Archiv für den Monat Dezember 2014

Zeit für Fragen

Kurz vor dem Ende eines Jahres schaut man zurück, schaut man voraus, hat man vielleicht auch mal die Zeit, etwas tiefer zu schürfen.
Wir sehen, wie Scheinwerte a la Nation, Rasse und Klasse wieder wichtig werden, wir sehen, wie Politik nichts ändern will, nichts ändern kann. Wir sehen Medien, die Klischees und Ressentiments besser bedienen, als sie recherchieren und nachfragen. Wir sehen eine ganze politische Klasse, die innerlich schon vor den Fragen der Zukunft kapituliert hat. Und wir sehen uns selbst nur an der Oberfläche kratzen, wenn wir die Antworten suchen, wenn wir unsere kleinen Fragen stellen.
Im Zeitalter von 3D-Druckern und allgemeiner Kopierbarkeit wird das Urheberrecht zu einem Kriegsgebiet. Der gedankliche Abgrund, der zwischen der allgemeinen Verfügbarkeit und dem Interesse der Urheber klafft, ist astronomisch breit. Dass letztlich sowohl Urheber als auch Nutzer die Verlierer beim Urheberrecht heutiger Prägung sind, ist nur ein weiterer Hinweis, dass wir am falschen Ende anfangen. Wir können den Abgrund nicht mit Kompromissen zupflastern. Es ist Zeit, die Systemfrage zu stellen. Denn das System lässt den Abgrund klaffen. Wenn wir nicht Gewinnorientierung und Wachstum in Frage stellen, dann können wir auch das Urheberrecht nicht klären.
Medial sind wir nah an der einen Welt, an einer vereinten Welt. Das Internet macht uns alle gleich, sobald der Zugang dazu frei für alle Menschen möglich ist. Frei, ohne Überholspuren für Konzerne, ohne Paywalls, netzneutral und für alle erreichbar. In einer Zeit ständig wachsender Rechnerleistungen ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass auch Sprachbarrieren einfach weggeräumt werden, Übersetzungsprogramme die absolute sprachliche Freizügigkeit ermöglichen. Wie lächerlich vor solchen Möglichkeiten fadenscheinige Konstrukte wie Rasse oder Nation werden, davon sehen wir, die wir im Internet leben schon lange einen leuchtenden Streifen am Horizont und auch 2015 bringt uns näher dahin. Aber es bringt natürlich auch die auf die Barrikaden, die nichts als ihre Konstrukte haben. Und je aberwitziger die Ideen werden, das kennen wir von religiösen Fanatikern, desto mehr werden sie sich wehren. Wenn wir für die Zukunft arbeiten wollen, dann müssen wir Nationen und Grenzen in Frage stellen. Und Rassismus und andere Supremacygedanken sehr ernsthaft bekämpfen. Das eine geht nicht ohne das andere.
Zehn Jahre Hartz IV, Armut wird verwaltet und vor Hungeraufständen schützt die Tafel. Das ausgeklügelte System, mit dem Menschen klein gehalten werden, die vom System nicht gebraucht werden, funktioniert wie geschmiert. Nachfragen sind nicht gewünscht, und wenn der Topf mal überkocht, sind es wieder mal bedauerliche Einzelfälle. Fragt jemand nach der Suizidrate unter Beziehern des ALG II? Und wie sieht es im Rest von Europa aus? Wie viele Menschen verhungern auf dieser Welt? Wie viele Menschen verhungern auf einer Welt, die uns immer noch ohne Probleme alle versorgen und ernähren könnte? Aber es wird weiterhin spekuliert mit Nahrungsmitteln, die armen Länder werden ausgebeutet und alles, was an Entwicklungshilfe – was für ein feiner überheblicher Begriff – Spenden in die armen Länder geht, kommt schnell wieder zurück in die Taschen unserer Reichen hier in Europa, drüben in Amerika und weniger anderer Länder. Darum spendet alle brav und seid mildtätig. Gibt es eigentlich noch irgendeinen Grund, die Systemfrage nicht zu stellen? Was ist die Alternative? Die spekulierenden Banker ihrer Verbrechen anzuklagen? Erstens macht das keiner, und zweitens, hey, die machen nur ihren Job. Es sind nicht die einzelnen Menschen, die könnten was tun, werden es aber immer nur vereinzelt etwas ändern, es ist das Streben nach Gewinn und Wachstum. Dieses System treibt uns alle. Und wir nehmen es gottgegeben hin. Nennen jeden einen Hippie oder Spinner, der sich ein anderes System überhaupt noch vorstellen kann.
Es ist Zeit für die Fragen, es ist Zeit, alles in Frage zu stellen. In diesem Sinne wünsche ich mir und uns ein Jahr 2015 voller Fragen. Und vielleicht kriegen wir ja sogar die eine oder andere Antwort.

