Zwei Wochen in einer anderen Welt

Grußlos bin ich vor gut zwei Wochen verschwunden, nun melde ich mich in einem Blogbeitrag zurück, bei dem es um genau diese zwei Wochen geht. Ich wollte neue Erfahrungen sammeln, und sogar ein kleines Trauma überwinden. Und ich glaube, beides ist voll in Erfüllung gegangen.

Was also habe ich getan? Ich bin als Betreuer bei einer Freizeit für geistig Behinderte mitgefahren. Es ging ins Languedoc, also ins südliche Frankreich, und ich habe dabei so viel Farbe gesammelt, wie zuletzt wohl 1996. Die körperlichen Auswirkungen ansonsten sind große Müdigkeit und leichtes Frösteln aufgrund der plötzlichen Trennung von so viel Wärme.

Was war mein Trauma? Ich bin als Kind von einem geistig behinderten Jungen, der ein bisschen Älter als ich war, mit einer Schaufel angegriffen worden – und im Gegensatz zu anderen Gelegenheiten, als ich als Kind in körperliche Auseinandersetzungen geriet, kam dieser Angriff total aus blauem Himmel, und diese Unberechenbarkeit hat mir eine Angst gemacht, die ich über viele Jahre behalten habe. Wie jeder denkende Mensch hatte ich keine großen Vorurteile und fand Inklusion prinzipiell eine gute Idee, aber ein gewisses Unwohlsein überlief mich bis vor knapp zwei Wochen gerne, wenn ich mit geistig Behinderten in Kontakt kam. Man könnte sagen, ich habe das mit der Konfrontationstherapie in Angriff genommen, und ich glaube, mein Trauma ist jetzt ziemlich an den Rand gerückt. Ist auch gut so.

Und jetzt muss ich erst mal gegen diesen doofen Begriff der geistigen Behinderung ranten. Ich habe da keine Behinderten kennen gelernt, ich habe da Menschen kennen gelernt. Menschen mit teilweise großen Schwächen, aber auch Menschen mit großen Stärken, mit großen Herzen und echter Offenheit. Ja, sie alle haben Handicaps, so what? Ich bin fett und halb blind, die meisten Menschen denken nur an Geld, das sind auch harte Handicaps, wir alle haben welche, oder etwa nicht? Ich habe selten so viele Menschen getroffen, die so hilfsbereit waren, die sich gegenseitig trösteten, wenn etwas im Argen lag, oder einander alles gönnten. Da können wir „Normalen“ eine Menge lernen. Und diese Stimmung herrschte auch bei uns BetreuerInnen vor, nur die Leitung und eine Köchin spielten lieber Egotrip – nun gut, irgendwas ist ja immer. (ich könnte mich hier jetzt aufregen, aber das ist es echt nicht wert) Das Team, also die, die sich als Team sahen, war für mich auch etwas ganz besonderes. Ich habe noch nie so viele Menschen in einem Team gesehen, die sich so auf ihre Schützlinge konzentrierten und deren Wohl so eindeutig über ihr eigenes setzen, wie diese sieben Personen, bei denen es mich mit Stolz erfüllt, dass sie mich in ihrer Mitte willkommen hießen und mich als einen der ihren ansahen. Danke!

Zurück zu unseren Schützlingen, von denen wir ja noch mehr lernen können. Der größte Teil dieser Menschen weiß nicht, was Misstrauen ist. Der blinde und geistig behinderte junge Mann, der mein persönlicher Schützling war, hat sofort sein Leben in meine Hand gegeben, hat keinen Moment gezögert und war unglaublich geduldig, als ich mich bei der Hilfe beim Duschen nicht so wirklich clever anstellte – ich habe hier auch ganz banale Dinge lernen müssen, und das obwohl ich mit dem Duschen durchaus vertraut bin. (denkt euch den Smiley) Ich habe auf dieser Reise zum ersten Mal andere Menschen als mich selbst rasiert, ich habe meine Kenntnisse im Rolli schieben um „auf Schotter“ erweitert, gegen einen Bären mit Downsyndrom im Armdrücken sowas von verloren und mich gegen einige Kuschelattacken nicht gewehrt, Weinende getröstet, hier und da Mut zugesprochen und Streite geschlichtet, und mich natürlich zum Affen gemacht – halt alles, was man für gute Stimmung so macht.

Die Häufchen weinendes Elend, die ich dann am Abschluss der Reise in den Armen gehalten habe, deren Tränen ich getrocknet habe, haben mir gezeigt, dass ich es nicht so schlecht gemacht haben kann. Und da kommen wir zu einem weiteren Moment: Die meisten unserer Schützlinge waren unglaublich dankbar. Haben uns immer wieder gezeigt, dass sie es nicht für selbstverständlich halten, dass wir uns um sie gekümmert haben, und das gibt einem dann auch die Kraft, die zwölf bis vierzehn Stunden am Tag da zu sein, ansprechbar zu sein, zu flachsen, zu erzählen und aufzupassen. (und auf Ausflügen immer wieder zu zählen, zu zählen, zu zählen)

Insgesamt waren es 15 Tage ohne Pause, mit wenig Schlaf, weil man die Nächte verkürzt, wenn man am Tag keinen Moment zum Atemholen bekommt, mit körperlichen Anstrengungen, die mich oft an den Rand dessen geführt haben, was ich so machen kann – ich will gar nicht rechnen, wie oft mein Kreislauf sich meldete, die Füße schmerzten, der Rücken keinen Bock mehr hatte – und doch fühle ich mich aufgeladen, brodelt in mir Energie, die ich irgendwo abgezwackt haben muss. Mein Körper ist immer noch müde, aber meinem Kopf geht es gut, es ist nicht mehr ganz so dunkel, denn ich hatte zwei Wochen, in denen alles Depressive an den Rand gedrängt wurde. Hey, ich danke euch, meine Lieben!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 9, 2013 in Nicht kategorisiert und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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