Archiv für den Monat März 2014

Ein paar Gedanken über Femen

Als Femen zum ersten Mal irgendwo auftauchten, da ging es um Menschenrechte in der Ukraine, inzwischen gibt Femenproteste zu verschiedensten Themen, und inhaltlich ist das auch gar nicht so genau zu fassen. Meistens geht es irgendwie um Feminismus – aber von einigen Aktionen wenden sich gerade Feministinnen auch ab, vor allem auch, weil sie die Protestform irgendwie problematisch finden. Zu den Inhalten der Proteste möchte ich gar nichts sagen, dafür ist mir das Feld auch zu diffus.

Die Aktionen sind allerdings immer recht ähnlich, und weil ich von Theater ein bisschen was verstehe, möchte ich mir diese Seite ein wenig anschauen. Also was macht die Aktionen aus, wie ist die Wirkung.

So weit ich das bisher gesehen habe, gibt es wiederkehrende Motive. Femen treten immer in einer kleinen Gruppe auf, sind oberhalb der Hose nackt und tragen Aufschriften auf den Oberkörpern. Dazu gehört ein meist sehr schneller Auftritt und eine gewisse Lautstärke. Bei keinem Video von Femenaktionen habe ich irgendwelche Slogans verstanden, ich habe noch nicht mal erkannt, in welcher Sprache sie geschrien wurden. Gefühlt gehört dann auch noch dazu, dass Sicherheitspersonal in der Nähe ist, das einschreitet, um den Protest zu beenden. Gegen dieses Personal wird sich kräftig gewehrt, und letzteres ist elementar, denn die Bilder, die dabei herauskommen, sind natürlich spektakulär. Wenn Polizisten oder Security-Menschen die meist kleineren und schmaleren Femen abführen und dabei auch noch fest zupacken müssen, dann ist das optisch eine gute Geschichte. Die Bilder zeigen dann automatisch Unterdrückung.

Der letzte Teil ist der am einfachsten verständliche, aber wie funktioniert der Rest? Das oft blitzschnelle Auftreten ist eine technische Notwendigkeit. Menschen mit ohne Kleidung sind auffällig, und so kommt man gar nicht in die Nähe von Fernseh- oder Fotokameras, wenn man so schon länger vorher auftreten würde. Von eventueller Scham der Aktivistinnen ganz zu schweigen. Aber dazu später.

Wozu ist das laute Schreien gut? Verständlicher wird das Anliegen ja dadurch meistens eher nicht. Ich glaube, es hat etwas mit der Überwindung und der Ausnahmesituation zu tun, in die sich die Aktivistinnen selbst bringen. Um mit voller Anspannung und total präsent zu sein, hilft es, auch die Stimme auf volle Kraft zu bringen. Dazu kommt natürlich, dass man Leute, die aus vollem Hals brüllen, nicht wirklich ignorieren kann. Und mal ernsthaft, die effektivste Strategie gegen Femenaktionen wäre es, sie einfach zu ignorieren. Ich rechne da auch mit, dass das mal versucht wird. „Da springen halbnackte Frauen schreiend herum und haben was auf ihre Haut geschrieben. – Jo, ist uns egal.“ – wäre fatal, oder.

Und dann kommt die Sache mit der Nacktheit. In den Theatern der westlichen Welt kann man damit schon lange nicht mehr schocken, vor etwa einer Generation war Nacktheit durchaus schon mal ein nicht allzu oft genutztes Protestmittel, allerdings dann meistens als Demonstration der individuellen Freiheit. Nun wird ausschließlich weibliche Nacktheit genutzt, um eine große Effektivität in Protest zu bekommen. Aber die Tatsache dieser Effektivität ist dennoch nur halb erwartet. Wer das Bedürfnis hat, nackte Brüste zu sehen, der kann dieses Bedürfnis unglaublich schnell mit ein paar Klicks im Internet befriedigen. Auch die Bilder von Uniformierten, die nackte Frauen schlecht behandeln, kann man außerhalb von Femenaktionen finden. Aber vielleicht muss man da eben auch sehen, dass ich jetzt persönlich als Internetmensch da andere Maßstäbe dran lege, als andere Menschen, für die Brüste exotischer sind.

Denn es funktioniert der Boulevard, wie er schon immer funktioniert hat. Die Schauwerte machen es. Blut oder Sex, darum geht es dem Boulevard. Und so werden Femenaktionen vor allem in BLÖD und Konsorten immer mit mehreren Fotos dokumentiert. Natürlich macht man sich über die Anliegen lustig, natürlich sind die weiblichen Reize wichtiger, als die Aussagen, aber man schafft Öffentlichkeit. Und eine Nackte bekommt mehr Meldungen, als fünfhundert Demonstranten. Das ist schon ein Wort.

Warum sind weibliche Brüste so spannend? Wegen der Tabuisierung. Eine Femenaktion in einem Himba-Dorf würde total im Sande verlaufen. Aber jahrtausendelange Zwänge weibliche Körper möglichst zu verstecken, prägen uns. Prinzipiell sind Brüste ungefähr so spannend wie Arme oder Knie – die auch immer nur bei Frauen tabuisiert wurden. Man könnte also davon ausgehen, dass in einer weniger irrationalen Welt Frauen genauso wie Männer kaum Entkleidungstabus hätten. Wobei, kurze Hosen und Sandalen, ihr wisst schon.

Und so richtig spannend wird es, wenn man schaut, wer bei Femenaktionen so richtig sickig wird. Zum Beispiel Maskulisten, die finden Femen total doof. Da benutzen Frauen doch einfach die Macht des Tabus, dass sie kleinhalten soll, um damit Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die dürfen sich ja gerne ausziehen, aber damit doch keine politischen Botschaften transportieren. Nicht zuletzt gibt es da ja das Problem, dass die Maskus keine ähnlich ästhetischen Brüste haben, mit denen sie kontern können. Da kann mann sich schon machtlos fühlen, und das tun Maskus ja prinzipiell immer, sind sie doch geborene Opfer der Gesellschaft.

Aber auch viele Frauen finden das doof. Das ist auch okay, denn Femen zementieren ja auch Bilder, nämlich dass nur schlanke und sportliche Frauen blankziehen dürfen. Wo sind denn die übergewichtigen Femen? Die alten Femen? Oder gar Femen, die eine Brust amputiert haben? Natürlich werden hier Klischees bedient, was aber meiner Meinung nach nicht zu einer Ablehnung der Protestform als solcher führen sollte. Man muss sich da immer fragen, warum es funktioniert und ob man da nicht tiefer ansetzen sollte.

Man kann jetzt natürlich auch hinterfragen, ob da von Frauenseite nicht auch Neid bei ist – ich meine jetzt nicht ein Neid auf die Körper der Aktivistinnen – sondern auf den Mut, den sie haben. Sie verstoßen gegen ein Tabu, sie zeigen etwas, von dem frau von klein auf lernt, dass frau es nicht zeigen darf. Schon lange bevor irgendwas wächst, werden kleine Mädchen mit Bikinioberteilen verhüllt, eine richtig schlimme Sache, übrigens. (Exkursion: schlimme Sache, weil sie dadurch innerhalb unserer verqueren Gesellschaft sexualisiert werden. Es wird etwas verhüllt, dass noch nicht da ist. Letztens las ich, dass sich Pädophile davon mehr angezogen werden. Aber es ist auch sonst Blödsinn. Da wird halt mehr reininterpretiert, als nötig ist. Ist imho ein Unterwerfungsmechanismus) – Also zeigt frau ihre sekundären Geschlechtsmerkmale nicht, und wenn die Femen das doch tun, dann kann frau sich schon angegriffen fühlen.

