Quick – Die Toten kommen

Das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) hat in dieser Woche eine Aktion gestartet, die zumindest einen kleinen Medienaufruhr geschafft hat. Die Aktion „Die Toten kommen“ ist hier beschrieben. 

Nun ist das Echo durchaus verschieden. Einige sehr wohlwollende Meinungen stehen auch einigen sehr kritischen Meinungen gegenüber. Die Kritik von Rechts ist so gewiss wie belanglos. Wenn Menschen sich für eine bessere Welt einsetzen, ist das immer rechten Ideen diametral. Aber es gibt auch ernstzunehmende Menschen, die die Aktion irgendwie problematisch finden. Ist die Aktion zu populistisch, ist sie Leichenfledderei, ist sie pietätlos?

Mit Toten Kunst zu machen, ist seit den Körperwelten offenbar einigermaßen akzeptiert, sonst hätte man diese Schau nie irgendwo zeigen dürfen. Ich gehe also davon aus, dass das vom Künstlerischen her in Ordnung ist. Die Frage, die noch bleibt, ist, ob man mit Toten Politik machen darf? Auf der einen Seite wird mit Toten ständig Politik gemacht. Wer nach Charlie Hebdo auf die Vorratsdatenspeicherung – die ja den Anschlag von Paris seltsamerweise nicht verhindert hat – fordert, macht schamlos mit Toten Politik. Also ist auch das offenbar so Usus.

Nun kann man einwenden, dass das Mittel der Konservativen und Rechten sind, und man nicht auf deren Niveau herab sollte. Ja, da ist ja prinzipiell was dran, aber dann muss man halt noch ein bisschen genauer schauen. Die vom ZPS feierlich Begrabenen waren vorher in Massengräbern verscharrt oder in Lagerhäusern in Plastiksäcken gelagert. Natürlich kann man sagen, dass es ihnen ja nicht mehr weh tut, aber dann ist es ihnen auch egal, was das ZPS mit ihnen macht. Der eigentlich Skandal bleibt natürlich, dass Europa sich abschottet und diese vielen Toten produziert, der zweite ist, wie dieses Europa mit den großen christlichen Werten – die sämtlichen Regierungen natürlich am Allerwertesten meilenweit vorbeigehen – mit diesen Toten umgeht. Wenn das ZPS also die Leichname der Flüchtenden und von der EU so kaltherzig dem Tod anheim Gegebenen nutzt, um auf deren Schicksal hinzuweisen, dann hat das einen großen qualitativen Unterschied. Sonst haben die Toten, die für Politik instrumentalisiert werden, nämlich zu 95 Prozent nichts mit den politischen Zielen zu tun, für die sie (mis- oder) gebraucht werden. Jeder Sarg mit einer Flagge drauf, der von Politikern besucht wird, ist übrigens auch eine Instrumentalisierung. Warum sollte man das nicht mal in ein andere Form bringen.

Ist das populistisch? Aber sicher! Zumindest wenn das Wort bedeutet, dass man mit drastischen Mitteln Menschen für ein politisches Ziel gewinnen will.  Es ist nicht populistisch in dem Sinne, dass man dem Volke nach dem Maule spricht – für die, die mit meiner altmodischen Formulierung nichts anfangen können, gemeint ist: „Dass man sich wie CSU und AfD für die Förderung mieser Ressentiments einsetzt“ -, denn so richtig behaglich ist das ja nicht, oder? „Die Toten kommen“ ist eine Aktion, die weh tut, die keinen Spaß macht, die noch nicht mal ein „Das geschieht dem politischen Gegner recht!“ zulässt. Die Toten, die da kommen, gehen uns alle an. Und wir sind alle dafür mitverantwortlich, dass sie ihr Leben verloren haben. Das hört keiner gern, ich auch nicht. Es nimmt mich mit, es macht mich traurig und manchmal verzweifelt. Aber es ist ja nie so richtig schön, darauf gestoßen zu werden, was so richtig scheiße läuft, oder? Und den Job muss nun mal irgendwer tun. Ich für meinen Teil kann mich beim ZPS nur bedanken.

Eine letzte Frage wäre noch zu beantworten: Ist das eigentlich Kunst? Oder doch nur einfach eine andere Art von Demonstration? Wenn früher Umweltaktivisten Schornsteine besetzt haben, war das ja auch keine Kunst, oder? Nun, erstens ist Kunst das, was jemand zu Kunst erklärt. „Alles ist Kunst“, hat das nicht Herr Beuys gesagt? Natürlich sind wir hier in einem Gebiet, das nicht klar abgegrenzt ist. Die Aktion hat starke politische Inhalte, aber unpolitische Kunst gibt es ja auch nicht so wirklich. Und was wir ja eigentlich auch nicht wissen – vielleicht ist es ja nur ein großes Theater. Vielleicht waren alle Särge leer? Denn dann wäre die gesamte Aktion doch eine provokante Performance, oder? Dann gäbe es auch keine Frage, ob es hier um Kunst geht. Wenn die Künstler und Künstlerinnen vom ZPS klug sind – wovon ich stark ausgehe -, werden sie das nie verraten. Schrödingers Leichen. Sie sind gleichzeitig drin, aber auch wieder nicht. Allein das ist Kunst. Natürlich ist die Aktion Kunst. Und sogar gute.

Advertisements

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Juni 20, 2015 in Kultur, Kunst und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: