Warum ist der Film „Ronja Räubertochter“ so gut und warum wäre er heute nicht mehr möglich?

Ich stolperte heute Morgen über diesen YT-Clip und verdrückte ein Tränchen, weil es so schön ist, weil dieser Chor so großartig ist, weil die Dirigentin so eine Power hat und vor allem natürlich, weil da einer meiner Lieblingsfilme abgefeiert wird. Ja, Lieblingsfilm, seltsam, nicht? Ich werde in wenigen Tagen vierzig und gebe einen Kinderfilm als einen meiner Lieblingsfilme an. Vermutlich ist das sogar verdächtig.

Als ich dem lieben @ThoroughT per Chat den Link schickte, kamen wir ins Gespräch und ich meinte: „ich könnte dir viel erzählen, warum gerade der so gut ist, und warum man heute diesen Film nicht mehr so drehen würde^^“ Dann dachte ich mir, och, das kannste doch auch gleich bloggen. Mach ich doch mal. (Nebenbei, über das Buch habe ich schon mal kurz gebloggt, ist ein paar Jahre her, war auch eher oberflächlich – ich wollte es nur gesagt haben, falls jemand denkt, hey, da war doch was, das hat er doch schon mal geschrieben. Wird er langsam senil? – Ja!)

Nicht vergessen – Spoilerwarnung – aber wieso eigentlich, hat irgendwer diesen Film nicht gesehen? Und wenn dem so ist, WARUM?

Warum ist Ronja Räubertochter so gut? Na, erstmal ist die Grundlage großartig. Das alte Märchenmotiv der Räuberbande in den Wäldern hat Astrid Lindgren schlicht ernstgenommen und es mitsamt der Mattisburg als Sujet für ihre Geschichte genutzt. Hier geht es auch nicht um Robin Hood, Mattis und auch sein Erzfeind Borka sind zwar kindgerecht wenig brutal, aber dennoch echte Räuber, die von ihren Überfällen leben. Dazu kommen ein paar Fabelwesen, der Mattiswald ist nicht immer ungefährlich und ein bisschen verwunschen ist er auch.

Dann steckt da dramaturgisch ja das klassische Romeo-und-Julia-Motiv hinter. Ronja und Birk kommen quasi aus verfeindeten Familien, und auch wenn sie sich nur als Geschwister sehen, steckt in ihrer Beziehung natürlich der Keim einer auch späteren Zweisamkeit. Hier ist ein sehr starkes Geschichtenmotiv, dass aber auch ganz neu gedacht wird, denn hier ist es nicht der Kern für echte Tragödie, sondern eher ein zusätzlicher Grund, warum sich die Geschichte entwickeln kann. Käme Birk aus befreundetem Haus, wäre die ganze Nummer einfach nicht dramatisch genug.

Kurz zur Umsetzung: Die Tricks sind der damaligen Zeit angemessen, die Rumpelwichte niedlich, die Grausedruden grausig, die Musik toll und schauspielerisch ist da keine Niete bei. Schwedische Landschaften gehen ja irgendwie auch immer und fotografiert ist der gesamt Film auch gut.

Die Themen des Films sind der nächste Punkt. Es gibt gleich mehrere Themen, und sie haben alle genug Platz in diesem Film. Freundschaft ist das eine. Birk und Ronja sind nicht sofort wie Bruder und Schwester, sie müssen sich erst gegenseitig das Leben retten, um zu merken, dass der jeweils andere doch kein Hosenschisser ist, und dass man sich mag. Und auch wenn das klar ist, dann wird ihre Freundschaft mehrfach auf die Probe gestellt, denn Freundschaft klappt halt auch nicht immer unbelastet.

Ein weiteres Thema sind die Bindungen zu Vater und Mutter. Dieses Problem bezieht sich fast vollständig auf die Titelheldin, Birks Beziehung zu seinen Eltern wird nur nebenbei beleuchtet und ist nicht so gut, wie das von Ronja zu Mattis und Lovis – kommt nur nebenbei vor, wird aber auch nicht ausgeklammert. Ronja hat mit Lovis eine resolute Mutter, wie man sie nur erträumen kann. Sie lässt Ronja nämlich viel Platz und unterstützt ihren Freiheitsdrang. Mattis ist eher besorgt um Ronja und einmal rettet er sie auch, ist der wunderbare Heldenvater, der die Graugnome verscheucht, die Ronja umzingelt haben. Aber er kann natürlich nicht akzeptieren, dass sie mit Birk, dem Sohn seines Erzfeindes befreundet ist. Und als er sie daraufhin verstößt, leiden Vater wie Tochter sehr daran. Mattis ist ein Vulkan, ein Emotionsbündel, aus dem alles sofort rausfließt, der seinen Kummer irgendwann eben auch nicht mehr aushält, und letztlich – wie wunderbar – seine Tochter um Verzeihung bittet.