Die Aktivistinnen müssen viel Überwinden, und wenn man davon hört, dass sie gedrillt werden, dann verwundert das nicht so sehr – auch wenn der Teil schon schräg ist. Hier muss man auch wirklich mit Kritik ansetzen. Wenn es wahr ist, dass Femenaktivistinnen quasi autokratisch geführt werden, wenn Frauen da militärisch gedrillt werden, dann ist das kritisch zu sehen. Auch manche Inhalte, die man hier und da auf Brüsten gesehen hat, fand ich durchaus diskussionswürdig. – Die Form an sich ist aber kaum zu beanstanden. In einer Gesellschaft, in der man durch das Zeigen von nackter Haut solchermaßen Aufregung und Aufsehen generiert, ist es vollständig in Ordnung, dieses Mittel auch einzusetzen. Es liegt ja nicht an den Frauen, dass Brustwarzen tabuisiert sind. Ist an denen irgendwas falsch? Können die Aktivistinnen etwas dafür, dass sie mit solch schlichten Mitteln an ihr Ziel kommen?

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Quick: Erinnertes Leben – Neues Projekt

Ich hab da mal ein neues Blog angefangen, der erste Post ist hier zu finden. Er heißt „Erinnertes Leben“, weil ich in lockerer Folge mit Menschen reden will, die noch älter als ich sind und die mir dann etwas erzählen, also aus ihrer Vergangenheit. Es soll dabei nicht um die große Historie gehen, sondern um ganz Alltägliches. Der erste Text ist ein Gedächtnisprotokoll, dass ich nach einem Spaziergang mit meiner Mutter gemacht habe. Ich weiß nicht, ob ich bei diesem Format bleibe, oder ob ich zu klassischen Interviews übergehen werde, vielleicht sogar mit Video und so, mal schauen.

