Archiv für den Monat Juli 2016

Wenn ich schon „Deutsch-Iraner“ …

… lese, kommt es mir beinahe hoch. Ja, David S. war Deutsch-Iraner, hatte beide Pässe. Und jetzt überlegen wir mal, was das mit seiner Tat zu tun hat. Und überlegen noch mal, und, richtig, wir kommen auf: NICHTS!

Die immer wieder gebrachte Betonung der Nationalitäten des Jungen, der da so schrecklich um sich geschossen hat, ist rassistischer Dreck. Hätte er Seppl Gruber geheißen, seine Nationalität wäre kaum erwähnenswert gewesen, oder? Hätte auch keiner erwähnt.

Warum also bei David S.? Weil da eine wilde Assoziationskette entsteht. Weil der Iran ja irgendwie verbunden ist mit Islamismus und überhaupt erstmal fremd, richtig? Hm, ich hatte auch einen Deutsch-Iraner in der Klasse, war der Sohn meines persischen Kinderarztes. Was Integrierteres könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Die Deutsch-Iraner sind selbst vor Islamisten geflohen, oder stammen von Eltern ab, die das getan haben. So ähnlich wie die Syrer heute … Meine Fresse, die haben ihren Sohn David genannt, islamistisch klingt das nicht gerade, oder?

Und nach allem, was man bisher mitbekommen hat, war auch David S. echt integriert. Ich mein, wenn man sich anschaut, was er gemacht hat, dann kommt mir das ein bisschen überintegriert vor. Ich mein, er hat am fünften Jahrestag des Nazi-Terroranschlages von Anders Breivik hauptsächlich auf Jugendliche geschossen, die auch dunkle Haare und etwas dunkleren Teint hatten, als das der durchschnittliche AfD-Wähler hat. Überhaupt ist solch ein Shooting als erweiterter Selbstmord eine Entwicklung der westlichen Welt, und keine persische Sitte.

Und jetzt nennen wir den Jungen mal so, wie es sich gehört: Einen Münchener! Einen gebürtigen Bayern! Und jetzt darf sich das gemütliche Bayern mal fragen, warum Kinder in diesem Bayern zu Massenmördern heranwachsen. Vielleicht einfach mal überlegen, dass es an unserer völlig verkorksten Gesellschaft liegt, am Leistungsprinzip, am Gierprinzip, am Konsumprinzip. Daran, dass wir jungen Menschen jegliches Selbstbewusstsein abtrainieren, jedes Denken und Analysieren auch. „Deutsch-Iraner“, dass ich nicht lache, ein Kind der bundesdeutschen Normgesellschaft!

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#neinheißtnein

 

Gestern ist diese Verschärfung des Sexualstrafrechts beschlossen worden. Hab nicht alles verstanden, bin kein Jurist. Ich befürchte aber, dass das gestern ein Bärendienst war. Ich mein, klar, ein „Nein“ sollte genügen, dass klar wird, dass mensch keinen Sex will. Aber war das nicht prinzipiell schon vorher so? Wenn sich mensch über ein „Nein“ hinweg setzt, und sich das Opfer dann aus welchem Grund auch immer nicht wehrt, ist das nicht üblicherweise irgendwas mit Einschüchterung oder Nötigung? Weiß das jemand? Bringt das neue Gesetz da irgendwas? So weit ich die Juristen verstehe, die ich bisher gelesen habe, nicht wirklich.

Ich erinnere mich an eine solche Situation – entschuldigt, wenn ich hier eine eigene Geschichte beisteuere, ich weiß, das eigene Geschichten oft keine guten Beispiele sind -, und ich befürchte, dass so etwas in Beziehungen häufig vorkommt. Gegen Ende einer Beziehung – wenn man sich so etwas antut, hat das wohl meistens damit zu tun, dass die Beziehung nicht mehr sehr tragfähig ist -, hatte ich eines Tages Gründe, keinen Sex zu wollen. Meine damalige Freundin wollte aber unbedingt und körperlich war ich durchaus bereit. Wir stritten und sie stellte mich irgendwann vor die Wahl, Sex jetzt oder Beendigung der Beziehung jetzt. Ich entschied mich für Sex, ich war dann auch nicht wirklich zärtlich und es hat uns beiden sicherlich nicht gut getan. Ich habe mich damals genötigt gefühlt. Ich denke auch, dass man da juristisch von Nötigung sprechen könnte. Aber erstens, wie hätte ich da juristisch irgendwie vorgehen können, ohne natürlich die Beziehung, die ich unbedingt erhalten wollte, zu verlassen? Und wie hätte ich zweitens bei der Polizei oder vor Gericht glaubhaft machen können, dass ich zum Sex genötigt wurde? Hatte ich einen Beweis? Natürlich nicht. (Mal von solchen Kleinigkeiten wie meiner deutlichen körperlichen Überlegenheit zu schweigen. Natürlich hätte ich einfach weggehen können.Mein Nein hätte einfach Nein heißen können. Aber darum geht es ja auch nicht immer, richtig?)

Letztlich liegt das Problem eher nicht bei den bisherigen Gesetzen.Das Problem liegt vielmehr bei der Gesellschaft, bei der Justiz. Das Problem liegt bei Menschen, die das Model Gina-Lisa Lohfink von vornherein als Schlampe abstempeln und ihr gar nicht zutrauen, dass sie irgendeinen Sex NICHT will. Das Problem liegt zu oft in Abhängigkeiten und Beziehungen, die mensch erhalten will. Denn die Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen gehen doch meistens nicht vom Fremden aus. Und natürlich liegt das Problem auch bei schlecht ausgebildeten Polizisten, die suggestive Fragen stellen, und vielen anderen Dingen, die bei Polizei und Gericht schief gehen. Und, ich weiß, dass das manche nicht lesen wollen, das Problem geht auch von Menschen aus, die anderen mit Anzeigen und erfundenen Geschichten schaden wollen – denn die gehen leider viel problemloser zur Polizei, als die wirklichen Opfer.

Natürlich müssen eine Menge Dinge verboten sein. Gefühlt waren die allerdings auch schon verboten. Die Sphäre des Strafrechts ist aber nur ganz am Rande eine, die uns bei den wirklichen Problemen weiterhelfen wird. Denn für die Politik ist diese hektische Gesetzesänderung, die zumindest in Sachen der Straftaten aus der Gruppe heraus wohl Gefahr laufen wird, von Karlsruhe wieder einkassiert zu werden, doch nur ein Alibi. Denn für die Politik ist das Problem jetzt erledigt, dabei ist eine Änderung des Gesetzes halt doch immer nur das herumdoktorn an Symptomen.

Die Gesellschaft muss sich ändern. Die Erziehung sollte klar sagen, dass sich Menschen wie Menschen verhalten sollen und nicht wie Arschlöcher. „Dein Sex ist dein Sex“ sollte die Maxime für jeden Menschen sein, denn daraus schießt sich logisch, dass jedes Menschlein andere zwar dazu auffordern kann, ihren Sex mit ihm zu teilen, dass mensch es aber nicht erzwingen darf. Schließlich ist deren Sex auch deren Sex. Und ein Nein selbstverständlich ein Nein. Aber dazu müsste man über Sex reden. Und keine Angst davor haben. Und wir müssten auch überall sonst Menschen achten und würdig behandeln. Wenn es allgemein richtig ist, dass das gierigste Mensch das beste und erfolgreichste ist, wie soll mensch denn da verstehen, dass es im Bereich des Sex anders sein soll?