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2014 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Die Konzerthalle im Sydney Opernhaus fasst 2.700 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 16.000 mal besucht. Wenn es ein Konzert im Sydney Opernhaus wäre, würde es etwa 6 ausverkaufte Aufführungen benötigen um so viele Besucher zu haben, wie dieses Blog.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Quick – Selten etwas so Dummes gehört …

Es gibt Menschen, die nun wahrhaftig den inzwischen eh schon größtenteils rausgeekelten Linkspiraten vorwerfen, dass deren Aktionen Menschen in die Arme der #Pegida getrieben hätten. Das ist einerseits genauso dumm, wie es sich anhört, und gleichzeitig unglaublich dreist.
Abgesehen davon, dass die Aktionen irgendwelcher Piraten im ganzen gerade fast vergangenen Jahr alle nicht so medial beachtet worden sind, wie wir uns das wünschen würden – kurz: niemand interessiert sich wirklich für das, was irgendein Pirat im letzten Jahr getrieben hat -, und von daher gar nicht die Wirkmächtigkeit irgendwelcher Aktionen gegeben war, ist der Effekt natürlich von ganz woanders angeregt.
Natürlich – weil sich manche auch noch in Jahrzehnten auf ihren ewigen Sündenbock einschießen wollen – ist auch und gerade die Femen-Aktion von Anne Helm der große Aufhänger. Welche Ironie, weil diese Aktion überhaupt keine Verbreitung gefunden hätte, hätten nicht Piraten in wochenlanger teilweise extrem widerlicher Hetze diese Nummer hochgekocht. Muss man sich ja auch mal auf der Zunge zergehen lassen. Außer den „liberalen“ Piraten – pun intended – haben sich über diese Nummer eigentlich nur eine schlechte Boulevardzeitung und Nazis aufgeregt. Richtig gute Gesellschaft … NOT.
Wenn wir jemandem Schuld geben können, dass sich Rassisten und Islamhasser zu Tausenden öffentlich sammeln, dann wohl eher den Medien, die immer wieder kaum verhohlenen Rassismus transportieren, dann doch eher den Scharfmachern, den Sarrazins, Broders und Fleischhauers – wie schön sich letzterer letzte Woche von seinen Mitstreitern im Geiste distanzierte, war schon fast lächerlich. Parteien, die widerliche Stammtischparolen wie „Kinder statt Inder“ oder „Wer betrügt fliegt“ plakatieren, die sind die eigentlichen Anschieber der Rassistendemos.
Antifaschisten sind aber wieder mal die Sündenböcke der McCarthy-2.0-Bewegung innerhalb der Piratenpartei. Leute hätten sich ja so radikalisiert, weil die Antifa ja so schlimm provoziert. Wisst ihr, da mag sogar ein wirklich winziges Körnchen Wahrheit dran sein. Die Aktion von Anne in Dresden war dazu gedacht, Nazis zu provozieren. Sie hat viele provoziert, die sich selbst von Nazis weit distanzieren. Meistens auch zu Recht. Aber jeder, der von solchen antifaschistischen Aktionen dazu provoziert wird, bei Pegida mitzumarschieren, der geht da zu Recht mit, der war schon immer Rassist.

