Steinbruch – Ich mache mich wieder ins Theater auf

In gewisser Weise geht es mir im Moment besser als seit anderthalb Jahren. Ich arbeite wieder daran, Theater zu machen.  Zur Erinnerung. Ich habe das sehr lange schon gemacht, vor etwa zehn Jahren habe ich damit angefangen, habe mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Theater gemacht, und so, dass Leute, die mal bei mir angefangen haben, Wege und Unannehmlichkeiten auf sich genommen haben, auch weiter zu machen, wenn sie nicht mehr im beschaulichen Oberbergischen wohnten. So, dass ich in zehn Jahren aus zwei regelmäßigen Teilnehmern etwa dreißig gemacht habe, so, dass ich mit vielen Darstellern auch gut befreundet war.

Das alles endete als ich von den Eltern einer Schülerin angezeigt wurde. Die Vorwürfe, die mir nachgesagt wurden, gingen bis Kindesmissbrauch – auch wenn dieser Straftatbestand juristisch gar nicht zutreffen konnte – und letztlich, nach vielen bürokratischen Verzögerungen stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, Freispruch, es gab keinen Missbrauch.

Das bedeutete auf der einen Seite, dass ich wieder als Nachhilfelehrer arbeitete, sogar schon, bevor die Staatsanwaltschaft endlich die ersehnte Nachricht schickte, aber für das Haus, in dem ich vorher Theater gemacht habe, war dieser Freispruch offenbar uninteressant. Mir wurde in einem persönlichen Gespräch eine Menge vorgeworfen, es ging so weit, dass angedeutet wurde, was ich alles mit der Schülerin wohl getan hätte. Da wurde absichtlich ein Tischtuch durchgeschnitten, es war einfach nicht mehr opportun, jemanden arbeiten zu lassen, der in zehn Jahren eine kleine lokale Schauspielschule allein aufgebaut hatte. Nein, genauer, es war einfach nicht opportun, jemanden arbeiten zu lassen, dem einmal solche Vorwürfe gemacht worden waren – egal, was die Staatsanwaltschaft davon hielt – und nebenbei war es ja auch ganz praktisch, einem aktiven und manchmal auch lautstarken Piraten die Existenz zu verhageln.

Unter anderem wurden mir abstruse Dinge vorgeworfen. Zum Beispiel die Tatsache, dass ehemalige Schüler mich unbedingt zurück haben wollten. Ich hätte Schüler auf mich geprägt, statt aufs Theater. Ich hätte lachen sollen, aber es war mir gerade nicht nach Lachen zu Mute. Ich hatte sie auf gutes Theater geprägt, und nicht auf den Laienspielkram, den meine Nachfolgerin mit ihnen unternahm. Das war alles. Ich sagte damals, dass, wenn Schüler auf mich zu kämen, ich wieder eine Gruppe aufmachen würde, dass ich niemandem versprechen würde, keine Konkurrenzveranstaltung zu dem anzugehen, was ja eh mein Werk gewesen war.

Jetzt kamen in den letzten Wochen mehrere ehemalige Schülerinnen auf mich zu – wohlgemerkt: Schülerinnen -, und fragten mich, ob ich nicht wieder mit ihnen arbeiten möchte. Sie haben alle aufgehört, von den dreißig jungen Darstellern, die vor anderthalb Jahren noch da waren, sind heute gerade mal eine Hand voll noch aktiv. Die Arbeit von zehn Jahren …  Aber sie haben ja nicht aufgehört, weil sie plötzlich keinen Bock mehr auf Theater hatten. Die Anfragen kamen quasi zeitgleich aus mehreren Richtungen, eine Schülerin hat an ihrer Schule nach einem Raum gefragt, und jetzt bin ich fast wieder im Einsatz. Der erste Termin steht schon fest. Ich mache mir schon Notizen für das erste neue Stück. Und ich bin ja Pirat, einen Blog dafür habe ich auch schon aufgesetzt.

Ich kann nicht sagen, dass ich jetzt ganz und gar zuversichtlich bin. Gerade, dass ich hierüber blogge, die ganze Sache öffentlich mache, bedeutet ja auch, dass ich mich wieder angreifbar mache. Wer weiß, wer versucht, irgendwo Druck auszuüben, damit ich keinesfalls wieder arbeiten darf. Ich muss auch zugeben, ich habe Respekt vor einer Aufgabe, die ich mir vor anderthalb Jahren noch im Schlaf zugetraut hätte. Eine neue Gruppe aufbauen, kein Problem.

Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich zu viel vertraut habe. Natürlich habe ich auch einfach Angst davor, dass sich Gerüchte halten, dass irgendwann wieder jemand meint, mehr Aufmerksamkeit durch das Erzählen spannender Geschichten zu bekommen. Und ich habe einiges durch, ich weiß jetzt, was Panikattacken sind, tiefe depressive Phasen und Suizidgedanken.

Wie locker und authentisch kann ich jetzt sein? Wie sehr vertrauen? Ich meine, das ist kein Erklären von binomischen Formeln, Theaterpädagogik hat so viel mit Gefühl zu tun, mit der eigenen Persönlichkeit, ist letztlich immer wieder Pädagogik am offenen Herzen. Das muss man sich auch einfach trauen, wenn man es gut machen will.

Ich bin gespannt, ich freue mich wie doof, und ich habe Angst, mehr als Lampenfieber. Uh, es kribbelt so, ich mach wieder Theater …

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 13, 2013 in jugendtheater, Steinbruch, Theater, Theaterpädagogik und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Also ich finde das einfach wunderbar 🙂 Von Herzen viel Erfolg! TOI TOI TOI

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