Die alten Worte, die alten Taktiken

Der Rechtsruck, den wir im gerade vergangenen Jahr so richtig deutlich verspürt haben, mag uns noch so sehr anwidern, aber man muss sich das, bei allem Widerwillen, genau anschauen. In den letzten Tagen wurde immer wieder Adorno zitiert, der mal sagte: „Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“ – Es gibt einiges an Masken, die sich die diversen faschistoiden Umtriebe des letzten Jahres übergezogen haben, aber nur wenige davon sind wirklich gut.
Schon vor ein paar Jahren habe ich immer mal wieder geschrieben und gesagt, dass man die Texte einiger Islamgegner sehr einfach bearbeiten kann, um ihren echten Geist hervorzuheben. Ersetzt man „Islamisierung“ durch das Naziwort „Verjudung“, das Antisemiten sich heute nicht mehr trauen würden zu schreiben, dann klingen die Texte der Broders und Sarrazins der letzten Jahre sehr ähnlich den Antisemiten und völkischen Hetzern von vor achtzig bis neunzig Jahren, die die Herrschaft der Nazis vorbereiteten. Das „Islamisierung“ zu den abgekürzten Worten in #pegida gehört, ist da nur folgerichtig.
Wir müssen nicht darüber reden, ob wir als Demokraten und auch gerade als antifaschistisch denkende Menschen – und das unterstelle ich allen Demokraten ganz prinzipiell – gegen Salafisten und andere islamische Fundamente mit politischen Mitteln vorgehen müssen, mit Aufklärung und Bildung. Aber das müssen wir auch gegen fundamentale Christen – und davon haben wir garantiert mehr in Deutschland und der gesamten EU, als Islamisten. Ein Gottesstaat ist nie gerecht, immer eine Diktatur und immer faschistoid – aber Islamisten sind keine Gefahr für uns. Punkt.
Andere haben schon darüber geschrieben, dass die „Lügenpresse“-Rufe recht eindeutig aus der Nazizeit inspiriert sind – auch das Wort „Systempresse“, das im Zusammenhang häufiger fällt, hat sein Zuhause im klassischen Nazisprech. Jetzt warte ich eigentlich nur noch auf den „Arbeitsbummelanten“ – aber es gab ja schon einen AfD-Funktionär, der Arbeitslosen das Wahlrecht nehmen wollte – die Denkmuster sind immer die gleichen.
„Edelweißpiraten sind als Arbeitsbummelanten, asoziale Elemente oder schlicht als Kriminelle anzusehen und auch so zu behandeln, dass nimmt ihnen die Wichtigkeit“ – dieses Zitat aus einer Gestapoanweisung in Köln habe ich aus einem alten Theaterstück kopiert, dass ich mal über die Edelweißpiraten geschrieben habe. In diesem Zitat zeigt sich eine perfide Taktik, die von Rechten auch heute noch erfolgreich angewandt wird. Man kriminalisiert den Gegner, man macht ihn verächtlich. Edelweißpiraten, die mal unpolitisch gestartet waren und durch Repressalien und Verbot politisiert wurden, waren eine der seltenen Formen des politischen und auch gewaltsamen Widerstands gegen das Naziregime. Jugendliche, die auch schon mal einen Nazifunktionär vom Fahrrad schossen. Nach dem Krieg wurden auf Jahrzehnte keine Edelweißpiraten als Opfer der Nazis anerkannt. Die Taktik war aufgegangen. Die Nazis saßen immer noch in den Ämtern und die Edelweißpiraten konnten froh sein, wenn man sie nach dem Krieg in Ruhe ließ und nicht wegen Gesetzesverstößen, die man nun mal begeht, wenn man gegen eine Diktatur kämpft, auch noch vor Gericht stellte.
Seit Jahren wird die gleiche Taktik gegen die Antifa genutzt, die den Rechten natürlich ein Dorn im Auge ist. Viel zu oft mit Hilfe der Polizei, die bei friedlichen Demos linker Gruppen oft mehr Menschen festnimmt, als bei den randalierenden Nazihools in Köln, wird das Bild der politischen Gefahr von links immer wieder hochgeköchelt. Zig Mordopfer plus NSU-Terror seit der sogenannten Wende haben nicht dazu geführt, dass wir uns mal ernsthaft über die rechte Gefahr in Deutschland unterhalten, dass es da mal ernsthafte Polizeiarbeit gibt und Deutschland nicht mehr stellenweise gefährlich für alle ist, die einem gewissen „Normalbild“ nicht entsprechen. Dem rechten Terror gegenüber stehen ein paar Schmierereien und auch ein paar brennende Autos – und die sind grundsätzlich linke politische Straftaten, egal, ob die Täter politische Motive haben oder nicht. Bei Hakenkreuzen und brennenden Flüchtlingsheimen geht die Polizei erstmal von unpolitischen Taten aus, von Mutproben und jugendlichem Übermut, was die Presse kaum mal hinterfragt – die „Dönermorde“ des NSU sind nur ein Auswuchs an rechtem Journalismus.
Dementsprechend gibt es ein Bild, dass alle, die sich zur Antifa rechnen, gewaltbereit sind, antidemokratisch, wahrscheinlich auch gleich kommunistisch oder stalinistisch. Das ist völliger Unsinn, ist aber durch ständige Wiederholung in viele Hirne gestanzt. Und während sich einige immer noch über die Dummheit der Pegida-Anhänger amüsieren, muss man klar warnen. Die Rechten sind nicht automatisch blöd – menschenverachtend und böswillig, das schon, aber nicht blöd. Und natürlich ist das Schreckbild der gewalttätigen Antifa genauso geplant und berechnet, wie der Einsatz von diskriminierenden Worten wie „Gutmensch“ oder „politisch korrekt“ – alles in rechten Think Tanks erdacht. So wird man mit politischen Gegnern fertig, man wirft so lange mit Kot, bis etwas hängen bleibt.
Auf diesem Prinzip basiert die Verharmlosungsstrategie, die allerorten gefahren wird. In der harmlosen Form ist das die Leugnung von Rassismus und Nationalismus bei #pegida und AfD – niemand dort ist rechts, und schon gar kein Nazi. Und wenn man diesen Menschenfeinden dann eventuell doch nachweist, dass sie Rassismus betreiben, dass sie menschenfeindlich sind, dass sie sich exakt in die Nachfolge der Nazis stellen, dann sind die Angreifer die Bösen, dann kommen die bösen Linken mit der gemeinen „Nazikeule“. Auch so ein schönes Wort, das man nur aus einer Richtung hört. Liebe Nazis, ich kann verstehen, dass ihr nicht gerne Nazis genannt werden wollt, aber dann seid halt einfach keine, ja?
Verschärft wird die Verharmlosungsstrategie gerne noch, in dem die Rechten ihre eigene Geschichte auf andere übertragen. Antisemiten sprechen von Gaza als „KZ“ oder kommen gleich mit dem Holocaust um die Ecke, Faschisten nennen Linke „Linksfaschisten“ – das ist total praktisch. Es greift nicht nur den Gegner an, man verharmlost auch gleich noch die eigene Denkweise und ihre Geschichte.
Es wird Zeit, dass die Taktiken der Rechten ins Leere laufen, weil alle menschenfreundlich eingestellten Menschen sie hinterfragen und durchschauen. Wir sollten uns nicht mehr durch rechte Schreckbilder und Behauptungen trennen lassen. Wir brauchen viel antifaschistische Arbeit, um dieses Land frei und offen zu erhalten, oder besser, um es freier und offener zu gestalten.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Januar 2, 2015 in Politik und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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