Archiv für den Monat Januar 2014

Plakate?!

Weil wir ja das mit der Politik machen wollen, streiten wir Piraten uns im Moment über Plakate, einerseits über Plakatentwürfe, die leider annähernd alle von Spaßvorschlägen getoppt wurden, die über Twitter verbreitet wurden – „EU? Cool“ oder „NSA? Blöd!“ – die Dinger sind wenigstens plakativ, was ja für Plakate von Vorteil sein soll -, andererseits streiten wir uns speziell in NRW, ob wir überhaupt plakatieren sollen, und diese Frage finde ich jetzt spannender.

Es wird die sehr gut klingende Idee verbreitet, dass wir keine Plakate mehr machen sollen, sondern die alten, von denen wir ja noch sehr viele haben, in einer lustigen Aktion, die dann auch medial spannend sein soll, verschrotten. Tenor: wir machen den Quatsch mit den Plakaten nicht mehr mit. Das gefällt bestimmt allen, so sagt man, dass bringt uns in die Medien, so sagt man, damit sparen wir Ressourcen, auch so sagt man.

Ja, die Idee klingt erst mal gut. Würden wir einen wohlorganisierten Event mit Sternfahrt hinbekommen, eine Nummer, wo wir in allen Kreisstädten auf dem flachen Land bis hin zu den großen Städten und Metropolen in jeder Fußgängerzone am gleichen Tag auftauchen, mit lustigen Plakatkunstwerken für Furore sorgen und danach auch noch mit großer Anzeigenkampagne feiern würden, dass wir keine Plakate mehr aufhängen, dann wäre das eventuell sogar eine Sache, über die man nachdenken könnte. Ja, ich habe das jetzt kommende Aber glaub ich ganz ordentlich aufgebaut:

Aber das wird so nicht passieren. Die Sternfahrt wird sich über zwei Wochen hinziehen, die Hälfte der Kommunen hat keinen Bock, streiten sich lieber gerade drüber, ob sie einen KV einrichten wollen, oder doch nicht, haben keine Aktiven, die so etwas planen und machen können, und der Rest findet es doof, weil es Topdown entschieden wurde. Konzertante Aktionen brauchen einen Dirigenten, der die Fäden in der Hand hält, gegen einen so starken Anarchen hat die Partei immer was.

Würden wir damit in die Presse kommen, vereinzelt ja, keine Frage, es gibt immer Kommunen in denen halt gerade gar nicht los ist und Redakteure, die uns nicht total doof finden. Aber würden wir den Effekt der Plakate damit aufwiegen können? Ich befürchte, das geht nicht.

Jetzt höre ich Menschen sagen: Äh, die Plakate will doch eh niemand, alle finden die doof, noch niemand hat eine Partei nur wegen der Plakate gewählt und so weiter und so fort. Jo, ich wohne in einem Kreis, wo alle paar Jahre Bodo Löttgen von den Plakaten der CDU grinst, ich müsste das auch nicht haben. Plakate haben einen Nervwerbeeffekt – von dem zum Beispiel Marken wie Seitenbacher profitieren – und wer hätte noch nicht gerne den Sprecher der Seitenbacher Werbung erwürgt? Das heißt, sie machen bekannt, setzen sich in den Hirnen irgendwie fest, und wenn es gut läuft, dann erschaffen sie zusätzlich noch ein bisschen Stimmung.

Clevere und freche Plakate, auf denen meinetwegen auch nur die Worte „NSA? Dooof!!1elf!“ stehen, können eine Grundstimmung aufnehmen. Merke, Plakate sind fürn Bauch, nicht für den Verstand. Deswegen war die Niedersachsenkampagne, die uns erklärte, wie blöd Plakate sind, auch so erschreckend unerfolgreich. Niemand hat sie auf Anhieb verstanden. Das war die vielleicht cleverste Plakataktion, die jemals in der politischen Welt versucht wurde, und genau deshalb totaler Unsinn. Die CDU plakatiert ihr „Weiter so!“ dagegen und wir haben schon verloren.

Die Message, wir machen den Zirkus mit den Plakaten nicht mehr mit, ist genauso clever und gefällt uns natürlich, wir sind so kluk. Aber womit soll die Message transportiert werden? Mit keinen Plakaten? Die Hauptwahrnehmung wird sein, dass wir auf dem Wahlzettel zum ersten Mal erscheinen. Ach, die Piraten gibt es noch? Haben aber keine Kohle mehr für Plakate, naja, die haben es wohl hinter sich.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie viel Kohle was kostet. Aber ich bin mir sicher, dass wir irgendeine Art von Präsens zeigen müssen. Keine normalen Plakate? Okay, aber dann brauchen wir die großen, die Wesselmänner, und die in ordentlicher Anzahl. Pro zwanzigtausend Einwohner einen oder anderthalb? Drunter geht es nicht, schaffen wir das? Oder wir schalten Anzeigen, natürlich viel in Social Medias, Google Anzeigen und so, aber auch in den Anzeigenblättchen, die zwar umsonst in die Haushalte flattern, deren Anzeigen aber schweineteuer sind. Alte Plakate mit neuen Aufklebern recyclen, das Recyclen dabei aktiv bewerben, das erscheint mir auch noch eine brauchbare Alternative. Bindet aber letztlich mindestens ebenso viele Manpower-Ressourcen, wie das normale Plakatieren.

Wir brauchen das alles nicht? Gut, dann lasst uns das mit der Politik lassen, ohne Werbung gibt es auch keine Stimmen. Wir müssen jetzt alles Geld nehmen, was wir noch haben, und es in einen guten und kreativen Wahlkampf stecken. Denn wenn wir es dieses Mal nicht schaffen – und ich spreche hier nicht von  Europa, für uns hier in NRW ist die Kommunalwahl vielfach wichtiger – dann wird uns bald der Unterbau fehlen, dann werden wir eine Eintagsfliege der Politik sein und eine Randnotiz in der politischen Geschichte.

Am Tage der Erinnerung …

… an die Opfer des Holocaust darf man sich ruhig fragen, ob wir gelernt haben? Wissen wir es heute wirklich besser? Ist die Ablehnung der Denkweisen der Nazis heute so umfassend, wie wir uns das gerne vormachen und vormachen lassen?
Mit Betroffenheit sehen wir, dass eine gar nicht so kleine Gruppe in Deutschland Zuwanderung als das größte politische Problem sieht. Angestachelt wird dies durch rassistische Kampagnen, die den alten nie ausgeräumten Hass gegen Sinti und Roma anstacheln – denn das ist gemeint, wenn sie „Bulgaren“ oder „Rumänen“ sagen. Die Nazis haben Sinti und Roma in die KZs verschleppt und umgebracht. Wir gedenken der Opfer.
Mit Beklemmung sehen wir, dass wir keine Geheimnisse mehr haben. Informationen werden erhoben, die Niemanden was angehen, unser Menschenrecht auf Intimsphäre wird mit Füßen getreten. Als die Nazis den Staat an sich rissen, war die GeStaPo das wichtigste Mittel, um eine sichere Herrschaft zu etablieren. Sie nutzten Informationen aus, um Menschen gefügig zu machen, nutzten alte Informationen – Stichwort „Rosa Listen“ – aus, um Homosexuelle zu verfolgen und zu ermorden.  Politische Gegner, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten, wurden kaltgestellt, und wenn das nicht reichte, ermordet. Wir gedenken der Opfer.
Mit Unverständnis sehen wir die Bilder der Gewalt gegen Demonstranten auf dem Taksim-Platz, aber auch in Frankfurt oder Hamburg. Eine Atmosphäre der Gewalt wird erzeugt, man muss befürchten, bei friedlichen Demonstrationen mit Wasserwerfern Bekanntschaft zu machen, oder auch mit Tränengas. Man kann sich nicht sicher sein, ob man nicht in einem Kessel landet oder von Polizisten mit dem Schlagstock angegriffen wird. Die Nazis nutzten für ähnliche Zwecke erst SA, dann SS und Polizei. Wer politisch aufbegehrte, wurde verprügelt und konnte sich seines Lebens nicht mehr sicher sein. Wir suchen eine Atmosphäre der Freiheit.
Mit Erschrecken sehen wir die zig Morde, die Nazis in den letzten Jahren begangen haben. Morde und Hetzjagden, die von der Polizei nicht verhindert werden, brutale Anschläge gegen Leib und Leben, bei denen „Fremdenfeindliche Hintergründe nicht ausgeschlossen werden können“. Das Relativieren, das Aufrechnen von zersplitterten Schaufensterscheiben mit Toten, die wegen der falschen Hautfarbe ihr Leben verloren. Bevor die Nazis an die Macht kamen, von Konservativen an die Macht gebracht wurden, wurden sie auch verharmlost, ihre Verbrechen mit dem halb geschlossenen rechten Auge übersehen. Am Ende davon stand Ausschwitz, waren Millionen Juden industriell ermordet. Wehret den Anfängen.
Erinnerung schmerzt. Aber sie ist so nötig. Der Kampf gegen Faschismus ist nicht vorbei, der gegen Rassismus und Nationalismus muss immer im eigenen Kopf anfangen. Auch das ist schmerzhaft, aber nötig. Wir müssen aus der Geschichte lernen, wir wollen nicht, dass diese Geschichte sich wiederholt.

Richtungsstreit?!

Die Diskussionen dauern fort und fort, im Moment ist die Situation der Piratenpartei extrem schräg. Auf der einen Seite machen die Fraktionen tolle Arbeit, wir haben großartige Kandidaten für Europa, hier in NRW und in einigen anderen Ländern bereiten sich hunderte von Aktiven auf Kommunalwahlen vor, die Partei vibiert vor guter Arbeit.

Auf der anderen Seite wird uns von einer relativ – also für Piratenverhältnisse – konservativen Ecke eine Richtungsdebatte oktroyiert, die, wenn sich das weiter aufbauscht, zur realsten Krise unserer Partei werden wird. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass alle Parteien, die nicht von Hause aus rechts-konservativ sind, eine solche Diskussion erlitten haben, und bisher ist diese Diskussion für die Ideale der Parteien immer katastrophal geendet.

Schauen wir zu den Grünen. Da gab es einst die große Diskussion zwischen Realos und Fundis, die durchaus mit unserem momentanen Zustand vergleichbar ist. Dort setzten sich die Realos durch, eine ernsthafte Veränderung des Systems zum Guten hin wurde vertagt und man konzentrierte sich lieber auf Fleischtöpfe und Dosenpfand. Man trieb die Visionäre aus der Partei, man brachte alle auf eine systemkonforme Linie – nun gut, ohne diesen Schritt hätte es vermutlich eine Piratenpartei nie gegeben, aber fürs Land war das eine sehr nachteilige Entwicklung.

Sollten die Piraten, die uns nun die Richtungsdebatte aufzwingen, am Ende als Gewinner da stehen, dann wird uns das genuso gehen, und gehen wir davon aus, dass die Halbwertszeiten kürzer werden, so wird es in fünfzehn Jahren eine Partei geben, in die viele von uns dann eintreten, weil es endlich eine Chance sein wird, etwas zu ändern, nachdem die Piraten systemkonform geworden sind.

Ich möchte aber gar nicht mehr in eine andere Partei eintreten. Ich möchte nicht nur im Herzen weiterhin Pirat sein. Als ich in diese Partei kam, wurde vom piratigen Dissens gesprochen. Von der Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen zu haben und trotzdem gemeinsam Piraten zu sein. Das fand ich gut, das finde ich auch heute noch gut. Aber seit Wochen und vielleicht schon Monaten werden die Fronten immer weiter verstärkt, die Wände höher gezogen. Die einen blocken, die anderen beschimpfen, die nächsten kommen mit Provokationen und es erhitzen sich die Gemüter.

Dabei frage ich gerne nach der Motivation. Ja, die Motivation der Diskriminierungsgegner kann ich verstehen. Und ja, gegen verbale Gewalt ist Blocken manchmal ein notwendiges Mittel – eine Blockempfehlung allerdings nicht, denn die bevormundet. Ich kann verstehen, warum man Menschen immer wieder erklären muss, dass sie gerade rassistisch oder sexistisch oder was auch immer argumentieren, denn meistens merken sie es selbst nicht.

Aber ich verstehe nicht, warum man andere beschimpfen muss, ich verstehe nicht, warum man anderen, von denen man weiß, dass sie Demokraten sind – ich gehe hier von einem Pirat=Demokrat aus – faschistoides Denken vorwerfen muss – vor allem, wenn die Definition von Faschismus etwas völlig anderes ist. Ich kann nicht verstehen, warum man Diversität plötzlich nicht mehr zulassen will, etwas, was mal der Kern unserer Partei war. Ich verstehe überhaupt nicht, warum man anderen vorschreiben will, wie und mit welchen Symbolen sie in dieser Partei arbeiten sollen. Ich weiß nicht, was die Anfeindungen sollen, was dieser Kampf um die Deutungshoheit soll. Wann habt Ihr angefangen, Euch selbst so ernst zu nehmen, dass Ihr neben Eurer Meinung keine anderen mehr gelten lassen wollt?

Ich glaube, eine SMV ist so wichtig, wie sie noch nie zuvor war. Weil wir einfach Abstimmungen brauchen, weil wir einfach über so vieles, was gerade zu der Frage aller Fragen hochstilisiert wird, beantworten müssen. Aber ich befürchte, die, die den Richtungsstreit wollen, werden alles tun, dass wir die SMV nie bekommen. Die wäre nämlich zu einfach, und so manche Verschwörungstheorie würde damit schnell zu beenden sein.

Apropos VT: Es gab Stimmen, die von einer Unterwanderung durch die Antifa sprechen. Wer so einen Unsinn glaubt, der glaubt vermutlich auch daran, dass die Mondlandung gefaked war und das Chemtrails uns alle vernichten werden. Das ist totaler Unsinn.

Aber versucht doch einfach mal ein bisschen nachzuvollziehen, was in den letzten Jahren passiert ist. Es gab einen Hype in Berlin, eine Wahl, die mit Themen wie BGE und Privatisierung von Religion gewonnen wurde, mit tollen Plakaten, die verhältnismäßig wenig Kernthemen beinhalteten. Menschen hofften auf eine neue Zukunft, auf eine Partei, die das mit der Arbeit für die Menschen ernst meinte und die das Systemupdate wirklich in Angriff nehmen würde. Mit Kernthemen allein wäre diese Wahl nie gewonnen worden. Mit Datenschutz kommt man eben nur auf zwei Prozent.

Dann wuchs diese Partei, und es kamen viele, die ihre Hoffnungen in die Partei projizierten und wenig über die Piraten wussten. Von denen blieben längerfristig nicht viele, aber die, die blieben und aktiv sind, sind natürlich den Berliner Themen, den Plakaten, die sie in die Partei zogen, auch nah. Wenn es einen Linksruck je gab, dann passierte der Ende 2011. Deal with it.

So, ein letztes. Ich bin linker Pirat. Ich habe das schon kurz nach meinem Eintritt in die Partei so gesagt. Ich habe die Sache mit einem Abschied von Links und Rechts nie ernst genommen. Für mich sollte das immer vor allem Ideologiefreiheit bedeuten, so habe ich das verstanden.  Und das kann ich ohne Skrupel bejahen. Ich hänge keiner Ideologie an. Aber ich stehe dafür, dass es möglichst allen Menschen möglichst gut gehen soll, ich verachte Diskriminierung, ich verabscheue das Einordnen in Schubladen und halte jegliche Machtkonzentration für schädlich. Das alles ist keine Ideologie, das ist kein festes Denkmodell eines Marx oder von wem auch sonst. Aber es ist halt so eindeutig gegen alle Menschenfeindlichkeit von allem, was sich so Rechts befindet, so gegen allen Nationalismus, Neoliberalismus, Rassismus und so weiter, dass ich mich nur als links bezeichnen kann.

Ich bin nie unter der Fahne der Antifa marschiert, bin aber von ganzem Herzen gegen Faschismus. Meine politische und künstlerische Arbeit ist antifaschistisch, ohne dass ich das Label trage. Aber genau deswegen muss ich heute allen beispringen, die heute in unserer Partei wegen ihrer antifaschistischen Arbeit in die Krawallecke geschoben werden. Ich weiß nicht, wieso diese Stereotypen aus der Bildzeitung in unseren Reihen so viele Anhänger haben. Aber ich hoffe, dass auch die zurückkehren zum piratigen Dissens, dass sie mit einem Richtungsstreit aufhören, der uns zerreißen könnte, dass wir wieder das mit der Demokratie und der Arbeit machen.

Quick – Ich grenze mich auch ab

Ich habe gerade diesen Blogpost gelesen:
Und auch wenn ich den Autor eigentlich schätze, kann ich das nicht so stehen lassen. http://www.mitkriegen.de/index.php/flaggenstreit-und-piraten/2014/01/24/
Nicht nur weil da lustig Äpfel mit Birnen vermatscht werden – weil der Antifa-Begriff eben doch ein anderer ist als die „soziale Marktwirtschaft“. Nein, da ist noch ein größeres Problem drin. Schon in dem vorherigen Blogpost hat der Mitkrieger http://www.mitkriegen.de/index.php/antifarce-fuer-klare-begriffsinhalte/2014/01/23/ recht forsch geschlossen, dass „Antifa“ mit Gewalt gleichzusetzen wäre. Niemand verschweigt, dass es gewaltbereite Antifas gibt, aber das ist keine Mehrheit und es gibt durchaus eine Menge Momente, in der die Antifa auch in die Position gedrängt wird, der wehrhafte Arm der Demokratie zu sein. Sinnloses zerstören von Autos und Fensterscheiben ist doof, gegen Faschisten und repressiven Polizeistaat darf man sich wehren. Sieht man die Taktiken der Polizei bei einigen Demonstrationen im letzten Jahr, dann kann ein geworfener Stein durchaus auch Selbstschutz sein – ich schweife ab.
Was viel wichtiger ist: Die Antifa ist ein inhomogenes Gebilde, genauso mit Strömungen durchzogen, wie wir Piraten. Und wenn sich Piraten zur Antifa bekennen, dann bedeutet das nichts anderes, als das es antifaschistisch arbeitende Menschen in dieser Partei gibt, dann bedeutet das, dass die Pirantifa natürlich demokratisch und nicht gewaltbereit ist, warum? Weil wir uns unter dem Dach der demokratischsten Partei in diesem Land treffen, weil jeder von uns mit dem Eintritt in eine Partei sich eindeutig gegen Gewalt als Mittel der Politik positioniert – ja, kommt wieder auf die Definition von Gewalt an, aber wollen wir mal kurz nicht spitzfindig sein, ist doch ein Quick.
An dieser Stelle habe ich, offenbar im Gegensatz zum Mitkrieger, Vertrauen in meine Partei. Abgesehen von einigen rechten Spinnern, die einfach in der falschen Partei sind, sehe ich einfach keinen Piraten, den ich einem undemokratischem Lager zurechnen würde. Und gewaltbereit? Ich bin Pazifist, immer noch und manchmal gegen besseres Wissen. Aber ich kann akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht wie ich aus Notwehr Politik machen, sondern auf der Straße auch mal handgreiflich unsere Rechte verteidigen. Andere Rechte, als die Polizei verteidigt. Pun intended.
Ich grenze mich auch ab, ich grenze mich gegen jeden Versuch ab, die Partei zu spalten, ich grenze mich gegen jeden Versuch ab, Leute, die gegen Faschismus arbeiten, zu kriminalisieren und zu verleugnen, ich grenze mich gegen jeden Versuch ab, den unsäglichen und erzkonservativen Extremismusbegriff als Idee in einer Diskussion zuzulassen. Denn das steckt hinter diesen ganzen Verteufelungen. Das sogenannte „Linksextreme“ genauso schlimm sind, wie Nazis, die zu „Rechtsextremen“ verharmlost werden. Nein, falsch! Merke: Wer linke Ideen zu Ende denkt, kommt zu einer menschenfreundlichen Utopie, über dem gedachten Ende der rechten Ideen steht „Arbeit macht frei“. Wer den Extremismusbegriff für akzeptabel hält, verharmlost Ausschwitz.

