Reading King: ES / IT

Beim letzten Mal habe ich über ein relativ neues Buch geschrieben, jetzt komme ich mit dem Klassiker daher. Es geht nach Derry, Main, es geht zu dem Buch, dass ich so gut kenne, wie definitiv kein anderes. Schon vor zwanzig Jahren habe ich eine Wette gewonnen, dass man mir nur einen Satz aus dem Buch vorlesen muss, damit ich sagen kann, was gerade passiert und an welchem Strang wir gerade sind. In der Zwischenzeit habe ich das Buch fast jedes Jahr noch mal gelesen, inzwischen auch mehrfach als Hörbuch gehört, auch im Original.

Was passiert: In Derry bringt ein Monster alle 27 Jahre Kinder um, dazu kommen am Anfang seiner Wachzeiten gerne mal besonders auffällige Gewaltausbrüche, und den einen oder anderen Ritualmord am Ende, um ES zu besänftigen. ES lebt nicht von den Kindern, die ES manchmal durchaus auch anknabbert, ES lebt von ihren Ängsten.

Im Jahr 1957 treffen sieben Kinder zusammen, die offenbar von einer magischen Macht zusammengerufen, gegen ES ins Feld ziehen. 27 Jahre später werden die sieben nun Erwachsenen wieder zusammen gerufen, denn 1957 hat ES wohl überlebt.

Als ich ES mit 12 Jahren das erste Mal gelesen habe, waren die ersten knapp sechzig Seiten nicht einfach für mich. Es geht erst um den Mord an George Denbroguh, einen Fünfjährigen, der einen Clown im Gulli sieht, der ihm dann den Arm abreißt – und um dessen Bruder „Stotter-Bill“ William Denbrough, der bald der Anführer des Clubs der Verlierer wird, wie die sieben Kinder sich nennen. Nach dem Mord an Georgie geht es um den 27 Jahre später an Adrian Mellon, einem kindlichen Mann, einem glitzernden Homosexuellen, der von Jugendlichen in den Fluss geworfen wird, wo ES schon auf ihn wartet. Beide Morde sind einigermaßen unappetitlich und waren damals für mich recht unangenehm. Ich habe jahrelang bei King immer wieder über die ekligen Stellen weggelesen, mache das auch heute zeitweise noch.

Aber auch auf diesen ersten sechzig Seiten hatte King mich schon eingefangen und begeistert. Das letzte Gespräch von Georgie und Bill ist niedlicher Klamauk und genaue Beobachtung von Kindern, genaueste Beobachtung von geschwisterlicher Liebe. Die kleinen eingestreuten Momente von Derry als einer auch selbst monströsen Stadt, die im Fall Mellon herauskommen, man mekrt in dem gemächlich erzählten Beginn, wie man in etwas Großes reingezogen wird.

Und dann gelingt King das eigentlich Meisterstück. Er wechselt immer wieder die Zeitebenen, lässt die Erwachsenen sich an die Dinge aus ihrrer Kindheit zurückerinnern, die offenbar alle in ihnen ausgeblendet waren. So lernen wir Ben kennen, den dicken, klugen Jungen, der sich erst mal mit einer sehr wirklichen Gefahr herumschlagen muss, mit dem Schulbully Henry Bowers, der ihn in die Mangel nehmen will. Wir lernen Bill besser kennen und seinen hypochondrischen Freund Eddie. Bald kommt Großmaul Richie Tozier dazu, der als einer der wenigen Brillenträger und jemand, dessen Mund sich zu falschen Zeitpunkten von selbst öffnet, ebenfalls hier und da Probleme mit den älteren Jungs hat. Dann kommt noch der jüdische Junge Stan dazu, und Beverly, das einzige Mädchen, das Mädchen, das Ben liebt, auch wenn er mit seinen elf Jahren noch nicht so richtig weiß, was das ist. Bev kommt aus ärmlichen Verhältnissen und wird von ihrem Vater geschlagen – Problemkinder sind sie nun mal alle irgendwie. Als letztes Glied in der Kettestößt auch Mike zum Club, der damit auch das einzige schwarze Kind in dieser Stadt in Neuengland als Mitglied hat.

Wenn man das so beschreibt, dann ist diese Zusammenstellung irgendwie platt, aber im Buch wirkt es nie so, da ist nämlich die großartige Charakterzeichnung vor, die aus den sieben Problemkinder sieben unverwechselbare und starke Persönlichkeiten macht. Unverwechselbar ist der Humor, der zwischen den Kindern herrscht, der immer sagt, „Leute, ich mag euch, ich bin gerne mit euch, ich liebe euch sogar!“ Und dann ist es auch kein bisschen platt, wenn sie es irgendwann aussprechen. Dieses Buch ist eine große Feier der Kinderfreundschaft.

ES ist auch eines der ganz optimistischen King-Bücher, obwohl sein Ende – das besser funktioniert, als viele andere Enden Kings, es ist nicht seine Sache, zu einem Ende zukommen – durchaus auch viel Melancholie hat. Das Buch glaubt an eine weiße Magie, daran, dass es doch meistens am Ende gut geht, daran, dass die Schwachen auch aufstehen können, und dass das Böse mit Fantasie und Lachen besiegt werden kann.

ES begleitet mich schon fast seit dem Alter, in dem die Verlierer 1957 sind bis heute, wo cih selbst in dem Alter der Verlierer 27 Jahre später bin. Ich habe immer wieder anderes, immer wieder Neues für mich entdeckt, ich lache immer noch bei so manchem Spruch, oder wenn Belch Huggins sich aufs Clubhaus setzt. Ich verstehe heute die erwachsenen Verlierer fast zu gut, und ich warte immer noch auf die Zwischenspiele, die aus der Vergangenheit Derrys erzählen. Liebe ich dieses Buch? Ja, verdammt, piep piep Richie, und nein, die Schildkröte konnte uns nicht helfen!

Für die King Fans: ES verweist wenig auf andere Bücher von King, es wird gerade mal irgendwo auf eine Bahnverbindung nach Castle Rock hingewiesen, und in einem Zwischenspiel taucht ein junger Militärkoch namens Dick Hallorann auf, den wir natürlich als alten Hotelkoch aus Shining kennen. ES ist immer noch ein so frühes Werk Kings, dass die meisten Hinweise später auf Derry und ES verlinken. Insbesondere natürlich Bücher, die in Derry spielen. Herausragende Beispiele sind „Dreamcatcher“, wo die Verlierer eine Mahntafel haben aufstellen lassen und es ein Graffito gib:t „Es lebt“ Und „11/22/63“, wo der Protagonist auf die vierzehnjährigen Versionen von Richie und Beverly trifft.

Advertisements

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 26, 2013 in Kultur, Literatur und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. wirklich gelungen – wie immer.

    wann gelingt ES endlich, daß Du BuVo wirst?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: