Meine ungehaltene Bewerbungsrede

Disclaimer: Ich werde nicht in Kleve sein, um beim aLPT zum PolGef zu kandidieren. Ich schreibe aber gerne Reden.

Liebe Piratens,
ich bin naiv, nein, noch schlimmer, ich bin Idealist! Und mit diesem Makel bin ich in diese Partei eingetreten. Ich hatte das so verstanden, dass die CDU für Gott marschiert, die FDP fürs Kapital, die Grünen für die Umwelt und die SPD, ach, die SPD … naja, und dann kamen die Piraten und ich dachte, hey, das ist eine Partei für Menschen!
Ich habe die Nummer mit Freiheit statt Angst geglaubt, und ich finde das immer noch großartig. Freiheit statt Angst. Klingt doch auch einfach gut, oder? Und ich finde diesen Willy Brandt-Spruch von „Mehr Demokratie wagen“ großartig. Den ganz besonders. Ich war von Möglichkeiten wie Liquid Democracy begeistert, ich glaubte sogar an den SCHWARM! – nun gut, man ist halt manchmal zu naiv, ich bitte dafür um Entschuldigung.
Nun steh ich hier und frage mich seit Monaten, was noch übrig ist von meinem Idealismus. Können wir zurück zu dem, was wir mal wollten, können wir wieder die Partei werden, in die Menschen ihre Hoffnung steckten? Grund genug gibt es doch. Eine viel zu große Koalition kuscht vor dem Kapital und setzt immer weiter auf Umverteilung von unten nach oben. Das Geld läuft frei und immer mehr Menschen werden abgehängt. Ohne Tafeln wären wir in diesem reichen Land nicht weit von Hungeraufständen entfernt. Regierungen stecken ihr Geld lieber in Überwachung, als in ein bisschen mehr Gerechtigkeit. Gesundheits- und Bildungssystem laufen auf der letzten Rille, die Infrastruktur geht den Bach runter, Frau Merkel verbreitet die Politik, die dazu führt in der ganzen Welt.

Kurz: Es ist unglaublich viel kaputt. Und wir sitzen hier und wählen nach ein paar Wochen neue Vorstandsmitglieder, weil wir es nicht auf die Kette kriegen, miteinander vernünftig umzugehen. Ganz ehrlich, ich kotze im Strahl. Armdick!
Lasst uns das mal mit der Politik machen. Wir haben SMV und BEO beschlossen, ist ein halbes Jahr her, in der Stadt, die es gar nicht gibt, wir müssen das ans Laufen kriegen, gestern, damit wir Politik machen können, und noch viel mehr, damit wir die Hoffnungen erfüllen können, mit denen wir Menschen zu uns gelockt haben. Und dann lasst uns bitte mal ernsthaft darüber nachdenken, wie wir über zwei Prozent der Stimmen kommen. Vielleicht einfach mal wieder mit Freiheit statt Angst.
Nicht mehr empören, sondern mutig unser Programm vertreten, die Freiheit nehm ich mir doch! Zielgerichtet unsere Alleinstellungsmerkmale in den Vordergrund rücken! Nicht mehr vor lauter Bedenken butterweich herumschwurbeln. Seit Jahrzehnten ziehen alle Parteien immer weiter in die Mitte, die nichts anderes heißt, als in den neoliberalen menschenfeindlichen Mainstream. Sollen wir das wirklich auch tun? Das kann unser Ernst nicht sein. Wir sind eine kleine Partei, wir haben nur dann eine Berechtigung, wenn wir klar und anders sind. Lasst uns kompromisslos sein, lasst und im besten Sinne radikal sein, und die Probleme von der Wurzel her betrachten. Wir haben immer gesagt, wir sind die mit den Fragen, doch wann haben wir in den letzten Monaten wirklich etwas in Frage gestellt?
Nein, wir empören uns, wir meckern, wir grummeln, wir finden Überwachung total doof. Aber wo ist der Gegenentwurf? Was wolln wir denn? Maoam? Wie wäre es mal mit Plattformneutralität und die ernst nehmen. Wie wäre es mit Freiheit statt Angst und das ernst nehmen? Und ja, das tut auch schon mal weh! Weil Menschenrechte nicht an Schubladengrenzen aufhören, weil es ein Irrglauben ist, dass Menschenrechte nur für weiße Nerds eine vernünftige politische Forderung ist. Weil wir nicht Teilhabe für alle fordern können, und uns dann vor Feminismus in die Hose machen dürfen. Freiheit statt Angst! Weil wir nicht gleichzeitig gegen Faschismus und gegen Antifaschisten sein können – wir haben Sonntag in Köln gesehen, dass Tausende Rassisten und Faschos Randale machen, uns einschüchtern wollen, vielleicht wachen wir ja auf. Als das letzte Mal Demokraten nicht aufwachten, wurden sie von der Gestapo geweckt und abgeholt.
Liebe Bedenkenträger, tragt eure Bedenken in einen Bedenkenträgerverein, oder meinetwegen in die SPD, aber lasst uns piratige Politik machen, lasst uns Freibeuter sein, nicht Angstbeuter – ich entschuldige mich für diesen Wortwitz in aller Form – aber mal ganz im Ernst, lasst uns radikal gute Politik für Menschen machen, lasst uns eine Hoffnung für die sein, die sich nicht von RTL verdummen und der Bildzeitung verängstigen lassen. Eine Hoffnung für Menschen, die nichts mit der Langeweile der Etablierten anfangen können, die aber auch nicht per Aluhut in die Fänge von Querfront und Kryptofaschisten gezogen werden. Da muss es doch mehr zu holen geben, als zwei Prozent!
Mal ganz ehrlich, wir finden alle Überwachung doof, sehen den Polizeistaat am Horizont größer werden, hören die Angstmache der Konservativen und der Nationalisten, wir sehen, dass alles privatisiert wird, und was daraus erwächst. Wenn wir keine bunte, freie Gegenvision dagegen setzen, und auch dafür kämpfen und arbeiten, dann braucht es keine Piraten. Und ja, wir müssen damit der Mehrheit auf die Füße treten, macht man als kleine Partei so. Die Mehrheit will nämlich Überwachung, die Mehrheit will Sicherheit, und die Mitte der Gesellschaft hat mit Diskriminierung und Unfreiheit echt wenig Probleme. Lasst uns unbequem sein, mutig zu unseren Ideen stehen und dem immer rechteren Mainstream ins Gesicht lachen. Sonst braucht es uns nicht!

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Oktober 29, 2014, in Piraten, Politik. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 5 Kommentare.

  1. Irgendwie ist mir die Antwort zu lang geraten, deswegen wieder mal hier: http://moonopool.wordpress.com/2014/10/29/ungehalten/

  2. Just Another Greybeard ©

    I second Moono’s sentiment — and from too-far-far-away (different state, too late to move from-here-to-there…) I support your in-absentia-candidacy for polGF…(don’t underestimate in-absentia support ! … 😉

  3. Ich habe zwar den gleichen Ansatz wie du, also gleiche Argumente, warum ich bei den Piraten eingestiegen bin, aber wir passen politisch nicht zusammen. Ich bin Liberaler, also noch nicht einmal sozialliberal. Für mich heißt das, dass ich jedem Bürger erstmal gleiche Grundrechte zugestehe. Bei dir sieht das aber anders aus. Lies mal deine Kommentare über Pegida oder die dicke NPDlerin. Deren grundlegende Ansichten passen dir nicht und damit werden sie zum Abschuss freigegeben.
    Viele bei den Piraten haben so gedacht wie du, manche (weniger) wie ich. Wir alle hatten gemeinsam, dass die bestehenden Parteien es nicht gut genug machen, zu wenig Kontakt zur Basis ihrer Wähler haben. Diese Gemeinsamkeit allein reicht nicht.

    • Ich gebe niemanden zum Abschuss frei, ich diskriminiere im Gegensatz zu vielen anderen auch die Kandidatin der NPD nicht. (Du in deinem Kommentar schon, schade …)
      Ich will auch niemandem die Grundrechte nehmen, ich bin ja nicht bei der CDU. Aber politisch gegen das kämpfen, was hinter der Pegida steht, das halte ich für meine Pflicht Und zwar aus meiner liberalen Einstellung heraus. Weil Faschismus, weil Rassismus und Supremacy allgemein das Gegenteil von Liberalismus ist. Also sind Pegida, NPD und der ganze Rest an Menschenfeinden mein politischer Gegner. Meinungsfreiheit ist schön und gut, aber es gibt Meinungen, die Verbrechen sind. Wenn jemand meint, dass alle Liberalen verbrannt gehören, wirst du vermutlich auch dankbar sein, wenn sich da jemand gegen wendet, bevor derjenige seine Meinung in die Tat umsetzen kann.
      Wenn du meinst, dass liberal bedeutet, ich lasse Menschenfeinde ihr Ding machen, dann vertrittst du einen Scheiß-Egal-Liberalismus, mit dem ich nichts anfangen kann, weil er sich nicht wehren kann. Wenn niemand die Freiheit und die Menschenrechte verteidigt, dann wachen wir in Faschismus und Diktatur auf. Möchte ich nicht. Ich glaube, du auch nicht.

  1. Pingback: Ungehalten. | @moonopool

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