Ein Flaggenrant oder Warum machen wir es nicht einfach mit ner Entscheidung?

Ja, es geht um Piraten, wer sich dafür nicht interessiert, lest doch einen anderen Beitrag, stehen genug hier rum. So, ich wollte mich ja nicht zu diesen verdammten Flaggen äußern, wegen denen ein paar Leute den 25. Innerparteilichen totalen Krieg vom Zaune brechen, aber ich finde da etwas sehr schön zu analysierendes.

Wir haben offenkundig ein Problem mit kontroversen Entscheidungen. Das ist nichts Neues. Wir machen seit einiger Zeit immer wieder die Sache mit den Konsensanträgen, die dann leider total schwammig werden und weshalb manches in unseren Programmen fast so schwurbelig und nichtssagend klingt, als ob die CDU es geschrieben hätte – es erreicht fast nie ein so tiefes Niveau, aber es geht in die Richtung.

Konsens ist kacke, wir brauchen mehr klare Ansagen im Programm und da dürfen wir uns dann auch drum streiten, ist ja Demokratie und so. Wir haben das ja schon hinbekommen. Wir haben in Offenbach die Sache mit dem BGE ins Programm genommen, und die Zweidrittelmehrheit war knapp. Aber die Erfahrungen, die wir danach gemacht haben, haben uns klein gemacht und entscheidungsscheuend. Die Erfahrung ist nämlich, dass diese klare Entscheidung von den uns nicht gewogenen Medien zerrissen wurde. Und vor allem, dass die lautstarke Minderheit, die in dieser Partei mit dem BGE nichts anfangen kann, nicht damit umgehen kann, demokratisch unterlegen zu sein. Spricht man sich genauso klar wie dieser Parteitag für das BGE aus, findet man garantiert Piraten, die einen dafür als weltfremd und so weiter angreifen. Leute, da ist die Tür. Wenn ihr damit nicht leben könnt, in einer Partei zu sein, die mehrheitlich in dieser Sache anders denkt als ihr, dann haut einfach ab, verpisst euch, ihr könnt keine Demokratie, verpisst euch!

Hätten wir offensiv mit dem BGE Wahlkampf gemacht, wir wären nicht bei 2,2 Prozent gelandet. Da war viel mehr drin. Wir haben die Chance vertan, unser gar nicht so unpolitische Vorstand hat einen guten Wahlkampf in dieser Richtung verhindert. Keine Blumen fand ich in dieser Hinsicht völlig in Ordnung.