Bürgermeistergrillen in Bergneustadt

Montagabend gab es in meiner niedlichen und heimeligen Heimatstadt eine Veranstaltung, bei der vier von den bisher fünf Bürgermeisterkandidaten sich einer kleinen Fragerunde aussetzten. Also, aus piratiger Sicht, ein Bürgermeistergrillen.
Kandidaten für Bergneustadt sind: Fabian Middelhoff, Kandidat der CDU, Jörg Haselbach, bisher stellvertretender Bürgermeister, zur Kandidatur aus der CDU ausgetreten. Ebenfalls aus der CDU ausgetreten ist Christian Baumhof, der allerdings vorher auch nicht politisch aktiv war. Dazu kommt der unabhängige Kandidat Wilfried Holberg, den die SPD und die Grünen unterstützen. Der Vertreter der UWG war nicht dabei, weil er sich von dem Plakat, das für die Veranstaltung warb, übergangen fühlte. Veranstalter war übrigens die FDP, weil die sich noch für keinen Kandidaten ausgesprochen hat. Ob sie das noch tun wird, werden wir sehen, aber die Grundidee fand ich auf jeden Fall schon mal nicht übel. Schließlich war es zumindest ein wenig möglich, den Kandidaten auf die Zähnchen zu fühlen.
Erfreulich fand ich, dass immerhin gut vierhundert Menschen der Einladung gefolgt waren. In einer Stadt mit weniger als zwanzigtausend Einwohnern waren das mehr als zwei Prozent. Ziemlich okay für einen Montagabend. Warum war ich da? Nun, ich bin die Nummer Eins der Reserveliste in Bergneustadt, sollten wir ein kleines Wunder schaffen und ich in den Rat kommen – eher unwahrscheinlich, weil wir einfach zu wenige Direktkandidaten haben -, dann habe ich mit dem zukünftigen Bürgermeister zu tun. Ansonsten: wir wollen keinen Kandidaten aufstellen, wir sind also recht neutral.
Als Piraten wissen wir, wenn was von der CDU kommt, dann isses auch nix. Und so hatte sich Fabian Middelhoff dann auch schon in den ersten Statements gleich mal kräftig selbst disqualifiziert. Der mit Abstand jüngste Kandidat verengte seine gesamte Argumentation darauf, dass er ja Verwaltungsfachmann sei. Jo, er hat irgendeinen Verwaltungsmaster und ist nebenbei auch noch Betriebswirt. Statt auf Fragen kompetent zu antworten, bewies er immer wieder mit diesem Argument seine scheinbare fachliche Autorität. Nebenbei hielt er sich nicht an die Regeln der Moderatorin, was ja gleich mal unsympathisch macht. Als ich mich zu einer Frage durchrang und danach fragte, was die Kandidaten denn dafür tun wollen, dass auch die kleinen Orte in den Nebentälern mal vernünftiges Internet bekommen – die Innenstadt bekommt Glasfaser, sehr schön für die dortigen Einwohner -, antwortete Middelhoff mit „Verhandeln, dranbleiben!“ Ich musste lachen. Menschliche Kompetenz, eingeschränkt, politische Kompetenz, nicht wirklich vorhanden, Verwaltung könnte er können, zumindest sagt er das.
Bei Jörg Haselbach wurde es nur bedingt besser. Der ist rhetorisch etwas unbeholfen, was man ihm nicht wirklich zum Vorwurf machen kann. Im Gegensatz zu Middelhoff hat man das Gefühl, dass er die Stadt wirklich kennt, dass er sich auch wirklich Gedanken gemacht hat, aber leider kommt er mit einer uralten Politikerkeule, dem „mit mir wird es keine Erhöhung der Grundsteuer B geben“ – woraufhin ihm Moderatorin und Kandidatenkollegen sinngemäß sagten: Sorry, aber du redest wirr, darauf wirst du nur marginalen Einfluss haben. Solche Statements sind einfach dumm, man kann da dran packen, dass sie dem billigsten aller Populismen entspringen. Als es dann um das Skelett eines alten Wohnhochauses ging, dass wider erwarten nicht abgerissen wird, sondern an einen Investor verkauft, verstieg sich Haselbach auch noch in Richtung Ressentiments: „Wer weiß, wer da einziehen wird!“ Setzen Sechs! So was braucht keiner.
