Archiv für den Monat August 2015

Fitnesstagebuch I

Was tu ich hier? Ein Fitnesstagebuch? WTF?

Also folgende Situation. Ich bin ja noch nie besonders fit gewesen, ich bin schon immer das, was die Medizin so gern „übergewichtig“ nennt. Ich finde das auch nicht unbedingt schlimm. Zumindest fand ich es immer so lange nicht wirklich schlimm, wie ich mich dabei in Ordnung fühlte. Über Theater habe ich mich so weit in Form gehalten, kam mit mir klar, hatte ein brauchbares Körpergefühl. Dann kam eine Krise in meinem Leben, falsche Vorwürfe, die mich an die Grenzen des gesunden Verstandes brachten, Depression. Und wie die meisten Menschen, die eher auf der kräftigen Seite stehen – oder besser bequem sitzen – habe ich einiges zugelegt und habe quasi jegliche Fitness verloren.

Vor einigen Monaten habe ich mich aufgerafft. Ich habe die Nordic Walking-Stöcke aus der Ecke gekramt und habe ein leichtes Training begonnen. Jeden zweiten Tag, eine Dreiviertelstunde durch die bergischen Wälder. Strecken, die durch ihre Höhenmeter durchaus anspruchsvoll sind. Das Training hat auch etwas bewirkt. Ich trage jetzt, wo ich das schreibe, eine Jeans vom „Geht nicht zu“-Stapel. Ist ja schon was. Treppen sind auch nicht mehr ganz so erschreckend, wie sie mal waren.

Ein paar Probleme stellten sich ein. Erstens habe ich Motivationsprobleme. Gar nicht unbedingt, weil ich ungern laufe, sondern eher wegen der anderen Probleme. Nordic Walking, oder, wie gerne gewitzelt wird „betreutes Gehen“, ist eine gelenkschonende Variante des Ausdauersports – aber eben nur gelenkschonend. Speziell meine linke Schulter hat sich überlegt, dass sie die Dauerbelastungen irgendwie doof findet. Aber auch andere Schmerzen tauchen hier und da auf. Die Knie finden Bergab-Passagen nervig, die Knöchel mögen auch manchmal nicht so, wie ich will. Alles nichts Schlimmes, aber es unterbricht manchmal das Training für die ganze Woche. Außerdem gebe ich zu, dass ich ein Schönwettersportler bin. Ich mag nicht im Regen marschieren. Und auch nicht bei zu schönem Wetter – 25 Grad und schwül schafft mein Kreislauf nicht, ich will ja eher gesünder werden, nicht nach der halben Strecke umfallen.

Das größte Problem aber war, dass der Effekt nicht reicht. Ich fühle mich ein bisschen fitter, als am Anfang des Jahres, ist ja in Ordnung. Aber es reicht einfach nicht. Ich kann aber weder an der Intensität noch an der Länge des Trainings ernsthaft drehen, weil Nordic Walking eine eingebaute Intensitätsgrenze zumindest für flache und abwärtsführende Passagen hat. Und die Länge erhöhen machen die Gelenke nicht so mit. Verdammt. Was mir aber vor allem fehlt, ist so eine Art umfassendere Fitness. Ja, ich habe mehr Luft, das ist gut, aber ich fühle mich immer noch schwerfällig. Mir fehlt Beweglichkeit und Kraft. Mir fehlt ein gutes Körpergefühl.

Und dann stolperte ich über den neuesten Trend aus USA. Kraftraining ohne Geräte, Bodyweight Training. Und so habe ich mir das Buch bestellt, es in einem Rutsch durchgelesen und schnell entschlossen, dass ich genau damit jetzt fit werden möchte. Zwei Wochen Kraftausdauer, dann etwas höhere Intensität, dann sogar Übungen mit hoher Intensität – natürlich alles im Einsteigerprogramm. Gleich kommt ein Text, den ich am Ende der ersten Woche schreiben werde. Falls ich die überlebe. Da wird drin stehen, wie sich das ausgewirkt haben wird.

In der ersten Woche gibt es Übungen, die in folgender Weise gemacht werden. Man macht erst eine Wiederholung, dann Pause, dann zwei, Pause, dann drei und so weiter, so lange, bis man bei der letzten Wiederholung einer Reihe merkt, dass man kurz vor Muskelversagen steht. Dann macht man die Reihe andersherum wieder bis zu einer Durchführung zurück. Der oft verschollene Mathematiker in mir hat natürlich herausgefunden, dass man damit eigentlich immer Quadratzahlen trainiert, cool, oder? Ich bin mal auf die erste Woche gespannt. Und ich möchte hier im Blog ein wenig dokumentieren, was ich so mache, auch wegen der Motivation.

Ich atme gerade schwer, ich habe mein viertes Training hinter mir. Ich habe gerade versucht, seitliche Crunches zu machen. Und das als vierte Übung, also nachdem man schon drei andere Übungen im Körper hat. Ich habe lächerliche neun Crunches geschafft, und hatte dabei schon das Gefühl, gleich in den Schrank neben mir zu kotzen. Es tut weh, es ist scheiße anstrengend, und es tut weh. Der größte Schmerz dabei, dass weiß ich inzwischen aus Erfahrung, der kommt erst noch. Muskelkater in Muskeln, von denen man noch nie gehört hat.

Als ich am Sonntag angefangen habe, schaffte ich gerade mal ein paar Liegestütze auf der Treppe. Also mit erhöhtem Griff. Warum erhöht? Das ist halt die Anfängerliegestütz. Die schaffte ich 9 mal, also höchstens dreimal am Stück. Wenn man das als erste Übung macht, ist das enorm ernüchternd. Dann versuchte ich die anderen Übungen, die man am ersten Tag machen soll. Eine davon geht nicht, da fehlt mir schlicht bisher noch eine Idee, wo ich das machen soll, ich habe in der ganzen Wohnung nichts, wo ich auf Höhe meiner Hüften einen stabilen Stab – den habe ich zufällig – drüber legen kann, um mich daran hochzuziehen. Ich bin zu groß, um irgendwas auf Hüfthöhe zu finden, von stabil brauchen wir noch nicht mal anfangen, aber zurück zum Thema:

Ich versucht an Türen zu ziehen, ich versuchte Trizepsdips, aber das ging kaum über Versuche hinaus. Die Wirkung dieser Versuche war fatal. Wann immer ich Montag was in die Hand nahm, zogen meine Armmuskeln und schmerzten. Unschön. Aber, und das ist leicht verwirrend, es war auch guter Schmerz. Das Ziehen in den Muskeln machte mir Muskeln überhaupt wieder bewusst. Der Effekt der Übungen war spürbar, und dieses Spürbare ist ein echter Gewinn. So lange die Muskeln weh tun, weiß man, dass man was gemacht hat, oder nicht?

Der erste Effekt jeder dieser Übungen bisher war, dass ich erstaunt fluchte, weil ich mir nicht darüber klar gewesen war, was alles wie wehtun kann. Und ich spreche hier nicht von meinen manchmal überforderten Knien, nein, die Muskeln schreien in der Belastung auf, wenn sie zum ersten Mal seit Jahren gefordert werden.

Dienstag waren dann die ersten Ausfallschritte und Kniebeugen dran – bei denen es bei mir stark an der Ausübung hapert. Ich weiß, dass ich zu weit nach vorn mit den Knien komme, ich weiß, dass das die Knie noch mal mehr belastet, aber ich kriege es nicht besser hin. Die schlimmste Erfahrung bei den Übungen für Beine und Torso waren die rumänischen Kreuzheben. Da hapert es an zwei Dingen, ich bin bei weitem nicht beweglich genug, und mein Bauch ist im Weg. Mediziner sprechen da charmant von Weichteilsperre, hübsch, nicht? Hat mich eben nicht daran gehindert, diese Übung 16 mal zu absolvieren – gut, es darf dabei keiner zuschauen, die Technik ist sehr ausbaufähig, aber übel anstrengend war es trotzdem. (Auf den Bildern im Buch macht eine schlanke elegante Frau diese Übung. Wenn ich mir vorstelle, jemand würde mich genauso dabei fotografieren, dann kommt mir unweigerlich Benjamin Blümchen in den Sinn. Töröööö!)

Die Bein- und Torsoübungen am Dienstag gaben mir aber zum ersten Mal das Gefühl, einfach ein Training auszuüben, es war weniger Herumspielen mit Übungen, als ein einigermaßen zielgerichtetes Workout. Und natürlich schmerzte am nächsten Tag jede Treppenstufe. Verdammtes Katzentier.

Donnerstag war dann das erste Training, das sich wiederholte. Und auch jetzt wurde das Training zielorientierter, und auch deutlich umfangreicher, vor allem, weil sich die Liegestütze fast verdoppelten, weil ich mit zitternden Armen wirklich ein paar Trizepsdips hinbekam, weil ich eine Stelle fand, an der ich Miniklimmzüge machen kann, die die andere Zugübung ersetzt.

Ganz viel geht noch nicht so einfach, wie vorgeschrieben. Die Umfänge sind natürlich immer noch viel zu klein, kein Trainer rechnet damit, dass ich jemand wie ich versucht, so ein Workout zu machen. Ich mach das Einsteigertraining – aber vermutlich muss man auch bei Einsteigern von ein bisschen mehr Möglichkeiten ausgehen. Ich schaffe es auch nicht, die Übungen ganz ohne jede Pause aneinanderzureihen. Das ist zu hart. Die Ausführungen sind natürlich nicht so sauber, wie ich mir das selbst wünsche – aber zumindest eines geht klar. Ich geh bei jeder Übung an die Grenze. Ich erreiche also eine Intensität, die mir bei Ausdauersport eigentlich immer gefehlt hat. Dabei komme ich nicht wirklich außer Atem, denn die Übungen sind ja noch alle eher langsam. In späteren Trainings wird das anders.

Ich werde euch dann nächste Woche mal Bescheid geben, ob ich auch die zweite Woche – die exakt die gleichen Übungen wie die erste hat – durchgehalten haben werde. Inzwischen atme ich ganz ruhig – ich habe die letzten zwanzig Minuten durchgeschrieben, und ich bitte um Verzeihung, wenn es ein bisschen durcheinander erscheint – mein Puls ist noch leicht erhöht und ich habe ein fast fiebriges Gefühl, was wohl daher kommt, dass die eben beanspruchten Muskeln noch nachbrennen. Die Muskeln sind müde, aber ich kann spüren, was ich eben trainiert habe. Und wenn ich die Muskeln in den Armen anspanne, spüre ich auch noch, was ich am Donnerstag trainiert habe. Es ist nicht so übel.

(Das sollte eigentlich gestern veröffentlicht werden, also Samstag, als der zweite Teil auch geschrieben wurde. Ich war nur leicht im Stress.)

Hallo Polizei!

An die Polizeibehörden, an Polizistinnen und Polizisten,

es geht so nicht weiter. Was gerade in diesem Land passiert ist ein Skandal und Ihr seid da zu einem ganzen Stück dran mitschuld. Nazis, Rassisten und das ganze Pack marschieren und ängstigen Mitmenschen. Ihr seid dafür verantwortlich, dass Menschen in Sicherheit sind! Jedes brennende Heim, jeder angegriffene Flüchtling geht auf Eure Kosten, denn Ihr seid es, die den Nazis klare Kante zeigen müsstet. Stattdessen schaut Ihr zu, wenn Nazis marschieren.

Vermummt sich jemand in einer linken Demonstration stürmt Ihr in die Demo und holt ihn raus, und nur wenn er Glück hat, kommt er mit ein paar blauen Flecken dabei weg. Wenn Nazis menschenverachtende Parolen brüllen, den Hitlergruß zeigen, verfassungsfeindliche Symbole offen vor sich hertragen, dann schaut Ihr weg. Sagt mal, ist Euch das nicht peinlich? Ist es Euch nicht peinlich, Linke und Journalisten daran zu hindern, Nazis an ihrem Tun zu hindern oder zumindest zu dokumentieren, was da passiert?

In diesem Land schaute die Polizei schon mal weg, als Fackeln mit braunen Horden unten dran die Straßen in ihr unheimliches Licht tauchten. Sie schaute zu, als Juden durch die Straßen getrieben wurden. Und schließlich machte die Polizei mit, beteiligte sich an Verbrechen, die so schrecklich waren, dass wir alle noch heute in Scham die Köpfe zu senken haben.

Hallo Polizistinnen und Polizisten, rafft Euch mal auf! Macht mal Euren verdammten Job und zeigt den Nazis mal, was Recht und Ordnung sind, von denen die ständig schwafeln. Geht einmal so robust gegen das Rassistenpack vor, wie Ihr in Frankfurt Banken schützt. Zeigt den Flüchtlingen, die aus so viel Not in dieses kalte Land kommen und alle ihre Hoffnung in uns setzen, dass dieses Land ein Rechtsstaat ist, und kein rechter Staat. Zeigt uns, dass ACAB nicht stimmt und dass Ihr den Mumm habt, mit uns gegen die Faschisten vorzugehen.

Die Waldorfschule – viel Licht und Dunkel

Sie polarisiert, die Waldorfschule. Für den Mainstream ist sie ein Pointenlieferant, für ihre AnhängerInnen die einzig mögliche Schulform und für SkeptikerInnen der esoterische Graus. Ich versuch das mal ein bisschen differenzierter zu betrachten.

Erst mal vorweg: Ich bin kein Anthroposoph, und natürlich Skeptiker genug, die esoterischen Ideen Rudolph Steiners bescheuert zu finden. Steiner war aber nicht nur Spinner, er war auch harter Antisemit und in einigen Bereichen seiner AnhängerInnen ist auch dieser Teil seines Denkens durchaus noch vorhanden, wie man immer mal wieder lesen kann. Über diesen Aspekt gibt es keine Diskussion, Antisemitismus ist mit widerwärtig absolut neutral umschrieben. Dem Allem zu Trotze machen einige Waldorfschulen sehr gute Arbeit und es gibt einige Aspekte, in denen die Waldorfschulen den Regelschulen massiv überlegen sind.

Werken und Gartenarbeit – praktisches Können

Werken und Gartenarbeit sind Beispiele dafür, dass auf Waldorfschulen ein breites Fundament gelegt wird. Das wirkt sich bei Absolventen auch oft aus, denn die meisten sind in vielem durchaus keine versponnenen Baumküsser, sondern praktisch denkende Menschen. Und praktisch handelnde Menschen – in diversen Gruppen habe ich mit Jugendlichen verschiedener Schulen gearbeitet. Und wenn es um praktische Sachen ging, waren es oft die Waldis, die vor Aufgaben nicht wegliefen, sich selbst Lösungen für Probleme einfallen ließen, oder zumindest nie davor zurückschreckten, irgendwo anzufassen.

Praktika

Hier kann man direkt anschließen. Die Fülle von Praktika, die WaldorfschülerInnen absolvieren, im sozialen Bereich, in der Landwirtschaft, ja sogar Vermessungspraktika, lassen GymnasiastInnen neben ihnen fast immer sehr unselbständig wirken. Man hat das Gefühl, dass sie sich einfach etwas besser in der Welt auskennen, mehr verschiedene Erfahrungen gemacht haben.

Alles Musische

Schaut man sich an, was NeurowissenschaftlerInnen so übers Lernen sagen, dann kommt immer wieder die von Schulpolitikern so gern überhörte Nachricht: Beschäftigung mit Musik, bildender Kunst oder Theater ist reinstes Hirndoping. Es ist auch Selbstbewusstseinsboost, Kreativitätsventil, Ausgleich und ein Weg, die Welt besser zu begreifen. Und genau da legt die Waldorfpädagogik ein großes Augenmerk drauf, und das ist gut. Jeder Waldorfschüler steht mehrfach auf einer Bühne, stellt Werke aus, singt und musiziert vor Publikum – denn ohne Publikum bleibt Kunst ja immer auf halber Strecke stecken. Ein gutes Mittel, jungen Menschen Selbstbewusstsein zu geben.

Jahresarbeit

Der Titel ist leicht übertrieben, aber über mehr als ein halbes Jahr beschäftigt sich jedes Waldi mit einem selbstgewählten Thema, mit einer Frage, die nicht mal eben auf Wikipedia nachzuschauen ist. Der eine renoviert ein Boot, die andere schaut sich Geschwisterkonstellationen an und manche bauen auch Hängebrücken. So intensiv beschäftigt man sich natürlich nur Sachen, die einen auch interessieren. Hat was mit guter Pädagogik zu tun, dass man Menschen etwas machen lässt, was sie interessiert und wo sie gut drin sind.

Bis hierhin verzeihe man mir die Euphorie. Diese Punkte sind Beispiele dafür, dass da einiges besser läuft, als die Regelschule und unser verkommenes Bildungssystem so vorstellen kann. Schauen wir uns doch mal die kritischeren Punkte an.

Epochenunterricht

Auf Waldorfschulen lernt man in Epochen. Das bedeutet, dass man sich immer ein paar Wochen zwei Stunden jeden Tages mit dem gleichen Thema beschäftigt. Das führt zu einem kuriosen Stundenplan und zu intensivem Auseinandersetzen mit einem Fach. Das ist vom Prinzip her nicht unbedingt schlecht. Ein projektorientierter Unterricht ist eine gute Sache. Die Epochen öffnen aber auch große Lücken, in denen sich die Lernenden mit einem Fach gar nicht beschäftigt. Verpassen kranke Menschen einen größeren Teil einer Epoche, ist das schwieriger aufzuholen. Den größten Nachteil sehe ich in der starren Struktur. Aber die Struktur ist in den Regelschulen ja keineswegs weniger starr. Die zeitlich strikte Zuordnung von Lernstoff an exakte Daten ist verwaltungstechnisch praktisch – aber pädagogisch unsinnig. Man sollte Dinge dann unterrichten, wenn die Lernenden dazu bereit sind.

Eurythmie

Ja, tanzen wir unsere Namen! Nein, das ist natürlich Quatsch und wird der Kunstform Eurythmie nicht gerecht. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, eine Art Tanztheater mit philosophisch-esoterischer Überhöhung. Würde man diese ganze Esoterik rausnehmen, bliebe eine Art Ausdruckstanz übrig. Und das wäre großartig, denn Eurythmie hat durchaus gute Ergebnisse. WaldorfschülerInnen haben meistens ein durchaus gutes Körpergefühl. Tanzen ist ein sehr praktischer Sport, der auch noch richtig Spaß macht. Ist für Kinder super. Sollte man überall machen – nur halt nicht dieser esoterische Quatsch dabei.

Anthroposophie

„Zu Dir, o Gottesgeist,
Will ich bittend mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse.“

Argh, was für ein Quark, Entschuldigung, dass ich mich hinreißen ließ, einen Teil aus einem Morgenspruch Steiners hier rein zu kopieren. Okay, das Zitat ist natürlich Blödsinn. Wer will schon, dass Kinder und Jugendliche so einen Mist mitzusprechen. Übrigens ist im Grundgesetz festgeschrieben, dass Religionsunterricht erteilt wird. Ich erinnere mich auch an regelmäßige Schulgottesdienste. Ist natürlich der gleiche Quark. Gehört natürlich abgeschafft.

Die Waldorfschule macht auf der Basis einer kruden religionsähnlichen Ideologie pädagogisch erstaunlich viel richtig. Würde man den ganze Steiner-Quatsch da rausnehmen, wäre die Waldorfschule ohne Frage die beste Schule, die man relativ flächendeckend finden kann – wenn man Kinder von zu Hause aus mit einem kräftigen Schuss Skeptizismus impft, ist sie das auch heute schon. Auch wenn es da sicherlich einige Unterschiede gibt.

Einiges ist natürlich kaum zu ertragen. Trifft man auf die Antisemiten unter den Waldorfanhängern, gehören keine Kinderund Jugendliche in deren Hände – oh, meine Klassenlehrerin in der Mittelstufe eines Gymnasiums war übrigens auch eine entschiedene Antisemitin, aber das tut ja auch nicht viel zur Sache. Unter den AnhängerInnen der Waldorfpädagogik findet man Impfgegner und Strahlungsparanoiker. Das ist anstrengend. So ähnlich, wie bei den Grünen und in der evangelischen Kirche. Hätte ich Kinder, würde ich trotzdem ins Grübeln kommen. Wie gesagt, pädagogisch hat da vieles wirklich Hand und Fuß.

Quick – Gedanken zum #Landesverrat

Seit Tagen schäumt das Netz, die Erregung ist groß, weil netzpolitik.org wegen Landesverrat angezeigt wurde. Die Wut ist ja durchaus verständlich, weil hier wieder mal was schief läuft. Aber was mir da fehlt, ist eine politische Einordnung.

Ich versuch das mal klar zu bekommen: netzpolitik.org hat vertrauliche Akten aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz in die Hände bekommen und veröffentlicht. In diesen Akten geht es – ganz grob – um eine Ausweitung der Internetüberwachung der Bevölkerung. Diese ist mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit dem Grundgesetz, das der  Verfassungsschutz laut seinem Namen schützen soll, nicht vereinbar. Um das zu vertuschen, hat der Verfassungsschutz nun netzpolitik.org wegen Landesverrats angezeigt – ich bin mir verdammt sicher, dass man beim VS nicht Barbra Streisand hört, und vor allem von dem nach ihr benannten Effekt nichts weiß, aber das nur am Rande.

Jetzt bin ich juristischer Volllaie, man korrigiere mich, wenn ich Blödsinn rede: Aus zwei Gründen kann das, was netzpolitik.org da gemacht hat, kein Landesverrat sein. Der erste ist ganz einfach: Wenn Akten auf dem Tisch einer Redaktion liegen, in der niemand Vertraulichkeit zugesichert hat, dann sind diese Akten in der Öffentlichkeit. Ob man die nun weiter veröffentlicht oder nicht, ist total egal, der „Verrat“ ist da schon vorbei. Wer immer auch die Informationen an die Journalisten weitergegeben hat, mag anklagbar sein, nicht aber die Journalisten, die werden nämlich von diesem komischen Grundgesetz, dass der so geheimnisvolle Verfassungsschutz ja eigentlich – ach, das hatte ich schon gesagt? – , also die werden durch die Pressefreiheit geschützt. Der zweite Grund: Durch den Straftatbestand „Landesverrat“ muss ja ein Rechtsgut geschützt werden. In diesem Fall müsste das ein Geheimnis sein, dass für die Sicherheit des Staates und seiner Bürger wichtig ist. Jetzt ist es politisch wohl eher so zu bewerten, dass die Veröffentlichung der Überwachungspläne die Sicherheit der Bürger schützt, aber das ist zugegeben nur Polemik. Viel wichtiger: Das Geheimnis ist wahrlich keines, was die Sicherheit von Staat und Bürgern gefährden kann.

Jetzt ist es juristisch ein weiter Weg von der Anzeige bis zu einer eventuellen Verurteilung. Erst mal muss die Staatsanwaltschaft mal weiter ermitteln, dann irgendwann Anklage erheben und dann gibt es Richterinnen und Richter, die da zu einer Entscheidung kommen müssen. Prinzipiell habe ich da genug Vertrauen in den Apparat, dass da den Journalisten nichts passieren wird. Aber was, wenn das Gericht sich gegen netzpolitik.org entscheidet? Was würde das bedeuten? Es wäre eine harte Einschränkung der Pressefreiheit. Es hätte katastrophale Auswirkungen auf journalistischen Mut und würde auch für alle, die sich sonst in diesem Netz so herumtreiben und Sachen sagen, die Schere im Kopf bewusster machen. Es würde letztlich bedeuten, dass dem Rechtsstaat noch weniger vertraut werden kann, als bisher.

Im Moment werden immer wieder wild die Köpfe von Range, Maas und Maaßen gefordert. Wir nennen so etwas üblicherweise Symbolpolitik, aber sei es drum. Wichtiger wäre mir, dass wir ein bisschen hinter die Kulissen schauen. Zum Beispiel ist es doch fraglich, wieso Politiker wie der Bundesjustizminister die Staatsanwaltschaften anweisen können, Sachen zu verfolgen oder auch nicht. Eine vollständige Gewaltenteilung würde auch die Staatsanwaltschaft von der Exekutive trennen. Es braucht auch hier natürlich eine parlamentarische Überwachung – das ist das, was beim Verfassungsschutz nicht funktioniert, ich weiß -, aber so lange Gestalten wie die GroKo dieses Land leiten, finde ich eine Staatsanwaltschaft, die weisungsgebunden ist, ziemlich gruselig. Das sit auf jeden Fall eine Verknüpfng, die antflochten werden sollte.

Und dann der Verfassungsschutz itself. Ehrlich gesagt habe ich ja immer einen Hals auf diese Behörde – da ist der ganze #Landesverrat doch nur eine Fußnote. Schließlich finanziert der Verfassungsschutz mit seinen V-Leuten die gesamte rechte  Szene, schließlich hat der Verfassungsschutz keinen Finger gerührt, um den NSU zu stopppen, und da müssten nicht nur einige Menschen zurücktreten, der ganze Dienst gehört sofort aufgelöst. Ein politischer Geheimdienst hat einfach keinen Sinn in einer Demokratie, er baut versteckte Machtstrukturen auf, die immer antidemokratisch sind, und wer die Augen offen hält, weiß, dass der Missbrauch von Macht im Verfassungsschutz eher Regel als Ausnahme ist.  Den Verfassungsschutz auflösen, halte ich für eine sehr grundlegende politische Forderung. Ich kann politisch niemanden ernst nehmen, der diese Schlangengrube weiterfinanzieren will. Aber, aber Terrorismus! Ach, am Arsch, wir haben eine Polizei, und wenn die ihren Job macht, dann braucht es keinen Verfassungsschutz. Es ist strafbar, Bomben zu legen, oder etwa nicht? Und vielleicht kommen wir dann auch von diesem unsäglichen Hufeisen weg, von der Extremismustheorie, die immer nur dafür gedacht war, Nazis zu verharmlosen und Menschen zu verunglimpfen, die eine gerechtere Welt wollen.

Der Verfassungsschutz strebt die Macht an, uns alle zu überwachen. Und er wird seine Macht wie immer auch missbrauchen. Es geht nicht um die Rücktritte von Politikern, es geht um unsere Köpfe. Da reicht auch keine Empörung, da braucht es politischen Willen.