Wie segeln wir weiter? – Piratige Kommunikation, Teil I

Nach vielen Analysen, die ich gelesen habe, nach langer Diskussion im Mumble sehe ich fast die gesamte Problematik in unserer Kommunikation, einerseits in der Kommunikation nach außen, andererseits in der Kommunikation untereinander. Mit letzterer möchte ich mal anfangen:

Die Kommunikation in der Piratenpartei ist verschlungen und natürlich viel intransparenter, als wir uns das selbst wünschen. Natürlich gibt es eine unendliche Zahl von Telefonaten, persönlichen Mails, DMs und sonstigen Kanälen, über die wir genauso unsere Netze spinnen, Meinungen bilden, natürlich auch über Kandidaturen reden und letztlich sogar Machtpolitik machen – alles immer transparent zu machen, scheitert einfach an der Natur der Sache. Trotzdem sind wir speziell in dem Bereich der nicht einvernehmlich ist, viel transparenter als jede andere Partei, und das heißt auf Deutsch: Wo immer wir uns streiten, da passiert das öffentlich.

Kurzer Exkurs: Wir sind bei weitem nicht arschlochfrei. In letzter Zeit gab es zwei Rücktritte, die unter anderem durch homophobes Mobbing ausgelöst wurden. Wenn wir Aufklärung ernstnehmen, müssen wir diese Vorgänge verstehen – aber da nicht stehen bleiben. Wir müssen den Opfern die Unterstützung geben, die sie wollen und brauchen, und alle, die bei so einer Scheiße mitmachen, sofort für immer aus der Partei werfen. Wir dürfen Diskriminierung nicht mit Streitereien verwechseln. Homophobe und ähnliche Leute sollen dahin gehen, wo sie hingehören. Also zur CDU, der AfD oder sonstwelchen homophobenfreundlichen Organisationen.

Wenn wir uns streiten, dann passiert das auf den Mailinglisten, dann passiert das auf Twitter und in den sozialen Netzwerken. Und damit eben immer öffentlich. Das passiert des Öfteren in dem harschen Ton des Internets – und das könnte ich jetzt bemängeln, aber das ist mir zu billig. Es gibt da natürlich ein Problem mit Ironie und Insiderwitzen. Aber das ist vor allem ein Problem für Neumitglieder, für Menschen, die nicht im Internet sozialisiert sind. Natürlich sprechen wir eine gemeinsame Sprache, die für Außenstehende eine Barriere sind. Aber meiner Erfahrung nach, werden Menschen bei uns immer abgeholt, wenn sie um Hilfe bitten, wenn sie deutlich machen, dass sie mit dieser Kommunikation nicht klar kommen. Und auch wenn es mich selbst nervt, dass manche so kommunizieren, als ob sie auf ihrer selbstorganisierten LAN-Party wären, und eben nicht in einer Partei, die sich selbst als Mitmach-Partei bezeichnet, ich sehe das noch nicht wirklich problematisch.

Ich glaube, ganz prinzipiell finden Wähler das auch ok, wenn wir uns streiten – wenn es dabei um die Sache geht. Denn dann können wir das immer als doch irgendwie konstruktiv verkaufen. Leider ist die Diskussionskultur, die um Argumente geht, eher nur noch als Rarität aufzufinden. Es wird viel lieber verunglimpft, es wird persönlich und es wird abgestempelt, was das Zeug hält – aber das ist falsch und vogonisch, überlasst es denen, zu stempeln!

Es gibt Inhalte, die innerhalb der Partei immer noch polarisieren. Und das ist prinzipiell auch ok. Es ist prinzipiell völlig ok, dass wir neben den Antiatompiraten, die in etwa den Parteikonsens voran bringen – wir sind überwiegend gegen Atomkraft – auch eine Nuklearia gibt, die da ganz andere Ansichten hat. So lange die, was sie meines Gefühls nach üblicherweise tun, mit Anträgen und Argumenten versuchen, die Parteimeinung auf ihre Seite zu ziehen, ist da auch gar nichts gegen zu sagen. Ich glaube nicht, dass es da jemals große Änderungen geben wird, aber das ist ok, jeder darf es versuchen. Aber so lange es ist wie es ist, kann man von der Nuklearia auf jeden Fall verlangen, dass sie ihre Ansichten nicht als Ansichten der Partei verkaufen – wäre das anders, wäre das ein Versuch der Parteischädigung, es gibt da schließlich eine abgestimmte Meinung.

Es gibt noch viele andere Sachen, die auch Opposition innerhalb der Partei haben. Wir lehnen Gentechnik weitgehend ab, das halte ich für Blödsinn, aber das heißt erstens nicht, dass ich jetzt deswegen alle, die dafür sind, als „Grüne Spinner“ oder ähnliches versuche zu diskreditieren, es ist eher so, dass ich gerne alle unterstützen werde, die da eine fortschrittsfreundlichere Haltung einnehmen. Ich bin in dem Bereich nicht aktiv, ich bin kein Fachmann, also sage ich am Infostand, das ist die Parteimeinung, meine weicht da etwas ab, und das ist auch völlig in Ordnung so. Das hat mal jemand als piratigen Dissens bezeichnet, und ich finde die Bezeichnung ganz gut. Ja, wir streiten uns, ja, wir haben diverse Meinungen, aber das ändert ja nichts daran, dass wir uns bei vielem einig sind und eine gemeinsame Vision haben. Wäre eine Position, die wir mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit verabschiedet haben, für mich gar nicht tragbar, würde es nichts helfen, dass ich da politisch gegen arbeite, dann gäbe es nur einen Weg für mich, und das wäre das Austrittschreiben.

Jetzt gab es Leute, die es nach der Bundestagswahl natürlich wieder alle besser wussten und die diverse Schuldige gefunden haben. Zum Beispiel „BGE-Utopisten“. Ich bin der Meinung, dass jeder, der auf solche Art eine abgestimmte Meinung eines BPT versucht zu verunglimpfen, konsequent sein und die Partei einfach verlassen sollte. Niemand würde ihm eine Träne nachweinen. Wenn ihr ein Problem mit dem BGE habt, dann argumentiert dagegen, dann arbeitet politisch am Thema Soziales, zeigt Alternativen auf, bewegt eure Ärsche – und so lange ihr das nicht macht: HALTET DIE FRESSE! (tu ich nämlich in Sachen Gentechnik auch!) Und das gilt genauso für alle, die meinen, unsere Drogenpolitik, zu der es sehr große Zustimmungsraten innerhalb der Partei gibt, wäre das große Problem. Oder halt sonst ein Thema. Liebe Schreihälse, wenn euch diese Positionen nicht gefallen, dann hätte ich vier Buchstaben für euch: GTFO!

Ganz ehrlich, ich halte solche Äußerungen, die nie konstruktiv sind, die nie Argumente bringen, die nur darauf abzielen,  unsere abgestimmten Positionen zu schwächen, und natürlich die zu diffamieren, die diese Positionen nach vorne gebracht haben, für definitiv parteischädigend. Ein einziger Tweet mit solchen blöden Sprüchen reicht meines Erachtens für Ordnungsmaßnahmen aus, mehrfache auch gerne für einen PAV – denn es geht hier nicht um Meinungsfreiheit – die besteht, na klar – sondern um eindeutige Angriffe auf die Partei und ihre Beschlüsse. Jedes Mal, wenn so etwas geäußert wird, dann nimmt uns das den festen Stand, den wir brauchen. Keiner ist aufgefordert, BGE gut zu finden, oder eine Entkriminalisierung von Drogen, ihr dürft euch auch gerne Piraten nennen, wenn ihr das doof findet. Aber wenn ihr das öffentlich äußert, ohne Argumente zu liefern, dann beleidigt ihr die Gesamtpartei, die das abgestimmt hat. Und das ist eben parteischädigend.

Und es gibt noch eine Stufe höher, die mich unglaublich ankotzt: Das Einsortieren von Menschen in Schubladen. Ich möchte einfach nicht mehr, dass Piraten Piraten Faschisten nennen, oder Antisemiten, oder Kommunisten oder Stalinisten oder oder oder. Das ist ungefähr so hilfreich wie ein Loch im Fuß. Verunglimpfung des politischen Gegners in ähnlichen Schubladen ist schon schwierig genug. Ja, ich bin mir sicher, es gibt in der CxU genug Leute, die eindeutig Nationalisten sind, die auch eindeutig Rassisten sind – aber ich würde nie sagen, dass das alle CxUler sind, es gibt da sogar nette Menschen drunter, die nicht mehr rassistisch denken, als die meisten von uns.

Aber innerhalb der Partei finde ich da noch viel gefährlicher und auch hier habe ich ernsthafte Probleme mit den Menschen, die solches tun. Viele von uns sind sehr idealistisch, und ja, Idealismus fördert eine Unfähigkeit zum Kompromiss. Aber diese Unfähigkeit ist gefährlich. Diese Unfähigkeit fördert Schwarz-Weiß-Denken und eine gewisse politische Naivität. Da wird jeder, der sich an irgendwas nicht halten will sofort zum Troll und Faschisten gestempelt, und wehrt sich natürlich damit, dass er alle, die ihm irgendwas vorschrieben wollen, genauso tituliert. Die Fronten verhärten sich, beide Seiten können nicht mehr zusammen kommen, man wirft sich gegenseitig vor, am Untergang des Piratenschiffes schuld zu sein. Das ist aber so nicht richtig: Diese Art von Kompromisslosigkeit und diese Art von Kommunikation ist schuld.

Ich möchte das mal an einem Beispiel klar machen. Das berühmte Beispiel Otla. Otla ist eine meinungs- und lautstarke ältere Dame, die auf Mailinglisten gerne noch mehr schreibt, als ich hier in meinem unendlichen Blogpost. Sie hat schon viele gute Sachen geschrieben, aber auch eine Menge Blödsinn. Dabei greift sie auch zu drastischen sprachlichen Mitteln, und daraus resultierte auch der FALL OTLA. Otla hat geschrieben, dass palästinensische Gebiete, die von den Israelis besetzt sind, wie KZs sind. Ein Vergleich, der, egal wie man ihn dreht und wendet, gehöriges antisemitisches Potential hat. Unter anderem ich habe das auch auf Mailinglisten analysiert und Otla gebeten, das zurückzunehmen, aber da kommt ein zweites Problem hinzu, Otla ist extrem stur. Das führte dazu, dass sie den Vergleich verteidigt, und das führte dazu, dass die Sache zu einem Problem wurde.

