Nun feiern sie wieder …

Nun heucheln sie wieder, feiern die deutsche Einheit, feiern einen historischen Moment, der denen, die ihn eigentlich errungen haben, schon an dem Tag der sogenannten Wiedervereinigung weggenommen worden war.
Als 89 die Mauer fiel, dachten wir noch an vorsichtige Annäherung, an zwei deutsche Staaten, die langsam ähnlicher werden würden, und irgendwann, vielleicht 2014 wiedervereinigt werden würden. Aber dann kaufte Kohl die DDR einfach der Sowjetunion ab, die BRD annektierte die einstige sowjetische Zone und man änderte sogar das Datum des Staatsfeiertages. Aus dem Tag der deutschen Einheit, der am 17. Juni an einen Arbeiteraufstand erinnerte, wurde der blutleere 3. Oktober, der an gar nichts erinnert, außer an den Kanzler aller Deutschen. Viele Jahre war der Aufstand vom 17. Juni ein schöner Kampfbegriff, den man gegen den sozialistischen Feind einsetzen konnte, nun wollte man lieber nicht mehr an Aufstände erinnern.
Heute streitet man darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Nun, ein Rechtsstaat war sie in einigen wichtigen Aspekten nun wirklich nicht, aber „Unrechtsstaat“ ist wieder so ein Kampfbegriff, der Menschen beleidigen soll, erniedrigen – ich finde, die damaligen DDR-Bürger wurden schon genug erniedrigt – sowohl von ihrem eigenen Staat, als auch von „uns“, von der BRD, die sich ihr Land einverleibte, ihr das eigene System aufzwang.
Unbestreitbar bekamen Menschen damals Freiheiten, die sie vorher nicht gekannt hatten. Leider bekamen viele auch viel mehr Freizeit, als sie bewältigen konnten. Wie viele Reisen kann man denn eigentlich von Hartz IV dank Reisefreiheit machen? Die Stasi hat sie nicht mehr überwacht, das machen heute BND und Verfassungsschutz, sie durften alles sagen und publizieren, mussten keine Witze mehr flüstern, hatten aber auch nicht mehr viel zu lachen. Und Nacktbaden an der Ostsee ist auch stark eingeschränkt.
Bei Gründung der DDR waren Menschen enteignet worden, und das war in Teilen sicherlich großes Unrecht. Jetzt wurden die DDR-Bürger gleich doppelt enteignet, verscheuerte der neue Staat doch ihre Produktionsstätten für ein Appel und ein Ei an Hedgefonds und dazu nahm man ihnen noch etwas sehr Existenzielles, nämlich ihre Biographie. Die Westpresse sagte es doch dauernd, die DDR war runtergewirtschaftet, ihre Bürger waren Menschen zweiter Klasse und wurden auch so bezahlt. Und was gab es noch außer Westpresse?
Aber die Strukturen der Diktatur zeigten durchaus auch noch unschöne Folgen. Stramme FDJ-Kader, im Gleichschalten geübt, errichteten national befreite Zonen, oder einten als Bundeskanzlerin die bundesdeutsche Politik in kapitalhörige Blockparteien. So bekamen wir wenigstens das Schlimmste des DDR-Systems ab, so wie deren Bürger die schlimmsten Auswüchse unseres nicht minder menschenfeindlichen Systems ertragen mussten.
Nun wird sie also wieder gefeiert, diese deutsche Einheit, die so viele menschliche Katastrophen gebar, die Lügen von „blühenden Landschaften“, der Sieg des Kapitalismus. Ich feier da mal lieber nicht mit.

Advertisements

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 2, 2014 in Politik und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Tja, diesmal keine Kontraargumente vom mir! Sehr gut, du hast es auf dem Punkt gebracht, danke!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: