Von absoluten Mehrheiten und der Show als solcher

Am Sonntag gehörte ich zu den Piraten, die sich aufgemacht hatten, um Herrn Raab und seine „Absolute Mehrheit“ zu sehen, und natürlich für Cornelia Otto zu jubeln, das ist ja Ehrensache, denn es ist ja nicht falsch, zu jubeln, wen jemand etwas Gutes sagt.

Nun gut, also die üblichen Fernsehshow-Präliminarien über sich ergehen lassen, so mit Abtasten so, und mit kein Handy bei sich haben – was für Piraten wirklich schwierig ist, wir hätten natürlich gerne von der Tribüne aus getwittert. Und dann kommt das Aufwärmen mit Stefan Raab, und der macht ein paar Mätzchen, hat Spaß, und vor allem, er bringt das Publikum, egal aus welchem Bereich es jetzt kommt, auf seine Seite. Er spielt mit seinem Image, zeigt, dass er ja eigentlich harmlos ist und nur spielen will, und es wirkt auch noch so, als ob er das meint – was eigentlich ein ganz gutes Zeichen ist. Als er dann wirklich mit der Show beginnt ist der Applaus ziemlich ehrlich.

Nun gut, wer ist alles dabei, ein Sportreporter, den ich nicht kenne, dessen Stimme mir auch nicht bekannt ist. Er wird im Verlauf der Sendung ein bis drei Mal ganz kluge Sachen sagen, aber er fällt natürlich gleich raus. Nicht vergessen, wir haben hier einen Wettbewerb. Dann sitzt da NRW-Innenminister Duin, der später beim Thema BGE in panische Schnappatmung verfallen wird – wenigstens merkt man, wovor die Etablierten so richtig Angst haben. Auch er wird bald rausfallen, nach Runde zwei ist er nicht mehr im Rennen. Dann Lasse Becker von den JuLis. Offenbar das privilegierte Bürschchen, was man sich bei der FDP so vorstellt, aber in Teilen geistig satisfaktionsfähiger als man das auf Anhieb erwarten würde.

Und dann vom Zuschauer aus auf der linken Seite von Raab sitzen Cornelia Otto, unsere Spitzenkandidatin auf der Berliner Liste für den Bundestag und der ehemalige Vorsitzende der Linken Klaus Ernst. Letzterer hätte den Abend offenbar gerne allein bestritten und ja, auch als Pirat kann ich oftmals nur feiern, wenn er die Idiotien der FDP und SPD mit scharfer Zunge geißelt – der Mann ist ein Wadenbeißer, der hat für diese Sendung trainiert, der weiß, wie man sich das Wort ergaunert – ein Alphamännchen, der sich Duin als Gegner aussucht und ihn dann auch nach allen Regeln der Kunst filettiert. Ja, der Mann kann Show und er hat sich für diesen Abend etwas vorgenommen – und gibt Cornelia Otto allemal die Möglichkeit, sich als Stimme der Vernunft zu etablieren, schließlich wirkt Ernst zwischendurch so, als müsste er in der Werbepause ins Sauerstoffzelt.

Nun, wie schlägt sich Cornelia Otto, die im Netz auch als Tikkachu bekannt ist? In der ersten Runde, als es um Fußball geht, kommt sie ins Stottern, als Raab ihr die relativ blöde Frage stellt, welchem Bundesligaverein die Piraten ähneln. Die ehrliche Antwort, dass sie sich nicht so mit Fußball auskennt, ist völlig in Ordnung. Ja, man hätte hier lustige Antworten finden können, so was wie: „Kennen Sie einen Bundesligaverein, bei dem jeder mitspielen darf? Oder der seine Taktik öffentlich im Internet diskutiert?“ aber das ist schon okay. Sie punktet mit dem Ansatz, dass es in der Politik auch cool wäre, wenn jeder seine Sponsoren offen auf der Kleidung tragen würde. Aber vermutlich müsste Fipsi Rösler dann noch ein Schild mit Sponsorennamen hinterhergetragen werden, weil er einfach nicht genug Fläche gibt.

Und nach diesem vielversprechenden Anfang wurde es dann leider schwächer.  Und das bei Themen, die uns doch so sehr liegen. Das BGE und die Politikverdrossenheit, und da kam dann so wenig. Selbst Klaus Ernst als Gegner des BGE hat einen Hauch klarer machen können, warum BGE sinnvoll ist, als Cornelia, die sich verteidigte, statt anzugreifen. Warum? Mit dem Thema BGE sollte man angreifen. Man sollte einfach einem Lasse Becker um die Ohren hauen, dass das BGE eine urliberale Forderung ist, die Befreiung von der Geldherrschaft. Was könnte denn liberaler sein? Was könnte denn weniger Herrschaft versprechen als das? Und das ist doch die Idee hinter liberal, dass es weniger Herrschaft gibt, das hat der junge Liberale doch sicherlich auch noch nie bedacht. Oder wenn der Duin dauernd davon faselt, dass das ja alles unbezahlbar ist, warum dann verteidigen? Warum nicht abspeisen damit, dass es natürlich finanzierbar ist, dass sogar Börsengurus sagen, dass es natürlich bezahlbar ist, und dann sagen: Wir kommen damit aus der Demutsspirale heraus, die die SPD mit ihrer verfickten Hartz-Gesetzgebung angefangen hat. Wir hören auf, Leute zu stigmatisieren, wir nehmen ihnen das Gewicht von den Schultern, dass sie zu kleinen Leuten macht. Wir machen das mit der Menschenwürde, die ja eigentlich im GG steht, wovor die etablierten Parteien aber gerne die Augen verschließen.

Und bei der Politikverdrossenheit, wo war da das „Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen?“ Wo war die Richtigstellung, dass es gefälligst Politikerverdrossenheit zu heißen hat. Noch nicht mal die Vorlage wurde genutzt mit den leeren Parlamenten. Denn man schaue zum Beispiel mal, was los ist, wenn im NRW-Landtag Plenum ist, unter 15 von 20 Piraten habe ich da bisher eigentlich nie gesehen. Wenn man das will, dann geht das. Ist eine Sache von Prioritäten. Und die liegt bei den Etablierten spürbar nicht bei Politik. Und hier hätte man übrigens auch mal den Klaus Ernst an seinen kräftigen Hörnern fassen können, und mal ganz klar sagen, wie wenig demokratische Strukturen seine Partei hat, und dass auch das ein Grund sein könnte, dass die Linke eben nicht mehr Stimmen bekommt, obwohl ihre Themen alle angehen und die Etablierten doch jeden Tag aufs Neue demonstrieren, dass soziale Themen für sie völlig irrelevant sind.

Insgesamt war Cornelias Auftritt charmant, aber zu defensiv. Wir wollen ja nicht die netteste Partei sein, wir wollen unsere Ideen verbreiten. Das geht nur mit ein bisschen mehr Attacke. Aber aus diesem Auftritt kann man eine Menge lernen, hoffentlich passiert das, und damit meine ich bei weitem nicht nur Cornelia.

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 28, 2013 in Fernsehen, Piraten, Politik und mit , , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Das Thema BGE fand ich ne Zeit lang ja echt spannend… Inzwischen hats für mcih jeglic he Realität verloren. Da redet der eine von 1000€ im MOnat, der andere sogar von 1500€. Das wäre ein echter Anreitz endlcih mal wieder was zuhause zu machen. KLar. Aber wer die gesellschaftlich notwendigen Arbeiten wie Altenpflege und co übernehmen soll, also Jobs für die sich shcon heute kaum einer findet, findet sich auch dort keine Antwort. Ob sowas wirklich zum zentralen thema der Piraten werden sollte, wo das doch von den meisten eher belächelt als ernstgenommen wird, ist fraglich, oder?

  2. für die bundestagswahl sehe ich schwarz (schwarz/gelb – schwarz/rot – rot/grün), wenn es nicht gelingt, den wählern die „alternativlosigkeit“ zu der piratenpartei zu vermitteln. noch fehlen die piraten die dies könnten. die einzige, winzige chance auf eine veränderung unseres systems bieten nur die piraten !!! nur aus chaos wird was neues entstehen !!!
    wer will, dass alles so weitergeht und sich nichts verändert, der soll wählen was er will und vor seinem fernseher den „untergang“ verfolgen.

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