Christian Baumhof, dessen Praktikant ich mal für zwei Wochen war – ist erst zwanzig Jahre her -, geht seine Kandidatur einerseits mit großem finanziellem Engagement an, Großplakate grinsen uns entgegen, ein Büro hat er auch noch für den Wahlkampf angemietet, er hat aber auch ein paar Ideen, die ganz okay sind. Am besten gefiel mir, dass er in vier Städten Bürgermeisterpraktika gemacht hat. Jeweils für eine Woche hat er bei Bürgermeistern anderer Städte gelernt. Das ist nicht nur ein großes Engagement, es zeigt auch, dass er die Kandidatur und die daraus eventuell entstehende Aufgabe sehr ernst nimmt. In den fachlichen Fragen schlug er sich ganz gut, er hat sich vorbereitet, und er sagt auch recht offen, dass es schwer wird, Bergneustadt ist nun mal Nothaushaltskommune, und da raus zu kommen, das hat was mit Sisyphos zu tun. Ansonsten zeigte er sich eloquent und nicht gerade vor neuen Ideen sprudelnd. Vermutlich wird man bei ihm aber für Ideen wie Transparenz das eine oder andere offene Ohr finden.
Wilfried Holberg ist Wirtschaftsförderer mit einem bunten Erfahrungsbackground, er ist rhetorisch gut drauf, nimmt die Sache mit Humor und zeigte sich an einigen Punkten deutlich aufgeschlosssener, als seine Mitkandidaten, was in einer konservativen Kleinstadt vermutlich gegen ihn spricht. Die Aufregung über das Hochhaus, das nun nicht abgerissen wird, kann er nicht verstehen, er sieht die Chancen, die sich aus Investment ergeben. Und auf meine Internetfrage hin, kann er von einem Förderprogramm berichten, mit dessen Hilfe auch die Täler der Ahnungslosen hoffentlich angeschlossen werden.
Holberg hat ja sogar echte Chancen, wenn die SPD- und Grünen-Wähler der Empfehlung ihrer Partei folgen. Die konservative Mehrheit könnte sich recht ernsthaft aufsplitten, denn der größere Teil der Wahlberechtigten war ja nicht vor Ort und hat sich also auch kein Bild vom CDU-Kandidaten gemacht. Und Jörg Haselbach gehört zur bekannten Fußballerfamilie vor Ort. Der wird auch seine Stimmen bekommen. Den UWG-Kandidaten halte ich eher für chancenlos. Aber der wird vermutlich in weiteren Grillrunden auch mitreden wollen, das bleibt spannend.
Am Ende rutschte die Diskussion noch ein bisschen ab. In einer Stadt mit hohem Anteil von Menschen mit nichtdeutschen Nachnamen, wo aber fast ausschließlich welche mit deutschen Nachnamen Politik machen, ist eine Integrationsdiskussion auch immer putzig anzuschauen. Da war auf einmal von „Migrationsgeschäften“ die Rede – vermutlich kann man da „Auswanderungen“ kaufen – und auch sonst wurde der eine oder andere Populismus gedroschen. Mitpirat @DrVallinger meinte hinterher, das sei ja arg abgedriftet. Meine Antwort: „Du hast das zugrunde liegende Konzept des Rassismus einfach nicht gut genug verstanden!“
Liebe Bürgermeisterkandidaten von Bergneustadt, die Mehrheitsgesellschaft hat noch nie wirklich was für eine wie auch immer geartete Integration getan. Die Sache mit den zwei Seiten, die Integration hat, ist demnach nationalistischer Kackscheiß. Ich weiß, ihr wollt gewählt werden, und da muss man auch schon mal fordern, dass die gefälligst gutes Deutsch lernen müssen – also zumindest muss man so was sagen, wenn man eine Mehrheit hinter sich bringen will.
Gewählt wollen wir übrigens auch werden. Piraten zu wählen, hält sie meistens davon ab, sich gegenseitig zu zerfleischen, von daher ist es sogar eine gute Tat.

