Archiv für den Monat September 2016

Themenabend Cyberirgendwas …

Gestern großes Thema in der ARD, Cybergrooming, Leute, die sich an junge Menschen ran machen, Machtausübung, Erpressung, Kindersex – alle Signalwörter versammelt? Es gab einen dramaturgisch völlig überfrachteten Film dazu und dann eine Diskussion bei Frau Maischberger.

Dort durfte eine Mutter darüber reden, wie ihre Teenager-Tochter mit einem vierzig Jahre älteren Mann verschwand, und gleich dabei verschweigen, dass ihre älteren Töchter darüber berichtet haben, dass die jüngere von der Mutter regelmäßig geschlagen wurde. (Kriegt man übrigens nach zwei Minuten Google-Recherche raus, ich habe mir das nicht ausgedacht)

Außerdem erzählte eine Mutter, wie sie ihren Kindern das Internet auf dreißig Minuten pro Tag reglementiert hat, und es deshalb keine Probleme gab. Andere Menschen erzählten, dass JEDES Kind irgendwann mal im Internet auf Leute trifft, die es sexuell missbrauchen wollen. Und natürlich gab es auch eine Lösung: Sobald das Kind ins Internet kommt, soll man ihm möglichst viel Angst machen, weil das Internet ja so fürchterlich gefährlich ist.

Jetzt will ich keinesfalls bestreiten, dass es viele Arschlöcher im Internet gibt, die solche Praktiken betreiben und schlechteste Absichten haben. Da werden ein paar der seltenen Pädophilen drunter sein, meistens wird es eher um Macht gehen, darum, mit dem eigenen geringen Selbstvertrauen irgendwie klar zu kommen – wie bei so vielen anderen Straftaten im Bereich der Sexualität.  Und manche derer, die da angesprochen werden, werden auch wirklich zu Opfern. Andere machen sich einen Spaß daraus, die alten geilen Böcke zu verarschen, oder sie blocken Leute, die ihnen komisch kommen einfach weg und gut ist.

Gibt es einen Grund für Panik? Es gibt fast nie einen Grund für Panik und Panik ist auch nie eine gute Idee. Muss man mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen? Klar. Aber nicht in dem man ihnen Angst vor dem Internet macht. Wer Angst hat, macht doch viel eher Fehler, und wenn Mama das Internet verbietet, ist es doch erst richtig spannend, was man da alles finden kann. Also völlig falscher Ansatz.

Der richtige Ansatz ist erstens ein echtes Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern – die Tochter regelmäßig schlagen, gehört da übrigens nicht zu, Frau Meine-Tochter-ist-mit-einem-alten-Mann-weggelaufen -, und die Sicherheit, dass man als Kind auch mit jedem Mist, den man fabriziert hat, zu den Eltern kommen kann, und die einen trotzdem unterstützen. Zweitens müssen Kinder wissen, dass sie ihrem Instinkt vertrauen können, dass man großes Vertrauen in sie setzt und sie für sich selbst auch im Internet selbst verantwortlich sein können und müssen. Dann wissen sie auch, dass sie Menschen, die ihnen seltsam vorkommen, meiden können, dass sie nicht höflich sein müssen. Und wenn man dann drittens noch klar macht, dass sie selbstbewusst mit ihrer eigenen Sexualität umgehen dürfen, dann wissen sie auch instinktiv selbst, wem sie Nacktbilder schicken können und wem nicht. (Denn es ist ihre Sexualität, verbietet man ihnen die Nacktbilder, machen sie sie erst recht und schicken sie den falschen. Hey, sie können das selbst regeln. Man glaubt gar nicht, was Kinder und Jugendliche alles auf die Kette kriegen, wenn man es ihnen nur zutraut.)

Wir sind heute eine ängstliche Gesellschaft, die ihre Kinder zu noch mehr Angst erzieht, den Kindern nichts mehr zutraut und ihnen auch nichts mehr abfordert. Da passt so ein Themenabend natürlich zu. Verteufeln wir doch einfach das Internet, jagen den Menschen noch mehr Scheißangst ein, und letztlich, machen wir die Kinder, die das alles ausbaden müssen, noch viel einfacher zu Opfern. Manchmal kann man nicht so viel Essen ….

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Eine sehr ungehaltene Rede …

Bitte, halte diese Rede, wer immer sich berufen fühlt:

Wir stehen nicht fassungslos vor dem Erstarken der AfD, wir hören nicht erschreckt die rassistischen Thesen der CSU, wir wussten es schon. Rassistisch ist ein großer Teil der Gesellschaft, chauvinistisch und sexistisch, ableistisch und natürlich auch antisemitisch, weil diese Prägung aus tausend Jahren nie wirklich bekämpft wurde.

Aber das ist kein Grund, die Augen zu schließen und den Kopf zu senken. Im Gegenteil! Jetzt ist es an allen Kräften, die politisch auf der Seite der Menschen stehen, den Kopf zu heben und das Projekt Antifaschismus von Grund auf neu und ernsthaft anzugehen. Menschenfeindlichkeit, Supremacy, also jedes Denken, dass sich über andere Menschen stellt, ist das, was wir bekämpfen müssen. Wir ganz besonders, weil unsere Vorfahren es nicht geschafft haben, weil unsere Vorfahren millionenfachen Mord betrieben oder doch zumindest zugelassen haben.

Wir bekämpfen den Hass. Sie nennen uns dafür Gutmenschen. Ja, das ist richtig. Wir sind die guten Menschen, weil wir uns nicht über andere erheben, weil wir lieben, wo sie hassen, weil wir keine einfachen Wege gehen, sondern denken, differenzieren und  Argumenten mehr Macht über unser Denken zugestehen, als Parolen.

Und an alle, die das jetzt naiv finden. Lieber naiv, als zynisch und hoffnungslos. Auch ihr könnt euch jetzt überlegen, auf welcher Seite ihr steht, ironisches Beiseitestehen geht auch nur so lange, bis morgens die Gestapo klopft.

Lasst uns Gutmenschen sein. Lasst uns die Köpfe heben und laut rausschreien, dass Menschenfeindlichkeit mit uns nicht geht. Das kann schwer sein, denn es geht nicht zusammen mit neoliberalen Lebenslügen, mit Scheiß-egal-Liberalismus und der bräsigen Bequemlichkeit der Männerbünde. Wir gehen nicht den einfachen Weg. Es war noch nie das einfachste, das Gute zu tun.

Hebt den Kopf, seit laut und wappnet euch, denn sie werden uns dafür hassen und bekämpfen. Sie fürchten nichts so sehr, wie Menschen, die den Kopf heben. Sie wollen unsere Kompromisse, sie wollen uns schwach und eingeschüchtert. Verabschiedet euch von Kompromissen, es gibt keine Kompromisse mit Rassisten, steht auf und seid kompromisslos für Menschen. Lasst uns ein neues Projekt angehen: echte antifaschistische Politik. Hebt den Kopf!