Was macht eigentlich gute Lehrende aus?

Das ist der zweite Versuch, diesen Blogpost zu schreiben, ich könnte jetzt zugeben, dass ich den ersten Versuch wohl nicht gespeichert habe, ich könnte auch sagen, dass ich den wohl in einem halben Traum geschrieben haben muss, oder dass ich jetzt eh eine bessere Idee habe, aber das ist eigentlich ja auch egal. Ganz ursächlich für den Blogpostist die Hattie-Studie, die bestätigte, was wir eigentlich schon immer wissen: Ich könnt so viel reformieren und machen und tun, letztlich hängt es immer an den Lehrenden, nicht an Systemen. Hattie hat auch einiges geschrieben, was Lehrer besser machen soll, aber ich habe kein Interesse an mehr Theorie, ich versuche es eher aus der Praxis geboren. Im ersten Versuch habe ich gute Lehrer beschrieben, die ich hatte, viel weiter war ich noch nicht. Aber das ist letztlich nicht wirklich aussagekräftig. Beispiele sind ja erst dann empirisch interessant, wenn man davon eine ganze Menge beisammen hat. Also mach ich es ganz unwissenschaftlich.

Gute Lehrende sind Lehrende aus Leidenschaft:

Nein, wer Kinder und Jugendliche unterrichtet, weil er sonst keinen Job kriegt, ist NIE ein guter Lehrer, wer keine Menschen mag, NIE eine gute Lehrerin. Aber es geht noch weiter. Du brauchst ein wirkliches Faible dafür, zu sehen, wie Menschen lernen und sich entwickeln. Du musst Freude daran haben.  Du musst nach den Überraschungen gieren, die Schüler dir täglich bringen. Immer Augen und Ohren maximal aufreißen, um nicht zu verpassen, was da für gewaltige Dinge ablaufen, wenn Schüler lernen. Du musst Menschen in der Altersklasse, die du unterrichtest, wirklich speziell mögen. Dann macht dir das Unterrichten Spaß, und nur wenn es dir Spaß macht, macht es auch den Lernenden Spaß.

Gute Lehrende sind nie arrogant:

Gebildeter könnte man sagen, du musst immer die Potenziale sehen. Es geht in die gleiche Richtung. Ich habe schon mit Leuten zusammenarbeiten müssen, die hinter den Kulissen für ihre Schüler offene Verachtung hatten. Ich meine, ich bin Theaterpädagoge, da gibt es jede Menge Leute, die Kunst unterrichten, weil sie es selbst als Künstler nicht geschafft haben. Die höhnisch über die Schauspielkünste ihrer Schauspieler sprechen, die von ihren Tänzern sagen: Die wird es nie zu irgendwas schaffen. Das ist widerliche Arroganz und ich bin oft verzweifelt. Ich erinnere mich aber auch an die gleiche Arroganz, speziell von dem einen oder anderen Mathe- oder Physiklehrer, gerade da ist es quasi epidemisch. Wenn ich Mathe kann, ja, wenn ich Mathe studiert habe – und ich habe das einige Semester lang – dann bin ich jedem Schüler, egal in welcher Klasse, mathematisch geradezu unglaublich überlegen. Lass ich sie das spüren, bin ich nicht nur ein Arschloch, sondern auch auf dem völlig falschen Dampfer. Wenn meine Liebe zum Unterrichten und zur Mathematik nicht ausreicht, um mich über jeden Erkenntnisschritt meiner Lernenden zu freuen, dann sollte ich was anderes machen.

Gute Lehrende scheuen keine Experimente:

Im Gegenteil, gute Lehrende wiederholen sich selten, probieren dauernd Neues aus, sind selbst immer auf der Suche nach einem neuen Weg, nach neuen Herausforderungen. Zum Teil hängt das mit den ersten Thesen direkt zusammen. Wenn ich in eine Erstarrung aus Routine gerate, dann ist mein eigener Spaß an meiner Arbeit nicht nur gering, er ist weg. Das Lehren kann eine ungemein frustrierende Sache sein, denn immer, wenn deine Schüler ein Niveau erreichen, mit dem es besonders viel Spaß macht, sind sie weg, weil sie irgendwelche Abschlüsse erreicht haben und dann fängt man mit den nächsten Schülern an, wieder bei quasi Null. Das kann dazu führen, dass man in eine Routine rutscht, dass man einfach durchzieht, was bisher auch gut geklappt hat – und plötzlich ist man nicht mehr gut, sondern nur noch ok. Lernende haben da ein unglaubliches Gespür für.

