Ich weiß es doch auch nicht!

Ja, ich sehe den Fakt, Frauen sind in der Piratenpartei unterrepräsentiert. Kann man nicht beschönigen, ist so. Und es ist wünschenswert, das zu ändern. Es sind übrigens auch Menschen, deren Herkunft nicht über mehrere Generationen eher deutsch ist, unterrepräsentiert. Es ist wünschenswert, das zu ändern. Es sind People of Colour unterrepräsentiert, es sind Homosexuelle unterrepräsentiert … die Liste ist lang. Ich kenne noch nicht mal irgendeine Sinta in unserer Partei und auch keinen Sinto.
Okay, es ist für uns ein Ziel, alle Minderheiten zu berücksichtigen, und wir kriegen das bei manchen besser hin als bei anderen. Zum Beispiel die Minderheit der eher voluminösen Menschen ist recht gut vertreten, auch wenn wir natürlich – die Sache mit der Diskriminierung klappt auch in unseren Reihen recht gut – die Dicken Piraten lieber witzig finden, als wählen. Aber ich schweife ab. Und nur weil ich selbst adipös bin werde ich keine Adipösenquote fordern. Ich schweife ja immer noch ab.
Nun gut, jetzt sind Frauen ja eigentlich gar keine Minderheit, also gesellschaftlich, in unseren Reihen aber schon und das ist natürlich nicht gut, nur hilft uns leider eine Quote auch nicht. Erstens schaffen wir damit ein bürokratisches Mittel, dass total gegen unser Selbstverständnis verstößt. Wir wollten doch die einfacheren Lösungen, die ohne Aufwand und ohne Zwänge, oder? Wir glauben doch nicht daran, dass mehr Verordnungen besser sind, oder? Wir halten gar nicht mal fest, welchem Geschlecht ein Pirat angehört, weder welchem biologisch, noch tatsächlich oder frei gewählt. Das müssten wir sofort beginnen, wenn wir auf eine Quote setzen. Wir fallen damit schon mal drei Schritte zurück.
Dann gibt es noch die Weltfremdheit der Quote, die unserer politischen Arbeit schlicht konträr gegenübersteht. Bei der Kommunalwahl in NRW kann in vielen Flächenkreisen kaum ein Stadtrat angepeilt werden, wir haben viel zu wenige Aktive. Kreistage sind schon schwer genug zu besetzen. In manchem Kreis sind da aktive Frauen und die werden auch antreten, aber wir reden hier von Kreisen, in denen eine aktive Frau acht bis zehn aktiven Männern gegenübersteht. Das ist die momentane Realität. Mit einer strikten Frauenquote können diese Kreise einfach gar nicht antreten. Es geht einfach nicht. Und da ist jetzt einfach die Frage, was ist denn wichtiger? Die Frauenquote oder piratige Politik? Ich habe da meine Präferenz.
Bei Diskussionen auf Twitter – ich weiß, ein Oxymoron – kam dann die Antwort, dass das ja nicht schlecht wäre, quasi eine Lektion für die nicht antretenden Kreise: Ihr habt nicht genug Frauen herangeschafft, ihr seid raus! Und da konnte ich dann nicht mehr angemessen reagieren, weil Twitter dafür einfach zu kurz ist. Also, ich bin Pädagoge, und ich weiß einfach, dass strafende Regeln ein pädagogisch mehr als fragwürdiges Instrument sind. Ich weiß auch, dass wir als Piraten eigentlich nicht auf diese alttestamentarliche Art stehen. Wir greifen völlig zu Recht IM Friedrich und diese ganze Law-and-Order-Typen an, um dann selbst uns gegenseitig Lektionen zu erteilen? Geht es denn noch?
Um zum Titel des Posts zurückzukommen. Ich weiß es doch auch nicht, ich weiß nicht, wie wir mehr Frauen in die Partei bekommen, ich wünsche mir das durchaus auch. Ich weiß aber, dass wir ganz viele liberal-denkende Männer und Frauen und Eichhörnchen aus der Partei ekeln, wenn wir mit solchen unsinnig-strikten Reglementierungen weiter anfangen. Jeder weitere Antrag zu einer verbindlichen Quote wirft mehr Gräben auf. Jede weitere Diskussion lässt mehr genervt und kopfschüttelnd zurück. Und ganznebenbei: Bisher habe ich noch nie erlebt, dass Frauen in dieser Partei absichtlich schlechter behandelt wurden. Das soll auch so bleiben. Und Gräben aufwerfen, finde ich da total kontraproduktiv.
Ich möchte einfach nicht, dass mehr Piraten ihre Geschlechtszugehörigkeit in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen, ich möchte Unterschiede einfach nicht beachten und nicht beachtet sehen.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 29, 2013, in Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Mag es daran liegen das Homosexuelle unterrepresentiert sind, weil es imer noch nicht die norm ist, homosexuell zu sein? Vielicht sollten wir einen Kurs anbieten. Homosexuell in 14 Tagen oder so. ( Das ist nur ein Beispiel. Ich hab nix gegen Homosexuelle, das selbe Beispiel hätte ich auch bei den unterrepresentativ vertreteten Nordseefischern bringen können.)MUSS ich denn wirklich immer jede Quote erfüllen? Oder nicht lieber denjenigen eine Basis bieten, die ein Interresse zeigen?

  2. „Ich weiß es doch auch nicht, ich weiß nicht, wie wir mehr Frauen in die Partei bekommen, ich wünsche mir das durchaus auch.“

    ich wünsche mir das auch. Lies mal meine Timeline von heute bei Gelegenheit.. Ich bin mir relativ sicher, dass Frauen bei uns bei Wahlen, in einem besseren Verhältnis gewählt werden, als sie antreten. Von daher sehe ich eine Quote nicht als adäquates Instrument an, den Fehler zu korrigieren der existiert. Der ist imo nämlich nicht der, dass wir Frauen benachteiligen würden, sondern dass wir
    1. zu wenig Frauen in der Partei haben und/oder diese
    2. zu selten antreten
    Eine Benachteiligung bei den Wahlen wäre für mich durchaus ein Grund für eine Quote.
    Dieser Kampf um die Quote sorgt jedoch imo dafür, dass wir uns selber in der Außenwahrnehmung, als eine Partei darstellen, die für Frauen nicht attraktiv ist.
    Darüber müssen wir reden, also zum einen warum sind wir für Frauen als Partei nicht attraktiv und warum treten zu wenige Frauen an.
    ich würde das positiv angehen. ich würde, wäre ich Statistiker, mir mal die Wahlen der letzten 2 Jahre vornehmen und eruieren, wie viele Frauen wir relativ gewählt haben und eben nicht, wie viele Frauen in Amt oder Mandat stecken. Letztere Darstellung ist aus meiner Sicht unsaubere Augenwischerei mit klar gesteckten Zielen. Kommt dabei raus, dass wir Frauen benachteiligt haben, bei den Wahlen, dann reden wir über eine Quote. Kommt das Gegenteil dabei raus, dann erzählen wir genau das rum!
    Beim letzteren Ergebnis würde ich aber auch den Großteil der Debatten beenden wollen und stattdessen in die positive Darstellung umschwenken und schauen, wie sich das auswirkt.
    Ferner würde ich darum bitten, dass wir uns mit der Programmatik für Frauen interessanter machen. Das könnten zum Beispiel auch Quoten sein, in bereichen, wo es faktisch eine Benachteiligung der Frauen gibt.
    Eine schöne zahl dazu lieferte heute jemand (TM) auf Twitter. Die Grünen haben trotz der 50% Quote einen Frauenanteil von 38%. Den Rückschluss aus dieser Zahl und dem was ich mir wünsche, überlasse ich dann mal dem geneigten Leser 🙂
    Also, ermitteln wie die Fakten aussehen und falls ich Recht habe in die positive Kommunikation über gehen, statt die Partei nach außen hin bewusst als frauenfeindlich darzustellen, als eine Partei die man mit Quote erziehen müsste…

  3. Fragt doch einfach zuerst mal alle „sich nicht als Mann verstehenden“ Mitglieder, ob die das überhaupt wollen. Dann klärt wieviel Prozent dieser Gruppe dafür oder dagegen sind.

    Ich würde als Frau (oder von mir aus als Nicht-Mann) eine Quote rundweg ablehnen. Und soweit ich es bei uns mitbekommen habe: Frauen haben kein Problem an Mandate oder Funktionen zu kommen weil sie Frau sind.

    Den Mann möchte ich sehen der gegen Katharina oder Marina antritt und gewinnt.

    Ein Quote macht die Partei nicht attraktiver. Das muss von innen kommen. Eine Quote hilft nicht. Allein deswegen, weil gar nicht die notwendige Anzahl an Leuten (NichtMänner) in der Partei aktiv und gewillt sind.

    Drüberstülpen schafft oder vertieft Gräben. Die Piraten haben andere interne und externe Herausforderungen.

  4. Das Argument „unterrepräsentiert“ enthält einen Kardinalfehler, nämlich den, dass Parteien die Gesellschaft zu repräsentieren hätten, wie es insbesondere Stefanowitsch als Hauptargument anführt.
    Parteien haben niemanden zu repräsentieren. Sie sind keine Parlamente, sie agieren direkt in der Gesellschaft, insbesondere die Piratenpartei, und haben ihren grundgesetzlichen Auftrag zu erfüllen, nämlich, an der politischen Willensbildung mitzuwirken.
    Die Vorstellung, eine Partei habe die Gesellschaft zu gestalten und demgemäß diese auch zu repräsentieren, ist keine parlamentarisch-demokratische, sondern eine Vorstellung, die einen Einparteienstaat voraussetzt. Nur dort kann man die Forderung stellen, diese eine Partei habe dann auch die Gesamtgesellschaft zu repräsentieren, was sie bekanntermaßen nicht tut.
    Die Absurdität der Repräsentationsvorstellung lässt sich nachweisen, wenn man überlegt, dass dann eine linke, sozialistische oder Arbeiterpartei Quoten für Unternehmer einführen müsste, da diese sonst in ihr unterrepräsentiert sind.
    Wenn man meint, es seien zu wenig Frauen in der Piratenpartei oder diese würden sich zu wenig zur Wahl stellen, dann sollte man sich die Gründe dafür überlegen.
    Dass Frauen in allen Parteien unterrepräsentiert sind, könnte auch daran liegen, dass das politische Interesse bei manchen nicht so ausgeprägt ist. Ich bezweifle, dass der Antrag auf Mitgliedschaft in irgend einer Partei abgelehnt wurde, weil das potentielle Mitglied weiblich ist. Nur in diesem Falle könnte von Diskriminierung gesprochen werden.
    Die Piratenpartei ist angetreten als rationale Nerd-Partei. Viele Frauen propagieren jedoch die als klassisch-weiblich angesehene Denkweise, die sich hauptsächlich auf Gefühl focussiert. Hier ist zu fragen, ob die Piratenpartei sich dieser anderen Denkweise zuneigen soll – warum sollte sie? – wobei hierdurch eben die Rationalisten diskriminiert werden würden. Sie würden einer politischen Partei beraubt, die im Gegensatz zu anderen die Auffassung hoch hält, dass der Bauch nicht das zum Denken bestimmte Organ ist.
    Damit könnte korrespondieren, dass zumindest viele, vielleicht gar die meisten weiblichen Mitglieder der Piratenpartei sich gegen eine Quote aussprechen. Denn auch die Frau an sich ist verschieden, die Spaltung zwischen Logik- und Vernunftsbetonten und Gefühlsbetonten / Ideologen / Populisten ist unter Frauen genau so zu beobachten, wie unter Männern.
    Einen natürlichen Grund dafür, dass zu wenig Frauen in Positionen gelangen, mag es geben: Frauen sind oft selbstkritischer und neigen weniger zu Rangkämpfen. Mit der Folge, dass sie sich möglicherweise weniger um Positionen bewerben. Das lässt sich allerdings nicht durch eine Quote ändern, sondern nur dadurch, dass man Frauen bewusst auffordert, aufgrund ihrer Leistungen oder Zutrauen in jeweis individuelle Fähigkeiten zu kandidieren. Was m.E. für die Gesamtpartei von Vorteil wäre, denn es gibt auch Männer, die nur dann kommen, wenn man sie darum bittet – und das sind oft die besser Qualifizierten.
    Dass Menschen mit ausländischem Hintergrund nicht in die Piratenpartei gehen, verwundert mich übrigens nicht im Mindesten. Kein Türke, Araber, Iraner, um nur hier am häufigsten vertretene Gruppen mit ausländischem Hintergrund zu nennen, begibt sich in eine Partei, in der er wegen israelkritischer Einstellung, die vielleicht hundertprozentig mit den Vorstellungen der UNO überein stimmt, von interessierter Seite in der Piratenpartei als Antisemit und Nazi beschimpft wird.

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  2. Pingback: Ich weiß es aber | hochseepirat

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