Quick – Netzpartei? Wie bitte? – Ein Rant

Sorry, aber dieser Hashtag mit der Netzpartei, der macht mich so leicht kirre. Wenn wir eine Netzpartei wären, wenn wir wirklich was gegen NSA und GCHQ machen wollten, dann hätten wir doch schon lange gefordert, Großbritannien aus der EU zu werfen, oder? Oder Sanktionen gegen die USA! Wir würden von der EU einen vernünftigen Schutz fordern, so eine Art Internet-Frontex, das die NSA draußen hält.
Ach, tun wir ja gar nicht. Was machen wir denn? Bis auf wenige Ausnahmen haben wir uns jetzt ein gutes Jahr über die NSA und die ganze Überwachung empört. meistens im Stil der faktenkritischen Empöreria, die ja eh momentan unsere Partei beherrscht. All diese Leute, die zu irgendwelchen kaum definierten Kernthemen zurück wollen, machen keinerlei politische Arbeit, empören sich aber hervorragend. Die Forderungen, die ich, in mir wohlbekannter Unkenntnis der Möglichkeiten aufgestellt habe, wären vermutlich auch jedem sogenannten Liberalen viel zu weitgehend. Und da, genau da, verzweifel ich. Wenn sich hier wirklich jemand fürs Netz stark machen will, warum tut denn keiner was? AGs zu netzpolitischen Themen sind chronisch unterbesetzt. Die Netzpolitik geht euch doch allen am Arsch vorbei!
Ja, ich wünsche mir, dass wir das Netz verteidigen. Und wenn wir in dieser Hinsicht gehört werden wollen, dann brauchen wir da dringend und laut radikale Forderungen! Warum radikal? weil wir sonst nicht gehört werden! So einfach ist das. Das ist Politik, und während ihr seit Wochen auf teilweise widerlichste Weise innerparteilich eskaliert, kommt politisch ein Scheiß rüber. Wer macht denn hier die Netzpolitik? Mir fallen da sehr schnell zwei Namen ein, der netnrd als netzpolitischer Sprecher der NRW-Fraktion, der inzwischen vom halben LV gehetzt wird, weil er nicht bereit ist, in die allgemeine Hetze einzusteigen. Und die Senficon, die ihr als linksradikal darstellt, weil sie den Citizen vielleicht irgendwie im Team hat, der gerade häufiger mal vor sich hin explodiert. Was ich verstehen kann, ich explodiere ja auch gerade.
Ihr wollt eine Netzpartei sein? Das Netz ist nicht nur der NRW-Mumble, in dem ihr eure Verschwörungstheorien wälzt. Mit dieser Netzpartei seid ihr vermutlich so relevant, dass noch nicht mal mehr die NSA den Mumble abhört.
Und ich weiß ja nicht, in welchem Universum ihr alle lebt, aber ich habe keine großen Schwierigkeiten, unsere Wahlhistorie nachzuvollziehen. Da hat sich eine kleine Netzpartei ein kleines Potential von vielleicht zwei Prozent aufgebaut. Und das wäre auch immer so geblieben, wenn da nicht in Berlin ein LV mit einem Stück mehr Programm angetreten wären, wenn da nicht ein Hype entstanden wäre, auf dem dann sogar gleich drei weitere LVs ihre Kandidaten in Parlamente brachten. Nicht, weil die Menschen unbedingt eine Netzpartei wählen wollten, sondern weil da Menschen waren, die was anders machen wollten und weil sie spannende neue Ideen hatten. Berlin hat diese Wahlen für uns gewonnen. Die verhassten unfähigen Berliner … hätten sie das mal nicht getan.
So, jetzt ist die Wut aufgebraucht. Können wir jetzt mal wieder was mit Politik machen? Das alles kotzt mich so sehr an …

Die Macht des Wortes, die Sprachpolizei und die political correctness

Da das Menschentier  sich eine Sprache erfunden hat, die dazu führt, dass es so einiges mit Denken und so hinbekommt, hat sich das Menschentier auch dieser Sprache ausgeliefert. Sprache ist mächtig, Sprache hat Wirkung, Sprache verletzt und baut auf, in Sprache kann man sich wohlfühlen, Sprache kann der kälteste Ort der Welt sein.

So weit die filosofische Vorbemerkung. Worum geht es eigentlich? Wir reden mal wieder darüber, was man sagen „darf“ und was nicht. Der üble Kampfbegriff von der politischen Korrektheit ist nicht auszurotten. Wir haben das ja mal mit einem Podcast versucht, hier kann man den anklicken.  Aber ich möchte es noch mal irgendwie schriftlich klar kriegen, weiterlesen auf eigene Gefahr, eventuell werde ich übergriffige Sprache als Beispiele nutzen.

Wenn ich vom Begriff der Supremacy ausgehe, also dem Oberbegriff aller Diskriminierungen, dann finde ich in eigentlich allen Bereichen diese Diskriminierung auch in der Sprache. Beispiele finden sich: Der gute alte Nationalismus spricht von „Ittakern“, „Froschfressern“ und „Sauerkrauts“ – ist nicht mehr so modern, richtig? Richtig, Nationalismus kommt bei uns echt nur noch selten zum Spielen raus. Na ja, es sei denn, man lässt antideutsche Sprüche los, aber wer will das schon. Oder es geht gegen Osteuropäer. Polen als notorische Autodiebebezeichnen, na, das ist doch kein Nationalismus, oder? DOCH!

Oder schauen wir mal Rassismus an, etwas, von dem wir uns rational ja auch schon so lange getrennt haben. Also außer im Stadion, da kann man schon Affenlaute gegen schwarze Spieler anstimmen. Und natürlich gibt es da sprachliche Spuren. Das N-Wort natürlich, aber auch die „Schlitzaugen“. Rassismus pur.