Gute Lehrende machen Spaß:

So blöd das klingt, ohne Spaß lernt man nicht gut. Und immer da, wo es keine intrinsische Motivation gibt, also Menschen nicht von sich aus Lernen wollen – und ich kann jedem versichern, dass Menschen mit intrinsischer Motivation ein Traum sind, ein seltener Segen für jeden Lehrenden -, muss man eine Atmosphäre schaffen, in der gerne gelernt wird, und da braucht es unbedingt Humor für. Also ohne Scheiß, wer keinen Humor mitbringt, sollte Buchhaltung oder so was machen – obwohl, kann man das ohne Humor ertragen? – und es muss der eigene Humor sein, nichts Aufgesetztes.

Gute Lehrende sind als Personen greifbar:

Hier passt es ganz gut hin. Wo ich doch gerade gesagt habe, dass es der eigene Humor sein muss. Selbst Grundschulkinder können mit fast bösartigem Sarkasmus umgehen, wenn es von Lehrenden kommt, die ganz sie selbst sind. Authentizität ist ein Schlagwort, das in allen möglichen Kontexten herumposaunt wird, es ist kaum irgendwo so wirklich wichtig, wie im Vorgang des Lehrens. Gute Lehrende sind nie unnahbar, sie sind im Gegenteil für die Lernenden erreich- und greifbar. Natürlich muss ich in der Unterrichtssituation auf Struktur und eine Grunddisziplin achten, natürlich kann ich bei Gruppen nicht immer für alle da sein. Aber ich muss Schülern auch immer meine Persönlichkeit zur Verfügung stellen. Baue ich künstlich Distanz auf, dann verhindert das Vertrauen, dann verhindert das Identifikation – nun ist es aber einfach so, dass man lieber lernt, wenn es auch mit einer Bezugsperson verbunden ist. Der Triumph über den ersten Schritt eines Babys ist viel größer, wenn Mama oder Papa zuschauen, und am besten auch noch Oma, Opa und alle verfügbaren sonstigen Verwandten und so weiter. Und das ist eben nicht nur bei Babys so. Auch mit annähernd vierzig freue ich mich über das Lob von jemandem, der für mich eine Autorität ist, oder auch einfach ein Freund. Ach, wo wir da gerade sind. Seid ehrlich mit eurem Lob. Leute loben, die nichts machen, was man gut ist, wird dazu führen, dass sie sich nicht mehr darüber freuen, wenn sie etwas machen, was wirklich gut ist. Aber ich habe junge Menschen schon fünf Zentimeter über dem Boden schweben gesehen, weil ich sie ehrlich gelobt habe. Ist für beide Seiten ein gutes Gefühl. Aber zurück zum Thema Persönlichkeit: Letztlich muss es zwischen jedem Lehrenden und jedem Lernenden eine Verbindung geben. Persönlich und vertrauensvoll wäre das ideal. Natürlich darf das Vertrauen nicht missbraucht werden, ich schreibe es nur hier der Vollständigkeit halber mit rein, es ist selbstverständlich und gilt für beide Seiten. Und die Sache mit der Distanz ist natürlich auch ein schmaler Pfad. Auf der einen Seite muss das Lehrende greifbar, erreichbar sein. Aber das ist immer eine Einbahnstraße. Während die Lernenden mit ihren Problemen und ihren Freuden beim Lehrenden einen Anlaufpunkt haben müssen, sollte das Lehrende sich den Lehrenden nie aufzwingen. Also in kurz: das gute Lehrende baut keine unnötige Distanz auf, ist als Persönlichkeit greifbar, durchbricht aber nicht von sich aus irgendwelche Grenzen. Das Verhältnis, dass zwischen Lehrenden und Lernenden bestehen sollte, ist auf poetische Art im „Kleinen Prinzen“ erklärt. Man macht sich vertraut.

Gute Lehrende sind ehrlich

Pädagogische Lügen sind etwas hinterhältig Dunkles und eigentlich nah an der schwarzen Pädagogik. Wenn Kinder Fragen haben, dann sind die zu beantworten, und das durchaus wahrheitsgemäß. Natürlich muss man kindgerecht erklären, natürlich muss man darauf achten, dass man nicht unnötig hart formuliert, aber Lügen sind ein No-Go. Auch die Notlügen, jede Idee von: Ach, das sind ja noch Kinder, die müssen das noch nicht wissen. Die Folge ist nämlich unausweichlich: Kinder spüren oder merken, dass sie belogen werden, das Vertrauen schwindet – und es gibt nicht umsonst die Redewendung: Wer einmal lügt, dem traut man nicht. Selbstverständlich ist niemand immer ehrlich, aber es ist auch niemand immer ein gutes Lehrendes, ich skizziere hier die ganze Zeit eine Utopie, die es wert ist, dass man ihr nachfolgt.

Gute Lehrende nehmen ernst

Ja, ich wiederhole mich, im Prinzip haben die vorherigen Abschnitte das hier schon gesagt. Aber es soll noch mal ganz deutlich werden. Es gibt keine wichtigen Erwachsenensorgen und unwichtigen Kinder- oder Jugendlichensorgen. Es gibt auch keine heilige Kindheit, in der die Realitäten des Lebens auszuklammern wären. Es gibt schlicht und einfach keinen Grund, Kinder und Jugendliche nicht absolut ernst zu nehmen. Es gibt auch keinen Grund, ihnen keine Verantwortung zu überlassen. Selbstverantwortliches Lernen ist hilfreich und bleibt meistens besser im Kopf, Verantwortungen klar machen ist ein Kern von gutem Lehren – denn an Verantwortung können junge Menschen wachsen. Als Lehrendes sollte man sich immer klar machen, wir sind Wegbegleiter und -bereiter, wir halten den Steigbügel, wir halten niemanden künstlich klein, wir sollen Selbstbewusstsein ermöglichen, nicht Selbstvertrauen vernichten.

Gute Lehrende haben Autorität …

… sind aber nicht autoritär. Das mag widersinnig klingen, ist aber einfach zu erklären. Autorität sollte sich immer aus der fachlichen und persönlichen Autorität ergeben. Autorität, die darauf fußt, dass man irgendwelche Macht über Menschen hat, dass sie abhängig sind, ist aus Blech, und wer sich darauf beruft, sollte sich beruflich irgendwas suchen, wo er nichts, aber auch gar nichts mit Menschen zu tun hat. Autorität zeigt man, in dem man seine Persönlichkeit zeigt, in dem man fachlich zeigt, dass man weiß, wovon man spricht, und es ist auch völlig in Ordnung, wenn man ein bisschen was an Disziplin einfordert – aber wie gesagt, nicht durch Drohungen und Abhängigkeiten erzwungen, oder gar durch Angst – sondern durch Echtheit und echte Autorität.

Gute Lehrende machen auch Fehler

Die Anforderungen, die ich hier an gute Lehrende gestellt habe, sind massiv, und natürlich kann man die nicht immer alle erfüllen. Wie oben geschrieben, es geht hier um eine Utopie, der man nachfolgen sollte. Und ja, jeder macht Fehler, und nein, Lehrende sind nicht unfehlbar und allwissend, beides ist nun mal gar nicht möglich. Und genau deswegen ist es wichtig, dass man mit Fehlern auch umzugehen lernt, dass man Fehler auch vor den Lernenden zugibt und sich entschuldigt, wenn etwas schief gelaufen ist. Das macht nicht nur menschlich und so, also was man so sagt, nein, es gibt Vertrauen, es macht es den Lernenden leichter zu wissen, woran sie mit den Lehrenden sind. Ich könnte auch ganz esoterisch schreiben, es fördert die Harmonie. Egal: Ja, jüngere und junge Menschen suchen Vorbilder, suchen Identifikationsmaterial, keine Frage. Aber das mit dem Identifizieren klappt auch besser, wenn Lehrende Ecken und Kanten haben und vor allem Fehler – sonst würden ja auch unsere guten Seiten gar nicht so zur Geltung kommen. (Stellt euch ein Zwinkersmiley vor!)

Ich bin für gute Lehrende, ich wünsche mir welche, die mit Verve und Liebe unterrichten, mit  dem Wunsch, die Welt besser zu machen, junge Menschen kritisch und rebellisch aufwachsen zu lassen. Das ist natürlich anstrengender, aber auch erfüllender. Wer selbst einer vorsichtigen Konformität huldigt, kann natürlich auch nur angepasste Lernende haben, oder zumindest nur mit denen klar kommen. Also werft Konventionen auf den Müllhaufen der Geschichte, weil sie dort hingehören, und werdet gute Lehrende, ich verspreche Euch eine Menge Spaß!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 27, 2013 in Bildungspolitik, Gesellschaft, Politik, Theaterpädagogik und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Ein wirklich fantastischer Artikel, den ich so absolut unterschreiben würde! Allerdings kritisiere ich so ein bisschen deinen ersten Abschnitt, in dem du dich auf die Hattie-Studie beziehst. Hattie sagt zwar, dass Lehrer der größte Faktor in Bezug auf den Lernerfolg sind, allerdings bedeutet das nicht, dass ein Systemwechsel nicht stattfinden sollte (für den ich durch und durch plädiere und den ich für dringend notwendig halte – aus mehreren Gründen, die hier aber zu weit führen würden). Außerdem sollte man auch berücksichtigen, unter welchen Bedingungen die Studie durchgeführt wurde, denn die verfälschen das Bild schon etwas. In jedem Fall lässt sich aber die wichtige Rolle des Lehrers nicht abstreiten. Daher bin ich sehr in der Versuchung deinen „Leitfaden“ an alle meine ehemaligen Lehrer zu schicken, von denen es mehr als die Hälfte UNBEDINGT nötig hätten (habe dieses Jahr mein Abitur gemacht). Toller Text! Ich hoffe er wird von vielen Pädagogen gelesen und zu Herzen genommen.

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