Plastikwelt I – Überblick

Eigentlich ist das keine gute Idee, eine Blogserie anzukündigen. Aber ich wälze da eine Sache im Kopf, und das mach ich schon länger, und es ist nicht in einen einzigen Post zu packen, oder allenfalls in einen, den niemand zu Ende lesen würde, weil ja Texte von mehr als zwei Seiten Länge für Internetmenschen eh meistens eine Zumutung sind. Also heute die Grundidee:

Das Phänomen drängt sich immer mehr auf, dass wir in einer Plastikwelt leben, in der wir uns von einigen Aspekten des Lebens völlig getrennt haben. Vor allem von allen Aspekten, die – es ist ohne Pathos kaum auszudrücken – die tierische, die biologische Natur des Menschen betonen. Bei aller Begeisterung, die ich für  die Möglichkeiten des menschlichen Geistes empfinde, so kann ich trotzdem nicht glauben, dass die quasi Entkörperlichung unserer Gesellschaft eine gute Sache ist. Ohne esoterisches „Zurück zur Natur“ und Schamanismus predigen zu wollen, halte ich die Verleugnung unseres tierischen Wesens für problematisch, weil sie uns von vielen Bedürfnissen abkoppelt. Und letztlich auch von der Frage, was im Leben eigentlich zählt.

Wir sind Tiere. Wir nehmen Nahrung zu uns und scheiden sie wieder aus. Und weil wir altern und sterben, versuchen wir unsere Gene weiterzugeben und den Nachwuchs zu beschützen. Das klingt jetzt alles so distanziert, wie unsere Gesellschaft damit umgeht. Wir fressen und scheißen? Wir verrecken und haben deswegen die Neigung vorher zu ficken, damit irgendwas von uns bleibt. Über sowas redet man nicht, oder? Und vor allem nicht so derb. Schon mal gemerkt, dass es für Sex kein Verb gibt, dass nicht derb klingt (Ficken, Rammeln, ihr wisst was hier noch alles hin kann!), oder distanziert (koitieren? Echt?) – alles andere zieht den Vorhang eh zu (Liebe machen, miteinander schlafen).  Wir reden nicht über Sex, wir reden nicht übers Sterben, wir reden nicht über Ausscheidungsprozesse.

Wir lenken davon ab, dass unsere Zeit begrenzt ist und wir nach weniger als hundert Jahren wieder Staub sind. Es tut ja auch weh, ist ja klar. Aber anstatt darauf zu reagieren, anstatt daraus zu lernen und das Leben einerseits zu genießen, und andererseits daran zu arbeiten, dass andere das Leben auch genießen können, hetzen wir dem Geld hinterher und verhärten unser Herz, wenn wir sehen, wie Menschen am Wegesrand zurückbleiben. Das geht eben nur, wenn wir die Realitäten des Lebens ausblenden. Realitäten wie: Du bist sterblich, du könntest in deren Situation sein, es gibt keine zweite Chance, kein Leben nach dem Tod, irgendwann ist alles vorbei und du bist nicht mehr.

Stattdessen leben wir in einer Plastikwelt, hetzen dem Erfolg nach, dem eigenen Haus, dem tollsten Auto, dem extravagantesten Urlaub. Diese Plastikwelt ist alles, was wir haben, das suggerieren die Medien, das suggeriert die Sprache, das suggeriert die Werbung. Die Abkehr vom Natürlichen ist vermutlich nicht ohne den Kapitalismus denkbar, und vielleicht auch nicht andersherum. Die Plastikwelt macht uns so beherrschbar, wie die Religion unsere Vorfahren beherrschbar gemacht haben – und immer noch lassen sich viel zu viele von den Phantasien der Religionen befrieden. Wenn wir uns genug davon ablenken, dass wir einfach nur Tiere sind, dann bleiben wir systemkonform, dann streben wir nach der Karotte, die uns Tag für Tag vor die Nase gehalten wird, bis wir irgendwann nicht mehr können, und es dann für das Wichtige im Leben – das ja für jeden was anderes sein mag – keine Zeit mehr gibt.

Mehr von der Plastikwelt bald hier.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am April 26, 2015 in Gesellschaft und mit getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Ein Kommentar.

  1. Plastic and Flashing Lights – ich beschäftige mich schon seit einer ganzen Weile mit diesem Thema. Es ist wahr, der Mensch ist auch ein Tier. Aber einer der größten biologischen Unterschiede zu anderen Arten ist dabei die extreme Ausbildung des Frontallappens im Gehirn. Dieser Teil des Gehirns wird unter anderem für die Handlungsplanung verwendet. Auf diese Weise ist der Mensch einzigartig dazu in der Lage schlussfolgernd zu denken.

    Ich denke, dass dieser Zugang zum logischen Denken ein großer Evolutionsschritt ist. Andere Arten müssen durch Jahrtausende lange Evolutionsprozesse gehen um sich ihrer Umwelt anzupassen. Der Mensch jedoch ist dazu in der Lage, die Umwelt an seine Bedürfnisse anzupassen – und zwar innerhalb kürzester Zeit. Wenn es kalt wird warten Menschen nicht darauf, dass ihnen ein dickeres Fell wächst. Sie nähen Mäntel, entdecken das Feuer oder erfinden die Warmwasserheizung.

    Für einen in Westeuropa lebenden Menschen sind sämtliche biologischen Grundbedürfnisse über alle Maßen befriedigt. Dem „biologisch-sein“ des Menschen wird daher weniger Bedeutung zugemessen. Es kann sogar als Last empfunden werden. Der Geist ist nämlich immer noch so sehr abhängig vom Körper, dass es ihn stört. Es geht nicht ohne Nahrung. Es geht nicht ohne Fortpflanzung. Für den Geist sollen Essen und Trinken aber nicht der Nahrungsaufnahme dienen, sondern lediglich dem Genuss – und Sex soll auch nicht mehr dem Zweck dienen, Nachkommen zu erzeugen. Deshalb erfindet der Mensch Möglichkeiten biologische Prozesse abzuschalten oder zu lenken.

    Das Erfinden der Plastikwelt ist Ausdruck des Menschen, dass er nicht länger der Sklave von biologischen Prozessen sein möchte. Es ist der Wunsch zum nächsten Schritt in der Evolution. Der Mensch ist zwar auch ein Tier. Aber offenbar ist das für ihn ein Zustand, den er überwinden möchte. Wo soll diese Reise hingehen?

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