Oder der Hass gegen Homosexuelle, dem ich den Euphemismus „Homophobie“ nicht gönne. Da sind einige Begriffe wie „gay“ oder „queer“ reclaimt worden, manche mögen sich auch „Schwuchtel“ selbst zu eigen machen, gemeint waren alle diese Begriffe immer erstmal negativ. Und natürlich geht es auch schlimmer, schaut mal bei den Katholiken in die Kommentarspalten, da ist „Arschficker“ noch nett. Hass, es ist Hass.

Okay, bei dem letzten Beispiel aus dem letzten Absatz, das ich nicht wiederholen werde, merken vermutlich alle, dass das nicht nett gemeint ist. Und die meisten Menschen würden solche Worte auch nicht nutzen, selbst wenn manche eine gewisse Sympathie für die Aussage haben. Aber andere Worte werden genutzt.

Kurzer Einschub: Es wird inzwischen so fast zwanzig Jahre her sein. Es war das Aufwärmen für ein Theaterstück, es gab Übungen, die locker im Kopf machen sollen, und jemand neben mir machte seiner Anspannung dadurch Luft, dass er irgendwas sagte, in dem die Anspielung auf „Warme Brüder“ vorkam. Heute würde ich in einer solchen Situation nicht mehr lachen, ich fänd das ziemlich arm. Aber damals war ich ja jung und doof und ich habe auch gelacht – hey, zu dem Zeitpunkt hatte ich auch noch nie Kontakt zu Homosexuellen gehabt, aber den ganzen kleinbürgerlichen Scheiß mitbekommen, den man so als heterosexueller Jugendlicher auf dem Lande mitbekommt. Natürlich hätte ich auf Frage rational gesagt, dass ich kein Problem mit Homosexuellen hatte, und sicherlich kein Hass. Trotzdem lachte ich über den doofen Witz.

Ein Kollege bekam das mit und zischelte, ob wir sie noch alle hätten? Mir war das einerseits peinlich, irgendwie fühlte ich mich ertappt, und auf der anderen Seite war ich empört, dass sich da jemand einmischt. Was hat der für ein Recht, sich einzumischen? Ich war auf ein Klischee reingefallen, auf etwas, was man als diskriminierendes Gedankenmuster bezeichnen kann. Und irgendwie fühlte ich mich dabei im Recht. Heute weiß ich, dass ich nicht im Recht war. Aber diese kleine Anekdote lässt mich verstehen.

Es werden erbitterte wortreiche Schlachten um „N-Kuss“ oder „Z-schnitzel“ geführt, und ob diese Begriffe genutzt werden dürfen, sollten oder können. Müssen wir da wirklich drüber diskutieren? Worte, die einen schimmligen Geschmack von Kolonialismus und Antiziganismus haben. Die werden mit Tradition verteidigt und damit, dass man damit ja niemanden verletzen will? Jetzt mal Butter bei die Fische, ich bin übergewichtig, und immer wenn ich Begriffe wie „Fettsack“ höre, fühle ich mich dabei unwohl, egal, ob ich damit gemeint bin oder nicht. Weil es dabei um Diskriminierung geht, weil ich oft genug schon Opfer von solcher Diskriminierung wurde. Also benutze ich auch andere Worte nicht, von denen ich weiß, dass es Betroffene verletzt. Wenn ihr meint, solche Worte wären okay, dann fragt doch mal eine größere Runde von Menschen, die sich davon betroffen fühlen könnte. Und wenn nur ein Mensch von zehn sagt, dass ihn das stört, dann sollte das eigentlich Grund genug sein, so einen Scheiß nicht mehr zu nutzen. Oder ist es in eurem Interesse, Menschen zu verletzen?

Es hilft auch nichts, dass die eigenen Bilder im Kopf anders sind, als andere das vielleicht meinen. Wenn ich „die Studenten“ schreibe, dann sehe ich eine bunte Menge junger Menschen allerlei Geschlechts vor mir. Ich breche mir trotzdem keinen Zacken aus der Krone, wenn ich „Studierende“ schreibe, oder? Weil sich Frauen zum Teil von „die Studenten“ ausgeschlossen fühlen. Die neutralen Worte, Präsenspartizipien sind dafür klasse, haben nebenbei den Vorteil, dass sich Menschen, die sich nicht so eindeutig dem einen oder anderen Geschlecht zugehörig fühlen, auch mitgemeint sind. Das geht nicht immer, und ich experimentiere gerne so ein bisschen rum, weil manches an geschlechtergerechter Sprache halt wirklich umständlich ist. Und ich mag Sprache einfach und unbürokratisch. Wahrscheinlich werde ich deswegen nie so richtig mit Gender-Gaps oder –Sternchen schreiben. Ich nutze manchmal zwischendurch generisches Femininum, nutze noch lieber alles im Neutrum, und bisher hat sich da noch niemand drüber beschwert. Ich bin damit noch nicht durch. In dieser Hinsicht in der einen oder anderen Richtung Dogmen aufzustellen hilft uns nichts, denn ich befürchte, von allen Supremacy-Gedanken ist der, dass Männer Frauen überlegen sind, der am schwersten ausrottbare. Dogmen vertiefen die Gräben.

Ja, aber wenn Dogmen die Gräben vertiefen, warum sagst du dann, dass ich nicht mehr „Neger“ sagen darf? – Ja, ist gut, du darfst das N-Wort nutzen und ich nenn dich dafür Arschloch, ist das okay? (freie Variation eines Mems, das man kennen könnte 😉 )

Geschlechtergerechte Sprache ist schwierig, ein Feld, vor dem ich noch ein bisschen kapituliere. Ich bemühe mich da. In anderen Fragen ist es viel einfacher. Worte, von denen ich weiß, dass sie Menschen diskriminieren, auszusortieren ist auch gar nicht schwer. Die Struktur einer ganzen Sprache zu ändern, nun ja, das ist nicht so einfach. Ich will niemandem verbieten, irgendwas zu sagen, ich wünsche mir, dass alle mehr überlegen, was sie da sagen. Und ich sag offen, ich muss Menschen an dem messen, was sie sagen. Und was soll ich sagen, wenn Leute rassistischen, nationalistischen oder sonstigen Scheiß absondern, dann messe ich sie natürlich daran, woran denn sonst? Ja, ich habe Nachsicht vor Dummheit, ich würde mein damaliges Selbst nicht anschauzen, ich würde ihm erklären, warum das doof war. Aber immer, wenn Menschen, denen ich eigentlich eine gewisse politische Bildung zubillige, mit Sachen ankommen, die ich unterirdisch finde, dann wird meine Geduld schon ein bisschen mehr aufgebraucht, muss ich ehrlich sagen.

Und weil es in der Überschrift steht, noch mal kurz zum Thema „political correctness“. Ein Kampfbegriff, von amerikanischen Konservativen in die Diskussion gebracht und so irreführend wie nur irgend möglich. Eine Form des politisch korrekten kann es ja gar nicht geben, denn wer hätte die normative Macht, diese Korrektheit zu beurteilen? Richtig, zumindest in einer Demokratie niemand. Oder vielleicht doch, die Mehrheit, die könnte eventuell eine solche Institution sein.

Aber wenn wir die politische Korrektheit in Sachen diskriminierender Begriffe an der Mehrheit orientieren, dann sprechen wir von „Schwuchteln“, „Negern“, von „Fotzen“ und „Zigeunerabschaum“, und nach zehn Uhr auch von der „Judensau“ – politisch inkorrekt sind wir, die wir das ändern wollen, wir stehen einer Mehrheit gegenüber, die diskriminierende Sprache völlig in Ordnung findet, und die in Teilen auch Diskriminierung völlig in Ordnung findet. Und in diesem Sinne bin ich gern so inkorrekt, wie ich kann.