Zeit für Fragen

Kurz vor dem Ende eines Jahres schaut man zurück, schaut man voraus, hat man vielleicht auch mal die Zeit, etwas tiefer zu schürfen.
Wir sehen, wie Scheinwerte a la Nation, Rasse und Klasse wieder wichtig werden, wir sehen, wie Politik nichts ändern will, nichts ändern kann. Wir sehen Medien, die Klischees und Ressentiments besser bedienen, als sie recherchieren und nachfragen. Wir sehen eine ganze politische Klasse, die innerlich schon vor den Fragen der Zukunft kapituliert hat. Und wir sehen uns selbst nur an der Oberfläche kratzen, wenn wir die Antworten suchen, wenn wir unsere kleinen Fragen stellen.
Im Zeitalter von 3D-Druckern und allgemeiner Kopierbarkeit wird das Urheberrecht zu einem Kriegsgebiet. Der gedankliche Abgrund, der zwischen der allgemeinen Verfügbarkeit und dem Interesse der Urheber klafft, ist astronomisch breit. Dass letztlich sowohl Urheber als auch Nutzer die Verlierer beim Urheberrecht heutiger Prägung sind, ist nur ein weiterer Hinweis, dass wir am falschen Ende anfangen. Wir können den Abgrund nicht mit Kompromissen zupflastern. Es ist Zeit, die Systemfrage zu stellen. Denn das System lässt den Abgrund klaffen. Wenn wir nicht Gewinnorientierung und Wachstum in Frage stellen, dann können wir auch das Urheberrecht nicht klären.
Medial sind wir nah an der einen Welt, an einer vereinten Welt. Das Internet macht uns alle gleich, sobald der Zugang dazu frei für alle Menschen möglich ist. Frei, ohne Überholspuren für Konzerne, ohne Paywalls, netzneutral und für alle erreichbar. In einer Zeit ständig wachsender Rechnerleistungen ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass auch Sprachbarrieren einfach weggeräumt werden, Übersetzungsprogramme die absolute sprachliche Freizügigkeit ermöglichen. Wie lächerlich vor solchen Möglichkeiten fadenscheinige Konstrukte wie Rasse oder Nation werden, davon sehen wir, die wir im Internet leben schon lange einen leuchtenden Streifen am Horizont und auch 2015 bringt uns näher dahin. Aber es bringt natürlich auch die auf die Barrikaden, die nichts als ihre Konstrukte haben. Und je aberwitziger die Ideen werden, das kennen wir von religiösen Fanatikern, desto mehr werden sie sich wehren. Wenn wir für die Zukunft arbeiten wollen, dann müssen wir Nationen und Grenzen in Frage stellen. Und Rassismus und andere Supremacygedanken sehr ernsthaft bekämpfen. Das eine geht nicht ohne das andere.
Zehn Jahre Hartz IV, Armut wird verwaltet und vor Hungeraufständen schützt die Tafel. Das ausgeklügelte System, mit dem Menschen klein gehalten werden, die vom System nicht gebraucht werden, funktioniert wie geschmiert. Nachfragen sind nicht gewünscht, und wenn der Topf mal überkocht, sind es wieder mal bedauerliche Einzelfälle. Fragt jemand nach der Suizidrate unter Beziehern des ALG II? Und wie sieht es im Rest von Europa aus? Wie viele Menschen verhungern auf dieser Welt? Wie viele Menschen verhungern auf einer Welt, die uns immer noch ohne Probleme alle versorgen und ernähren könnte? Aber es wird weiterhin spekuliert mit Nahrungsmitteln, die armen Länder werden ausgebeutet und alles, was an Entwicklungshilfe – was für ein feiner überheblicher Begriff – Spenden in die armen Länder geht, kommt schnell wieder zurück in die Taschen unserer Reichen hier in Europa, drüben in Amerika und weniger anderer Länder. Darum spendet alle brav und seid mildtätig. Gibt es eigentlich noch irgendeinen Grund, die Systemfrage nicht zu stellen? Was ist die Alternative? Die spekulierenden Banker ihrer Verbrechen anzuklagen? Erstens macht das keiner, und zweitens, hey, die machen nur ihren Job. Es sind nicht die einzelnen Menschen, die könnten was tun, werden es aber immer nur vereinzelt etwas ändern, es ist das Streben nach Gewinn und Wachstum. Dieses System treibt uns alle. Und wir nehmen es gottgegeben hin. Nennen jeden einen Hippie oder Spinner, der sich ein anderes System überhaupt noch vorstellen kann.
Es ist Zeit für die Fragen, es ist Zeit, alles in Frage zu stellen. In diesem Sinne wünsche ich mir und uns ein Jahr 2015 voller Fragen. Und vielleicht kriegen wir ja sogar die eine oder andere Antwort.

Advertisements

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Dezember 30, 2014 in Politik und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: