Unter Schmerzen lernen wir … also falls wir lernen …

Wir kriseln weiter vor uns hin, wir bekämpfen uns auf Twitter, es ist nicht schön. Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier und da auch mitmische, ich bin durchaus auch mit ein bisschen cholerischer Brausheit gestraft und nein, ich kann das auch nicht immer zurückhalten. Ich finde es trotzdem nicht schön.

Als gestern eine größtenteils nackte französische Frau durchs Dorf gejagt wurde, habe ich kurz überlegt, wie groß meine Empörung ist. Dann habe ich gemerkt, dass ich nicht so richtig auf Touren komme. Dann habe ich mir überlegt, ob es daran liegt, dass ich ja eh selbst Sexist bin. Aber so richtig ist das nicht das Problem. Ich habe das Plakat gesehen, finde es durchaus übel, würde mich dagegen verwehren, es zu plakatieren. Aber die Leute, die diesen Scheiß jetzt in Hessen plakatieren wollen, wollen damit ja keine Wählerstimmen generieren, sie wollen die Linken, die Feministen und ansonsten emanzipatorischen Geister provozieren. und da stellt sich in mir langsam aber sicher so ein Abnutzungseffekt ein.

Abnutzung ist schädlich. Aber eine gewisse Akzeptanz von Fakten ist vielleicht nötig und sinnvoll. Fakt ist, dass wir alle Piraten kennen, die wir für …  halten. Bei den drei Punkten könnt ihr jetzt irgendein Schimpfwort mit wahrscheinlich ableistischen Wurzeln einbauen, wenn ihr das braucht. Ich benutze ein lookistisches: Fakt ist, dass wir alle Piraten kennen, die wir für Rübennasen halten.  Die einen sagen halt, das ist eine Rübennase, weil es sexistische Plakate aufhängt, andere sagen, jenes sei eine Rübennase, weil es Gewalt eventuell in irgendeinem Fall für sinnvoll hält. Und so weiter!

Wir müssen das akzeptieren, wir müssen uns darüber klar werden, dass es in Ordnung ist, wenn es in dieser Partei Rübennasen gibt. Funfact: Vermutlich gibt es unter den aktiven Piraten niemanden, der nicht von irgendwem zumindest insgeheim als Rübennase bezeichnet wird. Die einen mehr, die anderen weniger, aber wenn wir alle Rübennasen aus der Partei rauswerfen wollen, können wir das nur durch Auflösung.

Jetzt können wir natürlich fragen, ob wir die Rübennasen brauchen? Einfache Antwort, ja, klar brauchen wir die. Also bis auf die, die gegen die Satzung verstoßen, aber die brauchen wir nicht Rübennasen nennen, da brauchen wir schon was Schärferes … Aber den Rest, mit dem müssen wir leben. Aus meiner – linken – Sicht sind das alle, die sexistischen Scheiß, nationalistischen Mist und sonst was absondern, was mir stinkt. Wenn es mir zu grottig wird, haue ich dazwischen, aber ich akzeptiere, dass es eine Menge Leute in dieser Partei gibt, die ein Problem mit Emanzipation hat. Ich spiele mit einigen Piraten zusammen ein in diesem Blog schon mal erwähntes Computerspiel und manches Mal frage ich mich, wieso Leute, die so ähm, befremdlich über Frauen reden, in einer Partei sind, die inkludieren will. Wie gesagt, ich merke des Öfteren an, dass ich einiges, was sie so sagen, für bescheuert halte, aber ich verlasse deswegen nicht das Spiel.

Und so sehe ich das auch in der Partei. Das heißt nicht, dass ich Bullshit jetzt supi finde, aber ich kann nicht hinter jedem BS hinterherlaufen, und ich weiß, dass viele Menschen, die selbigen absondern, durchaus Argumenten gegenüber aufgeschlossen sind. Das finde ich nämlich unter Piraten, besonders, wenn ich in diesem RL  mit ihnen rede, erstaunlich oft. Ich dachte sogar immer, dass es zum Grundkonsens gehört, dass man Argumente anhört und zu verstehen versucht. Seit Anfang dieses Jahres bin ich mir da nicht mehr so sicher. Und noch mal, ich sage das jetzt aus meiner Warte aus, das gilt aber auch im umgekehrten Fall. So ganz prinzipiell können wir doch miteinander reden, oder seit wann nicht mehr?

Es gibt einen großen Grundkonsens, der Programm heißt. Und auch, liebe Mitlinke, wenn der LPT der NRW-Piraten sich dafür entschieden hat, irgendwas mit FDGO und „sozialliberal“ zu machen, so hat der gleiche LPT auch beschlossen, den Verfassungsschutz abschaffen zu wollen – eine Forderung, die vermutlich der Verfassungsschutz als weit ab von der FDGO ansiedeln wird. Es gibt einen Grundkonsens und wir wissen doch eigentlich auch, wer die Feinde sind, und dass sie nicht in unserer Partei sind, oder?

Außer uns kann niemand einen Polizeistaat, auf den gerade viel herausläuft, verhindern. Außer uns kann niemand Staat und Kirche trennen, niemand Drogen entkriminalisieren, niemand das Urheberrecht vernünftig an unsere Welt anpassen.

Ich kann nicht hoffen, dass ich eine ganze Partei finde, die mit meinen eigenen Ansichten 99-prozentig übereinstimmt. Ich hörte letztens, mehr als fünfzig Prozent wären schon ausreichend. Wenn das so stimmt, und man davon ausgeht, dass es ja bei weitem nicht immer die gleichen fünfzig Prozent sind, dann muss ich einfach davon ausgehen, dass ich mit Menschen in der Partei bin, mit denen ich nicht sehr viel gemein habe. Aber wenn auch die, mit denen ich nicht dauernd übereinstimme, genauso für die Partei arbeiten, wie ich, dann wird das schon eine gute Sache sein. Und nur dann können wir wirklich was erreichen. So akzeptiere ich die Menschen in dieser Partei, auch wenn ich sie teilweise schrecklich finde. Freundschaft in der Partei finden, ist in Ordnung, muss aber nicht sein. Wir sind kein Freundeskreis, wir sind eine politische Partei. Mit allen Rübennasen!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am April 18, 2014 in Piraten, Politik und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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