Die Moralkeule

Die Moralkeule ist eine psychologische Waffe, die vermutlich genauso alt ist, wie die Keule selbst, wenn nicht noch älter. Sie bewirkt bei betroffenen Anpassung und Selbsthass, wird zur Druckabfuhr dann oft sogar von Betroffenen gegen andere quasi noch Betroffenere eingesetzt, damit die nicht weniger Selbsthass empfinden als die Betroffenen. Letztlich führt die Anwendung der moralischen Keule immer zu Anpassungsdruck und letztlich zu Anpassung – mit oft tödlicher Wirkung für die, die sich nicht anpassen können. Daher ist die moralische Keule eine gerne von Mächtigen eingesetzte Waffe, um die Ohnmächtigen in ihrem Zustand festzusetzen.

Wie funktioniert die moralische Keule?

Schauen wir doch bei einem Beispiel. Die moralische Keule ist ja eine von Religionen immer wieder gerne eingesetzte Waffe. Geradezu archetypisch ist die christliche, speziell die katholische Sexualmoral. Eine geradezu perfekte Moralkeule: Man verbietet beispielsweise Masturbation und vorehelichen Geschlechtsverkehr, von weiteren Spielarten der menschlichen Sexualität ganz zu schweigen. Man verbietet also insbesondere jungen Menschen – denn die müssen ja im Besonderen beschützt beherrscht werden – jegliche Betätigung, die ihnen von Trieben und Instinkten einprogrammiert sind. Diese völlig natürlichen und nützlichen Betätigungen werden nicht nur sanktioniert, sie werden auch noch mit einer nachexistenziellen ewigen Strafe bedroht. Nach Art einer guten alten Gehirnwäsche wird diese Strafe dann auch noch vielfarbig in die jugendlichen Köpfe gehämmert, auf dass jedes andere eventuell auflehnende Verhalten ebenfalls stark begrenzt wird. Auch das – ich glaub – fünfte Gebot, wegen dessen man gefälligst in der Reihenfolge Vater und Mutter ehren soll, ist natürlich in den Jahren, in denen sich jugendliche Menschen notwendigerweise von den Eltern ablösen, woraus ebenso notwendig Konflikte entstehen, als moralische Keule wirksam.

Die Wirksamkeit kommt von der Notwendigkeit der Verstöße. Junge Menschen werden Sex haben, werden masturbieren und manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht ihre Eltern beleidigen und deren Anweisungen in den Wind schießen. Und jedes Mal, wenn man solche Verstöße gegen die Moral begeht, wie gesagt, begeht, weil man gar nicht anders kann, schlägt die moralische Keule aufgrund der Prägung zu. Das schlechte Gewissen, man fühlt sich schlecht, weil man gegen die Moral verstoßen hat – und in der katholischen Kirche muss man das dann auch noch beichten, um der Kirche noch mehr Macht über sich zu geben. Es ist in der Ausweglosigkeit schon tragisch: Normales Verhalten führt zu Selbsthass und Anpassungsdruck, weil es gesellschaftlich sanktioniert ist, weil Kirche und Gesellschaft großen Druck ausüben, dass das normale und durchaus auch notwendige Verhalten unterbunden wird. Menschen suchen Schuld bei sich, da baut sich extrem viel negative psychische Energie auf, die dann zu Anpassung führt, oder gar nicht selten, zu suizid.

Wo wird die moralische Keule heute angewendet?

Also erstmal ist die Leib- und Sexualfeindlichkeit ja nicht weg, wenn sie auch deutlich eingeschränkt ist. Außer in auch sonst menschenfeindlichen Sekten kommt heute niemand mehr auf die Idee, dass vorehelicher Sex ein Problem ist, oder auch Masturbation. Also, hier in Europa, schon in den USA sieht das wahrlich anders aus. Da gibt es eine Bewegung, die Jungfräulichkeit bis zur Ehe gelobt. Führt natürlich zu sowas:

Bei uns wird die Sexualmoralkeule meistens nur noch in eine Richtung geschwungen: Gegen Frauen. Der englische Begriff dafür ist „slutshaming“. Frauen, die sich sexuell selbstbewusst geben, anziehen, verhalten, gelten als „Schlampen“ – und hier zeigt sich zum Beispiel sehr schön, wie auch andere Frauen den Diskriminierungsdruck auf einige andere per Slutshaming weitergeben. Es sind nämlich oft Frauen und Mädchen, die mit den sexuell aktiveren Geschlechtsgenossinnen sehr unbarmherzig umgehen.

Aber mal andere Moralkeulen: Jegliche Form von Drogennutzung kann als moralische Keule genutzt werden. Einerseits wird das willkürlich durch legale und illegale Drogen noch mal bestärkt, aber auch Menschen, die legale Drogen in verschiedener Dosis nutzen, werden so mit der Keule bearbeitet – interessanterweise ist die tödlichste Droge – also der Alkohol – am wenigsten verpönt. Erst wenn man unübersehbar süchtig ist, gibt es gesellschaftliche Sanktionen. Raucher trifft es früher. Nutzer illegaler Drogen kriegen es noch viel stärker mit der Keule. „Kiffer“ ist gleich neben „asozial“ – ja, auch dieses Wort ist eine moralische Keule, aber ich verzettel mich gerade: Die Tatsache, dass Menschen diese Gesellschaft nur mit Drogen aushält – was ich auch als Abstinenzler gut verstehe – wird gegen sie verwendet. Bei einigen Drogen führt das zu akuter Kriminalisierung, bei anderen zumindest zu gesellschaftlicher Ächtung.

Die wahrscheinlich erfolgreichste „Neuentwicklung“ unter den Moralkeulen, ist die Gesundheitskeule, mit der speziell auf beleibte Menschen eingeschlagen wird. Es gibt Menschen, die sind aus Veranlagung oder aus welchem Grund auch immer in einer Gesellschaft, in der sie keinen Hunger fürchten müssen, natürlicherweise schwerer als andere. Groteskerweise wurde erst durch ein willkürlich festgelegtes Idealgewicht, in den letzten Jahren aber mit dem noch strengeren BMI Jagd auf sogenannte „Über“-Gewichtige gemacht. Egal, mit welcher Krankheit man bei dem einen oder anderen Arzt aufkreuzt, das Gewicht ist an allem Schuld – die Suche nach einer Hausärztin, die nicht „Adipositas“ auf der Stirn geschrieben hat, wenn mehrmensch herein kommt, ist gar nicht so einfach.

Aber man muss gar nicht wirklich schwer sein, um in die Gewichtsfalle zu geraten. Jede auch nur leichte Speckigkeit, führt in dieser Gesellschaft zu Benachteiligung, und auf kaum einer Gruppe darf so fröhlich eingeprügelt werden, wie auf Schweren. Und des BMI wegen hungern sich Menschen nicht nur im Extrem zu Tode, die meisten fühlen sich einfach schlecht, haben den Anpassungsdruck und vor allem den Selbsthass, der wie immer beherrschbar macht. Weil Gewicht immer wieder Selbstbewusstsein verhindert. Treten schwere Menschen selbstbewusst auf, dann fühlen sich immer wieder schlankere Menschen dazu aufgefordert, diese Menschen anzugreifen und lächerlich zu machen. Und dann wird es auch noch gefeiert wie doof, wenn Menschen eine Gewichtsänderung nach unten machen, so als ob das per se gut wäre. Als ob dünnere Menschen bessere Menschen wären. Sie sind nur dünner. Jedes Mensch darf so leicht oder schwer sein, wie es will. Ist das wirklich ein Problem? Nein, der Gesellschaft ist Selbsthass und Anpassung lieber …

PS. Jochen Malmsheimer sagte zu seinem Gewicht: „Wenn Gutes mehr wird, dann kann ich da nicht Schlimmes dran finden.“

PPS. Eigentlich dreht sich der Text natürlich im Kreis. Denn letztlich hat die katholische Kirche schon vor Jahrhunderten beschlossen, dass Völlerei eine Todsünde ist. Und natürlich ist Fatshaming wie Slutshaming in guter katholisch-christlicher Tradition.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 23, 2015, in Gesellschaft. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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