erstausstrahlung von den Brüdern Löwenherz viereinhalb. Und ich war begeistert, ja, ich hätte vermutlich die halbe Stadt zusammengeschrien, wenn ich davon eine Folge hätte verpassen können. Und ja, ich habe geweint, als Mathias starb, und ich hatte Angst vor Katla, echt jetzt, natürlich war das nur Fernsehen, aber ich hatte trotzdem Angst vor Katla, und vor allem Angst um Karl und Krümel. Ich habe die Brüder Löwenherz mit meinem Bruder zusammen geschaut, hinter dem ich mich vielleicht verstecken konnte, ich weiß das nicht mehr, aber ich hatte keine Rundumbetreuung von meinen Eltern und sie haben sich da vermutlich noch nicht mal auch nur Sekunden Gedanken drum gemacht. Kinderfernsehen war Kinderfernsehen, wird schon okay sein.
Meinem Gefühl nach wäre so ein Film heute nicht mehr machbar. Auch Ronja Räubertochter wäre heute nicht mehr so machbar. Und ich halte diese Klassiker von Astrid Lindgren für zwei der wahrscheinlich besten Kinderfilme aller Zeiten. (Natürlich gilt das genauso für die Bücher, die ich großartig finde, die ich heute noch mit großer Freude lesen kann, und es ist leider schon lange her, dass ich ein Kind war.)
Warum sind solche Filme heute nicht mehr machbar? Na, weil sie erstens den Tod nicht ausklammern, bei den Brüdern Löwenherz ist der Tod sogar das eigentliche große Thema des Films/Buchs. Das geht schon lange nicht mehr, und vielleicht hat auch nur Frau Lindgren es überhaupt geschafft, dieses Thema gut in Kinderliteratur zu integrieren.
Aber vor allem gingen diese Filme Risiken ein und luden die Kinder ein, diese Risiken zu teilen. Und ich glaube, einige Generationen von Kindern haben das inzwischen gemacht. Und ich glaube, diese Filme, diese Bücher haben in diesen Kindergenerationen die Faszination für Film und Literatur geweckt.
Ich hatte auch schon im Alter von vier Jahren die Erfahrung gemacht, dass Filme – zumindest die, die ich sehen durfte – gewisse Grenzen nicht überschritten. In Kinderfilmen fließt kein Blut, in Kinderfilmen stirbt niemand, in Kinderfilmen trägt man keine echten Waffen. Ich kann heute nicht mehr sagen, ob in dem Film Blut floss, ich weiß aber, dass Mathias an einem Speer starb, der ihm im Bauch steckte. Die Erstausstrahlung ist immerhin 34 Jahre her, meine Erinnerung ist da nicht mehr so klar.
An den Speer erinnere ich mich. und in der Rückschau iost da eine Erkenntnis reinprojiziert. Vermutlich ist das später dazugekommen, aber das Gefühl war sicherlich damals schon da: Es geht hier um was!
Das hat mich gepackt. So sehr, dass ich heute noch Gänsehaut bekomme, wenn ich die Titelmelodie der Serie höre. Stark, oder?
Erkenntnis daraus? Kinder mit Horrorfilmen konfrontieren? Nein, das ist Quatsch. obwohl ich von vielen weiß, die ihre ersten Horrofilme mit Acht gesehen haben, Mutprobe und so – ich habe damals eher um Winnetou geheult, war mir Schrecken genug. Nein, unsinnige Gewalt und totale Suspense muss nicht sein. Aber bitte, es soll doch um was gehen, oder? Ich mag bis heute keine langweiligen Filme, ich habe bis heute gerne etwas auf dem Spiel stehen, ich möchte an meinen Emotionen gepackt werden, schließlich geht es bei Kunst doch genau darum, oder?
Wenn ihr eure Kinder vor ihren Emotionen bewahren wollt, dann habt ihr den Sinn von Geschichten nicht verstanden. Wir brauchen die Märchen und Geschichten, weil wir mit der Welt klar kommen müssen. Wir können unsere Gefühle mit der Fiktion ausprobieren, können lachen und weinen, können wüten und eine Scheißangst bekommen. Und das geht alles während wir im Bett liegen und eine Geschichte vorgelesen bekommen, oder im Kino mit Popcorn in der Hand. Verdammt, wie geil ist das denn? Wenn es das nicht gäbe, man müsste es erfinden.
Ich würde mir wünschen, dass Eltern ihre Kinder vor den Gefühlen nicht beschützen, und die Pädagogen auch nicht. Und das hat noch nicht mal mit der Frage nach eventuellem Verzärteln zu tun, mit Ernst des Lebens oder sonstwas. Aber erstens sollen Kinder erleben, wie wunderbar die Fiktion ist, was für Schätze sie birgt, und zweitens machen wir die Kinder damit stark. Leute, es gibt genug Versuche, die Kinder schwach zu machen, bitte macht da nicht mit!

Nachtrag: Hier hatten @ThoroughT und ich über das Thema gepodcastet: http://carpenoctem.podspot.de/post/carpe-noctem-podcast-21-kultur-fur-kinder/

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 25, 2013 in Nicht kategorisiert und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. > bei den Brüdern Löwenherz ist der Tod sogar das eigentliche große Thema des Films/Buchs.

    Und damit berührt die Geschichte eines der ganz großen Themen: Was uns wirklich wichtig ist. Eigentlich müßte das auch die zentrale Frage jeder Politik sein, nicht nur wenn es ums Asylrecht geht. Und genau daher rührt ein guter Teil der gegenwärtigen Misere – kaum jemand traut sich noch, an Wesentliches zu rühren. Weil das würde Entscheidungen verlangen, und auch oft, Dinge die uns lieb und bequem sind, hintenan zustellen.

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