Quick – Antideutsch!

Holy Shit, dieser Begriff kursiert immer noch bei einer marginalen orangenen Partei, deren Mitglied ich irgendwie immer noch bin. Und er wird die meiste Zeit völlig falsch verwendet. Mir ist, gerade in den letzten Tagen wieder, ebenfalls vorgeworfen worden, ich wäre antideutsch, und würde Deutsche „rassistisch“ verfolgen. Ja, das ist lächerlich, weil umgekehrter Rassismus nicht geht, weil ich selbst nach rassistischen Ideen sehr deutsch bin – und mir aber der damit einhergehenden Privilegien bewusst, weil Rassismus bedeuten würde, dass man andere „Rassen“ überlegen fände. Was natürlich auch Schwachsinn ist, da ich die Grundidee von Rassen gar nicht wirklich verstehe und sie nicht zu meinem Weltbild gehört.

Wieso werden so abstruse Vorwürfe erhoben? Zum Beispiel, weil manche Antifaschisten das Wort „Kartoffel“ als Schimpfwort nutzen. Ich mach das nicht so häufig, da ich nicht im Antifa e.V. organisiert bin – sry, konnte mir den Gag nicht verkneifen – und er für mich immer noch relativ neu ist. In diesem Tweet „Wie nennt man eigentlich die Polizeihundertschaften, die Naziaufmärsche verteidigen? Kartoffelpuffer?“ habe ich die Metapher benutzt, und zwar so, wie man ihn eigentlich immer benutzt: Um Nazis und sonstige rechte und nationalistisch ausgerichtete Deutsche zu bezeichnen. Im Eifer des Gefechtes, das gebe ich gerne zu, wird schnell mal jeder Gegner der Antifa zur Kartoffel – aber wer sich als Gegner des Antifaschismus zu erkennen gibt, hat ja üblicherweise Gründe dafür, und ich kann verstehen, dass manche – speziell die, die Tag für Tag gegen Nazis arbeiten – keinen Bock haben, zu differenzieren, ob da jemand einfach nur die Verschwörungstheorie von den bösen gewaltbereiten Antifas den Rechten nachfaselt, oder ob da wirklich ein Faschist am anderen Ende sitzt. Leute, wenn ihr ein Problem mit Antifaschismus habt, dann ist der Schluss, dass ihr viel weniger Probleme mit dem Faschismus habt, so ins Auge springend, dass die Beweislast nicht bei denen liegt, die euch „Kartoffeln“ nennen! Und ein letztes Mal, nein, nach allen Definitionen des Rassismus ist das kein Rassismus.

Ja, ich habe gehört, dass es Neurechte geben soll, die sich selbst als Antideutsche bezeichnen und immer zu 120 Prozent mit allem solidarisch sind, was Israel macht, was die USA machen und den Kapitalismus in all seiner Pracht verteidigen, weil jegliche Kapitalismuskritik immer antisemitisch sei. Es mag solche Menschen geben, ich halte sie für Sektierer und ich kenne keinen. (EDIT: Wer es immer noch nicht verstanden hat: Ich halte diese Form von „Antideutschen“ für eher hypothetisch. Ich kann sie nicht ausschließen, aber ich wenn es sie geben sollte, ist mir noch keiner untergekommen.) Diejenigen, die als Antideutsche beschimpft werden und – inzwischen zumeist ehemalige – Piraten sind, gehören nicht dazu. ich sehe da niemanden, der so undifferenziert und politisch blind durch die Welt geht.

Es gibt hingegen einige, die radikale religiös fundamentale Organisationen, wie die Hamas entschieden ablehnen – mach ich auch, weil ich auch religiösen Faschismus zutiefst verabscheuungswürdig halte. Das hindert mich aber auch nicht daran, dass ich vieles, was in den letzten Jahrzehnten von meist rechten israelischen Regierungen fabriziert wurde, sehr kritisch sehe. Wie mein lieber und wunderbarer Podcastpartner @ThoroughT immer so unnachahmlich stilsicher sagt, man muss häufig fähig sein, beide Seiten scheiße zu finden.

(Edit: hier ist ein für die Aussage des Textes irrelevanter und missverständlicher Satz gelöscht. ) Wer dem Staat Israel seine Rechtmäßigkeit abspricht, macht das fast garantiert aus antisemitischen Gründen.

Die Parole „Nie wieder Deutschland!“ unterschreibe ich. Weil ich mich immer wieder, und gerade in letzter Zeit mit Nazideutschland auseinandersetze, weil ich die destruktive momentane deutsche Außenpolitik sehe. Weil ich darüber heulen will, dass wieder Flüchtlingsheime brennen, dass Synagogen von Polizisten geschützt werden müssen, dass Menschen mit anderen Hautfarben oder mit Kippa oder auch nur mit alternativem Aussehen in manchen Teilen dieses Landes nicht mehr sicher über die Straße gehen können. „Nie wieder Deutschland!“ war 1990 noch linker Konsens. Und er ist es für mich noch. Es haben sich halt nur manche aus dem linken Spektrum verabschiedet.

Ich brech an dieser Stelle ab, auch weil ich eigentlich vor einem Jahr schon gesagt habe, dass mich diese Diskussionen ermüden. Ich rede hier über Selbstverständlichkeiten. Warum muss ich das immer noch?

PS. Sorry für durchgehend männliches Gendern, der Text ist schnell  entstanden, für geschlechtergerechtere Sprache fehlt mir die Zeit.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 25, 2015, in Piraten. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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