Es ist so unbequem, links zu sein

Seit ich denken kann, habe ich „warum?“ gefragt, und bei war es nicht nur eine Phase, ich mach das bis heute. Und natürlich bin ich deshalb links. Das ist nicht der unbequeme Teil, ständig alles hinterfragen zu müssen, das liegt mir, das mach ich automatisch. Wenn ihr euch fragt, was „links“ eigentlich ist, das ist ganz einfach, „links“ ist das Gegenteil von  „menschenfeindlich“.  Aber es gibt wirklich eine Menge Sachen, die das Links-Sein unbequem machen.

Argumenten gegenüber aufgeschlossen sein:

Das ist vielleicht doof! Kommt immer mal wieder vor, ich glaube, so alt kannst du ja gar nicht werden, dass du nicht noch was Neues lernen kannst. Und dann steht man vor einer Sache, über die man sich jahrelang eine Meinung gebildet hat, und dann beweist was auch immer, dass man schlicht daneben liegt, und dann steht man da. Jetzt könnte man einfach sagen, nee, ham wa imma schon so gemacht, ich habe eine Meinung und änder da gar nichts dran! Aber das geht eben nicht, wenn du links bist. Überzeugungen, die man argumentativ klar widerlegen kann, sind eben nur was für Rechte. Die glauben an Ehre, Nation und was nicht noch alles, die sogenannte Mitte an Märkte und Homöopathie, was alles keinerlei sinnvolle Basis hat. Als Linker kann ich das nicht. Argumente, die ich einsehe, müssen auch zu einer gedanklichen Änderung führen. Nein, das tut immer ein bisschen weh und ich habe da selten Bock drauf. Links sein ist eben unbequem.

Idealismus bewahren:

„Wofür mach ich das?“ Egal, wie oft diese Frage durchs Hirn zuckt, der linke Mensch macht weiter, glaubt irgendwie an das Gute im Menschen und daran, dass Änderungen möglich sind. Wie oft er damit auch gegen die Wand läuft, wie oft die Wand noch nicht mal minimal erzittert – wenn ich nicht daran glaube, dass die Welt sich ändern kann, dann muss ich aufgeben, und das kann ich nicht, so lange noch Kraft da ist. Also weitergeschrieben, weiteraufgeklärt, weiter für Menschen da sein, weiter die Schwachen verteidigen und den Starken zeigen, wie sehr man sie dafür verachtet, was sie tun. (Natürlich nur dafür , was sie tun. Niemals als Menschen, alle Menschen sind schließlich gleichwertig, verdammt!)

Differenzieren:

Wo ich schon mal dabei war … Erstmal den alten Witz aufwärmen: Ja, Verallgemeinern ist immer scheiße. Als Linker bist du dir manchmal nicht sicher, ob du überhaupt noch twittern solltest, und das jetzt nicht wegen Zeitverschwendung oder ähnlichem. Nein, 140 Zeichen sind eigentlich immer zu wenig, um Meinungsäußerungen so vorzunehmen, dass du nicht irgendwo zu wenig differenzierst. Und das kriegste garantiert auch von irgendeinem anderen linken Menschen vorgehalten, dafür hat man sie ja in der Timeline, oder? Und dann musst du auch noch – ja, links sein ist unbequem – den Impuls unterdrücken, dich persönlich getroffen zu fühlen und die Kritik annehmen, boah, das ist echt manchmal kein Spaß.

An sich arbeiten:

Egal, wie links du dich fühlst, gerade wenn du einige Privilegien auf dich vereinigst, dann musst du echt an dir arbeiten. Warum? Weil niemand von den Vorurteilen und Klischees frei ist, die wir durch die Gesellschaft aufgestülpt bekommen. Seit Jahren arbeite ich daran, meinen Sexismus zu reduzieren, die letzten Reste des Rassismus auszumerzen, den ich so mitbekommen habe, und ich werde da auch nicht so einfach mit fertig. Wahrscheinlich geht das noch nicht mal. Ja und? Gemacht werden muss es trotzdem. Und dann musste ich als weißer Mann auch noch lernen, dass meine Meinung manchmal einfach nicht gefragt ist. Und das obwohl ich doch ein weißer Mann bin und deshalb von klein auf gelernt habe, dass meine Meinung doch so wichtig ist. Meine Fresse, das hat echt schon wehgetan. Aber keine Sorge, auch dieser Schmerz geht irgendwann weg.

Gehirn angeschaltet lassen:

Das ist vielleicht das Schlimmste. Wenn man weiß, dass man Leute ständig und überall verletzen kann, und das einfach nicht will, weil man ja links ist – eben nicht menschenfeindlich – kann man einfach nicht das Hirn ausschalten. Ich kann mir den klassischen Männerabend mit frauenfeindlichen Witzen und Diskussionen über körperliche Vorzüge einfach nicht mehr geben, das Hirn kann einfach nicht lang genug ausgeschaltet bleiben, dass das geht. Das funkt immer dazwischen und dann kann es den Mist auch nicht einfach unbeantwortet lassen und etwas einfach mal lustig finden, obwohl da wieder einer menschenfeindlich mit witzig verwechselt hat. Ach, das ist schon alles so eine Qual.

Ja, ich bin links, ja, das ist unbequem, es ist manchmal geradezu selbstverleugnend. Ich bin links, nicht weil ich das irgendwann beschlossen hätte, ich bin so geboren, und je konservativer mein Umfeld sich gebärdete, so linker wurde ich. Links sein ist unbequem, ständig nachdenken, drauf achten, ob man anderen wehtut, bereit sein, Missstände anzuprangern. Erklären, so viel erklären, immer wieder versuchen, die Schwächeren zu verteidigen und die Welt ein bisschen besser zu machen. Aber ich kann nun mal nicht anders. Das Herz schlägt links.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 1, 2015, in Politik. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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