#NieWieDa

Der von mir zum Titel dieses Posts gemachte Hashtag ist nicht von mir, ich wünschte aber, er wäre es. #NieWieDa ist nicht nur eine schöne Verballhornung der ganzen rechten Abkürzungsdemos, die dieser Tage durch die Gegend fackelmarschieren, es ist auch eine wichtige Aussage. Denn nie, niemals wieder, so hofften wir immer wieder, würden sich tausende Rassisten öffentlich zeigen. Nie wieder sollte sich das menschenfeindliche Gespenst in Deutschland materialisieren.
Aber wir wissen es seit Jahren besser, wir wussten es schon immer besser. Supremacy in allen Schattierungen, von Rassismus und Nationalismus bis Hass auf Schwule, Behinderte und Andersdenkende, ist ein Phänomen, dass wir täglich erleben, dass aus der Mitte der Gesellschaft kommt, und vor dem wir immer wieder warnen.
Wir, das bedeutet, wir Linke, ohne dass ich damit auf eine Partei verweise. Die Linke als Partei kennt im antiimperialistischen Teil deutliche antisemitische Tendenzen, frei davon sind die also auch nicht. Wie jede Partei da ihre Probleme hat. In der orangenen Partei, in der ich Mitglied bin, äußert sich das des Öfteren in offenem Sexismus. Und natürlich in der Antifa-Debatte.
Seit gut einem Jahr ist diese Debatte eskaliert. Viele gute Leute sind gegangen, weil es in der Partei en vogue wurde, gegen „Linksfaschisten“, „Gutmenschen“ und „Antifanten“ zu ranten – alles Worte die woher kommen? Ja, richtig, alles Worte, die wie „Political Correctness“ in rechtskonservativen Kreisen und von Nazis geprägt wurden. Und ich wiederhol mich ja nur ungern, aber Sprache hat Macht, und diese mit Hass aufgeladenen Begriffe bleiben in ihrer Menschenverachtung wirkmächtig, auch wenn Menschen sie aussprechen, die sich selbst für irgendwie links halten. Eine Atmosphäre wurde aufgebaut, die sich gegen alles Linke richtete, während man gleichzeitig ein hart linkes Programm vertrat – das gibt es ja noch – was ein seltsames Bild von der geistigen Gesamtlage dieser Partei zeichnet.
Monatelang haben wir uns anhören dürfen, dass der Kampf gegen Rechts nun mal nicht der Hauptpunkt der Piraten sei, es gehe da viel eher gegen Überwachung. Für Alle, die das noch immer nicht geblickt haben, Überwachung ist ein Zeichen von Diktatur und Polizeistaat, Kampf gegen Überwachung ist auch Kampf gegen Faschismus, aber der ist ja nicht so wichtig, richtig?
Und dann stehen plötzlich alle fassungslos vor HoGeSa und den ganzen anderen Abkürzungsnazis. Rechte Aufmärsche in Brigadestärke sind halt sooo unerwartet, richtig? Und die Antifa spinnt, wenn sie von rechter Gefahr spricht, oder? Es ist ermüdend.
Die Mitte unserer Gesellschaft ist rassistisch und sie zeigt es momentan sehr offen. Also müssen wir das auch so aussprechen. Und ja, ich kenn das ganze Mimimi, nur weil sie rassistische Sprüche aufsagen, muss ich sie da gleich Rassisten nennen? Nur weil sie Rassisten sind, muss ich sie gleich Nazis nennen? Das geht mir alles so auf den Sack. Wenn man nicht sagt, dass sie sind, was sie sind, haben sie auch keine Chance das zu merken. Wenn man nicht sagt, was sie sind, dann haben Menschen weniger Hemmung, sich ihnen anzuschließen.
Ich denke in den letzten Tagen immer mal wieder an das ELDE-Haus in Köln, die Gestapo-Zentrale im Tausendjährigen. Ein Haus ziemlich in der Mitte der Stadt, fünf Minuten vom Dom. In winzigen Kellerräumen drängten sich dort Gefangene so, dass sie weder sitzen noch liegen sondern nur stehen konnten, wochenlang. Die hygienischen Zustände waren barbarisch. Das Schreien und der Gestank, der aus diesen Kellerlöchern heraufdrang, kann nicht unbemerkt geblieben sein. Ganz Köln muss gewusst haben, was da vor sich ging, und vermutlich hat auch ganz Köln davon gewusst, dass im Hinterhof dieses Hauses nicht selten Schüsse zu hören waren, denn dort wurden auch Menschen „hingerichtet“, ermordet. Tausende Kölner haben das hingenommen. Hatten Angst, haben es toleriert, haben es unterstützt. Dieses Bild geht mir nicht aus dem Kopf. Dieser Fakt geht mir nicht aus dem Kopf.
Man kann aus der Geschichte lernen. Zum Beispiel können wir was tun, wenn dieser Geist wieder sein Unwesen treibt. Wir können hinschauen. Und das sollten wir. Meine Besuche im ELDE-Haus und meine Beschäftigung mit den Edelweißpiraten (http:// https://hollarius.wordpress.com/2008/03/16/10/hier ein sehr alter Blogpost zu dem Thema) haben mich geprägt, haben mich zu einem sehr bewussten Antifaschisten gemacht.
Dass wir vor knapp einem Jahr als Piraten unter einer Flagge der Antifaschistischen Aktionzusammensaßen, hat mich gefreut, denn Antifaschismus halte ich ganz prinzipiell für demokratische Gemeinschaften für selbstverständlich. Den darauffolgenden Streit darüber habe ich hauptsächlich als grotesk empfunden, irgendwann hat er mich betroffen gemacht. Mit Vehemenz gegen die Antifa kämpft eigentlich nur eine Seite und ich habe nie verstanden, wieso sich Piraten in deren Dienst stellten.
Im Angesicht von HoGeSa, PeGiDa und den Querfront- und Kryptofaschisten-Demos wünsche ich mir, dass alle demokratischen Kräfte unter dieser Flagge der antifaschistischen Aktion zusammen kommen. Weil Antifaschismus wichtig ist. Und weil man endlich verstanden haben sollte, dass die gleichen Kräfte, die die oben genannten Begriffe geprägt haben, die das Label Antifa bekämpft und durch den Dreck gezogen haben, nun diese Demos veranstaltet, und macht euch bitte klar, diese Demos sind nur der Anfang.