Bürgermeistergrillen in Bergneustadt

Montagabend gab es in meiner niedlichen und heimeligen Heimatstadt eine Veranstaltung, bei der vier von den bisher fünf Bürgermeisterkandidaten sich einer kleinen Fragerunde aussetzten. Also, aus piratiger Sicht, ein Bürgermeistergrillen.
Kandidaten für Bergneustadt sind: Fabian Middelhoff, Kandidat der CDU, Jörg Haselbach, bisher stellvertretender Bürgermeister, zur Kandidatur aus der CDU ausgetreten. Ebenfalls aus der CDU ausgetreten ist Christian Baumhof, der allerdings vorher auch nicht politisch aktiv war. Dazu kommt der unabhängige Kandidat Wilfried Holberg, den die SPD und die Grünen unterstützen. Der Vertreter der UWG war nicht dabei, weil er sich von dem Plakat, das für die Veranstaltung warb, übergangen fühlte. Veranstalter war übrigens die FDP, weil die sich noch für keinen Kandidaten ausgesprochen hat. Ob sie das noch tun wird, werden wir sehen, aber die Grundidee fand ich auf jeden Fall schon mal nicht übel. Schließlich war es zumindest ein wenig möglich, den Kandidaten auf die Zähnchen zu fühlen.
Erfreulich fand ich, dass immerhin gut vierhundert Menschen der Einladung gefolgt waren. In einer Stadt mit weniger als zwanzigtausend Einwohnern waren das mehr als zwei Prozent. Ziemlich okay für einen Montagabend. Warum war ich da? Nun, ich bin die Nummer Eins der Reserveliste in Bergneustadt, sollten wir ein kleines Wunder schaffen und ich in den Rat kommen – eher unwahrscheinlich, weil wir einfach zu wenige Direktkandidaten haben -, dann habe ich mit dem zukünftigen Bürgermeister zu tun. Ansonsten: wir wollen keinen Kandidaten aufstellen, wir sind also recht neutral.
Als Piraten wissen wir, wenn was von der CDU kommt, dann isses auch nix. Und so hatte sich Fabian Middelhoff dann auch schon in den ersten Statements gleich mal kräftig selbst disqualifiziert. Der mit Abstand jüngste Kandidat verengte seine gesamte Argumentation darauf, dass er ja Verwaltungsfachmann sei. Jo, er hat irgendeinen Verwaltungsmaster und ist nebenbei auch noch Betriebswirt. Statt auf Fragen kompetent zu antworten, bewies er immer wieder mit diesem Argument seine scheinbare fachliche Autorität. Nebenbei hielt er sich nicht an die Regeln der Moderatorin, was ja gleich mal unsympathisch macht. Als ich mich zu einer Frage durchrang und danach fragte, was die Kandidaten denn dafür tun wollen, dass auch die kleinen Orte in den Nebentälern mal vernünftiges Internet bekommen – die Innenstadt bekommt Glasfaser, sehr schön für die dortigen Einwohner -, antwortete Middelhoff mit „Verhandeln, dranbleiben!“ Ich musste lachen. Menschliche Kompetenz, eingeschränkt, politische Kompetenz, nicht wirklich vorhanden, Verwaltung könnte er können, zumindest sagt er das.
Bei Jörg Haselbach wurde es nur bedingt besser. Der ist rhetorisch etwas unbeholfen, was man ihm nicht wirklich zum Vorwurf machen kann. Im Gegensatz zu Middelhoff hat man das Gefühl, dass er die Stadt wirklich kennt, dass er sich auch wirklich Gedanken gemacht hat, aber leider kommt er mit einer uralten Politikerkeule, dem „mit mir wird es keine Erhöhung der Grundsteuer B geben“ – woraufhin ihm Moderatorin und Kandidatenkollegen sinngemäß sagten: Sorry, aber du redest wirr, darauf wirst du nur marginalen Einfluss haben. Solche Statements sind einfach dumm, man kann da dran packen, dass sie dem billigsten aller Populismen entspringen. Als es dann um das Skelett eines alten Wohnhochauses ging, dass wider erwarten nicht abgerissen wird, sondern an einen Investor verkauft, verstieg sich Haselbach auch noch in Richtung Ressentiments: „Wer weiß, wer da einziehen wird!“ Setzen Sechs! So was braucht keiner.
Christian Baumhof, dessen Praktikant ich mal für zwei Wochen war – ist erst zwanzig Jahre her -, geht seine Kandidatur einerseits mit großem finanziellem Engagement an, Großplakate grinsen uns entgegen, ein Büro hat er auch noch für den Wahlkampf angemietet, er hat aber auch ein paar Ideen, die ganz okay sind. Am besten gefiel mir, dass er in vier Städten Bürgermeisterpraktika gemacht hat. Jeweils für eine Woche hat er bei Bürgermeistern anderer Städte gelernt. Das ist nicht nur ein großes Engagement, es zeigt auch, dass er die Kandidatur und die daraus eventuell entstehende Aufgabe sehr ernst nimmt. In den fachlichen Fragen schlug er sich ganz gut, er hat sich vorbereitet, und er sagt auch recht offen, dass es schwer wird, Bergneustadt ist nun mal Nothaushaltskommune, und da raus zu kommen, das hat was mit Sisyphos zu tun. Ansonsten zeigte er sich eloquent und nicht gerade vor neuen Ideen sprudelnd. Vermutlich wird man bei ihm aber für Ideen wie Transparenz das eine oder andere offene Ohr finden.
Wilfried Holberg ist Wirtschaftsförderer mit einem bunten Erfahrungsbackground, er ist rhetorisch gut drauf, nimmt die Sache mit Humor und zeigte sich an einigen Punkten deutlich aufgeschlosssener, als seine Mitkandidaten, was in einer konservativen Kleinstadt vermutlich gegen ihn spricht. Die Aufregung über das Hochhaus, das nun nicht abgerissen wird, kann er nicht verstehen, er sieht die Chancen, die sich aus Investment ergeben. Und auf meine Internetfrage hin, kann er von einem Förderprogramm berichten, mit dessen Hilfe auch die Täler der Ahnungslosen hoffentlich angeschlossen werden.
Holberg hat ja sogar echte Chancen, wenn die SPD- und Grünen-Wähler der Empfehlung ihrer Partei folgen. Die konservative Mehrheit könnte sich recht ernsthaft aufsplitten, denn der größere Teil der Wahlberechtigten war ja nicht vor Ort und hat sich also auch kein Bild vom CDU-Kandidaten gemacht. Und Jörg Haselbach gehört zur bekannten Fußballerfamilie vor Ort. Der wird auch seine Stimmen bekommen. Den UWG-Kandidaten halte ich eher für chancenlos. Aber der wird vermutlich in weiteren Grillrunden auch mitreden wollen, das bleibt spannend.
Am Ende rutschte die Diskussion noch ein bisschen ab. In einer Stadt mit hohem Anteil von Menschen mit nichtdeutschen Nachnamen, wo aber fast ausschließlich welche mit deutschen Nachnamen Politik machen, ist eine Integrationsdiskussion auch immer putzig anzuschauen. Da war auf einmal von „Migrationsgeschäften“ die Rede – vermutlich kann man da „Auswanderungen“ kaufen – und auch sonst wurde der eine oder andere Populismus gedroschen. Mitpirat @DrVallinger meinte hinterher, das sei ja arg abgedriftet. Meine Antwort: „Du hast das zugrunde liegende Konzept des Rassismus einfach nicht gut genug verstanden!“
Liebe Bürgermeisterkandidaten von Bergneustadt, die Mehrheitsgesellschaft hat noch nie wirklich was für eine wie auch immer geartete Integration getan. Die Sache mit den zwei Seiten, die Integration hat, ist demnach nationalistischer Kackscheiß. Ich weiß, ihr wollt gewählt werden, und da muss man auch schon mal fordern, dass die gefälligst gutes Deutsch lernen müssen – also zumindest muss man so was sagen, wenn man eine Mehrheit hinter sich bringen will.
Gewählt wollen wir übrigens auch werden. Piraten zu wählen, hält sie meistens davon ab, sich gegenseitig zu zerfleischen, von daher ist es sogar eine gute Tat.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 28, 2014 in Nicht kategorisiert, Oberberg, Piraten, Politik und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. In einem persönlichen Gespräch hat mir Christian Baumhof vorhin erzählt, dass er sein Wahlkampfbüro nicht angemietet hat, sondern vom Eigentümer als Unterstützung zur Verfügung gestellt bekommt.

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