Archiv für den Monat Mai 2015

Heroes of the Storm vs. League of Legends

Heroes of the Storm steht kurz vor der Veröffentlichung, das Blizzard-MOBA. Wird es den großen Mobas den Rang ablaufen?  Ist es total casual – also nur was für Noobs und Nichtskönner, oder für die Pros nur was für Zwischendurch? Weil die taktische Tiefe fehlt? Oder wird es die neue Nummero Uno in Sachen E-Sport?

Vergleicht man League of Legends, den Dota-Klon, der von eingefleischten Dota-Spielern als total casual abqualifiziert wird, mit Heroes, so findet man eine Menge Gemeinsamkeiten und auch viele Dinge, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Mit Dota oder Dota 2 werde ich hier nichts vergleichen, da ich von Dota nicht wirklich viel weiß.

Teamplay vs. Lasthitting

In LoL gibt es eine Phase, in der Laning angesagt ist, beide Teams versuchen, so viel wie möglich  an Gold aus den Lanes zu bekommen, in dem sie möglicht bei jedem kleinen Minion was da angewackelt kommt, den letzten lethalen Schlag versetzen – Lasthitting. Hier geht es also sehr stark um sehr gute Mechaniken – wer das nicht beherrscht, spielt Supporter oder Jungler, denn die brauchen das nicht können – es gibt Gründe, warum ich hauptsächlich Support spiele. Eine echte Laningphase gibt es bei Heroes nur bedingt – es kommt auf die Karte an, wie lange man sich hauptsächlich auf die Lanes verteilt oder doch eher geklumpt herumläuft, und dem gegnerischen Team aufs Fressbrett gibt. Das liegt unter anderem daran, dass es bei Heroes gar kein Gold gibt, es geht hier nur um Erfahrungspunkte, die man aufsaugt, sobald in der Nähe gegnerische Minions sterben. Wie wann die Lanes besetzt werden, ist in Heroes ein wichtiges taktisches Kalkül, bei LoL ist darüber nicht nachzudenken, bis Minute 15 – so im Schnitt – sind alle auf ihren Lanes und verlassen sie nur in seltenen Fällen.

Talente vs. Items

In beiden Spielen spricht man davon, wie man einen Champion baut. In LoL baut man einen Champion hauptsächlich dadurch, welche Items man kauft. Ja, man hat auch noch Punkte, mit denen man pro Level seine Fähigkeiten ausbaut – aber bei gut neunzig Prozent der Champions gibt es dafür nur einen Weg. Je nachdem, wie viel Gold man gesammelt hat, wenn man mehr oder weniger freiwillig zurück geht, kauft man sich in LoL Items, oder Teile von Items, die den Champion verstärken. Je nach Champion oder Position können das sehr verschiedene Items sein – auf den meisten Charakteren gibt es da aber auch nur wenig Auswahl. Die meisten Ausrüstungsgegenstände müssen sein.  In  Heroes gibt es keine Items, aber dennoch baut man seinen Helden, denn es gibt ein Talentsystem. Insgesamt siebenmal wird der Spieler vor die Entscheidung gestellt, welches Talent denn spannend sein könnte.  Nur einmal ist das eine Entscheidung zwischen zwei Talenten, sonst sind es je nach Held drei bis sechs verschiedene Talente, die man auswählen kann, um ihn zu verbessern oder dem eigenen Spielstil anzupassen. Die Entscheidung zwischen den nur zwei Talenten auf Stufe 10 ist aber eine, von der LoL-Spieler nur träumen können – man kann sich zwischen zwei verschiedenen ultimativen Fähigkeiten entscheiden. Das Talentsystem wird natürlich auch schon von gewissen Builds beherrscht – teilweise selbsternannte Experten veröffentlichen ihre Builds in den Weiten des Internets, so wie das auch bei den anderen Mobas passiert – aber bei vielen Helden sind verschiedene Builds für verschiedene Situationen und Spielstile gut, und bei den meisten Champions sieht man beide Ultis eingesetzt, bei den meisten wird eine etwas bevorzugt, nur bei wenigen Champions wird eine Ulti gar nicht gespielt – hier gilt es für Blizzard noch zu balancen.

Weitere taktische Tiefe in LoL

League of Legends hat auch quasi Talente, die Meisterschaften, die aber vor dem Spiel festgelegt werden. Deren Punktvergabe ist auch wirklich wichtig, aber eigentlich auch wenig variabel. Der Großteil der Spieler variiert weder in den Masteries noch in den Runenseiten wirklich viel. Man hat eine Zusammenstellung für jede Position, die dann mit verschiedenen Champions genutzt werden. Es gibt außerdem noch zwei Beschwörerzauber, die vor dem Spiel ausgewählt werden – auch hier gibt es aber keine echte Variabilität, außer auf der mittleren Lane sind die Beschwörerzauber fast durchgehend statisch.

