Von Moral und Politik …

Also mal ehrlich: Ich halte mich ja nicht für einen wirklich guten Menschen. Ich weiß ziemlich genau um meine Schwächen, und ich weiß auch, dass ich in der einen oder anderen Situation, in der kein Nachdenken war, anders reagiert habe, als ich eigentlich hätte reagieren wollen, wenn ich wirklich über das hätte nachdenken können, was ich da tat. Ich halte auch nicht viel von Kategorien, wie Gut und Böse. Das ist was für DnD – da war ich gern chaotisch gut, also linksanarchistisch, was ja irgendwie zu mir passt.

In der Realität ist das mit Gut und Böse echt schwierig. Irgendwie hat ja niemand das Gefühl: „hey, ich mach hier gerade was richtig Fieses und ich find das gut. Weil ich so ein böses Arschloch bin!“ Das denkt doch keiner, oder? Oder wenn doch, dann vielleicht, weil da pathologisch wirklich was mit der Psyche nicht stimmt. Aber die „Normalen“, die psychisch Gesunden, die denken doch sowas nicht. Das ist doch was für die Klischees der Literatur, oder? So ein richtig fieser Bösewicht, so ein Uriah Heep, wie ihn Dickens erschuf, trifft man sonst nicht.

Aber man findet etwas anderes, und interessanterweise ist mir das letztens in einem Youtube-Kommentar mal wieder begegnet, der mir das sehr klar machte. Irgendwie ging es um Harry Potter, und das er im Film den mächtigsten aller Zauberstäbe, den Elderstab, zerbricht, und dessen Macht freiwillig aufgibt. Der Kommentator meinte, das sei halt total unrealistisch, das würde „niemand tun“. Sieht man das ganze unter ethischen Gesichtspunkten ist die Entscheidung der Figur Harry Potter allerdings ganz einfach: Behält er den Stab, dann könnte er einerseits der Versuchung der Macht erliegen, andererseits könnte er selbst besiegt werden, und dann könnte irgendwer diesen Elderstab nutzen und damit Unfug treiben. Da ist es sicherlich am Sinnvollsten, diesen Stab zu zerbrechen, oder ihn – wie es im Buch geschieht – anders unschädlich zu machen. Harry hat Zeit, darüber nachzudenken und er kommt zu dem einfachen Entschluss, den Stab zu zerbrechen.

Der Kommentator kann sich nicht vorstellen, dass jemand solch einen ethisch einfachen Schritt geht. Er kann sich nicht vorstellen, dass irgendwer nicht so freundlichen Beweggründen wie Gier und Selbstsucht nachgeben wird. Offenbar hat dieser Kommentator für sich keinerlei ethische Entscheidungen getroffen, die irgendeine Substanz haben. Ich kenn den nicht persönlich, aber seine Äußerung ist so schön entlarvend, dass man ein leises Urteil abgeben kann. So spricht nämlich ein Arschloch. Und ja, ich bin davon überzeugt, dass der sich total normal fühlt und natürlich ist er auch überzeugt, dass alle anderen auch so denken, wie er denkt. Der wird von sich glaube, dass er ein guter Kerl ist, weil er für sich die Entscheidung getroffen hat, dass er zwar keine tieferen ethischen Einsichten haben will, aber das total okay ist, weil alle anderen auch so denken.

Ich habe da eine Überraschung: Es gibt Menschen, die andere Entscheidungen treffen. Ihr könnt diese Menschen gerne naiv nennen und Träumer und was man sonst so zu hören bekommt, aber diese Menschen wollen einfach keine Arschlöcher zu sein. Davon gibt es eine Menge, auch wenn sie vermutlich nicht die Mehrheit bilden.

Und das hat eine klare politische Seite. Ich weiß, dass man mir hier Arroganz vorwerfen wird, aber es ist leider so einfach: Dieses Arschloch-Sein ist politisch rechts und konservativ und neoliberal und all das, was menschenfeindlich als politische Leitfigur hat. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass die Skandale, die es immer mal wieder um Politiker gibt, weil sie sich bereichern, weil sie betrügen oder schwarze Kassen unterhalten, fast ausschließlich konservative und rechte Politiker betreffen. Das sind Menschen, deren ethischer Horizont wie folgt lautet: Ich mach, was für mich gut ist, und was die Fassade erhält. Dabei mach ich auch alles, was eigentlich nicht geht, so lange mich dabei keiner erwischen kann. Ich bin kein großer Fan von SPD und Grünen und bin mir relativ sicher, dass es auch unter Politikern der Linken Arschlöcher gibt – aber deren Anteil ist einfach bei den rechten und konservativen Parteien um ein Vielfaches größer.

Und dann ist es auch kein Wunder, wenn diese Menschen von CxU und AfD Angst vor Fremden haben und nach Law und Order schreien. Sie vermuten wie der Kommentator oben, dass alle anderen genauso ethisch unterentwickelt sind, wie sie selbst. Deswegen wollen sie alles verbieten, deswegen schreien sie nach Sicherheit, deswegen sind sie irrational.

Die Entscheidung, links zu sein und zu denken, ist eine ethsiche. Oh ja, dafür darf man mir gerne Arroganz vorwerfen, das wird sicherlich einfacher sein, als darüber nachzudenken oder gar selbst sich um eine konsistente Ethik zu bemühen. Ich zitiere hier mal den @ThoroughT, der mir eben schrieb: „Wir leben in Zeiten, wo Leute bis aufs Blut ausbeuten als etwas geschmackloser Geschäftssinn gilt, aber die korrekte Aussage, man wäre ethisch besser unterwegs als so jemand, Arroganz heißt.“

In diesem Sinne sollten wir öfters arrogant sein, in dem Sinne dürft ihr uns gerne arrogant nennen.

Advertisements

Über Hollarius

Ich bin in den Siebzigern geboren, halte mich voll Hybris für einen Künstler und meine auch noch, alle müssten lesen, was ich so meine ...

Veröffentlicht am Mai 22, 2016, in Gesellschaft, Nicht kategorisiert. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. An manchen Stellen hättest du statt ‚ethisch‘ besser ‚moralisch‘ verwenden sollen. Aber back to topic:
    Ich gehe auch nicht davon aus, dass ein Großteil der Menschen den Stab zerstört hätte. Nicht weil ich es tun würde (ich kann nicht ausschließen, dass mich die mögliche Macht korrumpieren würde), aber der Anreiz ist verdammt groß. Der Anreiz, das Richtige zu tun, besteht praktisch ’nur‘ darin, das Richtige getan zu haben. Anbei sollte man evtl hinzufügen, dass uns die Geschichte gezeigt hat, dass sich mehr Menschen von der Macht verführen zu lassen statt das Richtige zu tun

    Gezeichnet
    Ein Zyniker

  2. Also die bereitschafft ein Risiko einzugehen ist nicht automatisch Böse oder unbedacht es hängt stark vom Motiv ab. Zum Beispiel die Option den Elderstab einmal zu verwenden um die Wahrscheinlichkeit dramatisch zu erhöhen die Manifestation des Bösen, Lord Voldemort, zu beseitigen und erst danach den Elderstab zu zerstören. Das Risiko dass dieses Böse dannach mächtiger ist könnte imho eingegangen werden ohne böse, gierig oder ähnliches zu sein sondern im Gegenteil um das richtige zu tun. Kenne mich mit Harry Potter jetzt nicht so wirklich aus aber ich denke nicht das es Arrogant ist Urteile über Menschen zu fällen die fehlende Risikobereitschafft in belletristischen Werken auf YouTube kommentieren sondern viel mehr ein Hinweis auf ausgeprägte Langeweile deinerseits aber das ist sicherlich nicht die Diskussion die du führen wolltest.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: