Fitnesstagebuch I

Was tu ich hier? Ein Fitnesstagebuch? WTF?

Also folgende Situation. Ich bin ja noch nie besonders fit gewesen, ich bin schon immer das, was die Medizin so gern „übergewichtig“ nennt. Ich finde das auch nicht unbedingt schlimm. Zumindest fand ich es immer so lange nicht wirklich schlimm, wie ich mich dabei in Ordnung fühlte. Über Theater habe ich mich so weit in Form gehalten, kam mit mir klar, hatte ein brauchbares Körpergefühl. Dann kam eine Krise in meinem Leben, falsche Vorwürfe, die mich an die Grenzen des gesunden Verstandes brachten, Depression. Und wie die meisten Menschen, die eher auf der kräftigen Seite stehen – oder besser bequem sitzen – habe ich einiges zugelegt und habe quasi jegliche Fitness verloren.

Vor einigen Monaten habe ich mich aufgerafft. Ich habe die Nordic Walking-Stöcke aus der Ecke gekramt und habe ein leichtes Training begonnen. Jeden zweiten Tag, eine Dreiviertelstunde durch die bergischen Wälder. Strecken, die durch ihre Höhenmeter durchaus anspruchsvoll sind. Das Training hat auch etwas bewirkt. Ich trage jetzt, wo ich das schreibe, eine Jeans vom „Geht nicht zu“-Stapel. Ist ja schon was. Treppen sind auch nicht mehr ganz so erschreckend, wie sie mal waren.

Ein paar Probleme stellten sich ein. Erstens habe ich Motivationsprobleme. Gar nicht unbedingt, weil ich ungern laufe, sondern eher wegen der anderen Probleme. Nordic Walking, oder, wie gerne gewitzelt wird „betreutes Gehen“, ist eine gelenkschonende Variante des Ausdauersports – aber eben nur gelenkschonend. Speziell meine linke Schulter hat sich überlegt, dass sie die Dauerbelastungen irgendwie doof findet. Aber auch andere Schmerzen tauchen hier und da auf. Die Knie finden Bergab-Passagen nervig, die Knöchel mögen auch manchmal nicht so, wie ich will. Alles nichts Schlimmes, aber es unterbricht manchmal das Training für die ganze Woche. Außerdem gebe ich zu, dass ich ein Schönwettersportler bin. Ich mag nicht im Regen marschieren. Und auch nicht bei zu schönem Wetter – 25 Grad und schwül schafft mein Kreislauf nicht, ich will ja eher gesünder werden, nicht nach der halben Strecke umfallen.

Das größte Problem aber war, dass der Effekt nicht reicht. Ich fühle mich ein bisschen fitter, als am Anfang des Jahres, ist ja in Ordnung. Aber es reicht einfach nicht. Ich kann aber weder an der Intensität noch an der Länge des Trainings ernsthaft drehen, weil Nordic Walking eine eingebaute Intensitätsgrenze zumindest für flache und abwärtsführende Passagen hat. Und die Länge erhöhen machen die Gelenke nicht so mit. Verdammt. Was mir aber vor allem fehlt, ist so eine Art umfassendere Fitness. Ja, ich habe mehr Luft, das ist gut, aber ich fühle mich immer noch schwerfällig. Mir fehlt Beweglichkeit und Kraft. Mir fehlt ein gutes Körpergefühl.

Und dann stolperte ich über den neuesten Trend aus USA. Kraftraining ohne Geräte, Bodyweight Training. Und so habe ich mir das Buch bestellt, es in einem Rutsch durchgelesen und schnell entschlossen, dass ich genau damit jetzt fit werden möchte. Zwei Wochen Kraftausdauer, dann etwas höhere Intensität, dann sogar Übungen mit hoher Intensität – natürlich alles im Einsteigerprogramm. Gleich kommt ein Text, den ich am Ende der ersten Woche schreiben werde. Falls ich die überlebe. Da wird drin stehen, wie sich das ausgewirkt haben wird.

In der ersten Woche gibt es Übungen, die in folgender Weise gemacht werden. Man macht erst eine Wiederholung, dann Pause, dann zwei, Pause, dann drei und so weiter, so lange, bis man bei der letzten Wiederholung einer Reihe merkt, dass man kurz vor Muskelversagen steht. Dann macht man die Reihe andersherum wieder bis zu einer Durchführung zurück. Der oft verschollene Mathematiker in mir hat natürlich herausgefunden, dass man damit eigentlich immer Quadratzahlen trainiert, cool, oder? Ich bin mal auf die erste Woche gespannt. Und ich möchte hier im Blog ein wenig dokumentieren, was ich so mache, auch wegen der Motivation.

Ich atme gerade schwer, ich habe mein viertes Training hinter mir. Ich habe gerade versucht, seitliche Crunches zu machen. Und das als vierte Übung, also nachdem man schon drei andere Übungen im Körper hat. Ich habe lächerliche neun Crunches geschafft, und hatte dabei schon das Gefühl, gleich in den Schrank neben mir zu kotzen. Es tut weh, es ist scheiße anstrengend, und es tut weh. Der größte Schmerz dabei, dass weiß ich inzwischen aus Erfahrung, der kommt erst noch. Muskelkater in Muskeln, von denen man noch nie gehört hat.

Als ich am Sonntag angefangen habe, schaffte ich gerade mal ein paar Liegestütze auf der Treppe. Also mit erhöhtem Griff. Warum erhöht? Das ist halt die Anfängerliegestütz. Die schaffte ich 9 mal, also höchstens dreimal am Stück. Wenn man das als erste Übung macht, ist das enorm ernüchternd. Dann versuchte ich die anderen Übungen, die man am ersten Tag machen soll. Eine davon geht nicht, da fehlt mir schlicht bisher noch eine Idee, wo ich das machen soll, ich habe in der ganzen Wohnung nichts, wo ich auf Höhe meiner Hüften einen stabilen Stab – den habe ich zufällig – drüber legen kann, um mich daran hochzuziehen. Ich bin zu groß, um irgendwas auf Hüfthöhe zu finden, von stabil brauchen wir noch nicht mal anfangen, aber zurück zum Thema:

Ich versucht an Türen zu ziehen, ich versuchte Trizepsdips, aber das ging kaum über Versuche hinaus. Die Wirkung dieser Versuche war fatal. Wann immer ich Montag was in die Hand nahm, zogen meine Armmuskeln und schmerzten. Unschön. Aber, und das ist leicht verwirrend, es war auch guter Schmerz. Das Ziehen in den Muskeln machte mir Muskeln überhaupt wieder bewusst. Der Effekt der Übungen war spürbar, und dieses Spürbare ist ein echter Gewinn. So lange die Muskeln weh tun, weiß man, dass man was gemacht hat, oder nicht?

Der erste Effekt jeder dieser Übungen bisher war, dass ich erstaunt fluchte, weil ich mir nicht darüber klar gewesen war, was alles wie wehtun kann. Und ich spreche hier nicht von meinen manchmal überforderten Knien, nein, die Muskeln schreien in der Belastung auf, wenn sie zum ersten Mal seit Jahren gefordert werden.

Dienstag waren dann die ersten Ausfallschritte und Kniebeugen dran – bei denen es bei mir stark an der Ausübung hapert. Ich weiß, dass ich zu weit nach vorn mit den Knien komme, ich weiß, dass das die Knie noch mal mehr belastet, aber ich kriege es nicht besser hin. Die schlimmste Erfahrung bei den Übungen für Beine und Torso waren die rumänischen Kreuzheben. Da hapert es an zwei Dingen, ich bin bei weitem nicht beweglich genug, und mein Bauch ist im Weg. Mediziner sprechen da charmant von Weichteilsperre, hübsch, nicht? Hat mich eben nicht daran gehindert, diese Übung 16 mal zu absolvieren – gut, es darf dabei keiner zuschauen, die Technik ist sehr ausbaufähig, aber übel anstrengend war es trotzdem. (Auf den Bildern im Buch macht eine schlanke elegante Frau diese Übung. Wenn ich mir vorstelle, jemand würde mich genauso dabei fotografieren, dann kommt mir unweigerlich Benjamin Blümchen in den Sinn. Töröööö!)

Die Bein- und Torsoübungen am Dienstag gaben mir aber zum ersten Mal das Gefühl, einfach ein Training auszuüben, es war weniger Herumspielen mit Übungen, als ein einigermaßen zielgerichtetes Workout. Und natürlich schmerzte am nächsten Tag jede Treppenstufe. Verdammtes Katzentier.

Donnerstag war dann das erste Training, das sich wiederholte. Und auch jetzt wurde das Training zielorientierter, und auch deutlich umfangreicher, vor allem, weil sich die Liegestütze fast verdoppelten, weil ich mit zitternden Armen wirklich ein paar Trizepsdips hinbekam, weil ich eine Stelle fand, an der ich Miniklimmzüge machen kann, die die andere Zugübung ersetzt.

Ganz viel geht noch nicht so einfach, wie vorgeschrieben. Die Umfänge sind natürlich immer noch viel zu klein, kein Trainer rechnet damit, dass ich jemand wie ich versucht, so ein Workout zu machen. Ich mach das Einsteigertraining – aber vermutlich muss man auch bei Einsteigern von ein bisschen mehr Möglichkeiten ausgehen. Ich schaffe es auch nicht, die Übungen ganz ohne jede Pause aneinanderzureihen. Das ist zu hart. Die Ausführungen sind natürlich nicht so sauber, wie ich mir das selbst wünsche – aber zumindest eines geht klar. Ich geh bei jeder Übung an die Grenze. Ich erreiche also eine Intensität, die mir bei Ausdauersport eigentlich immer gefehlt hat. Dabei komme ich nicht wirklich außer Atem, denn die Übungen sind ja noch alle eher langsam. In späteren Trainings wird das anders.

Ich werde euch dann nächste Woche mal Bescheid geben, ob ich auch die zweite Woche – die exakt die gleichen Übungen wie die erste hat – durchgehalten haben werde. Inzwischen atme ich ganz ruhig – ich habe die letzten zwanzig Minuten durchgeschrieben, und ich bitte um Verzeihung, wenn es ein bisschen durcheinander erscheint – mein Puls ist noch leicht erhöht und ich habe ein fast fiebriges Gefühl, was wohl daher kommt, dass die eben beanspruchten Muskeln noch nachbrennen. Die Muskeln sind müde, aber ich kann spüren, was ich eben trainiert habe. Und wenn ich die Muskeln in den Armen anspanne, spüre ich auch noch, was ich am Donnerstag trainiert habe. Es ist nicht so übel.

(Das sollte eigentlich gestern veröffentlicht werden, also Samstag, als der zweite Teil auch geschrieben wurde. Ich war nur leicht im Stress.)

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Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am August 30, 2015 in Nicht kategorisiert und mit , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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