Kartenobjekte

Auf der einzig wichtigen LoL-Karte gibt es ein paar wenige Kartenobjekte, um die man sich in jedem Spiel prügelt. Hauptsächlich ist da im Moment der Drache, daneben gibt es den Baron Nashor, den roten und den blauen Buff, den es jeweils doppelt gibt. Um diese Objekte entspinnen sich die großen Teamfights. Sie sind das wichtigste Element, um Spiele in der Kluft spannend zu machen. Die Zeiten, in denen diese Objekte respawnen, sind wichtig zu wissen und zu beachten.

In Heroes gibt es im Moment sieben Karten, die vor dem Spiel zufällig ausgewählt werden. Jede dieser Karten hat eine einzigartige Mechanik. Auf manchen Karten, zum Beispiel im „Verfluchten Tal“, geht es um einzigartige Dinge, die man nur zu einem Zeitpunkt bekommen kann – und was jedes Mal zu einem Teamfight führt. Auf anderen Karten ist es wichtig, das Team gut aufzusplitten und verschiedene Punkte zu halten. Manche der Kartenmechaniken sind zeitabhängig, andere sind mehr oder weniger immer da. Dazu kommen noch die Söldnercamps. Alles, was bei LoL oder Dota im Jungle zu finden ist, nennt sich bei Heroes Söldner – und hat man die Camps besiegt, latschen die Söldner los um auf der eigenen Seite mitzukämpfen. Dabei gibt es drei verschiedene Arten, die auf allen Karten in verschiedener Zahl existieren. Belagerungsriesen werfen mit Steinen und in höherer Reichweite als die  Kanonen und Türme der jeweiligen Befestigungen, die Frontbrechercamps werden im Nahkampf mit einer ziemlichen Menge Minions fertig, und die Bosse, die es nicht auf allen Karten gibt, reißen allein eine Grenzfestung samt Türmen ein, wenn man sie gewähren lässt. Damit werden die „Dschungel“-Camps auf eine ganz andere Art wichtig, als dass sie nur Erfahrung und Gold geben, wie bei LoL – jedes Camp ist damit ein kleines Objekt, an dem es zu Kämpfen kommen kann.

Meta

Die Meta, also die Art, wie Teams zusammengestellt werden und wie das Spiel gespielt wird, ist bei LoL schon ziemlich betoniert. Support und AD-Carry sind gesetzt. In der Midlane gibt es einen AP-Carry, entweder Magier oder Assassine, im Dschungel und auf der Toplane gibt es Tanks oder Bruiser. Von über 120 Champions kann nur eine Handvoll ernsthaft auf drei oder vier Positionen gespielt werden, bei den meisten sind es höchstens zwei. Bei den meisten Champions kann man schon während sie ausgewählt werden, sagen, was sie die erste Viertelstunde des Spiels tun werden. Auch in Bezug auf spätere Phasen des Spiels sind die meisten Champions festgelegt.

Bei Heroes gibt es noch keine wirkliche Meta. Auch wenn sich einige Spielweisen langsam herauskristallisieren. In der Heldenliga werden meistens ein Kämpfer, zwei Assassinen, ein Spezialist und ein Heiler gespielt. Bisher scheint es relativ erfolgreich, dabei zwei Nahkämpfer und drei Fernkämpfer zu spielen. Es werden aber auch Zusammenstellungen mit zwei Kämpfern, zwei  Supportern oder mit zwei Spezialisten gesehen, von denen eh nicht immer so klar ist, wo sie hingehören. Die Spezialistenklasse hat einige Champions, die sehr gut Türme und Anlagen einreißen können. Es gibt aber auch wirklich seltsame Kollegen, also Helden, die nicht mit irgendwelchen Champions aus LoL vergleichbar sind. Abathur verkriecht sich in der eigenen Basis und hilft seinen Kollegen aus der Ferne. Murky stirbt quasi dauernd, hat dafür aber ein Ei, aus dem er sofort wieder schlüpft. Und die drei Lost Vikings, richtig, die sind drei, und man kann sie einzeln auf dem Feld verteilen. Spielt man solche Spezialisten im Team, dann ändert das das gesamte Spiel, weil es eben nicht „normale“ Champions sind.

Ach ja, und die Meta ist auf verschiedenen Karten unterschiedlich, auch das kann man schon erkennen. Ist ja auch ein bisschen logisch. Braucht man auf der einen Karte gute Duellanten, so braucht man auf anderen eine gute Zusammenstellung für Teamfights. Und die Karten mit ihren verschiedenen Objekten und Timings müssen gespielt werden. Versucht man allein eine Lane zu pushen und achtet nicht darauf, was sonst so los ist, kann man schnell zum Hindernis für sein Team werden. Man sollte möglichst selten von Kartenmechaniken überrascht werden, muss auf Meldungen genauso achten, wie auf die manchmal gar nicht so eindeutigen Sprüche der kartenspezifischen Erzählerstimmen.

Beweglichkeit

In LoL gewöhnt man sich schnell daran, dass verschiedene Champions auch verschiedenes Lauftempo haben, das man auch noch mit diversen Items verbessern kann. Das ist definitiv komplexer, als die ziemlich einheitliche Geschwindigkeit der Helden des Sturms. Aber die haben Reittiere – also fast alle, ein paar Champions bewegen sich ganz anders fort, ein paar reiten nicht, sondern breiten Flügel aus, oder wechseln sonst irgendwie zu schnell, was aber dann den Reittieren an Geschwindigkeit entspricht. Die Reittiere sind nicht nur ein weitere Grund dafür, dass Heroes sich deutlich schneller spielt. Sie sind auch ein gar nicht unwichtiger taktischer Punkt im Spiel. Denn reitet man in einer Situation, in der andere zu Fuß unterwegs sind, ist man ihnen in der Kampferöffnung deutlich überlegen. Schafft man es, aufzusatteln, bevor die Gegner einen verlangsamen können, so kommt man noch weg. Ist man zu spät, wird es schwer. Neulinge kommen oft genau dabei durcheinander, vergessen das aufsatteln und verlieren. Nein, die Helden schrauben nicht so viel an der Geschwindigkeit herum, aber Bewegung ist durch die Reittiere keineswegs ein einfaches Feld bei Heroes.

Kommen wir doch mal zu so was ähnlichem, wie einem Fazit: Das Grundprinzip, nach dem Blizzard schon immer seine Spiele bastelt – einfach zu lernen, schwer zu meistern – trifft auch bei Heroes oft he Strom voll zu. Ja, es ist einsteigerfreundlich, ja, die Bedienung ist größtenteils völlig instinktiv, gerade, wenn man schon vorher Mobas gespielt hat. Aber Casual? Bei sieben, bald acht Karten, die völlig verscheiden gespielt werden müssen? Ja, es geht Mechanik verloren, wenn man nicht mehr lasthitten braucht, aber damit ist der langweiligste Teil des Spieles eben auch weg und der erste Teamfight findet nicht mehr in Minute 12 sondern 3 statt. Dafür kommt mehr Hirnschmalz beim Zusammenstellen der Teams auf, dafür müssen ständig Entscheidungen getroffen werden, die bei LoL viel einfacher und seltener sind. Weil die einen Kartenmechaniken eben manchmal auch ignoriert werden können, um andere zu spielen, weil starke Pusher manchmal eine Festung dem Erdboden gleich machen, während die Gegner noch versuchen, in Ruhe einen Boss umzuhauen. Weil man nie weiß, wann man allein unterwegs sein darf, und wann es wichtig ist, im Team herumzulaufen.

Verschiedene Ultis und das Talentsystem sorgen dafür, dass es mehr Wege für die meisten Helden gibt, als für LoL-Champions. Auch wenn es natürlich einfacher ist, Talente auszuwählen – bitte nicht dabei verklicken! – als sich diverse Items und ihre Vorstufen zu kaufen. Aber der größte Unterschied ist eigentlich weder Komplexität – die gibt es auf beiden Seiten in verschiedener Weise, sondern das Denken, dass man fürs Spiel braucht. So sehr es in LoL zu Recht heißt, dass Teamplay op ist, und so schwierig es ist, mit der oft extrem egoistischen LoL-Spielerschaft zusammenzuspielen – man kann in LoL auch mehr allein reißen. Zerstöre ich in der Midlane meinen Gegner schon in den ersten zehn Minuten, kann das Spiel schon gewonnen sein. Ich kann dann, weil ich mehr Gold und Erfahrungspunkte habe, das Spiel tragen. Erfahrung wird aber in Heroes fürs ganze Team gewährt. Sorge ich dafür, dass anfangs Gegner reihenweise ins Gras beißen, dann profitiert das ganze Team davon. Aber ich bin deswegen nicht stärker als die Teamkollegen – es geht nicht mehr um die eigene Statistik (ja, ich schau da hinterher natürlich trotzdem drauf), es geht nur darum, ob das Team Kills macht, Mauern und Türme einreißt, die gegnerische Zitadelle letztlich zerstört. Heroes ist ein Spiel für Teamplayer, Egoisten haben da weniger Spaß und weniger Erfolg. Eigentlich doch gar keine dummer Sache …

Quick – Antideutsch!

Holy Shit, dieser Begriff kursiert immer noch bei einer marginalen orangenen Partei, deren Mitglied ich irgendwie immer noch bin. Und er wird die meiste Zeit völlig falsch verwendet. Mir ist, gerade in den letzten Tagen wieder, ebenfalls vorgeworfen worden, ich wäre antideutsch, und würde Deutsche „rassistisch“ verfolgen. Ja, das ist lächerlich, weil umgekehrter Rassismus nicht geht, weil ich selbst nach rassistischen Ideen sehr deutsch bin – und mir aber der damit einhergehenden Privilegien bewusst, weil Rassismus bedeuten würde, dass man andere „Rassen“ überlegen fände. Was natürlich auch Schwachsinn ist, da ich die Grundidee von Rassen gar nicht wirklich verstehe und sie nicht zu meinem Weltbild gehört.

Wieso werden so abstruse Vorwürfe erhoben? Zum Beispiel, weil manche Antifaschisten das Wort „Kartoffel“ als Schimpfwort nutzen. Ich mach das nicht so häufig, da ich nicht im Antifa e.V. organisiert bin – sry, konnte mir den Gag nicht verkneifen – und er für mich immer noch relativ neu ist. In diesem Tweet „Wie nennt man eigentlich die Polizeihundertschaften, die Naziaufmärsche verteidigen? Kartoffelpuffer?“ habe ich die Metapher benutzt, und zwar so, wie man ihn eigentlich immer benutzt: Um Nazis und sonstige rechte und nationalistisch ausgerichtete Deutsche zu bezeichnen. Im Eifer des Gefechtes, das gebe ich gerne zu, wird schnell mal jeder Gegner der Antifa zur Kartoffel – aber wer sich als Gegner des Antifaschismus zu erkennen gibt, hat ja üblicherweise Gründe dafür, und ich kann verstehen, dass manche – speziell die, die Tag für Tag gegen Nazis arbeiten – keinen Bock haben, zu differenzieren, ob da jemand einfach nur die Verschwörungstheorie von den bösen gewaltbereiten Antifas den Rechten nachfaselt, oder ob da wirklich ein Faschist am anderen Ende sitzt. Leute, wenn ihr ein Problem mit Antifaschismus habt, dann ist der Schluss, dass ihr viel weniger Probleme mit dem Faschismus habt, so ins Auge springend, dass die Beweislast nicht bei denen liegt, die euch „Kartoffeln“ nennen! Und ein letztes Mal, nein, nach allen Definitionen des Rassismus ist das kein Rassismus.

Ja, ich habe gehört, dass es Neurechte geben soll, die sich selbst als Antideutsche bezeichnen und immer zu 120 Prozent mit allem solidarisch sind, was Israel macht, was die USA machen und den Kapitalismus in all seiner Pracht verteidigen, weil jegliche Kapitalismuskritik immer antisemitisch sei. Es mag solche Menschen geben, ich halte sie für Sektierer und ich kenne keinen. (EDIT: Wer es immer noch nicht verstanden hat: Ich halte diese Form von „Antideutschen“ für eher hypothetisch. Ich kann sie nicht ausschließen, aber ich wenn es sie geben sollte, ist mir noch keiner untergekommen.) Diejenigen, die als Antideutsche beschimpft werden und – inzwischen zumeist ehemalige – Piraten sind, gehören nicht dazu. ich sehe da niemanden, der so undifferenziert und politisch blind durch die Welt geht.

Es gibt hingegen einige, die radikale religiös fundamentale Organisationen, wie die Hamas entschieden ablehnen – mach ich auch, weil ich auch religiösen Faschismus zutiefst verabscheuungswürdig halte. Das hindert mich aber auch nicht daran, dass ich vieles, was in den letzten Jahrzehnten von meist rechten israelischen Regierungen fabriziert wurde, sehr kritisch sehe. Wie mein lieber und wunderbarer Podcastpartner @ThoroughT immer so unnachahmlich stilsicher sagt, man muss häufig fähig sein, beide Seiten scheiße zu finden.

(Edit: hier ist ein für die Aussage des Textes irrelevanter und missverständlicher Satz gelöscht. ) Wer dem Staat Israel seine Rechtmäßigkeit abspricht, macht das fast garantiert aus antisemitischen Gründen.

Die Parole „Nie wieder Deutschland!“ unterschreibe ich. Weil ich mich immer wieder, und gerade in letzter Zeit mit Nazideutschland auseinandersetze, weil ich die destruktive momentane deutsche Außenpolitik sehe. Weil ich darüber heulen will, dass wieder Flüchtlingsheime brennen, dass Synagogen von Polizisten geschützt werden müssen, dass Menschen mit anderen Hautfarben oder mit Kippa oder auch nur mit alternativem Aussehen in manchen Teilen dieses Landes nicht mehr sicher über die Straße gehen können. „Nie wieder Deutschland!“ war 1990 noch linker Konsens. Und er ist es für mich noch. Es haben sich halt nur manche aus dem linken Spektrum verabschiedet.

Ich brech an dieser Stelle ab, auch weil ich eigentlich vor einem Jahr schon gesagt habe, dass mich diese Diskussionen ermüden. Ich rede hier über Selbstverständlichkeiten. Warum muss ich das immer noch?

PS. Sorry für durchgehend männliches Gendern, der Text ist schnell  entstanden, für geschlechtergerechtere Sprache fehlt mir die Zeit.

Quick – Eine Umfrage

Ich bin ein emotionaler Mensch. Das tut mir leid. Ich hänge mein Herz an Sachen. Auch das tut mir leid.

Das wollte ich gesagt haben, bevor jetzt wieder wer sagt: och, was bist du auch noch in dieser Partei, was schaust du auch in Umfragen, ist doch alles nicht gut für den Blutdruck. Ja, ich weiß das alles. Aber der eigentliche innere Austritt, den ich ja schon vollzogen wähnte, scheint einfach nicht im Herzen angekommen zu sein, in dem ich ja eigentlich schon immer Pirat war.

Back to topic: Ich habe keine Ahnung, wer im Bundesvorstand der Piraten auf die glorreiche Idee gekommen ist, per Lime Survey die politische Ausrichtung der nächsten Wahlkämpfe abfragen zu wollen. Ich würde an deren Stelle mal in Grundsatz- und Wahlprogramme schauen, da gibt es eine Menge Stoff, mit dem man was anfangen könnte. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall kam eine Umfrage an, deren suggestiven Impetus man kaum leugnen kann. Auf Deutsch: Die Umfrage will in eine Richtung beantwortet werden, sie stößt jeden, der nicht aufpasst in eine vom Vorstand wohl gewünschte Richtung. Manipulation pur – aber dann auch noch schlecht gemacht. Ich werde mich jetzt nicht damit aufhalten, die ganze Umfrage durchzugehen. Dafür ist mir meine Zeit zu wichtig. Aber ich hänge verdammt noch mal immer noch so sehr an dieser Partei, dass ich meine fresse nicht halten kann. Also, bitte, hier, die Beispiele:

„Was war das wesentliche Thema, das Dich dazu bewogen hat, in die Piratenpartei einzutreten?“

Es ist nur eine Antwort auszuwählen. Einstmals wichtige Schlagworte wie „Mitmachpartei“ – wie sinnvoll oder nicht dieses Schlagwort auch jemals war – sind nicht dabei. einige Themen sind kompliziert umschrieben, andere quasi detailliert überschrieben. Offenbar uninteressante Themen wie „Umwelt“ oder „Landwirtschaft“ bekommen auch nur dieses eine Wort, das Urheberrecht bekommt den Terminus „Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung“ – das ist also für alle, die einfach weiter schwarz alles saugen wollten -, aber ein Stichwort, ein Alleinstellungsmerkmal, das, wie wir alle wissen, dem Herrn Bundesvorsitzenden noch nie behagte, also „BGE“ taucht gar nicht erst auf. Ist für viele ein elementarer Punkt, wird aber unter „Recht auf sichere Existenz und gesellschaftliche Teilhabe“ versteckt. Kreuzt das bloß nicht an, der BuVo mag das nicht.

Es sollen verschiedene Aussagen bewertet werden, unter anderem:

Im politischen Kampf sind für uns PIRATEN selbst Straftaten ein zulässiges Mittel.

Was bitte? Was ist das denn für eine Frage? Selbstverständlich werden wir als Partei keine Straftaten begehen, um politisch irgendwas zu bewegen. Deswegen sind wir ja eine Partei. Man tritt einer Partei bei, um auf dem Weg durch die Institutionen etwas zu ändern. Das ist keine Frage. Das wurde auch nie anders von irgendwem behauptet. Warum also die Frage? Ganz einfach: Eine klare Verneinung wird sofort als Abkehr von zum Beispiel der ach so gewaltbereiten Antifa gedeutet. Blockupy und andere Aktionisten müssen dann auch nicht mehr unterstützt werden, weil auf deren Demos hin und wieder die oft massive Gewalt der Polizei mit Gegengewalt beantwortet wird. Dabei hat das eine nichts mit dem anderen zu tun. Eine Partei wird sich so lange bemühen, auf legalem Weg etwas zu erreichen, bis die Gesetze nicht mehr tragbar sind. Da jedes KZ unserer Vorfahren nach den Gesetzen des damaligen deutschen Reichs legal waren, halte ich Legalität auch nicht wirklich für ein umfassendes Argument.

Beim Protest gegen Menschenrechtsverletzung ist jedes Mittel recht.

Jo, vieles, was ich gerade geschrieben habe, gilt auch hier. Was soll denn diese Frage? Natürlich ist nicht jedes Mittel recht. Wenn der Nachbar seine Kinder schlägt, darf ich ihn deswegen nicht erschießen – es sei denn, er ist kurz davor, sie umzubringen. Auch wenn an den Händen der europäischen Regierungschefinnen und -chefs unüberschaubar viel afrikanisches Blut klebt, ist eine größere Nagelbombe beim nächsten Gipfel nicht das Mittel der Wahl. Nein, es ist nicht „jedes Mittel“ recht, aber jedes angemessene. Denn wir wollten ja mal für die Rechte von Menschen einstehen. Also früher mal, damals, als ich es geil fand, Pirat zu sein. als ich mich noch nicht schämte …

Die Moralkeule

Die Moralkeule ist eine psychologische Waffe, die vermutlich genauso alt ist, wie die Keule selbst, wenn nicht noch älter. Sie bewirkt bei betroffenen Anpassung und Selbsthass, wird zur Druckabfuhr dann oft sogar von Betroffenen gegen andere quasi noch Betroffenere eingesetzt, damit die nicht weniger Selbsthass empfinden als die Betroffenen. Letztlich führt die Anwendung der moralischen Keule immer zu Anpassungsdruck und letztlich zu Anpassung – mit oft tödlicher Wirkung für die, die sich nicht anpassen können. Daher ist die moralische Keule eine gerne von Mächtigen eingesetzte Waffe, um die Ohnmächtigen in ihrem Zustand festzusetzen.

Wie funktioniert die moralische Keule?

Schauen wir doch bei einem Beispiel. Die moralische Keule ist ja eine von Religionen immer wieder gerne eingesetzte Waffe. Geradezu archetypisch ist die christliche, speziell die katholische Sexualmoral. Eine geradezu perfekte Moralkeule: Man verbietet beispielsweise Masturbation und vorehelichen Geschlechtsverkehr, von weiteren Spielarten der menschlichen Sexualität ganz zu schweigen. Man verbietet also insbesondere jungen Menschen – denn die müssen ja im Besonderen beschützt beherrscht werden – jegliche Betätigung, die ihnen von Trieben und Instinkten einprogrammiert sind. Diese völlig natürlichen und nützlichen Betätigungen werden nicht nur sanktioniert, sie werden auch noch mit einer nachexistenziellen ewigen Strafe bedroht. Nach Art einer guten alten Gehirnwäsche wird diese Strafe dann auch noch vielfarbig in die jugendlichen Köpfe gehämmert, auf dass jedes andere eventuell auflehnende Verhalten ebenfalls stark begrenzt wird. Auch das – ich glaub – fünfte Gebot, wegen dessen man gefälligst in der Reihenfolge Vater und Mutter ehren soll, ist natürlich in den Jahren, in denen sich jugendliche Menschen notwendigerweise von den Eltern ablösen, woraus ebenso notwendig Konflikte entstehen, als moralische Keule wirksam.

Die Wirksamkeit kommt von der Notwendigkeit der Verstöße. Junge Menschen werden Sex haben, werden masturbieren und manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht ihre Eltern beleidigen und deren Anweisungen in den Wind schießen. Und jedes Mal, wenn man solche Verstöße gegen die Moral begeht, wie gesagt, begeht, weil man gar nicht anders kann, schlägt die moralische Keule aufgrund der Prägung zu. Das schlechte Gewissen, man fühlt sich schlecht, weil man gegen die Moral verstoßen hat – und in der katholischen Kirche muss man das dann auch noch beichten, um der Kirche noch mehr Macht über sich zu geben. Es ist in der Ausweglosigkeit schon tragisch: Normales Verhalten führt zu Selbsthass und Anpassungsdruck, weil es gesellschaftlich sanktioniert ist, weil Kirche und Gesellschaft großen Druck ausüben, dass das normale und durchaus auch notwendige Verhalten unterbunden wird. Menschen suchen Schuld bei sich, da baut sich extrem viel negative psychische Energie auf, die dann zu Anpassung führt, oder gar nicht selten, zu suizid.

Wo wird die moralische Keule heute angewendet?

Also erstmal ist die Leib- und Sexualfeindlichkeit ja nicht weg, wenn sie auch deutlich eingeschränkt ist. Außer in auch sonst menschenfeindlichen Sekten kommt heute niemand mehr auf die Idee, dass vorehelicher Sex ein Problem ist, oder auch Masturbation. Also, hier in Europa, schon in den USA sieht das wahrlich anders aus. Da gibt es eine Bewegung, die Jungfräulichkeit bis zur Ehe gelobt. Führt natürlich zu sowas:

Bei uns wird die Sexualmoralkeule meistens nur noch in eine Richtung geschwungen: Gegen Frauen. Der englische Begriff dafür ist „slutshaming“. Frauen, die sich sexuell selbstbewusst geben, anziehen, verhalten, gelten als „Schlampen“ – und hier zeigt sich zum Beispiel sehr schön, wie auch andere Frauen den Diskriminierungsdruck auf einige andere per Slutshaming weitergeben. Es sind nämlich oft Frauen und Mädchen, die mit den sexuell aktiveren Geschlechtsgenossinnen sehr unbarmherzig umgehen.

Aber mal andere Moralkeulen: Jegliche Form von Drogennutzung kann als moralische Keule genutzt werden. Einerseits wird das willkürlich durch legale und illegale Drogen noch mal bestärkt, aber auch Menschen, die legale Drogen in verschiedener Dosis nutzen, werden so mit der Keule bearbeitet – interessanterweise ist die tödlichste Droge – also der Alkohol – am wenigsten verpönt. Erst wenn man unübersehbar süchtig ist, gibt es gesellschaftliche Sanktionen. Raucher trifft es früher. Nutzer illegaler Drogen kriegen es noch viel stärker mit der Keule. „Kiffer“ ist gleich neben „asozial“ – ja, auch dieses Wort ist eine moralische Keule, aber ich verzettel mich gerade: Die Tatsache, dass Menschen diese Gesellschaft nur mit Drogen aushält – was ich auch als Abstinenzler gut verstehe – wird gegen sie verwendet. Bei einigen Drogen führt das zu akuter Kriminalisierung, bei anderen zumindest zu gesellschaftlicher Ächtung.

Die wahrscheinlich erfolgreichste „Neuentwicklung“ unter den Moralkeulen, ist die Gesundheitskeule, mit der speziell auf beleibte Menschen eingeschlagen wird. Es gibt Menschen, die sind aus Veranlagung oder aus welchem Grund auch immer in einer Gesellschaft, in der sie keinen Hunger fürchten müssen, natürlicherweise schwerer als andere. Groteskerweise wurde erst durch ein willkürlich festgelegtes Idealgewicht, in den letzten Jahren aber mit dem noch strengeren BMI Jagd auf sogenannte „Über“-Gewichtige gemacht. Egal, mit welcher Krankheit man bei dem einen oder anderen Arzt aufkreuzt, das Gewicht ist an allem Schuld – die Suche nach einer Hausärztin, die nicht „Adipositas“ auf der Stirn geschrieben hat, wenn mehrmensch herein kommt, ist gar nicht so einfach.

Aber man muss gar nicht wirklich schwer sein, um in die Gewichtsfalle zu geraten. Jede auch nur leichte Speckigkeit, führt in dieser Gesellschaft zu Benachteiligung, und auf kaum einer Gruppe darf so fröhlich eingeprügelt werden, wie auf Schweren. Und des BMI wegen hungern sich Menschen nicht nur im Extrem zu Tode, die meisten fühlen sich einfach schlecht, haben den Anpassungsdruck und vor allem den Selbsthass, der wie immer beherrschbar macht. Weil Gewicht immer wieder Selbstbewusstsein verhindert. Treten schwere Menschen selbstbewusst auf, dann fühlen sich immer wieder schlankere Menschen dazu aufgefordert, diese Menschen anzugreifen und lächerlich zu machen. Und dann wird es auch noch gefeiert wie doof, wenn Menschen eine Gewichtsänderung nach unten machen, so als ob das per se gut wäre. Als ob dünnere Menschen bessere Menschen wären. Sie sind nur dünner. Jedes Mensch darf so leicht oder schwer sein, wie es will. Ist das wirklich ein Problem? Nein, der Gesellschaft ist Selbsthass und Anpassung lieber …

PS. Jochen Malmsheimer sagte zu seinem Gewicht: „Wenn Gutes mehr wird, dann kann ich da nicht Schlimmes dran finden.“

PPS. Eigentlich dreht sich der Text natürlich im Kreis. Denn letztlich hat die katholische Kirche schon vor Jahrhunderten beschlossen, dass Völlerei eine Todsünde ist. Und natürlich ist Fatshaming wie Slutshaming in guter katholisch-christlicher Tradition.

Gottschalk, Balder, Brüste

Gestern wurde Thomas Gottschalk 65 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch auch von hier – und auf RTL lief eine wohl recht halbgare Sendung zu diesem Anlasse. Ich bin mir jetzt nicht so sicher, ob das an Gottschalks Stelle auch meine Wahl gewesen wäre, aber das kann ja jeder selbst machen, wie er mag. Irgendwelche Redakteure hatten sich dazu ein Spiel einfallen lassen, dass sie dann aufgrund von recht öffentlichem Shitstorm dann doch gelassen haben: Hugo-Egon Balder, ebenfalls 65 – auch dazu hier meinen Glückwunsch – sollte mit Gottschalk ein kleines Spiel durchführen, bei dem er zuvor gecasteten Hostessen den BH zerschneiden sollte. Die Reihe der weiblichen Brüste sollte Fläche für Bilder sein, zu denen Gottschalk dann Quizfragen beantworten sollte. So in etwa, war es aus der Jobbeschreibung herauszulesen, die gestern über Twitter lief und den Shitstorm befeuerte.

Disclaimer: Ich mag weibliche Brüste. Ich mag sie wirklich. Und wenn sie mir zur Liebkosung auf freiwilliger Basis bereitgestellt werden, bin ich durchaus begeistert. Auch nutze ich hier und da die Möglichkeiten, zur Betrachtung freigegebene Brüste eingängiger zu studieren. Ja, es passiert mir sogar hier und da, dass ich das eine oder andere Dekolleté so genau studiere, dass es an die Grenzen des Höflichen geht. Das tut mir meistens auch leid. Ihr kennt das Problem: Das Fleisch ist willig und so wird der Geist ganz schwach.

Jetzt find ich es gar nicht problematisch, dass Frauen in der Öffentlichkeit ihre Brust entblößen. Tun Männer auch, warum sollte das für das eine Geschlecht in Ordnung sein, für das andere aber nicht. Ist doch Unsinn. Es ist auch nicht schlimm, dass Frauen das in diesem Fall für Geld getan hätten. Es ist Showbiz. Wer ein Problem damit hat, etwas von sich zu zeigen, der ist in diesem Bereich nicht so gut aufgehoben. Und sollten mir Schauspielende oder andere professionell Auftretende sagen wollen, sie würden sich aber nicht prostituieren wollen, so würde ich zurückfragen, was noch mal ihr Job sei? Wer auf Bühnen sein Innerstes nach außen dreht, sollte mit der Veröffentlichung von Geschlechtsteilen auch nur noch bedingt Schwierigkeiten haben.

Noch mal in kurz: Keine Frau, die da mit gemacht hätte, hätte einen Grund gehabt, sich wegen der Haut zu schämen, die sie zeigt. Wäre es in Ordnung gewesen, die Show mitzumachen? Ethisch vielleicht problematisch, aber es füllt den Kühlschrank. So ist Showbiz. Aber es dürfen sich ruhig Leute schämen. Im Speziellen die Redakteure, die auf so eine bescheuerte Idee kommen.

Denn natürlich geht diese Nummer nicht.  Alte Männer haben das Recht, die BHs der Damen durchzuschneiden und ihre Brüste zu veröffentlichen, während die lächelnd da stehen und alles über sich ergehen lassen? Was ist denn das für eine dekadente Darstellung des männlichen Privilegs? Die Nummer ist widerlich, und ganz nebenbei auch noch unoriginell und dumm. Schlechtes Fernsehen halt. So, wie das Fernsehen jeden Tag ist. Schön, dass ein bisschen Empörung dagegen geholfen hat. Ist doch immerhin mal etwas.