Die Waldorfschule – viel Licht und Dunkel

Sie polarisiert, die Waldorfschule. Für den Mainstream ist sie ein Pointenlieferant, für ihre AnhängerInnen die einzig mögliche Schulform und für SkeptikerInnen der esoterische Graus. Ich versuch das mal ein bisschen differenzierter zu betrachten.

Erst mal vorweg: Ich bin kein Anthroposoph, und natürlich Skeptiker genug, die esoterischen Ideen Rudolph Steiners bescheuert zu finden. Steiner war aber nicht nur Spinner, er war auch harter Antisemit und in einigen Bereichen seiner AnhängerInnen ist auch dieser Teil seines Denkens durchaus noch vorhanden, wie man immer mal wieder lesen kann. Über diesen Aspekt gibt es keine Diskussion, Antisemitismus ist mit widerwärtig absolut neutral umschrieben. Dem Allem zu Trotze machen einige Waldorfschulen sehr gute Arbeit und es gibt einige Aspekte, in denen die Waldorfschulen den Regelschulen massiv überlegen sind.

Werken und Gartenarbeit – praktisches Können

Werken und Gartenarbeit sind Beispiele dafür, dass auf Waldorfschulen ein breites Fundament gelegt wird. Das wirkt sich bei Absolventen auch oft aus, denn die meisten sind in vielem durchaus keine versponnenen Baumküsser, sondern praktisch denkende Menschen. Und praktisch handelnde Menschen – in diversen Gruppen habe ich mit Jugendlichen verschiedener Schulen gearbeitet. Und wenn es um praktische Sachen ging, waren es oft die Waldis, die vor Aufgaben nicht wegliefen, sich selbst Lösungen für Probleme einfallen ließen, oder zumindest nie davor zurückschreckten, irgendwo anzufassen.

Praktika

Hier kann man direkt anschließen. Die Fülle von Praktika, die WaldorfschülerInnen absolvieren, im sozialen Bereich, in der Landwirtschaft, ja sogar Vermessungspraktika, lassen GymnasiastInnen neben ihnen fast immer sehr unselbständig wirken. Man hat das Gefühl, dass sie sich einfach etwas besser in der Welt auskennen, mehr verschiedene Erfahrungen gemacht haben.

Alles Musische

Schaut man sich an, was NeurowissenschaftlerInnen so übers Lernen sagen, dann kommt immer wieder die von Schulpolitikern so gern überhörte Nachricht: Beschäftigung mit Musik, bildender Kunst oder Theater ist reinstes Hirndoping. Es ist auch Selbstbewusstseinsboost, Kreativitätsventil, Ausgleich und ein Weg, die Welt besser zu begreifen. Und genau da legt die Waldorfpädagogik ein großes Augenmerk drauf, und das ist gut. Jeder Waldorfschüler steht mehrfach auf einer Bühne, stellt Werke aus, singt und musiziert vor Publikum – denn ohne Publikum bleibt Kunst ja immer auf halber Strecke stecken. Ein gutes Mittel, jungen Menschen Selbstbewusstsein zu geben.

Jahresarbeit

Der Titel ist leicht übertrieben, aber über mehr als ein halbes Jahr beschäftigt sich jedes Waldi mit einem selbstgewählten Thema, mit einer Frage, die nicht mal eben auf Wikipedia nachzuschauen ist. Der eine renoviert ein Boot, die andere schaut sich Geschwisterkonstellationen an und manche bauen auch Hängebrücken. So intensiv beschäftigt man sich natürlich nur Sachen, die einen auch interessieren. Hat was mit guter Pädagogik zu tun, dass man Menschen etwas machen lässt, was sie interessiert und wo sie gut drin sind.

Bis hierhin verzeihe man mir die Euphorie. Diese Punkte sind Beispiele dafür, dass da einiges besser läuft, als die Regelschule und unser verkommenes Bildungssystem so vorstellen kann. Schauen wir uns doch mal die kritischeren Punkte an.

Epochenunterricht

Auf Waldorfschulen lernt man in Epochen. Das bedeutet, dass man sich immer ein paar Wochen zwei Stunden jeden Tages mit dem gleichen Thema beschäftigt. Das führt zu einem kuriosen Stundenplan und zu intensivem Auseinandersetzen mit einem Fach. Das ist vom Prinzip her nicht unbedingt schlecht. Ein projektorientierter Unterricht ist eine gute Sache. Die Epochen öffnen aber auch große Lücken, in denen sich die Lernenden mit einem Fach gar nicht beschäftigt. Verpassen kranke Menschen einen größeren Teil einer Epoche, ist das schwieriger aufzuholen. Den größten Nachteil sehe ich in der starren Struktur. Aber die Struktur ist in den Regelschulen ja keineswegs weniger starr. Die zeitlich strikte Zuordnung von Lernstoff an exakte Daten ist verwaltungstechnisch praktisch – aber pädagogisch unsinnig. Man sollte Dinge dann unterrichten, wenn die Lernenden dazu bereit sind.

Eurythmie

Ja, tanzen wir unsere Namen! Nein, das ist natürlich Quatsch und wird der Kunstform Eurythmie nicht gerecht. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, eine Art Tanztheater mit philosophisch-esoterischer Überhöhung. Würde man diese ganze Esoterik rausnehmen, bliebe eine Art Ausdruckstanz übrig. Und das wäre großartig, denn Eurythmie hat durchaus gute Ergebnisse. WaldorfschülerInnen haben meistens ein durchaus gutes Körpergefühl. Tanzen ist ein sehr praktischer Sport, der auch noch richtig Spaß macht. Ist für Kinder super. Sollte man überall machen – nur halt nicht dieser esoterische Quatsch dabei.

Anthroposophie

„Zu Dir, o Gottesgeist,
Will ich bittend mich wenden,
Dass Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse.“

Argh, was für ein Quark, Entschuldigung, dass ich mich hinreißen ließ, einen Teil aus einem Morgenspruch Steiners hier rein zu kopieren. Okay, das Zitat ist natürlich Blödsinn. Wer will schon, dass Kinder und Jugendliche so einen Mist mitzusprechen. Übrigens ist im Grundgesetz festgeschrieben, dass Religionsunterricht erteilt wird. Ich erinnere mich auch an regelmäßige Schulgottesdienste. Ist natürlich der gleiche Quark. Gehört natürlich abgeschafft.

Die Waldorfschule macht auf der Basis einer kruden religionsähnlichen Ideologie pädagogisch erstaunlich viel richtig. Würde man den ganze Steiner-Quatsch da rausnehmen, wäre die Waldorfschule ohne Frage die beste Schule, die man relativ flächendeckend finden kann – wenn man Kinder von zu Hause aus mit einem kräftigen Schuss Skeptizismus impft, ist sie das auch heute schon. Auch wenn es da sicherlich einige Unterschiede gibt.

Einiges ist natürlich kaum zu ertragen. Trifft man auf die Antisemiten unter den Waldorfanhängern, gehören keine Kinderund Jugendliche in deren Hände – oh, meine Klassenlehrerin in der Mittelstufe eines Gymnasiums war übrigens auch eine entschiedene Antisemitin, aber das tut ja auch nicht viel zur Sache. Unter den AnhängerInnen der Waldorfpädagogik findet man Impfgegner und Strahlungsparanoiker. Das ist anstrengend. So ähnlich, wie bei den Grünen und in der evangelischen Kirche. Hätte ich Kinder, würde ich trotzdem ins Grübeln kommen. Wie gesagt, pädagogisch hat da vieles wirklich Hand und Fuß.

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am August 11, 2015 in Bildungspolitik und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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