Von Jugendlichen, Folter und geschlosssenen Heimen

Seit ein paar Tagen ist mein Blutdruck erhöht, und der Grund dafür ist ein Artikel der taz . Was ist der Inhalt? Eine private GmbH betreibt geschlossene Jugendheime, in denen Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren verwahrt werden. Genauer gesagt, sie werden dort systematisch isoliert und gefoltert.

Ich habe keine Ahnung, wer irgendwann angefangen hat, dass man sich besser in die Gesellschaft integriert, wenn man von Reizen getrennt wird – das ist die pädagogische Tünche über dem Menschenzerbrechen, dass man durch Isolation erreicht. Schon diese Isolation ist Folter. Die Reizüberflutung, von der immer wieder gesprochen wird, ist für mich eh nicht nachvollziehbar, und vor allem, kein Kind, kein Jugendlicher, würde, mit einem gesunden Selbstvertrauen ausgestattet, sich in irgendwelchen Reizen verlieren.

Es wird im Umgang mit schwierigen Jugendlichen immer wieder davon gesprochen, dass sie Struktur bräuchten, Regeln und eine reizarme Umgebung. Wie so oft, wenn etwas sehr bedenklich ist, ist hier an dieser Idee ein nicht von der Hand zu weisender Kern. Ja, eine Veränderung der Umgebung ist nicht falsch, ja, eine Konzentration auf etwas ist gut. Ja, es braucht vermutlich auch sinnvoll durchdachte Strukturen, die aber bei weitem nicht bedeuten, dass man die jungen Menschen in unmenschliche Regelkorsette klemmt.

Ich kann sogar verstehen, dass junge Menschen, die für sich selbst oder andere eine Gefahr sind, wirklich in geschlossenen Einrichtungen untergebracht werden. Auch wenn das eine Maßnahme ist, die wirklich nur im Notfall in Erwägung gezogen werden sollte.

Aber warum haben diese jungen Menschen denn diese Probleme? Ganz abgesehen davon, dass es ja schon mal eine Idee wäre, im Voraus ein bisschen an diesen Problemen zu tun, bevor es so weit kommt – wofür es aber ein besseres und besser ausgestattetes Bildungssystem bräuchte -, ganz davon abgesehen könnten man sich doch mal ernsthaft mit den Problemen dieser Menschen auseinandersetzen. Und zu 99 Prozent werden wir Menschen vorfinden, die nicht gewollt sind, denen durch Familie, Schule und Umfeld hauptsächlich gezeigt wurde, dass sie nichts wert sind. Kurz: Hier sind Egos, die zerstört wurden. Wenn wir als Gesellschaft irgendwas Sinnvolles tun wollten, würden wir versuchen, diese Egos wieder zusammenzupuzzlen. Dafür sorgen, dass es Erfolgserlebnisse gibt. Dafür sorgen, dass diese gequälten Menschen wieder ein bisschen Vertrauen fassen. Das wäre eine Pädagogik, die etwas Gutes bewirken würde.

Stattdessen werden alle menschlichen Regungen in diesen jungen Menschen abgetötet, werden sie fixiert, ruhig gestellt – ja, haben nur bei den Bestrafungen Chance auf Körperkontakt, was viele dazu bringen wird, genau diese Bestrafungen trotz allem anzustreben. Das ist ein so verkommenes System. Haben wir das wirklich nötig? Menschen auszusondern und sie in Folteranstalten zu schicken, weil wir so nicht mehr mit ihnen fertig werden?

Aber mal abgesehen davon, dass alles, was in dem Artikel der taz beschrieben wird, pädagogische Verbrechen sind. Könnte mir wer erklären, wie man auf die hirnverbrannte Idee kommt, die Unterbringung von jungen Menschen an einen privaten Anbieter, der damit Geld verdienen will, zu vergeben? Da könnte man ja eigentlich auch selbst drauf kommen, dass das in einem Debakel enden muss, schließlich werden da Menschen zu Verfügungsmasse.

Diese Jugendheime müssen geschlossen werden, alle Regelungen, die in diese Richtung gehen, auch in allen anderen Heimen verboten werden. Auch junge Menschen sind Menschen mit Grundrechten, die hier mit Füßen getreten werden. Isolationsfolter darf kein Mittel gegen aufsässige Kinder sein. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass Menschen so behandelt werden.

PS Der ThoroughT und ich hatten da auch schon drüber gepodcastet.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 18, 2013 in Bildungspolitik, Gesellschaft, Piraten, Politik und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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