Jetzt gibt es diese Äußerungen und jede Menge Ärger darum, und dennoch ist es unsinnig und von falscher Aggressivität, Otla eine Antisemitin zu nennen. Unter einem Antisemiten verstehe ich jemanden, dessen Ziel es ist, Juden zu vernichten. Jetzt kenne ich entfernt eine jüdische Familie, mit der auch Otla bekannt ist, wir haben uns über einen antisemitischen Anschlag unterhalten, der diese Familie betraf und ich weiß, dass Otla diesen Menschen nichts Böses will. Ich bin auch überzeugt, dass Otla auch sonst keinem Juden was Böses wünscht. Das ändert nichts daran, dass sie offenbar einem antisemitischen Muster aufgesessen ist, dass in unserer Gesellschaft zirkuliert. Das ändert nichts daran, dass die Äußerung Mist ist und dass mich ihre Sturheit unglaublich nervt. Aber wer  Otla als Antisemitin bezeichnet, begibt sich auf das gleiche Niveau und erzählt genauso großen Mist.

Und so fliegen als Beleidigungen gemeinte Begriffe durch den Twitterwald und helfen uns keinen Deut weiter, Begriffe wie Femtrolls, Maskutrolls, Marxisten oder Ministalinisten, Faschisten oder sonst was Blödsinniges. Wer Leute so in Schubladen einteilt, wer versucht, Andersdenkende zu diffamieren und womöglich auch noch Ängste zu wecken, der verrät alles, was eigentlich mal piratiger Konsens war. Wir wollten doch Barrierefreiheit, diese Begriffe ziehen Barrieren ein, wir wollten alle die gleichen Möglichkeiten, diese Begriffe nehmen sie uns, wir wollten Politik anders machen, ohne Ideologien, diese Art der Kommunikation zwingt uns Ideologien auf. Ich bin gerne bereit, jeden, der weiterhin so kommuniziert vom gleichen Moment an nicht mehr wirklich ernst zu nehmen. Ich werde niemanden wählen, von dem ich weiß, dass er je so diffamiert hat. Ich möchte das einfach nicht mehr hinnehmen und ich würde mich freuen, wenn das viele ähnlich sähen.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 3, 2013 in Piraten und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Ich glaube das ich dir folgende kann. Aber:warum ist es ok. Das es eine Minderheit an Atomkraftbefurwortern gibt, die Minderheit an hoplophoben soll aber nie hat geduldet werden,sondern zur CDU oder so gehen?

    • das ist sehr einfach zu erklären: Die Atomkraftbefürworter verstoßen nicht eklatant gegen unsere Satzung! Die Homophoben sind menschenverachtend und zerstörerisch. Sie haben in denReihen einer Partei, die konstruktiv an einer positiven Zukunft baut, nichts zu suchen.

  2. „Das ändert nichts daran, dass sie offenbar einem antisemitischen Muster aufgesessen ist, dass in unserer Gesellschaft zirkuliert.“
    Lieber Holger, ich bin ein alter, international erfahrener Hase, der mit zwei nahöstlichen Botschaften gearbeitet hat. Ich habe eine arabische Familie und weltweite Kontakte, darunter Politiker und Journalisten.
    Wie kommst Du auf die absurde Idee, so jemand würde auch nur im Mindesten einem antisemitischen Muster aufsitzen, das in unserer Gesellschaft zirkuliert?
    Glaubst Du allen Ernstes, ein unabhängiger Internationalist wie ich würde sich an unserer provinziellen deutschen Gesellschaft orientieren?
    Hier geht’s um den Nahost-Konflikt, Holger, und um nichts anderes.
    Darum, dass es Leute in der Piratenpartei und darum herum gibt, die pro-arabische oder gar pro-palästinensische Stimmen partout mundtot machen wollen. IMMER mit dem Vorwurf des Antisemitismus, weltweit; da wird auch Amnesty International schon mal „antisemitisches Pack“ genannt (Sceenshot vorhanden).
    Bequemerweise wird im Zweifel auch gleich allen Arabern Antisemitismus vorgeworfen.
    Ich betrachte das als Rassismus.
    Die Piratenpartei ist keine Filiale des Likud-Blocks.
    Die Piratenpartei versteht sich als internationale Partei.
    Zu einer internationalen Partei gehören auch Araber und Palästinenser mit ihrer Sichtweise.
    Basta.

  3. markusvonkrella

    Zum Thema Kommunikation +1, zum Thema Otla hier ein Blogbeitrag des sich nicht mehr in der Partei befindlichen Joe Menschenfreund http://jomenschenfreund.blogspot.de/2013/01/sachliche-diskussion-unmoglich-bei-anti.html

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