Quick: Blockupy und Gewalt …

Heute morgen geht es hoch her in meiner Twittertimeline,Gewalt und so, Blockupy. Die gesamte Situation ist echt scheußlich. Denn was vom Tage übrig bleiben wird, ist die Geschichte von den gewalttätigen Linken. Eine Einordnung wird es nicht geben, die Ziele der Demonstration werden nicht genannt werden. Allenfalls werden sich die Medien über die friedlichen Demonstranten lustig machen und die gewalttätigen verdammen – so wie das immer passiert, wenn Linke demonstrieren.

Im ersten Moment, so quasi nach dem Aufstehen, war ich auch erstmal emotional und habe kurzzeitig auf Twitter eskaliert. Jetzt schau ich mir die ganze Sache mal quasi von außen und weniger emotional an. Was ist eigentlich heute? Was passiert da, oder was sollte passieren? Die EZB weiht einen Prunkbau ein, in dem sie schon seit ein paar Monaten ihre Arbeit macht. Der hat übrigens einen zehnstelligen Eurobetrag gekostet, wie der Spiegel es verschwurbelt. Dazu eine kleine Hilfe: wir sprechen hier von einem Milliardenbetrag. Mehr als eine Milliarde Euro für einen durchaus hübschen Prunkbau. In einer Zeit, in der in Europa Millionen kaum wissen, wie sie über den nächsten Monat kommen. In einer Zeit, in der vor allem in Südeuropa die Suizidraten aufgrund vor allem deutscher Wirtschaftspolitik und Troikaidiotie erschreckend nordeuropäische Werte erreichen. Mehr als eine Milliarde Euro, die garantiert woanders dringend gebraucht würden, sind in ein Symbol gesteckt worden, das sehr deutlich zeigt, wie wenig Sensibilität und wie viel Arroganz in den Reihen der Kapitalismussieger vorhanden ist. Gegenüber den Kapitalismusverlierern könnte man das übrigens auch Gewalt nennen, nur mal so.

Dann hat die Polizei sich gerüstet, um die Einweihung dieser schmucken kleinen Immobilie angemessen zu schützen. Zum Beispiel mit einigen Kilometern Natodraht. Mit zehntausend gut gerüsteten Polizisten. Mit Wasserwerfern. Eine Drohkulisse geschaffen. Ich bin jetzt nicht der große Demonstrationsgänger, aber als ich vor Weihnachten in Bonn war, habe ich gesehen, wie das funktioniert. Da wurden die Rassisten von Bogida von der Polizei geschützt. ein Teil der Gegendemo stand zwischen da nur halb gerüsteten Polizisten, alle Wege waren abgesperrt, damit die Rechten auch auf gar keinen Fall mit den besorgten Bürgern konfrontiert wurden, die völlig zu Recht „Nazis raus!“ skandierten. Die Atmosphäre, die die Polizei da kreierte, war beklemmend. Dass „Alerta, alerta!“ sollte der Antifa im Hals stecken bleiben – hat aber nicht geklappt, war ja auch gut so. Wenn man die Bilder heute aus Frankfurt sieht, wenn man die Bilder auch der Vorbereitungen von gestern sieht, dann kann ich mir gut vorstellen, dass das noch einige Grad härter wirkt, als damals in Bonn. Diese Atmosphäre, die da absichtlich erzeugt wird, ist noch keine Gewalt, aber sie unterstützt die Gewalt.

Nach allem, was man lesen kann, war die erste Gewalt heute, dass Demonstranten mit Tränengas irgendwo vertrieben wurden. Momentan werden Demonstranten an mindestens einem Ort eingekesselt. Das ist Gewalt.

Ja, Steine auf Polizisten auch. Und das Leute die Feuerwehr angreifen, kann man auch nicht rechtfertigen. Aber ja, Gewalt erzeugt Gegengewalt. Allein die Größe des Polizeiaufgebots und die gesamte Kommunikation im Voraus wollte genau die Bilder, die man heute sieht.

Eine andere Blockupy-Demo, die gewaltfrei blieb, wurde vor, ich glaub, zwei Jahren eingekesselt. Das war die bessere Demo, klar, weil es da nur die Polizei war, die Gewalt ausübte. Das ist natürlich sympathischer, hilft der Sache eher. Aber da hat die Polizei auch schon gezeigt, dass sie jeglichen Protest gegen den Kapitalismus unterbinden wird. Ich persönlich bin heute nicht in Frankfurt, weil ich gesundheitlich nicht mit Kessel oder anderer Polizeigewalt klar käme. Und weil ich nicht davon ausgehen kann, dass ich als friedlicher Demonstrant nicht mit Polizeigewalt konfrontiert würde.

Für die Sache von Blockupy ist es die klassische Lose-Lose-Situation. Greift man die Staatsgewalt an, dann ist man das Böse, wehrt man sich nur, ist man das Böse, bleibt man völlig friedlich, wird man trotzdem eingekesselt und mit Tränengas behandelt und niemanden interessiert’s. Aktivisten von heute können nur träumen von den Achtzigern, von Brokdorf und Wackersdorf, von einer Zeit, in der es zumindest noch einige Menschen in den Medien gab, die mit dem Widerstand sympathisierten und bei brennenden Autos noch nicht von Gewalt sprachen. Ach, es ist alles eine scheußliche Situation.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am März 18, 2015 in Gesellschaft und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Guter Beitrag.
    Es macht mich traurig dass die Schlägertrups, Helikopter, Wasserwerfer und Räumpanzer der Bourgeoisie schon gegen dich gewonnen hatten als sie noch garnicht in Frankfurt waren.

    Ich kann deine Angst nachvollziehen und musste meine eigene Angst auch zunächst überwinden um friedlich für meine Rechte kämpfen zu können bzw. leider zu müssen.
    Ich habe keine gesundheitlichen Probleme, das hilft mir sicherlich nicht wirklich wenn ich bewustlos oder tod geprügelt werde aber es hilft mir meine Angst noch überwinden zu können und auch für deine Rechte in Frankfurt gegen die systemimmanenten Probleme zu protestieren.

    Ich wünsche dir das du bald wieder in einem Zustand bist in dem du selbst für deine Rechte auf die Straße gehen kannst.

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