Aber zurück zu den Entscheidungen. Immer, wenn wir Programm abstimmen, fehlen mir die Alternativen, da kommen nur ganz selten wirklich alternative Anträge, die fragen, wollt ihr es so, oder lieber so. Da werden lieber Anträge gezimmert, mit denen alle Fachpolitiker irgendwie leben können – und schon sind wir im Schwammkopfland der Schwurbelität. Ich möchte da gerne von weg.

Und was hat das jetzt mit diesen Flaggen zu tun? Also mit Antifa und der anderen, der anarchistischen? Nun, es gab jede Menge Heulerei auf Twitter – speziell übrigens von ehemaligen Piraten, die es scheinbar nicht auf die Kette kriegen, die Partei, die sie verlassen haben, auch in Ruhe zu lassen – wenn ihr was zu meckern habt, dann kommt zurück, dann tut was dagegen oder haltet einfach die Klappe. Ich brauche echt keine ehemaligen oder inaktiven Piraten mehr, die zu Hause am Stream sitzen und sagen, wie es alles besser wäre. Das kann man mal machen, aber irgendwann geht es denen, die in der täglichen Arbeit dieser Partei stehen gepflegt auf den Senkel. Ich schweife ab.

Es gab auch Aufgeregte vor Ort, die sich auch in einer Mehrheit sahen, so wie ich das mitbekommen habe. Mit mir sprach wieder keiner drüber, vermutlich, weil ich ein langhaariger Bombenleger bin, bei dem man eh vermutet, dass er auf „linksextremer“ Linie wäre – by the way, wer immer noch nicht weiß, wieso man NIE, in Worten NIEEEE von „Linksextremen“ sprechen sollte, der darf jetzt diesen Podcast hören, in dem ThoroughT und ich lang und breit erklärt haben, dass es Extremismus nicht gibt. Wer das weiterhin unreflektiert weiter benutzt, wird von mir nicht mehr ernst genommen, also zumindest nicht als politisch denkender Mensch.

Nun also, warum hat diese unglaubliche Mehrheit der Flaggenverabscheuer denn nichts gegen diese Flaggen getan? Seid ihr keine Piraten? Wisst ihr nicht, wie man beide Arme hebt? Macht es mehr Spaß, sich hier dort und überall aufzuregen, als das Problem anzugehen? Denkt doch verdammt noch eins politisch! Ich sehe ein Problem, ich versuche es zu beheben, gerne auch mit einer Mehrheit!

Das ist nicht passiert, es gab niemanden, der seine Fingerchen in die Höhe reckte, einen Geschäftsordnungsantrag stellte, diese Flaggen doch bitte abzuhängen und dann eine Gegenrede anzuhören und dann das Votum zu bekommen. Warum? Warum kann das nicht einfach von der Mehrheit des höchsten Parteigremiums entschieden werden und dann ist es gut? Dafür gibt es doch Mehrheiten, damit sie entscheiden.

Ja, man könnte jetzt argumentieren, dass man die Versammlung nicht aufhalten wollte, aber sorry, das reicht mir nicht. Mir kommt das feige vor, ich habe das Gefühl, man traute der Mehrheit nicht, man wollte nicht Minderheit sein und akzeptieren, dass sich die meisten Piraten an diesen Flaggen nicht stören.

Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft solche Probleme ausfechten, statt sie auf Twitter zu vertagen, statt sie schwelen zu lassen, oder sie zu Richtungsentscheiden hochzustilisieren. Lasst uns entscheiden, scheut die eventuelle Niederlage bitte nicht so sehr, dass ihr nichts mehr beantragt.

Ach, übrigens, außerhalb unserer Filterbubble interessieren die beiden Stücke Stoff keine Sau. Dafür probt die Staatsgewalt in Hamburg, ob sie wieder genug Angst verbreiten kann, damit die Bürger endlich mal die Fresse halten. Da ist unsere Aufregung viel eher gefragt. Da werden unsere Rechte mit Füßen getreten, da dampft die Ausscheidung, da müssen wir was dran tun!