Und der Tod, dieses gemeine Arschloch, kommt auch im Film vor. Denn Glatzen-Peer, der alte Räuber, den man unbedingt lieben muss, überlebt den Film nicht. Und seltener Segen für Räuber, er stirbt im Bett. Die Trauer, die Mattis natürlich herausschreit, kommt garantiert auch bei den Zuschauern an, auch bei den kleinen, und warum sollten die eben nicht auch mit diesem Thema konfrontiert werden?

„Ronja Räubertochter“ nimmt seine Zuschauer ernst, egal wie alt sie sind. Das ist der eigentliche Kern, warum dieser Film so gut ist. Bei allen niedlichen Rumpelwichten, bei allen Graugnomen und Grausedruden, dieses Märchen ist auch eine so positive Utopie. Aber niemals lügt der Film da, wo es wichtig ist. Ja, er klammert Gewalt größtenteils aus. Als Mattis und Borka sich darum prügeln, wer von beiden der Hauptmann einer gemeinsamen Räuberbande wird, dann ist das ein eher lustiger Showkampf – der manchmal recht kindlich wirkt -, der für blaue Augen sorgt und für Kreuzschmerzen, aber es fließt kein Blut. (Gilt nicht für den ganzen Film. Es fließt das Blut eines Wildpferdchens, das von einem Bären verwundet wurde.) Aber dieses Umgehen mit Gewalt ist die einzige „Lüge“, die dieser Film erzählt. Der Film lässt Angst und Schmerz zu, Trauer und natürlich eine Menge Gelächter.

Ganz nebenbei, Astrid Lindgren hat da rollentechnisch etwas gebaut, was schlicht klasse ist. Ohne Frage sind die beiden Elternfamilien eher traditionell in ihren Rollen. Mattis und Borka sind die Räuberhauptmänner, ihre Frauen machen den Haushalt. Beide Frauen, Lovis und Undis, sind allerdings alles andere als brave Hausweibchen, beide haben nicht unbeträchtliche Macht über und durch ihre Männer. Aber trotz diesem traditionellen Familienbild wird Ronja im gesamten Film nicht anders behandelt, weil sie ein Mädchen ist. Sie läuft frei durch den Wald, unbeschützt und selbstbewusst. Und natürlich ist der Plan, dass sie einmal Räuberhauptmann wird – was sie aber nicht will, weil die Leute wütend werden oder weinen, wenn man ihnen Sachen wegnimmt, und das ist jetzt auch keine Haltung weiblicher Schwäche, Birk sieht das genauso. Vielleicht ist die Art, in der Ronja aufwächst, ohne hübsch sein zu müssen, ohne schwach oder nett sein zu müssen, der märchenhafteste Zug des Films. Hier werden Kinder einfach als Kinder begriffen, nicht als Mädchen oder Jungs. Es wird über Erbschaft und Nachfolge gesprochen, ohne das unsägliche Stammhalter-Motiv auszupacken.

Und noch was. Es gibt keinen Erwachsenen in diesem Film – doch, Birks unsympathische Mutter Undis hier und da -, der die Kinder nicht als quasi gleichberechtigt behandelt. Wenn die miteinander sprechen, reden die einfach wie Menschen. Keine erwachsene Überheblichkeit, keine Überbesorgtheit, kein Herabsetzen, weil Kinder ja Kinder sind und man sie nicht ernst nehmen muss. Und so, wie die Erwachsenen hier mit den Kindern umgehen, so geht der Film mit seinem kindlichen Publikum um, und das ist groß.

Und warum ist der Film heute so nicht mehr möglich? Vielleicht ist es ja nur eine Spekulation von mir, aber ich sehe die heutige Art, wie man mit Kinderkultur umgeht, als recht problematisch. Ich glaube nicht, dass man heute mit einer Geschichte, in der es unter anderem um den Tod geht, freundliche Produzenten fände. Ich glaube, dass ein so emanzipatorischer Ansatz heute nicht gewünscht ist, in einer Zeit, in der in jedem siebten Mädchen-Überraschungs-Ei eine Fee sitzt. Aber vor allem sehe ich nicht, dass es heute modern ist, Kinder und Jugendliche überhaupt ernst zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Film, in dem eine Zehnjährige allein durch den Wald läuft, mit ihrem gleichaltrigen Freund den kurzen Schwedensommer lang ohne Erwachsene in einer Bärenhöhle wohnt und auch noch mit ihm nackig baden geht, heute gedreht werden könnte. Vor dreißig Jahren ging das.

Ich glaube, dass Astrid Lindgren eine der wichtigsten literarischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts war und für immer unter den Großen der Kinderliteratur bleiben wird. Dass wieder Bücher und Filme gemacht werden, die Kinder auf diese Art ernst nahmen, wie Lindgren es getan hat, ist mein Wunsch.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am September 4, 2014 in Film, Gesellschaft, jugendtheater, Kultur, Literatur und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Danke für deinen Überblick. Ich hatte den Film noch nicht gesehen, aber er klingt, als würde er sich eignen, um ihn mit meinen Kindern zu schauen.

    Deine Kritik der heutigen Medien teile ich leider 😦

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